Freeride-Weltmeister Max Hitzigan einem Powder Tag auf dem Berg.
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Freeski

Gestatten: Max Hitzig – Tüftler, Macher, Weltmeister!

Seit dem Titelgewinn bei der Freeride World Tour ist Ski-Phänomen Max Hitzig in aller Munde. In 3 Profi-Jahren ist ihm geglückt, wonach andere die ganze Karriere streben. Wie hat er das angestellt?
Von: Henner Thies
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Plötzlich ist er da, der Moment, der lange unmöglich schien: Nur noch einen Run muss Max Hitzig meistern, um als erster Deutscher die Freeride World Tour (FWT) zu gewinnen. Im letzten Rennen der Saison 2024 kann sich der 21-Jährige am berüchtigten Bec de Rosses im schweizerischen Verbier unsterblich machen. Doch der Druck hoch oben am Start, in 3.223 Meter Höhe, ist immens. Dünne Luft trifft auf dicke Nerven.
Soeben hat Hitzigs größter Konkurrent auf den WM-Titel, der erst 19-jährige Kanadier Marcus Goguen, das Ziel erreicht und mächtig vorgelegt: „Am Start habe ich durchs Funkgerät gehört, dass Marcus in Führung gegangen ist“, erzählt Max. „Damit wusste ich: jetzt musst du aufs Podium fahren, um den WM-Titel nicht noch aus der Hand zu geben.“
Kurz wird Max nervös: Alles unter Platz 3 reicht jetzt nicht mehr. Dann denkt er sich: „Du hast so lange dafür trainiert, jetzt wirst du nicht so blöd sein, diesen letzten Run, auf den es ankommt, zu verhauen“, erinnert sich Max zwei Wochen später. Kurz vor dem Drop-In sagt er zu sich:
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Jetzt fährst du da runter und holst dir das Ding!
Dann übernehmen Instinkt und Routine und geben Max den Komfort, den er braucht: Kurz die Handschuhe richten, den Helm nochmal einstellen, die Brille, zwei Mal die Skistöcke zusammenschlagen – schon geht’s die zuvor akribisch ausgewählte Line die 600 steilen Höhenmeter runter ins Ziel, geradewegs zum Weltmeistertitel. All dem Druck und Max Hitzigs ungewöhnlichem Werdegang zum Trotz.
Einer der ersten Gratulanten im Ziel ist Max' Bruder. „Im Ziel jemanden zu sehen, der mir viel bedeutet und dem dieser Titel auch viel Wert ist, das hat mich echt überwältigt“, so der frisch gebackene Freeride-Weltmeister. Endlich kann er seinen Emotionen freien Lauf lassen und feiern, was er in nur drei Jahren als Profi erreicht hat. „Es ist ein Wahnsinnsgefühl und supercool zu sehen, wie sich die Mama und die ganze Familie jeden Tag noch darüber freuen, aber wirklich verändert hat sich für mich nichts.“ Da spricht ein gelernter Elektrotechniker, dessen Erdung grundsolide ist.
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Erst die Lehre, dann das Vergnügen

Mit zwei Jahren stellt ihn sein Vater Edwin, ein österreichischer Skilehrer und Bergführer, zum ersten Mal auf Ski. Vier Jahre später geht er mit Max bereits ins Gelände und in den Tiefschnee. Schon bei den ersten Versuchen gibt das Freeriden auf Skiern Max ein Gefühl, "das man mit nichts vergleichen kann". Und, das Motto früh übt sich, zahlt sich aus: Mit zehn springt Max seinen ersten Rückwärtssalto. Hinzu kommt: Die Bedingungen in Bludenz, in Vorarlberg, wo Max geboren ist, sind für das junge Freeride-Talent ideal – und werden noch besser, als die Familie ins Montafon umzieht. Mit 13 fasst Max den Entschluss, Profi zu werden.
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Freeriden gibt mir ein Gefühl, das man mit nichts vergleichen kann!
„Mit 13 hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich das Zeug zum Profi habe“, erinnert er sich. Es ist die Zeit, in der Athlet:innen vor allem Social Media nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. „Da habe ich zum ersten Mal gesehen: Da sind andere, etwas Ältere, die richtig gut sind, aber weit bin ich nicht von denen weg.“ Genug, um seinen Traum vom Profi-Freerider mit Haut und Haaren zu verfolgen – mit einer Einschränkung.
Freeride-Weltmeister Max Hitzig unterwegs in den Bergen in Vorarlberg.

Max Hitzig going hard in Vorarlberg.

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„Mir war schon früh das Arbeiten und meine Lehre wichtig“, erzählt Max. „Deshalb habe ich erst meine Ausbildung zum Elektrotechniker beendet und mich erst mit 19 voll aufs Skifahren konzentriert.“ Und trotzdem ist Max Hitzig drei Jahre später Freeride Weltmeister. Eine Geschichte, die vielleicht noch mehr inspiriert, als die übliche Sport-Erfolgsgeschichte des talentierten jungen Skifahrers, der seine ganze Jugend auf nur ein Ziel hinarbeitet, um es schließlich – mit Hilfe zahlreicher Trainer:innen, Fördernden und Sponsoren zu erreichen.
In dieser Geschichte besinnt sich der junge Held vor allem auf seine Wurzeln und Werte, folgt stets mehreren Interessen und startet wahrscheinlich gerade deshalb erst spät, aber mit einem Wettbewerbsvorteil in die Profilaufbahn, den kein Sportinternat vermitteln kann: dem Blick fürs große Ganze. Eine Fähigkeit, die auch beim Freeriden in zunächst unübersichtlichem Gelände hilfreich ist.
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Viele Idole, unzählige Inspirationsquellen, ein Traum

„Früher habe ich sehr gern und gut Fußball gespielt“, erzählt Max. „Ich war an einem Punkt, wo ich mich entscheiden musste, an dem ich in ein Fußballinternat gehen möchte, um Profi werden zu können, oder nicht. Aber ins Internat, weg von zuhause und gar kein Skifahren, das war für mich keine Option. Ich habe mich dann letztlich fürs Freeriden entschieden.“
Fortan eifert Max nicht seinem Fußball-Idol Lionel Messi nach, sondern verfolgt vor allem die Freeride-Ikone Markus Eder. „Der hat wahrscheinlich jeden Freerider irgendwann inspiriert“, meint Max. Heute komme die Inspiration hauptsächlich von seinen Mitstreiter:innen. „Jeder kann was anderes, jeder fährt anders, da kann man sich von jedem was abschauen“, so Max: „Ich bin eh der Meinung: Ein Vorbild reicht nicht. Man sollte sich ruhig mehr Vorbilder nehmen.“
Da ist es wieder, das weit gefächerte Interesse, Neues aufzusaugen wie ein Schwamm. Egal ob es ums Freeriden, Mountainbiken oder Paragliden geht. „Paragleiten mache ich schon seit Jahren. Als jemand, der in den Bergen lebt, gehört das für mich dazu.“ Selbst Nischensportarten wie Darts begeistern ihn: „Ich probiere einfach gerne neue Sachen aus. Alte gehen, neue kommen. So wie Darts! Das spiele und schaue ich super gerne an. Was die Jungs leisten, die Präzision, mit der die die Pfeile werfen, finde ich super.“
Und doch überstrahlt die Faszination am Freeriden bis heute alles.
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In drei Wintern vom Neuling zum Freeride-König

"Seit jungen Jahren dreht sich mein kompletter Winter ums Skifahren", erklärt Max, der den Großteil seiner Jugend in den Bergen im Montafon verbringt, inmitten bester Freeride-Bedingungen. Ein Umfeld, das schon früh den Grundstein legt, für Max' jetzigen Erfolg. „Die Art, wie ich aufgewachsen bin, hat mich auf alles vorbereitet, was jetzt ist“, weiß Max rückblickend. So kommen beispielsweise Max starke Beine, die ihm dieser Tage Landungen im Gelände erlauben, an denen viele andere Fahrer:innen scheitern würden, nicht von ungefähr: „Ich musste früher immer zur Schule laufen, oder egal wohin“, erzählt Max. Ich musste immer 15 bis 30 Minuten den Berg runter und natürlich auch wieder hochlaufen, wenn ich wohin wollte. Das habe ich früher gehasst, aber das hat meine Beine in jedem Fall stark gemacht und ich würde das bei meinen Kindern heute auch so machen.“
High Life: Max ist ein Kind der Berge

High Life: Max ist ein Kind der Berge

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Die Art, wie ich aufgewachsen bin, hat mich auf alles vorbereitet, was jetzt ist.
Der Papa Österreicher, die Mama Deutsche, startet Max mit Beginn seiner Profi-Karriere im Alter von 19 zunächst für den österreichischen Ski-Verband. „Im ersten Jahr habe ich von meinem Ersparten gelebt“, so Max. „Zum Glück hat es schnell alles so funktioniert, dass ich die ersten Sponsoren bekommen habe.“ Das hilft, den neuen Profi-Lifestyle zu finanzieren. Besonders hilfreich: Max Premiere bei der Freeride World Tour in Fieberbrunn, wo er nur dank einer Wildcard starten darf und das Event prompt gewinnt. „Meine erfolgreiche Premiere bei der FWT 2022 in Fieberbrunn ist sicher einer der wichtigsten Meilensteine auf meinem Weg zur Selbständigkeit im Skifahren“, sagt Max.
Seither geht es für den gebürtigen Vorarlberger, der 2023 zum deutschen Skiverband wechselt, nur noch in eine Richtung – nach oben! Entscheidenden Anteil daran hat neben dem Sieg in Fieberbrunn sein vielleicht noch spektakulärerer Winning Run bei der Freeride World Tour 2023 in Kicking Horse, British Columbia, bei dem Max mit einem ungalublichen Backflip-Finish Mitstreiter:innen und Punktrichter:innen gleichermaßen von den Socken haut. Genau die Art von Moment, für die Max dieser Tage lebt.
"Das Wettkampffahren hat mir in dem Sport einen ganz neuen Anstoß gegeben", sagt Max. "Man hat nur eine einzige Chance, sein Können zu zeigen, was das Ganze extrem spannend macht." Dass er das kann, hat er mit seinem nervenstarken Run beim letzten FWT-Stopp 2024 einmal mehr unter Beweis gestellt. In nur drei Wintern ist es Max Hitzig gelungen, sich vom Tour-Rookie zum Weltmeister zu mausern. Dabei war das erste Ziel, ein anderes, meint Max: „Ich wollte es erstmal schaffen, gut vom Skifahren leben zu können.“ Das hat er erreicht. Dass er nun auch gleich Weltmeister geworden ist, überrascht ihn selbst ein wenig: „Weltmeister werden, war eigentlich erst das nächste Ziel“, lacht Max. Dann sagt er: „Das Schönste an diesem Titelgewinn ist, gezeigt zu haben, dass es nie zu spät ist. Einfach Gas geben!“
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Tüftler, Denker, Macher – diesseits und jenseits der Piste

Aufgrund seiner konstanten, oft fehlerlosen Performances über die letzten drei Jahre haben die Live-Kommentatoren der Freeride World Tour Max unter anderem den Spitznamen „Freeride Robot“ verpasst. Manchmal ist er auch das „Mentalmonster“.
„Mental bin ich tatsächlich sehr stark“, pflichtet Max den Kommentatoren bei. Sein Geheimnis sei aber vielmehr, sich in den entscheidenden Momenten extrem gut fokussieren zu können und seinen „sehr konkreten Plan“, den er immer habe, „rigoros zu verfolgen“. Tatsächlich ist Max ein extrem akribischer und strukturierter Mensch. „Ich überlasse nichts dem Zufall“, bekräftigt er: „Ich weiß nicht, wie lange die anderen ihre Lines bei einem Event planen, aber ich sitze teilweise bis zu 20 Stunden an einer Line. Zumindest bei den Bewerben, wo ich zum ersten Mal fahre. Da weiß ich dann genau, was wo auf mich zukommt.“
Freeride-Weltmeister Max Hitzig bereitet sich auf dem Gipfel auf den Drop-in vor.

Max Hitzig macht sich bereit für eine weitere gut geplante Freeski-Line.

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Ich plane teilweise bis zu 20 Stunden an einer Line.
Dieser Max, dieser junge Weltmeister ist ein unverbesserlicher Tüftler. Ob am perfekten Skischuh, der idealen Line oder neuerdings an FPV-Drohnen. Wenn ihn ein Thema packt, wird es in seine Einzelteile zerlegt, aus jedem nur erdenklichen Blickwinkel beäugt und anschließend im besten Fall, optimaler wieder zusammengesetzt, als es vorher war. Nicht weil das zum Erfolg führt, sondern weil es das ist, was Max macht. Dinge akribisch und strukturiert angehen und zu Ende bringen. Zwar bleiben da manchmal die Emotionen auf der Strecke, doch dann tritt Max‘ Mama auf den Plan, wie zuletzt während der Freeride-Saison, als sie zu ihm meinte: „Kannst ruhig ein bisschen emotionaler sein bei den Events!“
Max lacht als er diese Anekdote erzählt. Daheim am Telefon, mit dem zeitlichen und räumlichen Abstand, der nötig war, um zu realisieren, was er da am 22. März 2024 geschafft hat. „Klick hat es erst gemacht, als ich wieder zuhause war, und mir nochmal die Videos aus Verbier und so weiter angeschaut habe, da habe ich es dann erst richtig verstanden, dass ich jetzt Weltmeister bin.“
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Ab in den Sommer – und eine spannende Zukunft

Neue Ziele: WM und Filmprojekt

Neue Ziele: WM und Filmprojekt

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Die Frage, „was nun?“ ist angesichts Max‘ jüngsten Erfolgen mehr als berechtigt. Was macht einer, der die meisten seiner Ziele in weniger als fünf Jahren erreicht hat? „Da schaue ich nicht zu weit in die Zukunft“, sagt Max entspannt. „Ich möchte ein Ziel nach dem anderen abarbeiten. Das erste war, vom Skifahren leben zu können. Das habe ich erreicht. Das zweite war die FWT zu gewinnen, das habe ich erreicht. Jetzt möchte ich auch mal ein cooles Videoprojekt verwirklichen“, so Max.
Genau das sei ja das Schöne am Freeriden: „Es gibt so viele verschiedene Bereiche. Ich kann weiter Bewerbe fahren und meinen Titel verteidigen. Gleichzeitig kann ich Expeditionen machen, Filmprojekte vorantreiben oder mich auf ganz anderer Ebene weiterentwickeln.“ Aber erstmal, so Max, werde er die kleine Berghütte herrichten: "Und Urlaub machen!" Wohl verdient.
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Die härtesten Proben kommen unerwartet – und geballt

Wenige Woche nach unserem Gespräch kommt Max unters Messer: "Im Frühjahr 2024 musste ich mich einer Schulter-OP unterziehen. Die Operation war notwendig, um meiner Schulter wieder volle Stabilität zu geben", erklärt Max. Den darauffolgenden Sommer nutzt der frisch gebackene Weltmeister für gezieltes Training und Muskelaufbau – nur, um sich am ersten Ski-Tag nach der erfolgreichen Reha erneut schwer ztu verletzen.
"Ich bin auf einen Stein gefallen und habe mir zwei Lendenwirbel gebrochen – L3 und L4. Die Verletzung war schmerzhaft, musste aber nicht operiert werden. Ich brauchte vor allem Ruhe und Zeit zur Heilung", so Hitzig: "Sport war danach wieder möglich, allerdings ohne harte Impacts. Ich konnte mental gut mit der Situation umgehen, musste mich jedoch voll auf meine Genesung konzentrieren." Die Freeride Saison 2025 war für Max damit gelaufen. Die anvisierte Titelverteidigung passé.
Eine Frage der Haltung

Eine Frage der Haltung

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Die letzten zwei Jahre waren definitiv herausfordernd.
Schmerzhaft lange Reha-Monate später fliegt Max für ein Filmprojekt nach Japan, voller Tatendrang und bereit, wieder zu zeigen, was in ihm steckt. Doch das Verletzungspech folgt ihm bis ins Land der aufgehenden Sonne. "In Japan habe ich mir die Schulter erneut ausgekugelt", erzählt Max. Als er sich die Schulter im April 2025 noch einmal auskugelt, muss er sich noch einmal an der Schulter operieren lassen – für Max ein bisher ungekannter Tiefpunkt.
"Das war mental definitiv tough", erinnert sich Max im Frühjahr 2026. "Aber als Sportler lernt man, mit Rückschlägen umzugehen. Gerade in schwierigen Phasen lernt man am meisten. Heute kann ich sagen, dass ich in diesen ein bis zwei Jahren unglaublich viel gelernt habe – sportlich und persönlich.
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Mental gestärkt zu neuen Höhen

Dass er das Freeriden in all der Zeit und trotz der vielen Pausen nicht verlernt hat, zeigt Max Mitte Januar 2026. Beim 1. Stopp der FWT 2026 in Spanien landet er auf dem 4. Platz! "Der vierte Platz in Spanien war ein Top-Ergebnis und hat sich unglaublich gut angefühlt", so Max: "Es hat mir gezeigt, dass sich die ganze Arbeit und die Reha gelohnt haben. In diesem Moment wusste ich wieder ganz klar, warum ich das alles mache."
Hals über Kopf: Max' Backflips

Hals über Kopf: Max' Backflips

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Mein Ziel ist es jetzt, mein volles Vertrauen zurückzugewinnen.
Musik in den Ohren aller, die Max schon mal in Action erleben durften. Endlich darf der junge Weltmeister wieder das tun, was er am besten kann: Die eigenen Grenzen testen und sich stetig verbessern.

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Max Hitzig

Freeski-Profi Max Hitzig hat die Freeride World Tour im Sturm erobert – durch fleißiges Training, gute Vorbereitung und die motivierende Sucht nach Freiheit. Jetzt ist er zurück! Einmal mehr.

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