Rap 💯
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.
2009 Casper, Favorite & Kollegah “Mittelfinger hoch”
AGGRO Berlin schloss stilecht am 1. April 2009 seine Plattenfirma. Das Label Nr. 1 hatte Straßenrap in den 2000ern zunächst in Vorort-Kinderzimmer und dann in die Bedeutungslosigkeit geführt. Angetreten um die Musikszene auf links zu drehen, war AGGRO mittlerweile State of the Art und von der illegalen Downloads-Epidemie massiv geschwächt. Es war Zeit für einen neuen Platzhirschen, der Straßenrap neu erfinden sollte. Dieser saß in Düsseldorf und hörte damals noch auf den Namen Slick One. Elvir Omerbegovic (so Slick Ones bürgerlicher Name) war Label-Boss von Selfmade Records und bis Oberkante Unterlippe geladen, um dieses Zepter zu übernehmen.
Dafür heckte er ein Dissen-für-Promo-Endlevel-Drehbuch aus, um sich als Antagonist von AGGRO aufzubauen. Es las sich folgendermaßen:
6. Februar 2009: Selfmade erklärt, dass Casper beim Düsseldorfer Label unterschrieben hat.
12. März 2009: “Westdeutschlands Kings” von Kollegah, Favorite und Farid Bang erscheint als erste Single des Selfmade-Samplers – ein klarer Disstrack gegen AGGRO Berlin
15. März 2009: Fler, Kitty Kat und Godsilla antworten mit “Früher wart ihr Fans”
20. März 2009: Kollegah kontert mit “Fanpost”, dem stärksten Disstrack seit “Das Urteil”
24. März 2009: Das in Berlin gedrehte Video “Mittelfinger Hoch” geht online. Es ist das erste Musikvideo, in dem Casper mitspielt.
1. April 2009: AGGRO BERLIN 01.01.2001 - †01.04.2009
17. April 2009: Der Selfmade-Sampler “Chronik 2” erscheint und geht auf Platz 15 der Charts.
19. Juni 2009: Selfmade veröffentlicht den Klassiker Jung, Brutal, Gutaussehend von Kollegah und Farid Bang
Dieses halbe Jahr war reinste Beef-Unterhaltung, allerdings für ein – im Vergleich zu heute – viel kleineres Rap-Publikum. Eine viel größere Bedeutung für das ganze Genre hatte im Nachhinein der Track “Mittelfinger Hoch”. Die Tatsache, dass im Video Skinny-Jeans neben Ballonseide-Trainingsanzügen nicht nur koexistieren können, zeigte: Rap hat keine Dogmen. In den drei Charakteren Casper, Favorite und Kollegah wurde klar, wie reichhaltig deutscher HipHop sein kann: Rap ist Punk, Rap ist herrlich mies, Rap ist intelligent. Casper konnte also mit den bösen Jungs abhängen. Cas’ Over-the-Top-Hook gepaart mit seinem wedelnden Mittelfinger sollte auch die zunächst skeptische Selfmade-Fanbase einen.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der achtzehnten Folge die Hymne des Selfmade-Aufstiegs:
Wir haben mit Elvir Omerbegovic, der heute etwa Rin auf seinem neuen Label Divisions rausbringt, über diese Zeit und den Impact von “Mittelfinger Hoch” gesprochen.
Siehst du “Mittelfinger Hoch” als Selfmades ersten großen Hit?
Elvir: In meiner Wahrnehmung hatten wir den ersten Hit mit “Weg nach Oben” vom ersten Chronik-Sampler. Das war der erste Clip, der schon 2007 in weniger als einer Woche eine Millionen Klicks hatte.
“Mittelfinger Hoch” war aber die inoffizielle Hymne des Labels?
Das auf jeden Fall. “Mittelfinger Hoch” war der erste Track, der Selfmade nicht nur durch die Haltung des Mittelfingers symbolisiert hat, sondern auch durch die drei sehr verschiedenen Künstler. Und das auf einem Beat, den die Jungs so nie gepickt hätten. Ich habe bei den Samplern die Single-Beats gepickt und mir dabei nie Freunde gemacht, weil die meisten Single-Beats nicht unbedingt allen Acts gefielen.
Wusstest du schon in der Produktion, dass der Song einschlagen würde?
Als ich von Rizbo den Beat gehört habe, wusste ich schon, dass das ein Hitbeat ist. Irgendwann war ich mit Kollegah unterwegs, als mir Casper die Hook geschickt hat. Uns war beiden sofort klar: Die ist Gold. Casper hatte seinen Part als erstes eingerappt. Er hatte richtig Lust und das hört man. Der Song funktioniert immer noch, Kollegah und Casper spielen ihn ja jetzt noch und meist im letzten Drittel ihrer Shows.
Wie viel Anteil am Erfolg des Songs hatte das Überraschungselement, den damals als “Emo-Rapper” verschrienen Casper mit Straßenrappern zusammenzubringen?
Du kannst in jeder Sparte immer wieder Songs mit 08/15-Arrangements rausbringen und die können auch funktionieren. Aber ich bin ein Freund der Überraschung. Ich hatte nie Lust 15 Mal die gleiche Platte rauszubringen. Mit jedem progressiven Schritt weichst du Barrieren auf und kannst das Genre damit noch größer machen. “Mittelfinger Hoch” war der erste Straßenrap-Song seit langem, der auch Hörer aus einem anderen Kosmos abgeholt hat.
Wie wurde die Verpflichtung von Casper damals unter den klassischen Selfmade-Fans aufgenommen?
Das wurde im Selfmade-Forum und auf MZEE schon hart diskutiert, das ging 50/50. Besonders der ziemlich düsterere Track “Vatertag” auf dem Sampler hat einige auf die Palme gebracht. Auch für Casper war das nicht so einfach. Was die Leute aber nicht verstanden haben: Ich hatte nie das Bedürfnis mich zu erklären. Das, was wir veröffentlichen, ist das Statement des Labels und des Künstlers. Ich konnte aber auch Casper-Fans verstehen, die ihn nicht unbedingt in Gesellschaft von testosterongeladenen Straßenrappern sehen wollten. Dass Casper Kollegah und Favorite sehr gefeiert hat, haben auch die meisten nicht gecheckt.
Bei der Veröffentlichung des Songs und des Samplers habt ihr alle Geschütze aufgefahren: Caspers Signing, als erste Single ein Disstrack gegen Aggro, dann das Mittelfinger-Hoch-Video mit Casper in Berlin. Ist das so zusammen gekommen oder war das alles so geplant?
Wir haben zuerst “Westdeutschlands Kings” gebracht, was quasi ein Disstrack gegen Aggro war und Aufbruchsstimmung erzeugen wollte. Die Reaktion ist glücklicherweise gefolgt. Dann kam das Casper-Signing, später dann das “Mittelfinger Hoch”-Video und am Ende der Sampler. Das war alles schon so geplant.
War die Entscheidung, das Video in Berlin zu drehen, auch der Mittelfinger an die Hauptstadt?
Ich habe mich mit den Gründern von Aggro Berlin gut verstanden, wenn ich sie getroffen habe. Aggro war das große Label und Selfmade war jetzt eben dran. Es gab den schwellenden Beef, der später noch eskaliert ist. Ich habe gesagt, wir drehen das Video in Berlin, um ein Statement zu setzen.
Ist was passiert beim Dreh? Ein Besuch, wie später beim Konzert?
Nee, wir haben einfach das Video abgedreht. Es ist heute auch alles Schnee von gestern. In unseren Köpfen ging es immer um Rap. Wir wollten zeigen, dass wir State of The Art und einfach besser waren.
Was sollte euch denn von Aggro unterscheiden außer der räumlichen Trennung?
Wir haben einfach technisch besser gerappt. Bushido, Sido, alles, was Specter gemacht hat – die hatten natürlich ihre Berechtigung und wir haben ihnen immer Respekt gegeben. Doch während sie raptechnisch einen Oldtimer gefahren sind, hatten wir den neuesten Ferrari. Das war die CI von Selfmade.
War noch was?
Ist “Mittelfinger hoch” von Casper, Favorite & Kollegah wirklich der wichtigste Song des Jahres 2009? Dr. No sieht das anders.
Haftbefehl “Hungrig und Stur”
Elvirs Vision in allen Ehren. Aber dass Casper was kann, hätte 2009 auch ein Tauber geahnt. Den wahren A&R-Powermove brachten Üba3ba, der Haftbefehl entdeckte, und Jonesmann, der ihn schließlich bei seinem Label Echte Musik unter Vertrag nahm. Dabei war dieser viereinhalb Meter hohe Hüne aus Offenbach mehr als nur echt – eher fast schon surreal, so viel Skills und Präsenz zeigte er auf dem Labelsampler “Kapitel Eins: Zeit für was Echtes”. Die weiteren Kapitel schrieb er dann alleine. Üba3ba und Jonesmann aber gebührt auf ewig der Respekt, den vielleicht besten deutschen Rapper der letzten zehn Jahre entdeckt zu haben.