Tanz

Go with the Flow: Die Bedeutung von Musikalität im Streetdance

Musikalität ist die Fähigkeit, Musik zu hören, zu verinnerlichen und sie auf eine Art auszudrücken, sodass der Tänzer sie bis hin zu den Fingerspitzen verkörpert. Wir zeigen dir, worauf es ankommt.
Autor: Emmanuel Adelekun
5 min readveröffentlicht am
Poppin'C in Action!
© Little Shao/Red Bull Content Pool
Etwas, worauf sich alle Tänzer einigen können, ist die Bedeutung von Musikalität im Tanzsport. Grundsätzlich setzt du dabei deine Skills ein, um die verschiedenen Ebenen, Sounds, Melodien, Vocals, Tempos und Instrumente eines Songs mithilfe deines Körpers auszudrücken. Egal, ob Breaker zu HipHop-Beats, Disco-Tracks oder West Coast-Funk tanzen - die Verkörperung der Musik ist eines der zentralen Ziele eines jeden Styles.
Aber wie gehen die besten Profi-Tänzer mit Musikalität um? Und welche Rolle spielt sie im Ausdruck ihres individuellen Styles? Wir klären auf.
Poppin'C posiert für ein Porträt in Lausanne, Schweiz.
Poppin'C ist bekannt dafür, sich auf die kleinen Details zu fokussieren.
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Fange früh damit an

Es mag einfach klingen, aber der international bekannte Popper Poppin'C gibt den praktischen Ratschlag, zunächst einmal einen Style zu finden, den du wirklich liebst: "Das Erste, was du machen musst, ist, die Musik zu genießen, die mit dem Stil einhergeht." Das hat seiner Ansicht nach einen triftigen Grund: "Wenn du einen Style und die Musik dahinter gefunden hast, für die du naturgemäß brennst, dann siehst du, während du tanzt, am talentiertesten aus und ziehst die Aufmerksamkeit auf dich."
Bestes Beispiel ist B-Boy Zoopreme. Er ist ein Breaking-Weltmeister mit dem Ruf, in Sachen Musikalität auf einem besonders hohen Level zu performen. Seine Liebe zur Musik entwickelte sich bereits in jungen Jahren: "Ich habe viel mit Tracks aus den 90ern trainiert, damit bin ich aufgewachsen - ob Smith und Western, Mobb Deep und Wu Tang, alles, was den HipHop damals auszeichnete", erklärt er. Dann, in seinen Teenager-Jahren, setzte er sich mit Instrumenten auseinander, wie etwa "die Kombination von Bass, Saxophon, Drums, Piano, Solo-Gitarre und dergleichen."
Wenn du also einen Style mit jener Musik findest, die du liebst, dann läuft die Entwicklung deiner Musikalität ganz automatisch und natürlich mit dem Trainingsprozess mit.
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Die Kraft der Musikalität im Battle

"Ein einfacher Move, der in Abstimmung mit der Musik durchgeführt wird, spielt seine Wirkung voll und ganz aus und holt das Publikum auf ganzer Linie ab", erklärt der Red Bull BC One-Weltmeister 2008, Wing. Es ist immer spannend zu sehen, wie ein Tänzer den Song in seiner Runde interpretiert. Wenn es diesem Tänzer gelingt, seine Moves mit Musikalität umzusetzen, dann wirkt seine Performance spektakulär. Selbst jemand, der zum ersten Mal ein Battle sieht, kann sehen und hören, wie der Tänzer zur körperlich performten Musik wird.
Im Wettbewerb selbst, meint der dreimalige Red Bull BC One-Weltmeister, Menno, "gibt die Musik das Tempo und den Flow vor. Natürlich hast du immer schon eine Idee im Hinterkopf, was du zeigen willst, aber die Musik entscheidet letztendlich, wie du deine Vision umsetzt." Also, Musikalität holt nicht nur die Crowd ab, sondern bestimmt auch, wie du deine Performance angehst.
B-Boy Wing posiert für ein Porträt vor dem Red Bull BC One Camp in Seoul, Südkorea.
B-Boy Wing lässt harte Moves einfach aussehen und verkörpert die Musik.
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Hör zu, um loszulassen und frei zu sein

Loszulassen und sich vollständig dem Moment hinzugeben, zuzuhören und der Musik die Führung zu übergeben, das ist etwas, womit viele Tänzer zunächst Probleme haben.
Angyil, Red Bull Dance Your Style USA-Champion 2021, hat gelernt, sich ihrer Musikalität zu ergeben und sie ist fest davon überzeugt, dass die besten Tanzkünstler großartige Zuhörer sind: "Das liegt daran, dass sie wissen, wie sie mit der Information, die ihnen gegeben wird, umgehen müssen, wie sie Kunst daraus machen. Damit ist das übermäßige Nachdenken, während du zum Zuhören aufgefordert bist, nicht wirklich ratsam."
Angyil tanzt, um in einen Zustand zu kommen, in dem sie wahrlich zuhören und improvisieren kann - und wenn sie sich in dieser Zone befindet, dann fühlt es sich für sie an "wie in einem Blackout". In diesem Moment gelingt es ihr sogar, sich mit ihren Moves selbst zu überraschen. "Manchmal schau ich mir ein Video meiner Performance an und kann nicht glauben, dass das ich bin."
Auch B-Girl Kastet ist jemand, der sich die Musik zunutze macht, um in den richtigen mentalen Zustand zu gelangen. Als die zweimalige Red Bull BC One-Weltmeisterin 2019 ihren ersten Titel gewann, hörte sie sich vor dem finalen Battle einen einzigen Song zehnmal an, "um den guten Vibe wirklich zu fühlen und mit diesem Gefühl auf die Bühne zu gehen."
Das zeigt, dass Musikalität nicht einfach nur eine notwendige Fähigkeit ist, sondern dessen Training auch dazu führen kann, diesen Ort im eigenen Geist zu finden, um relaxt und bereit - angeführt alleine von dem Beat - zu performen.
Angyil performt bei Red Bull Dance Your Style in Washington D.C., USA.
Angyil lässt die Musik die Führung übernehmen.
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Trainiere deine Musikalität

Wenn Poppin'C seinen Schülern Musikalität beibringt, dann geht er folgendermaßen vor: "Ich sage ihnen, dass sie sich nicht stressen, sondern einfach nur zuhören sollen. Nimm dir die Zeit, auch wenn es nur 15 Sekunden sind. Hör dir den Track an, bis du ihn fühlst. Dann, von diesem Punkt an, folgst du der Musik, lässt sie deinen Körper bewegen und in den Groove finden."
Er motiviert seine Schüler zudem, verschiedene Musikstile zu entdecken und mit diesen zu experimentieren, da "dein Geist und dein Körper jeden davon auf eigene Art und Weise fühlen". Auch Amir aus Kasachstan, Red Bull BC One-Weltmeister 2021, geht so vor. In seiner Performance in Polen im letzten Jahr demonstrierte er in all seinen Battles, dass seine Musikalität auf einem einzigartig hohen Niveau ist. Wenn man ihn danach fragt, wie sie sich entwickelt hat, meint Amir: "Ich trainiere, indem ich mich permanent zur Musik bewege und ich verwende dazu auch andere Stile, nicht nur Breakbeats. Ich tanze zu Boom-Bap-Rap-Musik, Trap, Opera und vieles mehr."
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Die Liebe zur Musik ist für Tänzer essenziell

DJ Fleg gehört zu den besten Break-DJs der Welt und er fordert die Tänzer dazu auf, "musikorientiert" vorzugehen - die Musik zu finden und auch auf DJs zurückzugreifen, die nicht unbedingt zur Szene gehören. Er macht seine Sicht deutlich: "Etwas, was ich nach über 20 Jahren in der Tanz-Szene immer wieder beobachtet habe, ist, dass du die Musik lieben musst, ansonsten wirkt dein Tanz nicht überzeugend genug."
Poppin'C meint ergänzend: "Zunächst und zuallererst kommt die Musik, sie ist alles für mich. Die Art und Weise, wie sich mein Körper mit seinen Moves anpasst, ist ganz und gar definiert durch die Art und Weise, wie ich die Musik fühle."
Und auch Menno fasst abschließend zusammen: "Musikalität ist für einen B-Boy lebenswichtig, sie ist seine Nahrung, seine Energie und auf eine gewisse Art auch sein Herzschlag und Puls."