Soulja Boy
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Music

Die Geschichte von FruityLoops und Ableton Live in 7 Songs

Von White Town und Post Malone über Soulja Boy und Grime bis hin zu Drake – wir zeigen dir, wie Musiksoftware die Popmusik nachhaltig verändert hat.
Von: Emma Madden
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In den letzten 20 Jahren hat nichts das Produzieren von Musik so einfach gemacht und geprägt wie Digital Audio Workstations. Sowohl der erfahrene Producer als auch der Dilettant im eigenen Schlafzimmer hat alle Möglichkeiten, sich mit digitalen Presets und Instrumenten auf seinem Laptop in die Charts zu arbeiten.
Zwei Software-Packages ragen dabei ganz besonders heraus: zum einen FruityLoops, zum anderen Ableton Live. Ersteres im Jahr 1997 entwickelt, zweites im Jahr 2001. Diese DAWs haben Genres geprägt und neue Standards etabliert; und das hat vor allem mit ihrer Zugänglichkeit zu tun.
Mit komplexen Bezeichnungssystematiken wie Cubase haben FruityLoops (mittlerweile unter FL Studio bekannt) und Ableton Live absolut nichts zu tun. Die auf Farben und Bildern basierenden Interfaces machen den Einstieg leicht, wodurch ausuferndes und mühsam angeeignetes Wissen über Musiktechnologie zu Beginn nicht unbedingt notwendig ist. Und nicht zuletzt sind sie auch relativ billig zu haben.
Mittlerweile ist es keine Seltenheit mehr, dass Musiker den DAWs ihre Karriere verdanken. In sieben Songs zeigen wir dir, wie Fruity Loops und Ableton Live in der Pop-Musik angekommen sind.

White Town – „Your Woman“

Vor FruityLoops und Ableton Live gab es in Derbyshire (GB) einen Mann namens Jyoti Mishra, der als einer der ersten Musiker (abseits der Dance Music) bewies, dass jeder einen Nummer 1-Hit in seinem eigenen Wohnzimmer basteln kann.
Nach dem Bruch mit seiner Band erfand sich Mishra als White Town neu. Indem er einen alten Multitrack und eine Gratissoftware benutzte, machte er sich an den qualvollen Prozess, „Your Woman“ zu produzieren – einen Track, der sich vom Rave der 90er inspirieren ließ und ein Al Bowlly-Sample als Kernstück verwendete.
Vier Wochen später fand sich Mishra überraschend an der Spitze der UK-Charts wieder und „Your Woman“ wurde zum ersten alleine im Schlafzimmer produzierten Chartstürmer überhaupt. Wenn du ganz genau hinhörst, kannst du sogar das leise Quietschen der Dielen hören.

Daddy Yankee – „Gasolina“

Die Wurzeln von Reggaeton liegen in den 90er-Jahren in Puerto Rico, seinen großen internationalen Erfolg feierte das Genre aber erste zehn Jahre später.
In der Frühfassung verband die Musikrichtung klassische HipHop-Breakbeats mit spanischen Lyrik-Samples und Dancehall. Als 2004 Daddy Yankee mit „Gasolina“ aber die Charts übernahm, veränderte sich die Soundpalette gravierend.
Plötzlich fanden sich auch Synth-Elemente, Breakdowns, die man zuvor eigentlich nur von der House-Musik kannte und Beats, die eher an Dance Music als Dancehall erinnerten, im klassischen Schema. Das war der neue Sound von Reggaeton, der sich ohne FruityLoops mit seinen klassischen House-Presets auf diese Art und Weise nicht entwickeln hätte können.

Soulja Boy – „Soulja Boy (Crank That)“

DeAndre Way a.k.a. Soulja Boy war kaum ein Teenager, als er damit begann, mit FruityLoops zu experimentieren. Jeden Tag kam er von der Schule nach Hause und kreierte Beats innerhalb nur weniger Minuten.
Sein zehnminütiges Wunderwerk kam aber 2007, als er einen wahren FruityLoops-Klassiker releaste: „Soulja Boy (Crank That)“. Er verließ sich ganz auf die Preset-Sounds der Software und schaffte es so mehrere Wochen lang an die Spitze der Billboard’s Top 100. Umgerechnet verdiente er etwa eine Million Dollar pro Minute, die er dafür verwendete, den Track zu produzieren.

Avicii – „Levels“

Nile Rogers bezeichnete Avicii einmal als „John Coltrane des FruityLoops“. Das hat durchaus seinen Grund, brachte Tim Bergling doch ein unfassbares Gefühl für Melodien mit – eine Fähigkeit, die er erst durch die Software entdeckte, die ihm eine ganze Soundwelt mit ein paar wenigen Klicks eröffnete.
Während er aber FruityLoops wie viele seiner EDM-Vorbilder vor allem im Studio einsetzte, ging er mit Ableton Live auf die Bühne. Die Software ermöglichte es DJs, Tracks, die mit FruityLoops produziert wurden, in deren Live-Setting zu integrieren und ist damit entscheidend mitverantwortlich für die massive Entwicklung der EDM Festival-Kultur. Falls du dich jemals gefragt hast, wie ein DJ mit einem Laptop eine Crowd von zehntausenden Menschen abholen kann, dann ist Ableton Live die Antwort.

Stormzy – „Shut Up“

Skepta, eine der führenden Künstler der Grime-Szene, sagte einmal: „Solange es 12-jährige Kids gibt, die auf den PCs ihrer Mums eine gecrackte Version von FruityLoops starten und DIY-Sounds kreieren, solange gibt es auch Grime.“
In den frühen 00er-Jahren wendeten sich Grime-Künstler ganz intuitiv FruityLoops zu, um diese billige (und manchmal auch illegal organisierte) Software zu durchforsten wie ein Videospiel. FruityLoops zeichnete sich verantwortlich für viele der Elemente, die sich anschließend im Grime manifestierten – vor allem das 140bpm-Preset. „Shut Up“ von Stormzy ist ein Beispiel dafür, wie man einen der berühmtesten Beats von FruityLoops vorbildlich in einen Hit-Song verwandeln kann.

Drake – „God’s Plan“

So gut wie alle von Drakebevorzugten Producer haben sich mit FruityLoops ihre Berühmtheit erspielt – und das sind auch jene, die diese Software noch heute verwenden, um rekordverdächtige Hits zu produzieren.
Einer der größten Tracks dieser Dekade ist „God’s Plan“. Er wurde von Ronald LaTour a.k.a. Cardo produziert und konnte bereits in der ersten Woche zahlreiche Streaming-Rekorde brechen. Wie Boi-1da und die Grime-Musiker davor, fand Cardo seine Bestimmung, indem er mit den Beat-Simulatoren von PlayStation Musik machte und danach auf FruityLoops setzte.

Post Malone – „Rockstar“

Der schottische Producer Hudson Mohawke behauptete in einem Red Bull Music Academy-Workshop, dass, „wenn du dir die Top 10 Billboard-Songs ansiehst, garantiert acht davon mit FruityLoops entstanden sind.“
Das gilt auch für Post Malone, dessen Single „Rockstar“ 2017 bereits in der ersten Woche alle Streaming-Rekorde brach. Produziert wurde der Song von einem College-Studenten, der mittlerweile als Tank God bekannt und seit seinem achten Lebensjahr mit FruityLoops vertraut ist. Der Track verarbeitet einige der düsteren Presets der Software und setzt vor allem auf den melancholischen Vibe bei 80bpm.