Rachel Atherton performt beim UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
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MTB

Interview: Rachel Atherton über ihre Rückkehr ins DH-Racing

Die sechsmalige Weltmeisterin überraschte 2022 mit ihrem Auftritt in Lenzerheide. Mit uns spricht sie über neue Prioritäten, ihre Gedanken über ihr Comeback und die nächsten Schritte.
Autor: Charlie Allenby
7 min readveröffentlicht am
Rachel Atherton muss auf dem Mountainbike nichts mehr beweisen. Die 34-Jährige hat im Downhill-Sport jeden Titel gewonnen - und das nicht nur einmal.
Seit dem Riss ihrer Achilles-Sehne während des Trainings in Les Gets 2019 war sie auf der großen Bühne des Sports aber nicht mehr zu sehen. Die Verletzung sorgte dafür, dass sie auf die verbleibenden Rennen der entsprechenden Saison verzichten musste. Ihr Fokus lag stattdessen auf einer schnelle Regeneration, um sich für den Saison-Opener 2020 wieder fit zu melden. Zu diesem Zeitpunkt war ihr aber noch nicht klar, dass die Wartezeit bis zu ihrem nächsten Start eher eine Frage von Jahren als von Monaten sein würde.
Rachel Atherton im Interview nach dem UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
Es tut gut, Atherton wieder auf der World Cup-Bühne zu sehen.
Das Rennfahren stand nicht wirklich zur Debatte. Dann aber fragte ich mich aus unterschiedlichsten Gründen plötzlich: "Warum nicht?" Es war eine Last-Minute-Entscheidung.
Dass sie so lange nicht Rennen gefahrenist, hat verschiedenste Gründe, die sowohl positive (die Geburt ihrer Tochter im August 2021) als auch negative (die Pandemie verkürzte die Saison 2020 um ein Vielfaches) Charakteristiken in sich tragen. Dennoch, ihren Willen, ins World Cup-Geschehen zurückzukehren, verlor sie nie.
"Ich fühle mich ein bisschen dafür verantwortlich zu zeigen, dass man ein Baby haben und dennoch seinen Sport ausüben kann", meinte sie, nachdem sie zum ersten Mal seit drei Jahren beim World Cup 2022 in Lenzerheide angetreten war. Eigentlich tat sie mehr als das: Sie beendete das Rennen auf dem sechsten Rang, nur einen Platz hinter der regierenden Weltcupgesamtsiegerin Vali Höll.
Rachels ersten Race-Run nach drei Jahren siehst du hier:

3 Min

Rachel Athertons Run in Lenzerheide

Erlebe Rachel Atherton Comeback beim UCI DH World Cup in Lenzerheide.

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Mit uns spricht sie über die Gründe ihrer Rückkehr ins Renngeschehen, und darüber, wie sie sich nach dem ersten Rennen fühlte bzw. welche Pläne sie für die restliche Saison hegt.

Wann hast du dich dazu entschlossen, in Lenzerheide an den Start zu gehen?

Rachel Atherton: Die gesamten letzten drei Jahre habe ich versucht, diese Entscheidung zu treffen. Das Rennfahren stand nicht wirklich zur Debatte. Dann aber fragte ich mich aus unterschiedlichsten Gründen plötzlich: "Warum nicht?" Es war eine Last-Minute-Entscheidung. Ich wollte ein Rennen vor dem Ende dieser Saison bestreiten, um zumindest einen Richtwert zu haben, wo ich mit meinem Training stehe. Und ich wollte sehen, ob ich es überhaupt noch genießen kann und ob das Ganze mit einem Baby möglich sein würde.

Du hast das Training in Fort William absolviert, das Qualifying hast du dann aber ausgelassen. Was war der Gedanke dahinter?

Es war verlockend, Fort William - ein Heimrennen - zu fahren, aber du musst in diesem Sport adäquat trainieren. Es gibt einen Grund dafür, warum wir das Vollzeit machen: Ich bin nicht fit genug und nicht kräftig genug. Mein Training ist noch nicht ausreichend und ich möchte mich nicht verletzen. Meine Priorität liegt darin, gesund zu bleiben - also dachte ich mir, ich fahre lieber ein kürzeres Rennen. Tatsächlich war Lenzerheide aber so hart wie Fort William.

Einen World Cup zu bestreiten ist niemals einfach. Es gab natürlich einige Challenges, die ich überwinden musste, aber es war gut zu sehen, wo ich stehe und ob ich noch Spaß daran habe - das sind die wichtigsten Fragen, die ich mir gestellt habe. Ich kann mit diesen Informationen in die nächste Saison starten.

Rachel Atherton performt beim UCI DH World Cup 2022 in Fort William, Großbritannien.
Atherton nahm am Training in Fort William teil.

Wie fühlte es sich an, nach mehr als drei Jahren zurück im World Cup zu sein?

Es fühlte sich so an, als wäre ich nie weggewesen. Es ist nett, in den Autopiloten zu wechseln und die Sachen passieren zu lassen. Ich fahre schon so lange Rennen, dass ich genau weiß, was ich zu tun habe, während das Muttersein und ein Baby großzuziehen für mich völliges Neuland sind. Es war ein gutes Gefühl, etwas zu machen, wo ich zur Abwechslung einmal weiß, wie ich damit umgehen muss, anstatt improvisieren zu müssen.

Aber es war großartig, zurück zu sein! Ich spürte das Adrenalin, während ich den Track analysierte und all das absolvierte, was zu einem Race-Run im World Cup dazugehört. Ich kann mittlerweile verstehen, warum du immer mehr und mehr davon willst und warum es dich nicht mehr loslässt.

Myriam Nicole und Rachel Atherton beim UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
Bekannt Gesichter freuten sich über Athertons Rückkehr.
Es war das erste Mal, dass ich ein Rennen gefahren bin, ohne gewinnen zu wollen!

Worin bestand dein Ziel bei diesem Rennen?

Es war das erste Mal, dass ich ein Rennen gefahren bin, ohne gewinnen zu wollen! Ich hatte keinen Plan, ob ich mit der Pace irgendwie mithalten könnte oder ob ich mich überhaupt qualifizieren würde. Ich hatte zuvor gehofft, dass ich irgendwo dort sein würde, wo ich dann letztendlich auch war. Natürlich fiel es mir etwas schwer zu verdauen, dass ich es nicht aufs Podium geschafft habe - das ist die Rennfahrerin in mir. Aber anders wäre es auch etwas zu einfach gewesen. Auf eine gewisse Art und Weise bin ich glücklich darüber, wie es gelaufen ist. Es sollte nicht möglich sein, ohne adäquate Vorbereitung instant wieder aufs Podium zu fahren.

Was ging dir durch den Kopf, als du am Start gestanden bist?

Ich erinnere mich daran, wie ich tief durchatmete, in die Berge blickte und dachte: "Es hat keine Bedeutung. Ich muss mir selbst nichts beweisen. Ich brauche keine gutes Ergebnis. Ich möchte nur fahren und sehen, ob ich es den Berg runter schaffe."

Sobald du als Racer den Start verlässt, möchte dein Körper automatisch gewinnen. Mein Körper puste mich und mein Geist motivierte mich. Ich hatte wirklich mit mir zu kämpfen und musste mir immer wieder sagen: "Bleib auf der sicheren Seite, fahr einfach und geh keine Risiken ein." Es war dieser seltsame innere Kampf, der währenddessen ablief.

Rachel Atherton performt beim UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
Sie bekämpfte ihre Instinkte, um sicher unten anzkommen.

War die Intensität des Rennens ein Schock für dein System?

Ich war positiv überrascht - mein Körper fühlte sich nicht steif oder müde an, obwohl ich nicht wirklich viele Trainingseinheiten absolviert hatte. Aber diese Fahrt war ein Augenöffner. Ich weiß nun, was ich alles machen muss, um wieder an der Spitze zu landen, wenn das das ist, was ich möchte. Die Mädchen sind so schnell unterwegs und mich erwartet definitiv viel harte Arbeit.

Dein Bike zu fahren, ist keine einfache Sache. Es braucht viele Fähigkeiten. Die Körperkraft ist daneben ein wichtiger Aspekt, da du stark genug sein musst, nicht vom Bike zu fallen, sobald du Schläge wegstecken musst. Für mich ist es aber noch wichtiger als zuvor, mich nicht zu verletzen, da die Verantwortung, die ich trage, mittlerweile größer ausfällt.

Rachel Atherton performt beim UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
Obwohl sie es "gemächlich" anging, landete Atherton auf Platz sechs.

Glaubst du, dass das Mutterwerden deine Herangehensweise an ein Rennen verändert hat?

Ich wollte mich auch vorher nicht verletzen, der Unterschied liegt nur darin, dass es alleine um mich, um meine Karriere und die Sponsoren ging. Jetzt hat das aber eine neue Bedeutung - es gibt da jemanden, der von dir abhängig ist. Wenn du dich verletzt, dann kannst du nicht einfach wieder nach Hause zurückkehren; zumindest so lange, bis du deine Regeneration hinter dir hast. Ich kann zwischendurch nicht einfach damit aufhören, eine Mutter zu sein. Das ist definitiv etwas, was im Hinterkopf herumspukt, während ich ein Rennen fahre. Ich denke, dass man einfach kalkulierter und cleverer an ein solches herangehen musst. Es reicht nicht, einfach nur schnell zu sein. Stattdessen musst du neue Wege finden, um das notwendige Tempo auf die Strecke zu bringen.

Hast du weitere Pläne für die laufende Saison?

Ich wünschte, ich wäre das nächste Rennen in Andorra gefahren, aber ich dachte mir, dass ich noch nicht bereit dafür sei. Es ist verlockend, einfach an den Start zu gehen und langsam besser und besser zu werden, nur um sich dann aber doch eine Verletzung zuzuziehen. Ich will einfach clever an die ganze Sache herangehen.

Ich wünschte aber auch, ich wäre besser darin, mich an einen Plan zu halten. Meine Tochter ist mittlerweile fast ein Jahr alt, aber sie schläft noch keine ganze Nacht durch und das zehrt nach wie vor an meiner Energie. Das Rennfahren ist definitiv möglich, aber mit dem Schlafdefizit und dem Stillen mute ich meinem Körper viel zu und ich möchte es nicht überstürzen. Ich möchte die Leistung meines Körpers respektieren. Er hat mir 20 Jahre im World Cup und jetzt ein Baby geschenkt, also möchte ich mir Zeit geben, um die notwendige Kraft zu finden.

Ich versuche, sensibel damit umzugehen, und nicht einfach nur für die gute Geschichte oder die Aufmerksamkeit der Leute an den Start zu gehen. Die Sicherheit spielt eine viel wichtigere Rolle, um einen Crash letztlich vermeiden zu können.

Meine Tochter wird nicht mehr lange ein Baby sein, Rennen fahren kann ich aber auch später noch.
Rachel Atherton performt beim UCI DH World Cup 2022 in Lenzerheide, Schweiz.
Atherton will Familie und World Cup unter einen Hut bringen.

Wie fühlt es sich an, die Mutter mit der Rennfahrerin in dir unter einen Hut zu bringen?

Es ist verdammt hart! Du brauchst viel Unterstützung und du musst viele Opfer bringen. Ich möchte diese Phase in der Entwicklung meiner Tochter nicht verpassen, da sie nicht für immer anhalten wird. Sie wird nicht mehr lange ein Baby sein, Rennen fahren kann ich aber auch später noch.