Music
Schwesta Ewa: Die realste Rapperin Deutschlands
Schwesta Ewa hat vielen ihrer Kollegen eines voraus: Eine Biografie, die Geschichten liefert.
„Es wäre nichts so, wie es ist, wär' es damals nicht gewesen, wie es war.“ Dieser Satz ist den meisten jungen Rap-Fans aus einem Song von Casper bekannt. Eigentlich stammt er jedoch von Cora E, einer deutschen Rapperin, die in den Neunzigern unter diesem Motto ihren Werdegang vom Schlüsselkind zur HipHop-Künstlerin in Reime packte. Im Bezug auf das Leben von Schwesta Ewa passt der Satz wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Ewa arbeitete zehn Jahre als Prostituierte – und rappt auf ihrem im Januar erscheinenden Debütalbum „Kurwa“ ganz offen über diese Zeit.
„Kurwa“ bedeutet in Schwesta Ewas polnischer Muttersprache so viel wie „Nutte“. Der Albumtitel trägt nicht nur der Tatsache Rechnung, dass Ewa diesen Begriff flächendeckend in den deutschen Rap-Slang eingeführt hat, sondern er ist gleichzeitig Programm: Schonungslos erzählt sie von ihren Erlebnissen im Milieu und nimmt dabei auch dann kein Blatt vor den Mund, wenn sie den Hörer vor den Kopf stoßen würde – und das passiert in Stücken wie etwa dem biografischen „Für Elise“ in einer Tour. Aber Rap als originäre Musik von der Straße ist eben dann am besten, wenn er Realitäten der sozialen Peripherie so spiegelt, dass sie jeder nachvollziehen kann. Nicht nur in diesem Sinne ist Schwesta Ewa die beste Rapperin, die Deutschland je hervorgebracht hat.
Denn Ewa beherrscht ihr Handwerk: Zwar hat sie quasi erst mit ihrem Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu vor drei Jahren damit begonnen, Texte zu schreiben, aber schon ihre ersten Schritte im Rap-Game zeugten von Talent. Selbst all die YouTube-Kritiker, die an rappenden Frauen sonst kein gutes Haar lassen können und an deren Stimme, Flow und Aussehen rummäkeln, sogar die mussten irgendwann eingestehen, dass Ewa es einfach drauf hat. Eine schneidende, eindringliche Stimme und eine ungekünstelte, direkte Ansprache in finsterem Frankfurter Halbweltjargon, die der durchschnittliche deutsche Rap-Fan von einer Frau so noch nie gehört hat – schon Ewas erstes Video „Schwätza“ war eine kleine Sensation.
Dennoch erinnert sich Ewa heute mit Grausen an die Zeit, als sie ins virtuelle Rampenlicht trat. Denn auch wenn die Fachwelt ihre Musik begeistert aufnahm, prasselte im Netz ein heftiger Schauer von Hass und Häme auf Ewa ein, der ihr beinahe den Spaß am Rappen verdorben hätte. Der Grund? Natürlich ihre Vergangenheit als Prostituierte. Dass Ewa aus ihrem bisherigen Job keinen Hehl machte und ihren Background geradezu stolz repräsentierte, war für die nicht ganz zu Unrecht als Macho-Kultur verrufene Rap-Anhängerschaft eine Provokation. „Die Bewertungen bei YouTube waren fast alle negativ, das sah aus wie ein rotes Laserschwert“, erinnert sie sich. „Aber ich verstehe nicht, warum die Leute denken, sie würden mich beleidigen, wenn sie mich Nutte nennen. Ich beschimpfe doch einen Elektriker auch nicht als Elektriker.“
Schwesta Ewa ließ sich nicht beirren. Und legt nun mit „Kurwa“ ein Album vor, dass nicht nur in Sachen Raps und Beats ganz oben mitspielt, sondern schlicht und ergreifend ein Manifest ihrer Kunst ist: doper Straßenrap von einer Ex-Nutte, ehrlich, unverblümt und tough. „Für das, was ich als Schwesta Ewa erreichen kann – und ich bin ja noch nicht besonders groß – ist es perfekt geworden“, freut sie sich.
War ihr Mixtape-Debüt noch ein musikalischer Flickenteppich aus zusammenhanglos aufgenommenen Tracks, ist „Kurwa“ dank der Qualitätskontrolle ihres Labels Alles Oder Nix ein gelungenes, kohärentes Rap-Album geworden. Die Vorliebe für Produktionen mit Neunziger-Flair, die auch schon ihre Labelkollegen Xatar und Ssio neben Straßenrap-Jüngern auch bei HipHop-Traditionalisten auf den Schirm hievte, sorgt auch hier für offene Ohren – mal funky, mal gefährlich, mal ruppig, aber durch die Bank Bretter. Darauf illustriert Ewa in kleinen, effektiven Punchline-Bildern voller Slang oder großen, noch effektiveren Storytellern voller Realität, wofür sie steht, wer sie ist und dass sie etwas zu sagen hat. So geht Rap nämlich.
Auch wenn sich Schwesta Ewa auch weiterhin von pubertierenden Internetgroßmäulern alles von schlüpfrigen Angeboten bis dreisten Beleidigungen anhören muss: Sie hat nicht nur das Rotlicht hinter sich gelassen, sondern ist auf dem besten Wege, als Rapperin erfolgreich Karriere zu machen. Ihre künstlerische Nische wird ihr jedenfalls so bald niemand streitig machen. Denn im HipHop ist Schwesta Ewa schlicht und ergreifend einzigartig.