Brandon Semenuk performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, UT, USA.
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MTB

Red Bull Rampage 2021: Brandon Semenuk krönt sich zum vierfachen Champion

Der Kanadier Semenuk ist daneben der erste, dem es gelingt, einen Rampage-Titel zu verteidigen, während Fans und Rider das 20-jährige Jubiläum gebührend feiern.
Autor: Katie Lozancich
7 min readveröffentlicht am
Es gibt ein Phänomen im Sport, das als "Bannister Effect" bekannt ist: Es ist auf den Läufer Roger Bannister zurückzuführen, dem es 1954 als ersten gelang, die 4-Minuten-Marke auf eine Meile zu durchbrechen. Viele glaubten zuvor, dass dieser Meilenstein außerhalb des menschlich Möglichen wäre. Bannister bewies das Gegenteil und - noch viel wichtiger - er zeigte den anderen Sportlern, dass nichts unmöglich ist. Als Folge purzelten die Rekorde weiterhin.
In den letzten 20 Jahren hatte Red Bull Rampage denselben Effekt im Mountainbiking-Sport. Nur wenige andere Events hatten so viele Meilensteine und Innovationen zur Folge. Jede Austragung provoziert uns dazu, die Möglichkeiten auf einem Mountainbike zu überdenken. Das 20-jährige Jubiläum in diesem Jahr bildete da keine Ausnahme. Erneut wurde uns die Kettenreaktion bewusst, die entsteht, wenn die besten Freerider der Welt aufeinander treffen, sie ihre Schaufeln und Äxte in die Hand nehmen und aufgefordert sind, ganz groß zu träumen.
Hier siehst du den Red Bull Rampage 2021-Livestream im Replay:

Red Bull Rampage 2021: Das 20-jährige Jubiläum

Erlebe beim 20-jährigen Jubiläumsevent, wie die Fahrer dem begehrtesten Titel im Freeride-Mountainbiking nachjagen.

Bis zu diesem Tag ist es keinem gelungen, einen Flat Drop Tail-Whip zu landen oder Rampage vier Mal zu gewinnen. Brandon Semenuk demonstrierte aber, dass das nichts zu bedeuten hat. Am Ende sollte es seine Vision sein, die ein neues Kapitel in der Red Bull Rampage-Geschichte aufschlägt. Mit seinem zweiten Run versetzte er die Welt in Staunen. Das gelang ihm mit einer Line, deren Charakter technisch dermaßen herausfordernd war, dass nur er sie bewältigen konnte.
13 Jahre nach seinem ersten Sieg als Underdog aus der Slopestyle-Szene brachte ihm seine kreativer und genialer Zugang seinen vierten Rampage-Titel ein. Dicht dahinter platziert sich Kurt Sorge, der für seine konstant stylishen Runs bekannt ist. Reed Boggs rundete das Podium würdig ab.

Brandon Semenuk

Alle Augen waren in diesem Jahr auf Brandon Semenuk gerichtet, vor allem deshalb, da er mit einer Single-Crown-Gabel auf seinem Bike eintraf. Jedermann spekulierte über die Tricks, die er aus dem Ärmel schütteln würde. Tail-Whips und Bar-Spins sind für Rampage nicht unbedingt üblich, aber Semenuk setzte alles daran, das zu ändern.
Hier erlebst du Brandon Semenuks siegreiche Performance bei Red Bull Rampage 2021 noch einmal:

3 Min

Brandon Semenuks Winning Run

Hol dir die Siegesfahrt von Red Bull Rampage 2021 ins Wohnzimmer und Erlebe, wie Brandon Semenuk Geschichte schreibt.

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Als Titelverteidiger war Semenuk als letzter an der Reihe. Nachdem er aber bei einem Jump die Kontrolle über eine Rotation verlor, kam es zum kollektiven Aufatmen. Würde er es nicht einmal aufs Podium schaffen?
Nach seinem verpatzten ersten Run lag Semenuk auf dem letzten Platz, womit er den zweiten Durchlauf eröffnete. Glücklicherweise fand Semenuk wieder in die Spur, den vierten Rampage-Titel fest im Blick, während er jedes einzelne Feature anging.
Brandon Semenuk performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Technisch anspruchsvolle Tricks sind Semenuks Spezialität.
Er kam sauber durch den Double-Drop, während er sein Trick-Feuerwerk mit einem T-Bog eröffnete, dicht gefolgt von einem Bar-Spin und einem unfassbar flüssigen Flat-Spin, der ihm im ersten Anlauf misslungen war. Davor aber sorgte er für eine wahre Neuheit bei Red Bull Rampage: einem Tail-Whip während eines massiven Drops. Mit einem Backflip-Tailwhip am letzten Jump sorgte er dann für einen würdigen Abschluss seiner Line. Er katapultierte sich an die Spitze der Wertung mit Final-Score von 89 Punkten.
Nachdem ich im ersten Anlauf einen Fehler gemachte hatte, musste ich meinen Körper ständig in Bewegung und die Nerven ruhig halten - ich wollte einfach den Run hinbekommen, den ich im Kopf hatte.
Ob der Platz an der Spitze halten würde, war abhängig von den Ridern, die ihren zweiten Run noch vor sich hatten. Die Spannung stieg mit jedem weiteren Athleten, die der Bestwertung nach und nach immer näher kamen. Sobald aber klar war, dass Kyle Strait als letzter Rider nichts am Endergebnis würde ändern können, war Semenuks Legendenstatus einzementiert. Er ist der erste Vierfach-Champion von Red Bull Rampage!
Brandon Semenuk mit seiner Red Bull Rampage 2021-Trophäe
Rampage-Trophäe Nummer vier - und Semenuk feiert!
"Nachdem ich im ersten Anlauf einen Fehler gemachte hatte, musste ich meinen Körper ständig in Bewegung und die Nerven ruhig halten - ich wollte einfach den Run hinbekommen, den ich im Kopf hatte", meinte Semenuk anschließend. "Alle meine Rampage-Siege sind etwas Besonderes, auf ihre jeweilige Art und Weise. Die Jungs haben bei jedem Event so hart gearbeitet und ich bin einfach glücklich darüber, hier zu stehen."

Kurt Sorge

Semenuks Sieg war aber keine sichere Sache. Andere Rampage-Veteranen wie etwa Kurt Sorge hefteten sich mit ihren Performances dicht an seine Fersen. Auch er ging als dreifacher Rampage-Champion in die diesjährige Austragung des Events, weshalb sein Ziel ebenfalls darin bestand, die Vier voll zu machen. Sorge machte sich daran, seiner siegreichen Linie aus dem Jahr 2017 einen neuen Anstrich zu verpassen. Von oben bis unten legte er einen fehlerfreien ersten Run hin, der ihm vor dem zweiten Durchlauf aber nur den vierten Platz bescherte.
Kurt Sorge performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Sorge erinnerte uns daran, warum er dreifacher Rampage-Champion ist.
Sorge war klar, dass er im zweiten Anlauf zulegen musste. Im klassischen Sorge-Style lieferte er voll und ganz ab. Er legte einen Backflip am Ridge-Jump hin, während er die Rhythm-Section mit einem Suicide No-Hander absolvierte. Mit einem Superman und einem Flip Knack rundete er seine Performance ab. Während er insgesamt einen schnellen Run mit jeder Menge Style zeigte, war es am Ende nicht genug, um Semenuk vom Thron zu stoßen. Er verbesserte seine Wertung auf 88,33 Punkte und beendete das Event auf Platz zwei.
"Nachdem wir immer wieder an dieselbe Location zurückkehren, denkst du dir, dass du eine Menge Trainings-Zeit hast, am Ende stehst du aber immer unter Zeitdruck", erzählt Sorge. "Vor allem mit all den unvorhersehbaren Variablen wie das Wetter. Mir blieb nicht so viel Vorbereitungszeit übrig, wie ich gehofft hatte, und ich musste etwas improvisieren."
"Die Freeride-Szene ist heutzutage auf einem großartigen Level, vor allem mit der Motivation und dem Fortschritts-Denken der jüngeren Athleten und den Veteranen. Es motiviert dich einfach dazu, alles zu geben, was du hast."

Reed Boggs

Vor drei Wochen wusste Reed Boggs nicht einmal, ob er in diesem Jahr bei Rampage antreten wird. Ursprünglich war er im originalen Aufgebot nicht vorgesehen, stand als Ersatz aber auf Abruf. Als der Anruf kam, war er sofort Feuer und Flamme. Er wollte jedem einzelnen beweisen, dass er nicht auf die Ersatzbank gehört - und baute sich eine außergewöhnliche Line mit Passagen, die er ganz für sich beanspruchte.
Reed Boggs  performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Boggs' Signature-Drop war ein wahrer Crowd-Pleaser.
Er legte einen starken und selbstbewussten ersten Run hin, bis das Undenkbare passierte. Sein Reifen explodierte bei seinem 360-Drop, womit sein Run, der durchaus Podiums-Potenzial hatte, ruiniert war. Unbeeindruckt reparierte Boggs sein Bike und wanderte ruhig und gesammelt zurück an die Spitze. Die Drops und Tricks seines zweiten Runs absolvierte er mit der Eleganz eines erfahrenen Riders, womit ihm seine Leidenschaft und seine harte Arbeit schlussendlich einen Final-Score von 87 Punkten einbrachten - und damit sein erstes Rampage-Podium.
Kurt Sorge, Brandon Semenuk und Reed Boggs feiern bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Das Podium, eine Kombination aus Legenden und einem aufsteigenden Stern.

"Best of the rest"

Am Ende können nur drei Rider auf dem Podium stehen, dennoch gab es auch im restlichen Feld einige unvergessliche Momente, die nicht unerwähnt bleiben wollen. Tom Van Steenbergen - berühmt für seine massiven Tricks - versetzte das Publikum mit einem herausragenden Front Flip in Staunen, bevor er crashte. Der Trick wurde mit dem Best Trick Award gewürdigt.
Tom Van Steenbergen performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Tom Van Steenbergen beeindruckte mit seinem massiven Front-Flip.
Wenig überraschend wurde die Performance von Jaxson Riddle mit dem Best Style Award ausgezeichnet. Der Rampage-Rookie verpasste seinen Runs jede Menge Motocross-Flair, womit er aus dem restlichen Feld herausstach. Seine Crew gewann außerdem den Digger Award.
Jaxson Riddle performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Riddle überrascht mit seinen Tricks immer wieder.
Der Toughness Award ging an Cam Zink, dem "Mann aus Stahl". Am Tag zuvor war noch unklar, ob Zink am Final-Event überhaupt antreten würde können, nachdem er in den Trainings-Sessions heftig gecrasht war. Der Veteran kämpfte sich aber durch und legte eine herausragende Fahrt hin.
Auch Brage Vestavik crashte im Training, er konnte am Ende nicht antreten. Sein Spirit und sein Antrieb sorgten aber dafür, dass er am Ende den McGazza Spirit Award zugesprochen bekam.
Brage Vestavik performt  bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Auch wenn er die Finals verpasst, blickt Vestavik in eine rosige Zukunft.
"Es ist hart, die richtigen Worte zu finden", reagiert Vestavik auf den Preis. "Seit ich neun Jahre alt bin, bin ich Fan von Kelly McGarry. Es ist einfach verrückt. Rampage hat mich wirklich gepusht; immer wieder habe ich einen neuen Blick dafür bekommen, was möglich ist. Jeder ist super nett. Ich glaube, es braucht etwas Zeit, um diese Würdigung voll und ganz zu realisieren."

Was als Nächstes kommt

Nach eine Jahr Pause fühlten sich die letzten neun Tage an, als hätte Freeride-Mountainbiking wieder nach Hause gefunden. Im Publikum waren ehemalige Legenden wie Josh Bender und Thomas Vanderham zu sehen, die die Athleten dabei beobachteten, wie sie den Sport weiter pushen. Auch wenn am Ende ein Wettbewerb ausgetragen wurde, supporteten sich die Rider permanent gegenseitig.
Brandon Semenuk performt bei Red Bull Rampage 2021 in Virgin, Utah, USA.
Semenuk und die anderen 11 Rider verkörperten den Rampage-Spirit!
Das aufregendste Nebenprodukt der diesjährigen Austragung von Rampage besteht aber darin, was als Nächstes kommt. In fünf Jahren mag das, was wir in diesem Jahr zusehen bekommen haben, ganz natürlich erscheinen. Die nächste Generation blickt voll Hunger auf die Errungenschaften des Rampage-Rosters und wer weiß, in welche Sphären sie den Sport in Zukunft hieven wird. Zumindest eines können wir mit Gewissheit sagen: Die Richtung stimmt!