Entdecke unsere Welt! Abseits von Instagram …

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Autor: TS
Ob wir es wollen, oder nicht, Instagram hat einen immensen Einfluss darauf, welche Reiseziele wir uns aussuchen. Aber wollen wir wirklich nur an Orte reisen, die sich gut auf Instagram machen?
Ich gehe jede Wette mit dir ein, dass du im letzten Jahr auf deinem Instagram-Feed an einem oder mehreren der folgenden Orte vorbeigescrollt hast: An den aufeinandergestapelten, farbenfrohen Häusern der Küste von Positano; an Machu Picchu, dass sich durch eine Wolkenwand in die Höhe streckt; an den außerweltlichen Wasserfällen von Island; an einem Pool im Hinterhof einer marokkanischen Altstadt oder an Heißluftballons, die über die Landschaft von Kappadokien schweben.
Es gibt einen einfachen Grund dafür, warum gerade diese Orte total #trending sind: Genauso wie Flat-Lays und Freakshakes zuvor, sind sie beliebtes Instagram-Futter.
Eine neue Studie von Expedia hat herausgefunden, dass 85 Prozent der Australier ihre Urlaubsdestinationen aufgrund dessen wählen, wie die dort fabrizierten Travel-Snaps später online aussehen werden. Ähnliches behauptet auch eine weitere britische Studie: Millennials geben vor allem die „Instagrammability“ als Hauptmotivator für ihre Urlaubsplanung an. Damit steht dieses Kriterium über dem Essen, den Sehenswürdigkeiten und über der Möglichkeit, sich selbst weiterzuentwickeln.
Ich will hier absolut nicht den Moralapostel spielen. Es ist viel mehr so, dass ich mich selbst zu den Instagrammern zähle. Instagram ist ganz klar ein soziales Medium der Superlative und auch ich habe schon einige Urlaubsziele allein aufgrund ihrer Schönheit (und, um ehrlich zu sein, auch aufgrund der damit verbundenen Möglichkeiten, atemberaubende Fotos zu schießen) gewählt. Und so viel sei gesagt: Ich bereue genau keinen dieser Trips. Wie sieht es mit der oben erwähnten Liste also aus? All jene Orte, an denen ich bereits gewesen bin, habe ich geliebt. Alle anderen stehen nach wie vor ganz klar auf meiner Agenda.
Dennoch muss ich sagen, dass ich mich genauso in Orte verliebt habe, die eben nicht mit bunten Häuserreihen, atemberaubenden Küsten und einer perfekten Symmetrie aufwarten können. Viele der besten Momente meines Lebens habe ich an Plätzen erlebt, die kaum fotogen sind und sich nicht in einen quadratisches Raster zwängen lassen.
Instagram ist großartig, aber allein darauf basierend zu entscheiden, wo die nächste Reise hingehen soll, tut dir – und der Welt – wahrlich keinen gefallen. Hier erfährst du, warum dem so ist. 

Weil Photoshop immer ein Thema ist

Wenn dein Feed, wie mein eigener, voll ist von als "Influencer" bekannten, professionellen Reisemenschen, dann ist es gut, wenn du der Interpretation der abgelichteten Orte mit einer gesunden Portion Skepsis gegenübertrittst. Travel-Influencer sind zumeist professionelle Fotografen und wenn sie dafür bezahlt werden, eine bestimmte Gegend zu besuchen, dann sehen – und präsentieren – sie diese ganz klar im besten Licht.
Die Fotos, die du dann zu Gesicht bekommst, sind mit professionellem Equipment aufgenommen und im Anschluss daran penibelst editiert worden. Im Grunde ist es nichts Neues, dass es bei diesem ganzen Business vor allem darum geht, die Menschen visuell einzufangen und festzuhalten. Natürlich steckt trotzdem viel Wahres in dieser Arbeit, nur möchte ich dir damit sagen, dass deine selbst fabrizierte iPhone-Version desselben Fotos mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht so aussehen wird, wie das Pendant eines Profi-Fotografen.

Weil jeder schon einmal dort gewesen ist

Diesen perfekten Shot am Rande einer Klippe in Santorin zu schießen ist bei Weitem weniger zufriedenstellend, wenn neben dir 40 andere Instagrammer in einer Reihe stehen und darauf warten, selbst dranzukommen. Tatsächlich ist es so, dass viele Instagram-Destinationen aufgrund des steigenden Tourismus mit einer erhöhten Belastung umgehen müssen. Venedig, Santorin, Machu Picchu und Barcelona gehören zum Beispiel zu jenen Orten, die den Touristen freundlich dazu anhalten, doch lieber zu Hause zu bleiben.
Wenn du dich dazu entscheidest, einen Spot zu besuchen, den du auf deinem Instagram-Feed gefunden hast, dann fühlt sich die Reise selbst zumeist eher so an, als würdest du an einer Hausbesichtigungstour mit unzähligen anderen Besuchern teilnehmen – für eine kurze Zeit macht es Spaß, bis ein Schwarm an Touristen jede Menge Stress in die ganze Sache bringt. Aber wofür eigentlich? Um genau das eine Foto zu bekommen, das du schon hunderte Male bei anderen zu sehen bekommen hast?
Diese maßlose Zahl an Replikationen, die sich auf Instagram finden lassen, birgt das Risiko, dass sich das Reisen – das eigentlich eine sehr persönliche Erfahrung sein sollte – schnell sehr homogen anfühlt. Die Geschichte einfach nachzuerzählen, funktioniert nicht wirklich und es fällt damit auch denkbar schwer, im Ambiente eines Ortes zu versinken, wenn du primär vor allem damit beschäftigt bist, das Ganze zu dokumentieren.

Weil die besten Orte manchmal für die schlechtesten Fotos sorgen

Ich liebe Melbourne. Ich liebe es ganz einfach, dort zu sein und ich stehe mit meiner Meinung wahrlich nicht alleine, wenn ich behaupte, dass das die beste und lebenswerteste Stadt der Welt ist. Erst kürzlich bin ich aber von einem Sommer-Trip in Europa – der ziemlich paradiesisch ausgefallen ist – in einen fürchterlichen Winter in Melbourne zurückgekehrt. Wenn ich mich auf den Straßen umgesehen habe, sah ich nur grau. So viel grau. Überall, wo ich nur hinsehen konnte. Was ist hier passiert? Ganz einfach: Ich habe den Sommer in Lissabon mit dem Winter in Melbourne verglichen.
Aber weißt du was? Melbourne ist im Winter eine wirklich großartige Stadt. Vielleicht macht sich der Verzehr einer schmackhaften Pastete während eines AFL-Spiels im MCG auf Fotos nicht gut, genauso wenig, wie ein Besuch im dunklen Kino des Melbourne International Film Festivals, doch machen in den kalten Wintermonaten genau diese Unternehmungen den Charme der Stadt aus. 

Weil deine Fotos nur einen Teil deiner Geschichte erzählen

Wenn eine 2D-Abbildung genug einfangen würde, um einen Ort in seiner Gesamtheit erschließen zu können, dann würde unser Reiseweg nicht weiter führen, als in den nächsten Tab mit einer Google-Bildersuche. Doch ist Gott sei Dank das Gegenteil der Fall. Niemals schafft es eine Momentaufnahme das sensationelle Gefühl einzufangen, dass sich einstellt, wenn man tatsächlich dort ist: Die vielen Details, die Unvollkommenheit, der Charakter der Gegend, diese nuancierte Neugier, die jedem einzelnen Moment zugrunde liegt – das Bewusstwerden der Umgebung kommt ganz von alleine, ohne es erzwingen zu müssen.
Einer der fantastischsten Trips meines Lebens war eine 10-tägige Rückreise nach Uluru durch das Zentrum Australiens. Sicher ist Uluru selbst ein fotogenes Naturschauspiel, aber es war gerade das Gebiet zwischen den einzelnen Destinationen, das mir am meisten zusagte. Die einsame, leere Straße, die das Land halbiert, der rote Sand und das Gestrüpp, die nicht enden wollende Szenerie des sich unendlich dehnenden Outbacks, direkt vor meinem besten Kumpel und mir, ohne Agenda, ohne einen anderen Kurs, als einfach nur vorwärts. 90 Prozent der Fotos, die ich dabei geschossen habe, sehen gleich aus, weshalb ich mich nicht über Instagram daran erinnere.
Stattdessen kurble ich das Fenster runter, wenn ich an einem warmen Tag im Beifahrersitz eines Autos sitze, schließe dabei die Augen und lass die Bilder und das Gefühl der Erinnerung einfach wieder aufleben. Ich erinnere mich daran, wie wir uns „Wide Open Road“ von The Triffids zumindest einmal pro Tag angehört haben. Ich erinnere mich daran, dass wir, wo auch immer wir gerade hielten, übernachteten, und das nach einem dreistündigen Dinner, bei dem wir einfach nur die Umgebung und uns genossen hatten. Ich erinnere mich an den Geschmack des Bieres, dass ich nach einer achtstündigen Fahrt mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 120 km/h in meinem Klappsessel getrunken habe und ich erinnere mich an den Wind auf meinem Gesicht, an das Gefühl, den Arm aus dem Fenster zu strecken und nicht mehr die Welt, sondern nur diesen einen Moment im Fokus zu haben. Ich erinnere mich an ein Abenteuer. An ein Abenteuer, dass von keinem Fotografen der Welt festgehalten werden könnte.