São Tomé ist eine kleine Insel an der Westküste Afrikas, die mit kristallklarem Wasser, massiven Regenwäldern und vulkanischem Gestein ein kleines Paradies darstellt. Überragt wird diese ganze Szenerie vom Pico Cão Grande - die perfekte Mission für Sasha DiGiulian, die immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist.
DiGiulian ist bereit, Grenzen zu überschreiten. In guter Gesellschaft geht das noch viel besser. Gemeinsam mit ihrer Kletter-Kollegin Angela Vanweermisch und der Fotografin Savannah Cummins machte sie sich zu einem dreiwöchigen Abenteuer auf, um als erste Frauenen in der Geschichte die berüchtigte Leve Leve-Route (5.14a) auf dem Pico Cão Grande zu bezwingen. Natürlich läuft da nicht immer alles nach Plan - vor allem dann, wenn es um das Wetter geht.
Warum hast du gerade diese Route gewählt?
Den Pico Cão Grande habe ich zuerst ins Auge gefasst, als ich über die Expedition der Pou-Brüder und jener von Gaz Leah gelesen habe. Gaz Leah kletterte die Route zuerst im Jahr 2016, während die Pou-Brüder sie 2018 zum ersten Mal frei kletterten. Dieser Fels-Turm inmitten des Dschungels war etwas, was ich noch nie zuvor gesehen hatte - als würde er direkt aus dem "Herr der Ringe"-Universum stammen, die perfekte Balance zwischen Abenteuer und Herausforderung. Also begann ich zu planen, wie wir dorthin kommen könnten.
Verlief der Trip nach Plan?
Wir wählten die Route Nubivigant (5.13d), bevor wir uns wirklich dazu entschlossen, die Leve Leve zu klettern. Letztere ist traditioneller, während die Nubivigant bereits Bohrhaken verankert hatte. Wir hatten 17 Tage hintereinander regen, was die Gefahr beim Klettern drastisch erhöhte, da unsere Ausrüstung nicht dafür gemacht war.
Wir hatten gerade unsere Taschen gepackt und waren bereit aufzubrechen. Mit dem Wetter aber wurden wir schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und wir hielten das alles für unmöglich. Hinzu kam, dass auch immer wieder Felsen in der Größe eines Fernsehers Zentimeter an uns vorbei fielen, die uns ohne Umstände getötet hätten. Nachdem es einmal richtig knapp wurde, war klar: Es ist nicht sicher genug, um weiter zu machen.
Der konstante Regen machte das Gefälle noch schlimmer. Dann, am 18. Tag, öffneten sich die Regenwolken plötzlich. Es war magisch. Jetzt hatten wir die kleine Chance, in den letzten paar Tagen doch noch den Gipfel zu erreichen.
Wie war es, diesen Fels-Turm zu besteigen?
Es war, als würde man einen Wasserfall hochsteigen - eine total andere Art zu klettern, als ich es zuvor gewöhnt war. Ich habe kein einziges Mal in meinen Magnesiabeutel gegriffen, da das alles nur schlimmer gemacht hätte.
Das Wetter hielt die Nacht über, also haben wir den Boden um 3 Uhr in der Früh verlassen. Wir kletterten bis 18 Uhr und fanden in einem kleinen Biwak am Rande der Klippe Unterschlupf. Am nächsten Tag, kurz nach Mittag, starteten wir unseren Versuch, den Gipfel zu erreichen.
Wie war es auf dem Gipfel?
Eigentlich war es relativ ernüchternd, da oben alles voller Vegetation ist. Wir mussten uns regelrecht durch die Büsche kämpfen. Den Ausblick konnten wir deshalb nicht ganz so genießen, wie wir uns das vorstellten.
Außerdem war mir bewusst, dass wir wieder irgenwie runterkommen mussten, was mit einem ähnlichen Risiko verbunden war, da der Fels ja nach wie vor nass war. Wiederum lag die große Gefahr im Gefälle. Es gab nur wenige Möglichkeiten, uns davor zu schützen.
Der Turm ist das höchste Feature, das es auf der Insel zu finden gibt. Für mich war also die Rückkehr auf den Boden der eigentliche Gipfel. Mich überfiel das überwältigende Gefühl der Dankbarkeit, der Erleichterung, des Glücks, der Freude und natürlich der Erschöpfung. Ich bin wirklich stolz auf unser Team.
Irgendwelche außergewöhnliche Momente, von denen du erzählen willst?
An dem Tag, als wir uns entschlossen, dass es zu gefährlich sei, führte ich an und presste einen Stein an meiner linken Seite gegen die Wand, um sie zu testen. Da brach die gesamte obere Gesteinsschicht ab.
Die Felsen prallten ab, streiften die Sicherung und verfehlten gerade noch mein Seil. Ich kletterte durch Bedingungen wie unter einem Wasserfall, wo ich mir eigentlich eine Schwimmbrille mitnehme, um nach oben sehen zu können.
Während es regnete, musstet ihr im Dschungel viel Zeit totschlagen. Wie habt ihr es geschafft, euch mental und physisch fit zu halten?
Wir haben viele Tage aktiv an der Wand verbracht und versucht, uns durch den nassen Fels zu kämpfen, Lines zu besprechen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann zu regnen aufhört.
Es war hart...richtig hart. Hinzu kam auch noch, dass wir, um zu duschen, runter an den Fluss wandern mussten, was immerhin eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Mein Körper fühlte sich danach mitgenommen an. Nach Expeditionen fühle ich mich immer schwächer.
Wie ist diese Erfahrung mit anderen Kletter-Erfolgen in deiner Vergangenheit zu vergleichen?
Das war bis jetzt die abenteuerlichste und härteste Erfahrung meiner Karriere - vor allem auch mental. Das Ganze als Erfolg zu verbuchen, ist schwierig, da es sich mehr, wie ein beständiger Kampf um Sicherheit und Risikominimierung anfühlte, als einfach nur einen Felsen hoch zu klettern.
Ich bin enttäuscht darüber, dass wir die Leve Leve nicht frei klettern konnten, dafür weiß ich, dass wir unter diesen Umständen die bestmögliche Entscheidung getroffen haben (sogar die Einwohner meinten, das sei das schlechteste Wetter seit vielen Jahren). Ich bin so dankbar dafür, dass wir überlebten und unsere Geschichte erzählen können. Immerhin sind wir die ersten Frauen, die auf solch einem verrückten Feature gestanden sind, das uns so viel abverlangt hat.
Wie sieht nun deine Zukunft nach dieser Herausforderung aus?
Ich bin motiviert, mein nächstes Abenteuer zu finden und zugleich fühle ich durch das Team aus Frauen, mit dem ich unterwegs war, jede Menge Power. Das ist definitiv nicht der letzte Climb, den Savannah, Angela und ich gemeinsam bestritten haben. Dieser Trip hat mir einen Gipfel verschafft, aber das ist längst nicht das Wichtigste. Meine Liebe zum Abenteuer und mein Antrieb, herauszufinden, was noch möglich ist, sind noch größer geworden. Vor allem aber hat mich dieser Trip Frauen näher gebracht, die mich inspirieren.

