Music

“Kokaina” – die Revolution des deutschen Musikfernsehens

© Bastian Wienecke (http://www.bigadi.de)
Miami Yacine: Suchtgefahr in jeder Line.
Autor: Wenzel Burmeierveröffentlicht am
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.

2016 Miami Yacine “Kokaina”

24 Jahre nach „Fremd im eigenen Land“ geht es wieder um Advanced Chemistry. Diesmal aber in Form von Tropan-Alkaloiden, die über transatlantische Handelswege auf Smartphones in Almanya landen. "Kokaina" ist Deutschraps größter Instant-Hit, der Trap-Schlager für die Generation Narcos – und die Revolution des Musikfernsehens in Deutschland.
Miami Yacine hat sich noch nie vor der Kamera geschminkt. Er filmt sich auch nicht beim Coppen limitierter Supreme-Auflagen, hält keine Wutreden über vermeintliche Staatsgeheimnisse und spricht keine Stadtverbote aus. Ja, selbst mit MC Bogy hat er sich noch nicht unterhalten (zumindest ist davon nichts dokumentiert). Und doch: Miami Yacine ist Deutschraps erfolgreichster YouTuber. Seine Debütsingle „Kokaina” ist mit über 90 Millionen Views das meist geklickte Deutschrap-Video bis dato und wurde gerade erst mit einer Platinplatte belohnt. „Zahlen lügen nicht“, lässt sich der Dortmunder zitieren, den bei Erscheinen des Songs schlichtweg niemand kennt. Aber was war noch gleich mit Musikvideos?
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der fünfundzwanzigsten Folge das erfolgreichste Deutschrapvideo aller Zeiten:
Ach ja, MTViva: Wer in den Neunzigern einen Abend samt Pfirsich-Eistee-Tetrapak auf einer ranzigen Couch verbracht hat, weiß von der identitätsstiftenden Funktion, die zuerst Wordcup, später dann Mixery Raw Deluxe und Fett MTV auf das Movement hatten, das sich Deutschrap schimpft. Garderobe, Haltung, Bewegungen: Das Musikfernsehen lieferte die Bilder zur Kultur. Und es fungierte nicht selten als Gatekeeper des Business. Als die Musikindustrie in den Nullerjahren aber ihre große Krise erlebte, hatte plötzlich keiner mehr Budgets für Bewegtbilder. Und überhaupt: Wer schaute noch Fernsehen?
Miami Yacine
Miami Yacine
Einzig: Wer dem Musikvideo den Totenschein ausstellte, hatte die Rechnung ohne Screens im Hosentaschenformat gemacht. Wo das Taschengeld heute eng sitzt, wird YouTube zum freien Musikstreamingdienst umfunktioniert. 2016 schallte die autogetunte Pusher-Lingo von Miami Yacine über die Samsungs in den Raucherecken.
Im Kern ist „Kokaina“ nicht viel mehr als ein 808-Skelett und ein weg gefilterter Piano-Loop. Umso mehr Raum bleibt für die Vocals des KMN-Gang-Members und die bereichern Deutschrap um eine bis dato ungeahnte Leichtigkeit. „Kokaina“ ist zum Bersten gefüllt mit Zeilen über unmoralische Chemikalien – doch von erschlagendem Block-Pathos fehlt jegliche Spur. Stattdessen schließt Yacine an den Pop-Appeal des französischen Duos PNL an, dribbelt sich mit eingängigen Singsang durch die Strophen und macht den Song im Grunde zu einer einzigen großen Hook. Gefühl statt Geflexe, Suchtgefahr in jeder Line.
Passend dazu bringen der Dortmunder und seine Dresdner Kollegen auch die Insta-Ästhetik ihrer Zeit auf den Punkt: Statt grauer Tristesse beherrschen Pools, Palmen und sonnengetränkte Blocks die Bildebene. Jeglicher Zweifel wird im Filter erstickt. Miami Yacine streckt die Arme aus: Wie ein Segelflieger schwebt er in Slow-Motion über die Real-Rap-Tribunale hinweg. Dass man fortan auch als ernstzunehmender Straßenrapper nicht mehr nur Beton anrühren, sondern echte Pop-Hits schreiben darf, verdanken wir nicht zuletzt Miami Yacines „Kokaina“. Ein knappes Vierteljahrhundert nachdem sich vier Jungs in knallige Klamotten warfen, um mit albernen Gesten um die Aufmerksamkeit der Damenwelt zu buhlen, tanzt Deutschrap wieder im Bewegtbild. Und anstelle von Dogma-Debatten gibt’s ’nen Gucci Sombrero fürs Platin. Schließlich macht man mit Youtube heute Umsatz.

War noch was?

Ist “Kokaina” von Miami Yacine wirklich der wichtigste Song des Jahres 2016? Dr. No sieht das anders.

Haiyti – Messer

Die dunkle Seite der Nacht – verpackt in einen völlig einzigartigen Song zwischen Turnup und Taumel. Die unberechenbare Kiez-Queen aus St. Pauli und das konzeptuelle Künstlerkollektiv aus Kreuzberg. Wer hat solche Kombos? Wer hat solche Songs? Das ultimative Gegengift zum zuckersüßen Segelflieger-Trap, der 2016 omnipräsent wurde einen einem schön langsam die Gehörgänge zu verkleben drohte.