Gaming
Mehr als zehn Millionen Einheiten konnte Nintendo bereits mit seiner extrem erfolgreichen Classic Mini Reihe absetzen. Viele andere Hersteller zogen nach. Pünktlich zum 24. Geburtstag der PlayStation will nun auch Sony ein Stück vom lukrativen Retro-Kuchen abhaben. Mittel zum Zweck ist eine miniaturisierte Neuauflage derjenigen Spielekonsole, die 3D-Gaming Mitte der 90er-Jahre erst so richtig ins Rollen brachte und sich im Laufe ihres Lebens knapp mehr als 102,49 Millionen Mal verkaufte. Doch hat die PlayStation Classic den Klassiker-Status tatsächlich verdient? Wie gut schlägt sich das 20 Titel umfassende Spieleangebot? Wir haben uns den 99 Euro teuren Wunderkasten mal ganz genau angesehen.
Auspacken und staunen
Das erste Wow-Erlebnis folgt direkt nach dem Auspacken. Denn mit einem Formfaktor von 14,9 x 10,5 x 3,3 cm ist Sonys Retro-Konsole im Vergleich zum Original um beachtliche 45 Prozent geschrumpft. Parallel zu den deutlich kleineren Ausmaßen reduzierte sich natürlich auch das Gewicht, welches mittlerweile nur noch 170 Gramm beträgt und damit leichter ist als so manches Smartphone! Zum Vergleich: Die Ur-PlayStation wog seiner Zeit noch 1,5 Kilogramm.
Optisch bleibt die PlayStation Classic dem Original in jeder Hinsicht treu. Das beginnt mit der Anordnung der drei zentralen Tasten (Power, Open und Reset) auf der Oberseite und geht bis zu einer frappierende echten Nachbildung des Erweiterungs-Schachts hinten links am Gerät. Ja, sogar an das hellgrüne Leuchten des Betriebs-LED haben die Sony-Ingenieure gedacht. Wichtig: Da alle 20 Spiele auf einem intern verbauten 16 GB Flash-Speicher installiert sind, ist das CD-Fach auf der Frontseite des Geräts freilich nur eine Attrappe.
Keine Attrappe sind wie zur erwarten die zwei beiliegenden PlayStation Controller. Jeder von ihnen wiegt 140 Gramm, hat ein 1,4 Meter langes USB-Kabel und entspricht im Hinblick von Design und Tastenanordnung seinem Retro-Vorbild. Das Material dagegen fühlt sich etwas rauer an als beim Original. Macht aber nichts, denn insgesamt liegen die Dinger auch nach 24 Jahren erstaunlich gut in der Hand.
Leider ohne Dual-Shock
Wer damals viel PlayStation gespielt hat, wird sich nun trotzdem die berechtigte Frage stellen, warum Sony nicht gleich den 1997 veröffentlichten, für seine Zeit revolutionären Dual-Shock-Controller beigelegt hat? Zugegeben, die genaue Antwort kennen wir nicht. Wir tippen jedoch auf zusätzliche Kostenfaktoren, denn mit zwei Vibrationsmotoren in jedem Griffhörnchen sowie zwei Analogsticks fällt die Produktion eines solchen Controllers nun mal teurer aus.
Spielerisch betrachtet ergeben sich dadurch ebenfalls Nachteile – allen voran beim Kampf gegen Psycho Mantis in „Metal Gear Solid“, wo Gamedesigner Hideo Kojima die Wackelmotoren des Dual-Shock-Controllers auf sehr innovative Weise nutzt. Die Analogticks wiederum wären unter anderem vom Rennspiel „R4: Ridge Racer Type 4“ (präziseres Lenken) sowie vom Third-Person-Shooter „Syphon Filter“ (präziseres Zielen) unterstützt worden.
Ein entscheidendes Zubehörteil fehlt
Nebst Konsole und zwei Controllern liefert Sony das Gerät mit einem zwei Meter langen HDMI-Kabel, einer gedruckten Anleitung, einer Garantie-Broschüre und einem 1,5 Meter langen Micro-USB-Kabel aus. Knackpunkt hier: Das dazu passende USB-Netzteil (ca. 5-8 Euro im Fachhandel) liegt dem Gerät nicht bei. In den meisten Gamer-Haushalten dürfte das kein allzu großes Drama sein. Nichtsdestotrotz wird man das Gefühl nicht los, dass auch hier Kostenreduzierung im Fokus stand.
Ihr habt die PlayStation Classic gerade gekauft, aber keinen USB-Adapter zur Hand? Dann bietet sich unter anderem der USB-Port einer eingeschalteten PS4 als (leider nicht sonderlich stromsparende) Zwischenlösung an.
Solide Menüführung, aber wenig Feintuning-Funktionen
Erfolgreich verkabelt, reicht ein kurzes Hineindrücken der Power-Taste, um die Konsole – begleitet vom legendäre Boot-up-Sound von damals – zu starten. Wenig später findet ihr euch im aufgeräumten Hauptmenü des Geräts wieder. Das Menü zeigt die Verpackungsmotive aller 20 Spiele in einer Art Drehscheiben-Format an, wobei sich der gerade selektierte Titel stets im Zentrum befindet – begleitet von Angaben zum Hersteller, zum Erscheinungsjahr und zur Spielerzahl. Filter-Optionen (etwa nach Spielzeit, Genre etc.) wie bei SNES Classic Mini sind leider nicht vorhanden. Die Mühe (digitale) Handbücher für jeden Titel einzubinden, machte Sony sich ebenfalls nicht. Schade, schließlich war auch die kleinen Blocklets ein charmanter Bestandteil der PSone-Ära.
Viel Lob gibt’s derweil für die unglaublich praktische Quicksave-Funktion. Hierzu einfach mitten im Spiel den Reset-Knopf drücken, schon wechselt die Konsole zurück ins Hauptmenü und legt einen sogenannten Fortsetzungspunkt an. Der wiederum erlaubt es euch, das Spiel zu einem anderen Zeitpunkt an genau dieser Stelle wiederaufzunehmen. Nicht zuletzt vor heiklen Bosskämpfen Gold wert! Die Spiele selbst nutzen dagegen zwei virtuelle, leicht zu verwaltende Memory Cards, um Savegame abzulegen.
Optik-Feintuning = Fehlanzeige
Soweit so gut. Was leider gänzlich fehlt sind Anpassungsmöglichkeiten für die Darstellung der einzelnen Spiele. Ein CRT-Modus, der die Darstellung auf antiken Röhrenfernsehern simuliert? Fehlanzeige! Gleiches gilt für Dinge wie optionale Kantenglättung oder das Einblenden von Rahmen, die die dicken schwarzen Ränder links und rechts des 4:3-Bilds auf 16:9-TVs kaschiert hätten. Letzteres kennt man unter anderem vom SNES Classic Mini. Aber auch die Möglichkeit Texturfilter an- und abzuschalten sowie mit anderen Bildverhältnissen zu experimentieren (wie etwa beim offiziellen PS one Emulator der PS Vita) sind nicht vorhanden.
Die verflixte PAL/NTSC-Problematik kehrt zurück
Eine weiterer Pferdefuß des Systems resultiert aus der Tatsache, dass Sony neun der insgesamt 20 Spiele in der sogenannten PAL-Fassung ablegt. Zum besseren Verständnis: Vor dem Siegeszug der digitalen Signalübertragung unterschied die TV-Branche bei Analog-Geräten zwischen den Farbcodierungs-Verfahren PAL (zum Beispiel in Europa) und NTSC (zum Beispiel in den USA und Japan). NTSC-Inhalte liefen für gewöhnlich bei 60 Hz, PAL-Inhalte hingegen mit 50 Hz. Die Crux an der Geschichte: Entwickler aus Nordamerika und Fernost hielten es häufig nicht mehr für nötig, ihre Titel optimal an die PAL-Norm anzupassen, was wiederum Performance-Einbrüchen von bis zu 17 Prozent auf PAL-PlayStations nach sich zog.
Sichtbar wird dieser Technik-Schluckauf unter anderem beim Beat’em Up „Tekken 3", welches in der PAL-Fassung installiert wurde und auf PlayStation Classic deutlich zähflüssiger daherkommt als Import-Spieler das vom NTSC-Original gewohnt sind. Spürbar betroffen von dieser Problematik ist außerdem „Grand Theft Auto“. Von einem wirklich geschmeidigen Spielerlebnis kann hier leider zu keiner Zeit die Rede sein. Kleines Trostpflaster: Eben weil man sich für die PAL-Fassung entschied, darf man im Optionsmenü des Spiels auch deutsche Bildschirmtexte anwählen.
Viele unerfüllte Wünsche
Jede Spielkonsole steht und fällt mit ihrem Software-Line-up. Das der ersten PlayStation gilt noch heute als besonders innovativ und abwechslungsreich. Umso mehr wundert es, dass Sony diesen Joker nur bedingt ausspielt und lediglich zehn bis zwölf von 20 Spielen Must-Have-Status innehaben.
Hier sind allen voran natürlich Millionen-Seller wie das Rollenspiel-Epos „Final Fantasy 7“, der Stealth-Kracher „Metal Gear Solid“, die Racing-Revolution "R4: Ridge Racer Type 4“, die Survial-Horror-Legende „Resident Evil: Director’s Cut“ sowie Namcos Handkanten-Spektakel „Tekken 3“ zu nennen. Aber auch das Wildwest-Rollenspiel „Wild Arms“, die Kult-Plattformer „Oddworld: Abe’s Odyssee“ und „Rayman“, das JRPG „Revelations: Persona“, die Puzzle-Spiele „Super Puzzle Fighter 2 Turbo“ und „Intelligent Qube“ sowie Sonys Third-Person-Shooter „Syphon Filter“ haben ihren Platz im Speicher der PlayStation Classic redlich verdient.
Was die übrigen sieben Titeln anbelangt, kann man sich jedoch zurecht streiten. Sicherlich, „Cool Boarders 2“ (Snowboarding), „Destruction Derby“ (Stockcar-Racing), „Twisted Metal“ (Action-Racing) und „Tom Clancy’s Rainbow Six“ (Taktik-Shooter), „Jumping Flash!“ (Jump & Run), „Mr. Driller“ (Geschicklichkeit), „Battle Arena Toshinden“ und „Grand Theft Auto“ (Action) sind sicherlich nicht von schlechten Eltern. Doch wäre es nicht sinnvoller gewesen, stattdessen absolute Publikumslieblinge wie „Gran Turismo“, „Tony Hawk’s Pro Skater 2“, „Crash Bandicoot“, „Spyro the Dragon“, „Tomb Raider“, „Street Fighter Alpha 3“ und „Castlevania: Symphony of Night“ in den Flash-Speicher zu quetschen? Oder wie wäre es mit „Vagrant Story“, „Dino Crisis“, „Silent Hill“, „Suikoden II“, „WipeOut XL“, Klonoa: Door to Phantomile“ oder „Tenchu 2“? Dann nämlich hätte das System den Namen PlayStation Classic wirklich verdient!
Fazit
Die PlayStation Classic ist ein zweischneidiges Schwert und leider nur bedingt zu empfehlen. Auf der einen Seite gefallen Design, Gewicht, Größe, die komfortable Quicksave-Funktion, die Beigabe von zwei Controllern sowie ein Dutzend Hits, die auch nach mehr als 24 Jahren vor den Bildschirm fesseln. Dass Sony in vielen Fällen die langsameren PAL-Fassungen wählte, stößt dabei jedoch ebenso sauer auf wie die fehlenden Grafik-Optionen, das Weglassen von USB-Netzteil und Dual-Shock-Controllern sowie der nicht immer rund laufende Emulator. Großes Kopfschütteln gilt zudem der teils fragwürdigen Spieleauswahl. Wo bleibt das inoffizielle PlayStation Maskottchen Crash Bandicoot? Was wurde aus „Tomb Raider“? Und wer kam eigentlich auf die Idee, Kritiker-Lieblinge wie „Castlevania: Symphony of Night“, „Gran Tursimo“ und „Tony Hawk’s Pro Skater 2“ wegzulassen? Fragen über Fragen, die Sony seinen Fans aufgrund von Lizenzüberlegungen womöglich erst in vielen Jahren beantworten wird.