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MTB-Raw: Remy Morton lässt alle Ketten fallen

Remy Morton hat sich in der MTB-Welt einen beinahe mythischen Status eingefahren. Das hat einen Grund: Beim Mountainbiken befreit er sich von allem, was ihn zurückhält! Wir haben den Beweis.
Autor: Oliver Pellingaktualisiert am
Remy Morton ist ein Meister seines Faches: Er ist wild und zugleich präzise, befreit und zugleich akkurat, kraftvoll und zugleich grazil. Sein Fahrstil schlägt genau in diese kleine Kerbe zwischen Schönheit und Rage. Er legt eine Eleganz an den Tag, die durch die präsente Gefahr noch einmal herausgestrichen wird. Genau das zeichnet ihn aus!
Seinen Stil präsentiert er auch auf atemberaubende Art und Weise im neuesten Edit der MTB Raw-Serie. Der Australier ist zum ersten Mal mit dabei und das mit einem wahren Kracher: Er lässt alle Ketten fallen und zeigt ein Queenstown (Neuseeland) pure MTB-Perfektion.
Im Player oben kannst du dir im MTB Raw-Video selbst ein Bild davon machen. Daneben liefern wir dir Mortons unglaubliche Reise als junger Mountainbike-Pro, dessen Karriere beinahe zu Ende ging, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Die Anfänge

Morton wuchs an der australischen Gold Coast auf. Jim Morton, sein Vater, der ebenfalls Mountainbiker ist, erinnert sich, dass Remy von Beginn an ein wahres Naturtalent auf dem Bike war. Mit drei Jahren fuhr der kleine Morton eine Yamaha PeeWee, während er mit vier auf das BMX wechselte und sein erstes Rennen bestritt (und gewann). "Er brachte ein kompromissloses Mindset mit", erzählt Jim. "Selbst in den schlimmsten Situationen versuchte er, mit aller Kraft zu gewinnen."
Remy wurde schnell immer besser auf dem BMX. Tatsächlich entwickelte er sich so schnell, dass er nicht nur gegen Kinder, die drei, vier Jahre älter als er waren, Rennen fuhr, sondern sie sogar schlug. Um die selbe Zeit herum machte ein Bekannter Remys Vater den Vorschlag, ihm ein Mountainbike zu beschaffen, um seinem Training eine neue Richtung zu geben. Remy genoss es immer mehr, Downhill zu fahren.
Die Leute müssen gedacht haben, ich will ihn umbringen, aber mit 15 war er ein unglaublicher Downhill-Racer.
Jim Morton
Es dauerte nicht lange, bis Tonnen an Dirt angeschafft wurden, um auf dem Land von Morton Sr. Jumps zu bauen, auf denen der Sohn fahren konnte. Remy fand sich mit den Möglichkeiten in der Luft schnell zurecht. Zudem bauten sie illegale Tracks an nahegelegenen Hügeln, um Remys Downhill-Skills weiter voranzutreiben.
"Die Leute müssen gedacht haben, ich will ihn umbringen", erzählt Jim. "Aber mit 15 war er ein unglaublicher Downhill-Racer. Er gewann Rennen in der Elite."

(Noch nicht) Das Ende

Remys Fahrtalent wurde auch von Sponsoren erkannt, die den Teenager nach und nach unterstützten. Mit seinem Renn-Instinkt mischte er 2015 und 2016 den UCI Downhill World Cup der Junioren auf. 2017 zerbrach dann der Traum des damals 19-Jährigen.
In der Pause zwischen den World Cup-Rennen wurde Remy zu einem Ride mit seinem Idol Nico Vink beim belgischen Freeride-Event Loosefest eingeladen. Es fand auf einem übergroßen BMX-Track mit 24-Meter-Gaps und massiven Jumps statt - Ein Kurs, den Remy noch nie zuvor gesehen hatte. Es gab ein Feature am Ende des Tracks, das keiner bisher genutzt hatte. Remy warf ein Auge darauf, er wusste, dass er es einsetzen musste.
"Ich kam einfach zu schnell rein", erklärt Remy. "Ich habe es übertrieben. Der Jump war auf 24 Meter ausgerichtet und ich bin bei etwa 30 Metern gelandet. Ich verpasste die Landung, rotierte vorwärts und landete genau auf meiner Brust auf flachem Untergrund. Erst einen Monat später kam ich wieder zu Bewusstsein."
Wenn du Remy sagst, er soll es nicht machen, macht er es trotzdem.
Wenn du Remy sagst, er soll es nicht machen, macht er es trotzdem.
Direkt nach dem Aufschlag stand Remy auf und sagte seinen Kumpeln, dass "alles gut" sei. Er erinnert sich nicht daran, auch wenn alles auf Video festgehalten wurde.
"Jeder klatschte, als ich aufstand. Ich glaube, ich wollte einfach von der Strecke spazieren und mich kurz niedersetzen. Dann kugelte meine Hüfte aus und ich fiel einfach um."
Ein gebrochenes Genick, unzählige gebrochene Rippen. Brustbein, Schulter, Schlüsselbein, Hüfte: alles gebrochen oder ausgekugelt. Zusammengerechnet hatte er 20 gebrochene Knochen, zwei kollabierte Lungen und Risse in den Nieren. Die Ärzte meinten, seine Verletzungen glichen denen einer Person, die von einem dreistöckigen Gebäude gefallen ist.
Ich habe es übertrieben. Ich verpasste die Landung, rotierte vorwärts und landete genau auf meiner Brust auf flachem Untergrund. Erst einen Monat später kam ich wieder zu Bewusstsein.
Remy Morton

Die Alpträume

Remy wurde mit dem Helikopter abtransportiert und ins Spital geflogen. Seine Verletzungen waren so ernst, dass er ins Koma gesetzt wurde und lebenserhaltende Maßnahmen ergriffen werden mussten. Jim und Remys Mutter reisten aus Neuseeland an, um ihrem Sohn zur Seite zu stehen. Als sie ankamen, kam die Nachricht, dass es nicht gut um ihn stand. Es gab Komplikationen, so wurden Remys Lungen komplett aus dem Brustkorb gerissen, wodurch sie regelmäßig gereinigt werden mussten, um Infektionen zu vermeiden.
Nach seinem Unfall musste Remy einige dunkle Stunden überstehen.
Nach seinem Unfall musste Remy einige dunkle Stunden überstehen.
Remy lag einen Monat im Koma, bevor er zurückgeholt wurde. Während er im Koma lag, kämpfte Remy seinen eigenen internen Kampf: Er war gefangen in einem nie enden wollenden Alptraum. Die Träume begannen an dem Tag seines Crashs, nur war es so, als wäre dieser nie passiert. Remy machte in seinen Träumen weiter, so, wie es im echten Leben geplant war. Er flog nach Kanada zum Mont Sainte-Anne World Cup. Alles wirkte lebendig auf ihn. Aber dann nahmen seine Träume eine dunkle Wendung.
"Ich konnte in den Träumen nicht schlafen", erinnert sich Remy. "Und jede Nacht kamen Menschen, die mich umbringen wollten. Ich wurde in alten Hütten gefesselt und Leute hielten mir Pistolen an die Schläfe. Die Leute waren beständig hinter mir her. Immer wieder kam ich von diesem großartigen Leben untertags in diese Phase der Angst und der Flucht. Es war dieser heftige Loop, der nicht enden wollte."
Remy musste einfach wieder zurück aufs Bike.
Remy musste einfach wieder zurück aufs Bike.
Im Laufe seiner Koma-Phase verlor Remy über 20 kg Körpergewicht. Die Ärzte prognostizierten ihm, dass er niemals wieder aufs Bike steigen würde können und das sich glücklich schätzen müssten, überhaupt wieder halbwegs normal gehen zu können.

Eine schnelle Genesung

Wenn es eine Eigenschaft gibt, die Remy bis zu diesem Punkt auszeichnete - seine eindrucksvollen Skills auf dem Bike einmal ausgenommen - dann ist es seine unglaubliche Fähigkeit, wieder aufzustehen und einfach weiterzumachen. Das ist etwas, was ihm über die Jahre gute Dienste geleistet hat.
Er ist keiner, dem man sagt, er könnte etwas nicht machen. Schon am ersten Tag war er in der Lage, aufrecht zu sitzen, das Gehen zu probieren und sogar einige Schritte zu schaffen. "Er sagte 'Dad, hol die Schwestern, ich kann gehen! Du musst das filmen!'", erinnert sich Mortons Vater.
Zurück in Australien arbeitete Remy mit Chris Brady, einem Physiotherapeuten in Brisbane, an seiner Regeneration. Die Lungen waren noch stark angeschlagen, die Gehfähigkeit stark eingeschränkt und er musste eine Stütze tragen, die sein Handgelenk unterstützte - dennoch, Remy wartete ungeduldig darauf, endlich wieder aufs Bike zu steigen. Nur neun Wochen nach seinem Unfall fuhr er sein Bike den Strand entlang und er setzte sich anschließend immer wieder kleinere Zeile.
Egal, welchen Crash er hatte, Remy wollte möglichst schnell zurück.
Egal, welchen Crash er hatte, Remy wollte möglichst schnell zurück.
Elf Wochen nach dem Unfall konnte er wieder fahren und Remy besuchte den Boomerang-Farm-Bike-Park an der Gold Coast. Er nahm sein Bike für den Fall der Fälle mit und nahm das Shuttle an die Spitze der Tracks. Ohne nachzudenken stieg er aufs Bike und fuhr seinem Freund hinterher. "Es machte nicht einmal Klick, bis ich den ersten Run hinter mir hatte", erinnert er sich. "Ich nahm diesen Roller und dann war ich schon auf dem Gap-Jump. Ich dachte 'Heilige Scheiße, was mach ich hier!?' Ich musste den Jump nehmen, da ich nicht mehr anhalten konnte - aber es war okay. Alles war gut."
Remys Crash passierte im Juli 2017. Im Dezember desselben Jahres fuhr er wieder Rennen. Nur sechs Monate nach diesem Horror-Crash, der ihn beinahe umbrachte, mischte Remy Morton wieder mit.
Remy brauchte zwei Jahre, um wieder angstbefreit fahren zu können.
Remy brauchte zwei Jahre, um wieder angstbefreit fahren zu können.
Als Remy im darauffolgenden Sommer nach Europa reiste, kam aber der nächste Rückschlag: Er brach sich das Bein. Ein Vorfall, der ihn dazu zwang, es langsamer anzugehen und seinen weiteren Weg zu reflektieren. "Ich realisierte, dass ich mich selbst unter Druck setzte. Bis zu diesem Beinbruch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte ich Selbstvertrauen verloren. Es entstanden Zweifel."

Was dich nicht umbringt...

Als das Selbstvertrauen zurückkehrte, bekämpfte Remy seine eigenen Dämonen. Im Jahr 2019, zwei Jahre nach dem Crash, kam er nach Belgien, um den Jump zu fahren, der ihm 2017 beinahe das Leben kostete. Dieses Mal nahm er seinen Dad mit und er verbrachte beinahe zwei Monate damit, Nico Vink dabei zu helfen, ihn neu zu bauen, "damit er besser funktioniert". Der anschließende Jump, erinnert sich Remy, fiel größer aus, als das Original. Aber noch viel wichtiger: Er war sicherer.
Remy fühlt sich wieder sicher auf dem Bike.
Remy fühlt sich wieder sicher auf dem Bike.
Remy hatte das Gefühl, dass er das Level, auf dem er gerne fahren würde, nicht mehr erreichen könnte, ohne diesen Jump erfolgreich hinter sich zu bringen. Er unternahm einen vollständigen Run ohne die Polsterungen, die er bis dahin immer trug.
"Ich wusste, dass ich ihn wieder fahren musste. Es war das einzige, was ich wirklich wollte!"
"Es mag hart klingen, aber es war mir egal, ob ich bei dieser Session draufgehe oder nicht. Ich wollte fahren. In den zwei Jahren arbeitete ich nur daran, wieder in der Position zu sein, dazu in der Lage zu sein."
Als es für Morton an der Zeit war, den Sprung in Wettbewerbsgeschwindigkeit hinter sich zu bringen, fühlte sich sein Aufstieg wie Stunden an. Das ganze Ding war eine emotionale Achterbahnfahrt.
Ich wollte fahren. In den zwei Jahren arbeitete ich nur daran, wieder in der Position zu sein, dazu in der Lage zu sein.
Remy Morton
Mortons Vater kann bis heute nicht davon sprechen, ohne mit den Tränen zu kämpfen.
"Er rief nach mir! Ich hatte ein paar Bier für uns besorgt und er kam angelaufen, umarmte mich und dankte mir", erzählt Jim. "Als ihn unsere Familie mit dem Red Bull-Helm sah, war das wirklich verrückt. Es war die Kirsche auf dem Sahneberg und ich kann kaum erwarten zu sehen, was er noch erreichen wird."
Die Morton-Familie trägt ein starkes Band.
Die Morton-Familie trägt ein starkes Band.
Remy ist seitdem wieder voll im Game und seine Performances werden von Mal zu Mal stärker. Den jungen Aussie solltest du ihn Zukunft im Blick behalten; da wird noch einiges kommen!