Jai Hindley und das Team von BORA-hansgrohe bei der Siegerehrung.
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Bike

Rad 'n' Roll: So funktioniert ein Radsport-Team in der UCI WorldTour

Wie viele Spezialisten braucht es, damit an 240 Renntagen pro Jahr ein Rädchen ins andere greift? Spoiler: Noch viel mehr als auf dem Sieger-Foto beim Giro d’Italia!
Von: Dominik Sander
5 min readPublished on
Im Mai 2012 noch mit einer Wildcard beim Giro d’Italia am Start, 2017 mit der WorldTour-Lizenz ausgestattet und weitere fünf Jahre später auf dem Radsport-Olymp angekommen: BORA-hansgrohe stellt mit Jai Hindley den diesjährigen Giro-Sieger! Ein Fingerzeig, welche Früchte der Umbruch, den Manager Ralph Denk beim bayrischen Rennstall eingeleitet hatte, trägt. Gleichzeitig der erste Erfolg für eine deutsche Equipe bei einer der drei traditionsreichen Landesrundfahrten (Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta a España) seit 23 Jahren.
In der Folge gingen die Bilder aus den Dolomiten um die Welt. Die von Jai Hindley und seinen Teamkollegen, die 80 Kilometer vor dem Ziel eine kollektive Attacke auf das Rosa Trikot starteten. Und wie der Australier zwei Tage später mit der Trophy (trofeo senza fine) sowie Ralph Denk und zwei Dutzend seiner Staff-Mitglieder auf dem Podium um die Wette strahlte.
Dennoch drückt das Siegerfoto beim Giro d’Italia nicht gänzlich aus, wie viele Hände und kluge Köpfe im Hintergrund im Einsatz sind und wie etwa die Fahrer-Gruppen für parallel laufende Rundfahrten entstehen. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen des Teams von Red Bull-Athlet Toni Palzer geworfen:

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Kader & Staff

Zu Zeiten eines Eddy Merckx galt: Jeder fährt auf jedem Terrain. Heutzutage braucht ein UCI-WorldTeam verschiedene Fahrertypen, um Woche für Woche auf dem Podium stehen zu können. BORA-hansgrohe richtete zu Jahresbeginn den Fokus mehr auf das Gesamtklassement, indem durch hoffnungsvolle Talente wie Jai Hindley und Alexandr Vlasov die Zahl der Rundfahrer auf acht erhöht wurde.
Rolf Aldag von BORA-hansgrohe

Der Sportliche Leiter Rolf Aldag fuhr selbst zehnmal die Tour de France.

© BORA-hansgrohe

Zu den Kletterspezialisten am Berg zählen der frühere Skibergsteiger Toni Palzer oder auch Felix Großschartner und Lennard Kämna, der gleichzeitig starke Zeiten im Kampf gegen die Uhr herausfährt. Der Unterschied zwischen den endschnellen Vollblut-Sprintern á la Sam Bennett und Klassikerspezialisten (u.a. Nils Politt, Max Schachmann): Letztere können das Peloton auch bei kurzen Anstiegen auseinanderreißen und scheuen auf dem Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix kein Risiko.
Ein Mechaniker von BORA-hansgrohe werkelt am Rad.

Die Mechaniker stimmen das Rad individuell auf jeden Fahrer ab.

© BORA-hansgrohe

Die insgesamt 30 Fahrer und ihre Trainer (vier) machen nicht mal ein ganzes Drittel im Mitarbeiter-Stab von BORA-hansgrohe aus. Rolf Aldag und sechs weitere Sportliche Leiter fahren in den Teamfahrzeugen hinter dem Peloton her und sind für die Strategie im Rennen verantwortlich. Einen Sitz dahinter: Die Mechaniker, die an den Carbon-Maschinen herumschauen und - wenn nötig - binnen einer Minute das Laufrad austauschen.
Ein Fahrer lässt sich nach einem Rennen massieren.

Bei 60 bis 80 Renntagen pro Jahr sind einige Massagen nötig.

© Bora-hansgrohe

Zahlreiche Aufgaben, die weder von technischer Natur sind, noch in den Bereich der acht Teamärzte fallen, erledigen sogenannte Soigneure. Einige füllen Flaschen auf und waschen die Trikots, andere fahren den Teambus und - hier kommt der Begriff ursprünglich her - massieren die Fahrer vor und nach dem Rennen. Abgerundet wird der Staff von BORA-hansgrohe durch Köche und Ernährungswissenschaftler sowie ein gutes Dutzend Office-Mitarbeiter, die für die Bereiche Kommunikation und Sponsoring zuständig sind.
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Fahrer-Gruppen

Wer die Rennen von Toni Palzer im Frühjahr verfolgt hat, dem dürfte aufgefallen sein: Häufig war der 29-Jährige ein wichtiger Helfer für den Kolumbianer Sergio Higuita. In Stein gemeißelt sind derartige Gruppen selbst bei drei parallel laufenden Rundfahrten in verschiedenen Ländern nicht, wie uns das Beispiel Nils Politt zeigt.
Toni Palzer und das Team von BORA-hansgrohe absolvieren die erste Etappe der Tour de Romandie.

Arm in Arm mit den Teamkollegen: Toni Palzer

© Sprint Cycling Agency

„Nils konzentriert sich im Frühjahr auf die Klassiker, danach bereitet er sich mit anderen Fahrern auf die Tour de France vor und ist dort als wichtiger Helfer sowie Etappenjäger im Einsatz“, erklärt Manager Ralph Denk. Über ein ganzes Jahr absolviert jeder Radprofi zwischen 60 und 80 Renntage.
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Rennplanung

Die für die Top-Teams verpflichtende UCI WorldTour umfasst 19 Eintagesrennen und 14 Etappenrennen. Auf die Landkarte im Radsport bezogen, heißt das so viel wie: Quer durch Europa, nach Asien sowie Nordamerika und wieder zurück. Inklusive Rundfahrten aus der UCI ProSeries und anderen Rennserien ist BORA-hansgrohe an etwa 240 Tagen pro Jahr on the road.
Entsprechend früh beginnen Ralph Denk und Co. mit den Planungen: „Im Herbst überlegen wir, welche Leader in welchen Rennen auf Ergebnis fahren sollen. Dann welche Rennen sie zur Vorbereitung brauchen. Danach müssen die richtigen Helfer eingeteilt werden. Es geht also rein um Fähigkeiten der Fahrer und weniger um Sympathie.“
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Management

Die Erfolgsgeschichte von Ralph Denk und seinem Rennstall (früher Team NetApp) ist auch die eines Bayers, der in einem Camper zur ersten Grand Tour gebraust war, um einige Jahre später Superstars wie Peter Sagan zu BORA-hansgrohe zu holen. Seine Hauptaufgaben liegen heute im Bereich Finanzierung und Sponsoring. Logistische Herausforderungen bleiben im Alltag jedoch nicht aus.
Teamchef Ralph Denk von BORA-hansgrohe an der Rennstrecke.

Ralph Denk entwickelte BORA-hansgrohe zum deutschen Top-Rennstall.

© Bora-hansgrohe

„Wenn Truck A mit Rad B von Sportler C in Südspanien ist, der Sportler aber Krank wird und dafür bei einem anderen Rennen eine Woche später in Belgien fährt, kann man sich vorstellen was das bei 30 Fahrern und ca. 150 Rädern bedeutet“, beschreibt der Teamchef von Toni Palzer. Und bei der oberen Absatz beschriebenen Mitarbeiteranzahl bekommt der Modebegriff „dezentral“ eine ganz neue Dimension. „Immerhin gab es so während der Pandemie keine Probleme bei der Umstellung auf Home Office“, sagt der 48-Jährige augenzwinkernd.
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Größte Erfolge

• UCI World-Team (seit 2017)
• Paris-Roubaix (Peter Sagan/2018)
• 3 Etappensiege bei Tour de France und Giro d'Italia (Peter Sagan, Sam Bennett, Max Schachmann/2018)
• Punktewertung Tour de France und Giro d’Italia (Peter Sagan, Pascal Ackermann/2019)
• Paris-Nizza (Max Schachmann/2020 und 2021)
• 2 Etappensiege Tour de France (Nils Politt, Patrick Konrad/2021)
• Punktewertung Giro d’Italia (Peter Sagan/2021)
• Gesamtwertung Giro d’Italia (Jai Hindley/2022)