Gaming
Wild Wild West
GTA ist sicherlich das Erste, an das die Meisten denken, wenn der Name Rockstar Games fällt. Kein Wunder, haben die Entwickler mit der legendären Reihe doch das Genre der Open-World-Spiele revolutioniert. Bei aller Liebe für die GTA-Serie war es jedoch das 2010 veröffentlichte Red Dead Redemption, welches mein Spielerherz im Sturm eroberte.
Gründe dafür gibt es viele. Vielleicht liegt es am frischen Szenario, denn RDR ist so viel mehr, als nur in GTA mit Pferden. Wir alle haben in unserer Kindheit doch Cowboy und Indianer gespielt oder nicht? Die stilisierte und romantische Version der amerikanischen Viehhirten steht für Freiheit. Für das grenzenlose Abenteuer, tapfere Männer mit rauchenden Colts, coole Showdowns zum High-Noon. Für Gerechtigkeit und natürlich auch romantische Liebesgeschichten.
Die Faszination um das Western-Genre ist bis heute ungebrochen und das über 100 Jahre, nachdem mit „Der große Eisenbahnraub“ der erste Western in den amerikanischen Kinos anlief. Von John Wayne über Karl May, den Spaghetti-Western bis hin zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder den neuen Interpretationen wie True Grit oder Django Unchained – Irgendeinen Berührungspunkt mit dem Genre gab es doch für jeden von uns.
Obwohl Red Dead Redemption beileibe nicht der erste Versuch war, dieses legendäre Genre in die Welt der Videospiele zu verfrachten, gelang es keinem Spiel zuvor (und bisher auch danach), den Geist des wilden Westens so perfekt einzufangen, wie das Abenteuer um John Marston.
Red Dead Redemption perfektioniert die Freiheit
Freiheit ist also ein zentrales Thema in Western und gleichzeitig eine der größten Stärken von Red Dead Redemption. Ich liebe Open-World-Spiele für die Möglichkeit, jederzeit das zu tun, worauf ich Lust habe. Dieses Gefühl fängt das Western-Spiel für mich so gut ein, wie kaum ein anderes. Bereits bei meiner Ankunft in Armadillo und dem ersten Ausritt auf dem Pferd ist diese Freiheit allgegenwärtig. Wieder einmal hat Rockstar Games einen Auftakt geschaffen, der mich nahezu perfekt abholt und mir einen Vorgeschmack auf das Spiel liefert, in das ich unbedingt weiter eintauchen will.
Rockstar hat das Gefühl des einsamen Wolfes hier perfekt auf den Punkt gebracht. In Read Dead fange ich ein Pferd mit dem Lasso, genieße den Sonnenuntergang über der Wüste oder lege mich mit fiesen Banditen oder Kojoten an. Die Welt ist gleichermaßen lebendig, wie trostlos und die Gefahr lauert hinter jeder Ecke. Dieses bestärken die Entwickler durch eine meisterhafte Atmosphäre: Die Grillen zirpen, ein majestätischer Adler zieht kreischend vorbei, während der Wind den Sand durch die Prärie peitscht – untermalt vom phänomenalen Soundtrack, der auch heute noch regelmäßig bei mir läuft.
RDR vermittelt für mich persönlich auf unnachahmliche Weise das Gefühl der Einsamkeit: Ich bin ein kleiner, unwichtiger Teil in einer riesigen und gefährlichen Welt und erlebe meine eigene Geschichte, doch die Welt um mich herum dreht sich weiter. Das fängt das Spiel nahezu perfekt ein. Es ist eben doch was anderes, wenn man in der freien Natur unterwegs ist und nicht im Sekundentakt von geisteskranken Autofahrern überholt oder von aufdringlichen Passanten angepöbelt wird.
Die glaubwürdige Atmosphäre ist eine der Besonderheiten, an die ich mich auch heute gerne noch zurückerinnere. Die Menschen gehen ihrer alltäglichen Beschäftigung nach, Kojoten versuchen ein Wildpferd zur Strecke zu bringen, während ich damit beschäftigt werde, mein Vieh wieder zusammenzutreiben.
Spannende und glaubwürdige Handlung
Eine der größten Stärken des Spiels ist zudem die packende und glaubwürdige Story. Oftmals ist es in Videospielen ja so, dass euch eine Handlung aufgezwungen und nicht ausreichend erklärt wird. „Hier: Du bekämpfst jetzt mal die Aliens, weil die Menschheit sonst vernichtet wird“ oder „Rette die Prinzessin, weil… ist halt einfach so“. Ganz anders Red Dead Redemption.
Hier kämpfe ich nicht, weil ich Lust drauf habe oder weil ich der größte Outlaw im wilden Western sein will. Hier greife ich zur Waffe, weil meine Familie in Gefahr ist! Selbst vor nunmehr acht Jahren wusste ich, dass die Familie etwas ist, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Die tiefgründige Story wird angetrieben von starken und glaubhaften Charakteren. Selbst scheinbar unwichtige Nebenfiguren, die vielleicht nur ein bis zwei Mal auftauchen, sind so hervorragend geschrieben, dass sie sich fast schon lebendig anfühlen. Vom ausgedienten Revolverhelden oder dem freundlichen Ladenbesitzer von nebenan, der sich vor einem Überfall der Banditen fürchtet. Kaum ein anderes Spiel (Rockstar Titel eingeschlossen) verfügte seinerzeit über derart gut geschriebene Figuren, die sich perfekt ins Westernambiente einfügen.
Die dynamischen Kämpfe und genialen Nebenmissionen
Schusswechsel in Videospielen gab es schon immer. Naja fast immer. In Red Dead Redemption fühlt sich der Waffeneinsatz aber anders an. Hier schieße ich nicht einfach aus Spaß mit Revolver oder Gewehr, sondern aus einem guten Grund.
Greife ich in Rockstars Western-Spiel zur Waffe, dann passiert das immer auf einer höheren moralischen Ebene, was ich allerdings erst viel später feststelle – zumindest, wenn ich nicht gerade den wild um sich ballernden Outlaw mime. Natürlich beende ich im Laufe des Abenteuers zahlreiche Leben (vermutlich sogar weitaus mehr, als ich eigentlich müsste), aber Red Dead ist weit entfernt davon, zur Open-World-Schießbude zu verkommen. Die Kämpfe im Spiel funktionieren hervorragend und bieten den nahezu perfekten Mix aus Zugänglichkeit, Stil und Gewalt – besonders in den Showdowns und dank des Dead Eye-Systems.
Doch jeder betätigte Abzug fühlt sich gerechtfertigt an und das gelingt nur ganz wenigen Spielen.
Auch an die abwechslungsreichen Nebenmissionen erinnere ich mich gerne zurück: „Sammle X hiervon“ oder ähnlich monotone Aufgaben gibt es im Spiel nicht. Vor allem die Stranger-Missionen sind hervorragend geschriebene, eigenständige kleine Handlungsfetzen, die sich nicht nur perfekt in das Spiel einfügen, sondern mich dank erstklassiger Dialoge auch tiefer in die Story eintauchen lassen.
Gänsehaut im Sekundentakt
Was mich jedoch noch heute am meisten beeindruckt ist, die schiere Masse an perfekt inszenierten Gänsehaut-Momenten, mit denen das Spiel aufwartet. Beispielsweise das erste Mal, als ich die mexikanische Grenze überschritten habe.
Nur ich und mein Pferd. Ab und zu kreuzt mal ein anderer Reiter meinen Weg, um mich herum Nichts als kahle Wüste, während sich der große Fluss majestätisch durch das Tal schlängelt. Und dazu diese Musik: Jose Gonzales mit Far Away.
Eingängige Gitarren und diese melancholische Grundstimmung, die perfekt zum Geschehen auf dem Bildschirm passt. Ich fühle mich einsam und verlassen und freue mich schon darauf, endlich wieder auf andere Menschen zu treffen, gleichzeitig genieße ich aber dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit. Genial.
Momente wie diese gibt es viele im Spiel. Für mich persönlich ist es Rockstar Games nie zuvor und bis heute nicht erneut gelungen, eine solch dichte Atmosphäre auf den Bildschirm zu zaubern. Ob Red Dead Redemption 2 da ran kommen kann? Das Zusammenspiel aus Umgebung, Musik, Dialogen und dem Geschehen auf dem Bildschirm sucht für mich jedenfalls seinesgleichen.
Undead Nightmare: Der etwas andere DLC
Ich liebe Red Dead Redemption für seine offene Welt, die vielfältigen Möglichkeiten, welche sie mir bietet und die nahezu perfekte Western-Atmosphäre. Aber ich liebe dieses Spiel auch für eine der besten Erweiterungen, die ich je gespielt habe.
Undead Nightmare spinnt nicht einfach die Handlung weiter (also… nicht direkt) und liefert hier und da ein paar neue Storyfetzen. Undead Nightmarefühlt sich an wie ein komplett neues Spiel. Rockstar nimmt mal eben den wilden Western und garniert ihn mit Zombies. Niemand hatte sich das gewünscht oder erwartet, doch umso besser fiel das Ergebnis aus.
Wieder einmal bewiesen die Entwickler ein Händchen für eine abgefahrene und teils aberwitzige Erweiterung in denen die Zombie-Hatz genauso viel Spaß macht, wie die Suche nach den legendären Pferden der Apokalypse.
Dieses Ende…
An dieser Stelle eine fette Spoilerwarnung: Wer Red Dead Redemption noch immer nicht kennt sollte sich
- schämen! Jetzt wird es aber endlich mal Zeit, das Spiel nachzuholen.
- an dieser Stelle besser aufhören zu lesen, da euch hier fette Spoiler erwarten.
Bereit? Okay.
Wie könnte man über Red Dead Redemption sprechen, ohne an dieses absolut grandiose Ende zu denken? Das ganze Spiel über kämpft John Marston unermüdlich um Gerechtigkeit und darum, seine geliebte Frau und seinen kleinen Sohn wieder um sich zu haben.
Nachdem ich das letzte Mitglied meiner ehemaligen Bande erledigt habe und mich mit dem genialen „Compass“ von Jamie Lidell wieder einmal die Gänsehaut übermannt, reite ich frohen Mutes zurück zur Farm, um endlich meine Familie in die Arme zu schließen. Doch diese Idylle macht das Spiel nach kurzer Zeit wieder zunichte: Mensch Red Dead Redemption, du böses böses Spiel!
Urplötzlich wird die Farm von Bundesagenten umstellt. Es gelingt mir gerade noch so, Frau und Kind durch den Hintereingang der Scheune in Sicherheit zu bringen und mich der feindlichen Übermacht zu stellen. Ein Kampf, den ich nicht gewinnen kann und einer der emotionalsten Momente, die ich in Videospielen je erlebt habe.
Auf einmal spiele ich Jack und setze alles daran, den Tod meines Vaters zu rächen und Edgar Ross für das büßen zu lassen, was er meiner Familie angetan hat. Ein unglaublicher Plot-Twist, der bis heute seinesgleichen sucht. Wer dabei nicht die eine oder andere Träne verdrückt hat, hat keine Gefühle!
Ross am Ende zur Strecke zu bringen sorgt für ein unglaubliches Gefühl der Genugtuung, doch Jack stellt fest, dass er zu dem Menschen geworden ist, der er niemals sein wollte. Für mich jedoch bleibt nur die Tatsache, dass Rache doch nicht die Genugtuung bringt, die ich mir davon erhofft hatte und das ernüchternde Gefühl, nun tatsächlich am Ende meiner Reise durch eines der besten Spiele aller Zeiten angelangt zu sein.