Ski38 Min

„The Mountain Why": Mit Rad und Ski in 5 Wochen über 3 Gipfel

Der Kurzfilm „The Mountain Why" dokumentiert zwei Profi-Skifahrer auf ihrer außergewöhnlichen Mission, in kürzester Zeit mit Bike und Ski 3 Gipfel zu stürmen.
Autor: Megan Michelsonveröffentlicht am
Es war im späten Frühjahr 2020, als die beiden Profi-Skifahrer und langjährigen Freunde Michelle Parker und Cody Townsend begannen, von einer ganz besonderen Expedition zu träumen. Townsend steckte zu der Zeit mitten in dem mehrjährigen Projekt „The Fifty", bei dem er versuchte, alle Lines aus dem 2010 erschienenen Buch „50 Classic Ski Descents of North America" zu absolvieren. Er erzählte Parker von seiner Idee, mit dem Rad von ihrer gemeinsamen Heimatstadt Tahoe City, Kalifornien, in den Pazifischen Nordwesten zu reisen, um dort mit den Skiern ein paar Lines aus dem Buch zu fahren, sobald die Reisebeschränkungen aufgehoben werden würden. Noch bevor er zu Ende sprechen konnte, fragte Parker: „Kann ich mit dir mitkommen?"
Also machten sich die beiden zusammen mit Filmemacher Bjarne Salén, der sie mit seinem Van begleitete und die Lebensmittelvorräte transportierte, auf eine fünfeinhalbwöchige Reise, auf der sie 1.662 km und 14.260 Höhenmeter mit dem Bike sowie weitere 6.100 Höhenmeter auf den Skiern zurücklegten. Sie absolvierten dabei drei Routen mit Kultstatus: Die Newton Clark Headwall am 3.429 m hohen Mount Hood in Oregon, die Führer Finger am 4.392 m hohen Mount Rainier in Washington und den 2.703 m hohen Eldorado Peak in den North Cascades. Das alles wird im neuen Kurzfilm „The Mountain Why" dokumentiert.

„The Mountain Why" findest du hier:

Ski · 38 Min
The Mountain Why

Wir sprachen mit Parker über das Ziehen eines 45kg schweren Anhängers, das Reisen in Zeiten einer Pandemie und den besonderen Genuss von Käsebällchen.

Du fährst ja normalerweise Rennrad, richtig? Wie war das Radfahren für dich auf diesem Trip?
Ich fahre ziemlich oft mit dem Rennrad. Als Covid kam, kaufte ich mir einen Heimtrainer, weil ich wusste, dass ich ein Hamsterrad für zu Hause brauche. Ich war also einigermaßen gut in Form, als wir aufbrachen. Wir fuhren beide mit Gravel-Bikes, aber wir mussten uns überlegen, wie wir unsere ganze Ausrüstung transportieren würden - Campingsachen, Skitour-Ausrüstung, Essen und Wasser. Schließlich habe ich dann die Mountainbikerin Rebecca Rusch angerufen und gesagt: „Ich brauche deine Hilfe." Ihr Tipps und Ratschläge waren Gold wert und sie half mir einfach mit allem - angefangen vom Anhänger bis hin zur Firma für die Reisetaschen. Ich glaube, unsere Radanhänger wogen je 45 kg.
Michelle Parker und Cody Townsend am Rad mit ihren Anhängern, bei den Dreharbeiten zu „The Mountain Why".
Parker und Townsend radelten täglich durchschnittlich 110 km
Wie war es am ersten Tag das ganze Gewicht zu ziehen?
Es dauerte seine Zeit, bis ich mich an das neue Bike-Setup gewöhnte. Es war alles ziemlich wackelig. Am ersten Tag landeten wir auf unbefestigten Straßen, die steil und holprig waren. Ich war sicher, dass wir es auf keinen Fall schaffen werden. Am Anfang dachte Cody noch, dass wir zwischen 130 und 160 km am Tag radeln würden. Ich war ein bisschen realistischer und dachte, 95 km wären schon toll. Am Ende waren es dann durchschnittlich 112 km täglich.
Michelle Parker am Weg auf den Eldorado Peak in den North Cascades.
Mit den Skiern auf den Eldorado Peak in den North Cascades
Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, nach so vielen Kilometern endlich die Skier anschnallen zu können.
Am Anfang von Covid bin ich nicht wirklich viel Ski gefahren, deshalb war das Feeling mit den Skiern am ersten Tag am Mount Hood richtig gut. Wir campten am Fuße von Mount Hood Meadows, wachten früh auf und stürmten dann zum Gipfel. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten paar Schwünge. Um acht oder neun Uhr morgens waren wir dann unten, also schnappten wir uns wieder die Bikes und fuhren weiter.
Das klingt nach wenig Zeit zum Ausruhen.
Ursprünglich wollte ich an einem Fluss anhalten, um uns und unsere Kleidung kurz zu waschen und einen kleinen Snack zu essen, aber dann hielten wir doch nicht an. Es gab keine Pause. Es war cool zu sehen, wie gut sich mein Körper anpasste. Ich kam in einen richtigen Flow. Gleichzeitig hat man aber immer Hunger und Durst und man ist ständig müde.
Michelle Parker und Cody Townsend machen kurz Rast, während den Dreharbeiten zu „The Mountain Why".
Eine wohlverdiente Pause
Hattet ihr wenigstens leckere Snacks dabei?
Cody ernährt sich glutenfrei, Bjarne vegan und ebenfalls glutenfrei. Gelegentlich schmuggelte ich einen Snack in den Van, den ich ganz für mich hatte, wie zum Beispiel leckere Käsebällchen.
Wie habt ihr es geschafft, diese Reise während einer Pandemie zu machen, während die meisten Menschen nicht einmal ihre Häuser verlassen haben?
Wir blieben unter uns und schliefen im Zelt. Wir wollten es einfach halten und selbst unsere Ausrüstung transportieren, was wir auch taten. Nur das Essen hatte Bjarne für uns im Van, damit wir nicht ständig anhalten mussten, um Nachschub zu besorgen. Am Berg fühlte ich mich wirklich wohl und sicher mit unseren Entscheidungen. Das ist eines der schönen Dinge, wenn man in den Bergen gute Partner hat. Cody ist einer meiner besten Skipartner und unsere Kommunikation funktioniert super.
Zeltplatz am Mount Rainier.
Campen am Mount Rainier
Ihr wart in den frühen Sommermonaten unterwegs, als es gerade viele Proteste gab. Habt ihr von der Straße aus irgendwas davon gemerkt?
Wir saßen jeden Tag 10 Stunden auf unseren Bikes, haben Podcasts gehört und intensive Gespräche, über alles was so passierte, geführt. Während einer Regenperiode fuhr ich nach Portland, um zu demonstrieren. Ich wollte auf diesen Moment zurückblicken können und wissen, dass ich ein Teil dessen war, was ich als die richtige Seite dieser Bewegung betrachte. Nach dem Tag am Mount Rainier landeten wir in Seattle und begaben uns ganz bewusst in die Capitol Hill Autonomous Zone. Cody und Bjarne hatten diese Seite des Aufstandes zuvor noch nicht erlebt. Man konnte die Energie richtig spüren. Die Stimmung auf unserem Trip hatte sich von da an völlig verändert. Politisch und auch aufgrund der Pandemie hatte die Reise eine viel intensivere Wirkung auf uns, als wir erwartet hatten.
Michelle Parker und Cody Townsend am Berg, während den Dreharbeiten zu „The Mountain Why"
„Cody ist einer der besten Skipartner und unsere Kommunikation ist super"
Wie hat sich die politische Lage auf deine Gefühle ausgewirkt?
Meine gesamte Realität hat sich verändert. Ich erinnere mich vor allem an eine Szene, als wir über eine wunderschöne, autofreie Straße fuhren. Ich hörte gerade einen Podcast und dachte mir: „Was für ein cooler Trip! Wir schaffen das alles vollkommen aus eigener Kraft und ich bin wirklich stolz auf unsere Leistung!" Aber dann fühlte es sich plötzlich so an, als ob es keine Rolle spielen würde. Es ist ein Privileg, so etwas überhaupt machen zu können. Und das hat dann meine gesamte Realität auf den Kopf gestellt. Wenn ich solche Dinge versuche zu verarbeiten, weiß ich, dass ich das am besten kann, wenn ich draußen in der Wildnis und in den Bergen bin. Und ich hatte die Möglichkeit genau das zu tun, indem ich mich auf dem Bike verausgabte und einen einzigartigen Weg fand, das alles zu verarbeiten. Es war ein Privileg, so viel Zeit und Energie in diesen Lernprozess investieren zu können.
Michelle Parker mit ihren Skistöcken am Mount Hood.
Einmalige Stimmung am Mount Hood
Erzähl uns bitte noch etwas zum Titel des Films - „The Mountain Why".
Wir haben versucht, herauszufinden, warum wir diese Dinge eigentlich machen. Warum bringen wir uns freiwillig in diese Situationen und quälen uns? Für mich lautet die Antwort darauf: Wenn man sich ein mutiges Ziel setzt, von dem man nicht weiß, ob man es überhaupt erreichen kann, dann wächst man an dieser Aufgabe. Es formt den Charakter, weil jeder Tag eine neue Challenge bringt und man unbewusst an seine Grenzen stößt, die man für sich selbst definiert hat. Vermeintliche Barrieren und Grenzen zu überschreiten, ist extrem kraftvoll und belebend - es ist pure Magie! Am Ende habe ich erkannt, dass das „Warum" nicht etwas ist, das beantwortet werden muss. Das „Warum" ist das, was einen immer wieder vorwärtsbringt und wachsen lässt.