Mecnun, für uns beim Red Bull Dance Your Style World Final
© Eva Berten
Tanz

Mecnun Giasar: Immer in Bewegung

Der Fürther Mecnun Giasar gehört zu den weltweit gefragtesten Choreografen und Tänzern – nun tritt er im Finale von Red Bull Dance Your Style an. Über einen Ausnahmeathleten, der selten ruht.
Autor: Pia Falkenstein
5 min readveröffentlicht am
Plötzlich ist das Bild im Videocall schwarz. „Sorry, das war eine Brücke…“ Mecnun Giasar, schwarzer Mantel, pinker Hoodie, Gucci-Sonnenbrille und zentimeterlange, perfekt lackierte Acryl-Nägel, schippert in einem Touri-Boot durch die Kanäle Amsterdams. Hinter ihm sieht man mal ein historisches Schiff, dann die typischen schmalen Häuser der Stadt. „Hier haben wir ein bisschen Ruhe“, sagt er. „We are now entering the most expensive area of the city …“, dröhnt eine Stimme aus Lautsprechern.
Mecnun in Berlin bei Red Bull Dance Your Style 2021
Mecnun bei Red Bull Dance Your Style 2021
Dass Mecnun, 28, beim Interview nicht ganz still sitzt, sondern an Sehenswürdigkeiten vorbei fährt, passt irgendwie. Denn in seinem Leben dreht sich alles um Bewegung: Als Tänzer und Choreograf bewegt sich hauptberuflich zu Musik, und tut dies jede Woche an einem anderen Ort der Welt. Heute hat er in Holland einen Workshop gegeben, später geht es weiter nach Paris, danach fliegt er nach Istanbul, in die Ukraine und dann nach Südafrika zum Red Bull Dance Your Style World Final. So geht das immer. „Länger als eine Woche bin ich nie an einem Fleck, mein Alltag sind Flughafen und Hotels.“ Auch sonst ruht sich Mecnun selten aus. „Wenn ich bei einem Ziel angekommen bin, sehe ich immer schon das nächste.“
Mecnun Giasar ist nicht irgendein Tänzer und Choreograph, sondern einer der besten der Welt: Er tanzte mit der K-Pop-Band BTS auf Tour und im Wembley Stadion vor 120.000 Zuschauern, überlegt sich Choreografien für Videos von KAI, Shirin David, Bausa und Apache 207. Er war mit Loredana auf der Bühne, mit Pitbull und Busta Rhymes auf Tour, bei Germany’s Next Topmodel mit am Start, und ist sogar bei der Fashion Week in Berlin gelaufen. Und Mecnun ist einer von 1500 Menschen auf diesem Globus, denen US-Megastar Rihanna auf Instagram folgt, für ihn die „Königin der Königinnen!“. Mit ihr ist er nach eigenen Angaben ständig im Kontakt.

Von Fürth auf die Bühnen der Welt

Wie kommt man aus Fürth auf den Radar von Rihanna? Nicht mit Fleiß in der Schule, das macht Mecnun schnell klar. Aber mit Leidenschaft, Ehrgeiz und hartem Training. Mecnun wächst in Fürth bei Nürnberg auf. Seine Eltern sind aus Griechenland nach Deutschland gekommen, haben türkische Wurzeln. Der Vater ist Musiker. „Das Dorf, aus dem meine Eltern kommen, hat sieben Straßen, jede Hochzeit findet draußen statt. Es wird immer Musik gemacht und getanzt“, erzählt er. Das sei das Herz seiner Kultur.
Für mich war es eine Qual, in die Schule zu gehen. Die Lehrer wollten mich auf ein Leben vorbereiten, das nichts mit mir zu tun hat.
Mecnun
Schon als Kind übt Mecnun tagelang Choreografien ein, will nichts anderes als sich im Takt bewegen. „Meine Onkels und Tanten mussten dann alle im Wohnzimmer Platz nehmen und erstmal zuschauen, wenn sie zu Besuch kamen“, erzählt er. Sein Vorbild ist sein großer Bruder, Ali Giasar, mit dem er in Jugendzentren trainiert. Als Mecnun 10 Jahre alt ist, gewinnt er die fränkischen Meisterschaften, mit 14 holt er den deutschen Meister-Titel im Hip-Hop und tanzt in Las Vegas beim "HipHop International“. Und so geht es weiter.
Die Eltern lassen den Sohn seinen Weg gehen. Nach neun Schuljahren und zwei Mal sitzenbleiben, bricht er die Schule ab. Er schafft es nur bis in die siebte Klasse. „Für mich war es eine Qual, in die Schule zu gehen“, sagt er. „Die Lehrer wollten mich auf ein Leben vorbereiten, das nichts mit mir zu tun hat.“ Mit 16 gibt er erste Workshops in London, von da an lernt er auf den Bühnen der Welt statt im Klassenzimmer. Dort versteht man seine Sprache. „Ich habe mich immer schon mit meinem Körper und meiner Stimme ausgedrückt, nicht mit Worten.“
Mecnun gewinnt das Red Bull Dance Your Style National-Finale in Berlin, Deutschland.
Mecnun siegte bei Red Bull Dance Your Style in Deutschland.

Eine Stimme für die LGBTQ-Szene

Bis heute geht es ihm beim Tanz um Kommunikation. Erst mit Publikum entfalte sich für ihn die Magie der Bewegungen. „Das ist wie bei anderen Sprachen auch. Es macht nicht sonderlich viel Spaß, nur mit sich selbst zu reden.“ Und er will sich nicht nur selbst ausdrücken, sondern mit seinen Choreografien auch gesellschaftlich etwas bewegen, sich für die queere Szene einsetzen. So sorgte er dafür, dass Voguing Einzug in den sonst oft frauen- und homosexuellenfeindlichen Deutschrap erhielt – in einem Clip für Apache und Bausa. Voguing hat seine Ursprünge in der unterdrückten afro- und lateinamerikanischen LGBTQ-Bewegung New Yorks der 1970er Jahre.
Die Tanzszene habe sich in den vergangenen Jahren massiv zum Guten verändert, sagt Mecnun. „Früher hat man nur dünne, wunderschöne Menschen auf der Bühne gesehen. Heute ist sie frei. Auch für People of Color und Transsexuelle gibt es heute einfach viel mehr Räume und wortwörtliche Bühnen. ‘Schönheit’ wurde redefiniert, gilt für alle Körperformen.“
Mecnun liebt New York genauso wie Fürth, Voguing genauso wie Hiphop. Wenn man ihn nach seinen Tanzstilen fragt, sagt er nur: „Das ist bei mir je nach Phase unterschiedlich, ich bezeichne das eher als movement.“ Obwohl er gerne im Mittelpunkt steht, macht er dies am liebsten in Gemeinschaft, mit anderen Tänzern auf der Bühne. Mecnun passt in keine Schublade – und will sich auch in keine stecken lassen. Gerade das macht ihn wohl so spannend. Die Kontakte zu den Weltstars kommen übrigens meistens über Social Media, oder wieder über Kontakte. Gerade ist ihm die spanische Sängerin Rosalia gefolgt. Wie sie auf ihn kommt? Er wurde ihr als neuer Choreograf vorgeschlagen.
Dass er plötzlich mal alleine im Rampenlicht stehen würde, nämlich beim Red Bull Dance Your Style National Final, war nicht sein Plan: Sein Freund Majid Kessab, selbst Tänzer und Gesicht für Red Bull, hatte ihn angemeldet. „Ich war so nervös, denn ich tanzte gegen die besten Freestyle-Tänzer, die ich kenne.“ Sein Sieg in Berlin war das Ticket nach Südafrika. Dort wird er nicht nur den Red Bull Contest bestreiten, sondern auch eine Workshop-Tour durch das Land starten. Außerdem plant er eine lokale Show – mit lokalen Tänzern und Artists. Und nebenbei arbeitet er mit einer Kollaboration mit der globalen Marke Hennessy.
Das Finale in Johannesburg sieht er unterdessen vor allem als eine Chance. „Ich werden dort bestimmt so viele Inspirationen bekommen.“ Es sei eine große Ehre, wiederholt er immer wieder. „Ich meine: Dort sind die Besten der Besten am Start!“ Dass er selbst längst zu dieser Riege gehört, daran hat er sich offenbar noch nicht gewöhnt.
Aufgrund der aktuellen pandemischen Situation in Südafrika wurde das Red Bull Dance Your Style World Final 2021 in Johannesburg leider abgesagt.