Freeski
Slopestyle-Skifahren: Einblicke in die kreativste Freestyle-Disziplin
Das Slopestyle-Skifahren ist das kreative Herz des Freestyles. Es wird nach Flow, Schwierigkeit und Originalität beurteilt und verbindet technisches Können mit persönlichem Ausdruck.
Riesige Jumps, waghalsige Lines, Spins, Flips und Highspeed: Wenn du noch kein Fan von Slopestyle-Freeskiing bist, wird's höchste Zeit. Wir bringen dich auf den neuesten Stand – denn wenn es darum geht, sich die Skier anzuschnallen und den Berg hinunterzujagen, gibt es kaum etwas Aufregenderes.
Mit mehr Tricks als beim Big Air und mehr Potenzial für atemberaubende Lines als beim Freeriden ist Slopestyle die wohl spannendste Interpretation des Freeskiing, die es gibt. Hier erfährst du, was du wissen musst.
Slopestyle-Skifahren bietet so viele Möglichkeiten für unglaubliche Rides.
© Christian Pondella/Red Bull Content Pool
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Was ist Slopestyle-Skifahren?
Slopestyle ist wohl die progressivste und ausdrucksstärkste Form des Freestyle-Skifahrens. Fahrer:innen wie Eileen Gu und Jesper Tjäder haben den Sport buchstäblich zu neuen Höhenflügen verholfen. Mehr als alles andere, was du auf Skiern machen kannst, ist Slopestyle der Ort, an dem die Persönlichkeit der Athlet:innen zum Vorschein kommt.
Slopestyle steht in der langen Tradition von Extremsportarten, die sich bei BMX und Skateboarding bedienen – Disziplinen, die ursprünglich vom Surfen inspiriert wurden. Denk an Rails, Kicker, Boxen, Grinds und mehr. Wie in BMX- oder Skatepark-Contests werden Slopestyle-Runs nach Kreativität, einzigartigen Trick-Kombinationen und dem gesamten Style-Faktor bewertet. Man denke nur an Ulrik Samnøys elegante Rail-Skills.
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Die Ursprünge des Slopestyle-Skifahrens
Wagemutige führen schon so lange akrobatische Bewegungen auf Skiern aus, wie es Skifahren gibt. Die ersten Saltos wurden bereits 1906 aufgezeichnet. Aber erst als der norwegische Olympiasieger Stein Eriksen in den 1950er-Jahren die Kunststücke in der Luft populär machte, rückte das Freestyle-Skifahren ins kollektive Bewusstsein.
Im nächsten Jahrzehnt erlebte das kreative Skifahren einen Aufschwung, vor allem in Nordamerika, wo in den 1970er-Jahren in Waterville Valley, New Hampshire, der erste organisierte Wettbewerb stattfand, der Elemente wie Slopestyle, Big Air und Halfpipe kombinierte. Im Jahr 1979 erkannte der Internationale Skiverband das Freestyle-Skifahren offiziell an und legte zum ersten Mal Bewertungs- und Wettkampfstandards fest. In den frühen 1980er-Jahren fand dann die erste FIS-Weltcupserie statt.
Greg Stumps Film "Blizzard of Aahhh's" aus dem Jahr 1988 trug dazu bei, den Punk-Rock-Ethos des Freeskiing zu etablieren und inspirierte eine neue Generation von Kids dazu, beim Skifahren an ihre Grenzen zu gehen. Der Film kam zur perfekten Zeit. Die 1990er-Jahre waren natürlich ein wichtiges Jahrzehnt für den Extremsport, in dem Wettbewerbe wie die X Games ihr Debüt feierten und das Gesicht des Sports und der Jugendkultur veränderten. Ein Jahrzehnt später, im Jahr 2007, trug Candide Thovex' historischer Goldmedaillenlauf bei den X-Winterspielen dazu bei, den Fokus auf Technik und Stil zu lenken und läutete damit eine neue Ära des Freeskiing ein.
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Slopestyle-Kurse erklärt: Rails, Sprünge und Features
Slopestyle-Kurse sind auf maximale Kreativität und Show ausgelegt. Gefahren wird eine schnelle Line mit Rails, Jumps, Boxen und weiteren Features. Statt einfach nur der schnellsten Route zu folgen, entscheiden die Athlet:innen selbst, welche Obstacles sie wie nutzen – mit dem Ziel, möglichst viel Einfallsreichtum, Airtime und puren Wow-Faktor zu zeigen.
Abwechslung ist hier der Schlüssel. Die meisten Parcours bieten mindestens zwei einzigartige Lines und eine Vielzahl von Hindernissen, die einen Mix von Tricks fördern. Es macht weder den Fahrer:innen noch dem Publikum Spaß, wenn alle immer die gleichen Tricks abliefern.
Abseits der großen Wettkämpfe ist vieles lockerer. Geht es jedoch um Titel oder Medaillen, ist der Kurs klar strukturiert: Schneewände schützen die Athlet:innen vor Wind, und mindestens sechs unterschiedliche Sections teilen den Run in einen oberen Jib-Bereich – mit Rainbow-Rails, Up-Flat-Down-Rails und Transfer-Boxen – sowie einen unteren Jump-Bereich. Dort sorgen mehrere große Kicker, auch "Booter" genannt, für ordentlich Airtime, damit die Rider mit Flips, Grabs und weiteren Tricks punkten können.
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Wie Slopestyle-Skifahren bewertet wird
Beim Slopestyle steht die Individualität im Vordergrund, aber wie bei jeder professionellen Sportart gibt es eine Scoring-Struktur. Bei Slopestyle-Wettbewerben sind die Judges in der Regel an Folgendem interessiert:
- Ausführung: Wie gut die Athlet:innen ihren Run ausführen. Wie bei anderen Extremsportarten werden saubere Linien, sanfte Landungen und ein allgemeines Gefühl der Kontrolle bevorzugt. Wackler und Hand-Dragging sind tabu.
- Abwechslung: Die Features sind nicht ohne Grund da. Wenn du keine Flips, Grabs, Airs, Grinds und mehr machst, lässt du Punkte liegen.
- Schwierigkeit: Je schwieriger ein Trick ist, desto mehr Punkte bekommt er. Es kommt aber auch auf die Technik an: Spinrichtung, Anzahl der Inversionen und die Anzahl der Rotationen spielen alle eine Rolle. Es gibt jedoch ein Risiko: Wenn du einen schwierigen Trick nicht landest, hast du deine Chance vertan. Wenn du es richtig machst, könntest du, wie Mathilde Gremauds Switch Double Cork 1440, Geschichte schreiben.
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Mathilde Gremaud‘s World‘s First: Switch Double Cork 1440
Mathilde Gremaud stellt sich der Herausforderung: Als erste Frau überhaupt möchte sie einen Switch Double Cork 1440 stehen.
- Amplitude: Höhe und Weite machen einen Sprung aus, ebenso wie deine Kontrolle beim Abheben, in der Luft und bei der Landung.
- Flow und Kombination: Ein guter Run besteht aus einer Vielzahl von Tricks, die alle nahtlos ineinander übergehen, wie eine schöne Tanz-Performance im Schnee.
- Progression: Wie weit kannst du den Sport treiben? Neue Kombinationen oder neue Interpretationen alter Tricks bringen hier Punkte.
Da jeder Kurs anders ist und die Teilnehmer:innen gegen die höchste vorgelegte "Anker-Punktzahl" antreten, gibt es von Tag zu Tag und vor allem von Event zu Event unterschiedliche Scoring-Punkte. Ein Run, der dir in Whistler 60 Punkte einbringt, kann in Åre 70 Punkte wert sein oder umgekehrt.
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Trick-Kategorien im Slopestyle
Schauen wir uns nun die Tricks beim Slopestyle-Skifahren genauer an. Die wichtigsten Tricks, auf die du bei Events achten solltest, sind:
Flips: Flips werden immer entlang einer vertikalen Achse ausgeführt, wie ein Backflip. Wenn du dann noch eine horizontale Drehung hinzufügst, hast du einen Backflip mit einer vollen Drehung. Komplizierter wird es beim Lincoln Loop, bei dem die Fahrer:innen im Grunde ein Rad schlagen, und beim Double Cork, bei dem der Rider zwei verschiedene Drehungen außerhalb der Achse machen.
Rail Tricks: Sliden (oder grinden) oder Drehen auf Rails. Beim Disaster springen die Athlet:innen mitten im Slide über einen Knick (auch "Kink") im Rail, während beim Switch-up eine 180°-Drehung gemacht wird, um das Rail in die entgegengesetzte Richtung zu fahren.
Spins: Tricks, die eine Drehung um die horizontale Achse beinhalten. Sie werden nach dem Grad der Drehung benannt. Ein 1880 (oder 18) umfasst zum Beispiel fünf 360°-Drehungen. Ein Future Spin umfasst sechs volle Drehungen (2160 Grad) und wurde noch nie gelandet -- weder bei den Männern noch bei den Frauen.
Grab: Das Greifen der Skier in der Luft mit einer oder beiden Händen. Tail Grabs und Blunt Grabs zeigen an, welcher Teil des Skis festgehalten wird, während bei Tricks wie dem brillant benannten "Illegal" ein Tail Grab auf der Außenseite des Skis ausgeführt wird.
Hybride Tricks: Das Mischen verschiedener Stile von verschiedenen Tricks.
Und das ist noch nicht alles. Alle oben genannten Tricks können "normal" mit dem Blick nach unten, in der "Fakie"- oder "Switch"-Stellung, bei der der Fahrer:innen rückwärts starten oder landen, oder als "AlleyOpp", bei dem sich die Athlet:innen entgegen der Fahrtrichtung bergauf drehen, ausgeführt werden. All diese kleinen Tweaks sorgen für Flair und noch mehr Punkte.
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Slopestyle vs. Big Air vs. Freeride
Wenn du neu im Skisport bist, kann die Unterscheidung zwischen den Hauptkategorien schwierig sein. Wie bereits erklärt, geht es beim Slopestyle darum, bergab zu fahren, Features zu nutzen und Tricks auszuführen.
Big Air hingegen ist genau so, wie es klingt, mit einem einzigen großen Sprung pro Run. Das Ziel ist es, einen einzigen großen Trick auszuführen, der nach Schwierigkeit, Stil und Geschicklichkeit bewertet wird, wobei die Komplexität des Tricks natürlich auch berücksichtigt wird.
Beim Freeriden dreht sich alles um das Fahren abseits der Piste, bei dem die Athlet:innen unglaubliches technisches Können und die Fähigkeit, natürliches Gelände zu interpretieren, unter Beweis stellen müssen. Hier steht nicht der künstliche Parcours im Mittelpunkt – sondern das Spiel mit dem Berg und dem natürlichen Gelände.
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Unverzichtbare Ausrüstung für das Slopestyle-Skifahren
Wenn du mit Slopestyle loslegen willst, brauchst du die passende Ausrüstung. Wie tief du dabei ins Rabbit Hole eintauchst, bleibt dir überlassen: Man kann in unzählige Gear-Varianten investieren, die sich nur in Details unterscheiden – aber das Herzstück ist und bleibt ein gutes Paar Ski. Am besten eignen sich Twin-Tips, da die aufgebogenen Enden auch Rückwärtsfahrten ermöglichen. Direkt danach kommen Skischuhe und Bindungen.
Auch wenn Slopestyle meist auf präparierten Pisten stattfindet, kann der Schnee bei hohem Tempo oder harten Landungen ziemlich gnadenlos sein. Ein Helm ist daher Pflicht – und zwar ein guter. Protektoren sind optional, aber definitiv sinnvoll. Skibrille und Handschuhe schützen dich vor Schnee, Wind und Kälte. Dazu kommt klassische Winterausrüstung: wasserdichte Jacke und Hose, atmungsaktive Baselayer, Gamaschen und warme Skisocken.
Interessanterweise sind Skistöcke im Slopestyle kein Muss, können aber bei der Balance helfen. Was dagegen nicht verhandelbar ist: zuverlässiger Sonnenschutz.
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Wichtige Athlet:innen und die Entwicklung des Slopestyle
Bei den Spielen in Mailand-Cortina steht Slopestyle-Skiing bereits zum vierten Mal auf der ganz großen Bühne. Wenn du nicht so lange warten willst, lohnt sich ein Blick auf legendäre Pionier-Momente – etwa Henrik Harlauts Nose Butter Triple Cork 1620 von 2013. Es war zwar ein Big-Air-Run und brachte ihm seinen ersten X-Games-Sieg ein, sorgte aber weit darüber hinaus für gewaltige Wellen in der Freeski-Szene.
Ein weiterer bemerkenswerter Name ist Eileen Gu, die erste Freeskierin, die bei den Olympischen Winterspielen in drei Disziplinen Medaillen gewonnen hat. Megan Oldhams Triple Cork bei den X-Games 2023 katapultierte sie als erste Frau, die einen Triple Cork im Wettkampf landete, in die Geschichtsbücher.
Markus Eder hat 2022 in seinem Filmprojekt "The Ultimate Run" die beste Skiabfahrt aller Zeiten hingelegt. Im selben Jahr trug sich Jesper Tjäder in die Geschichtsbücher ein, als er bei seinem 127. Versuch ein 154,49 m langes Rail slidete. Das ist Hingabe!
Die absolute Legende Mathilde Gremaud gewann 2024 als erste Frau drei FIS-Kristallkugeln in einer Saison und trug damit dazu bei, den Sport für Frauen auf der ganzen Welt voranzubringen, darunter auch die phänomenale Kirsty Muir, die sich als nächster großer Slopestyler-Star empfiehlt. Und der erst 24-jährige Mac Forehand, der bereits mit 17 Jahren Weltmeister im Slopestyle wurde, sorgt weiterhin für Erstaunen.
Alles in allem treiben Slopestyle-Skifahrer:innen mit ständig neuen Ideen die Entwicklung des Sports voran und verschieben die Grenzen dessen, was auf Skiern möglich ist.
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