Jetta
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"Alles dreht sich um die Melodie": So produzierst du einen Pop-Hit
18 Songwriter und Producer arbeiten in der neuen Serie "The Cut" an einem brandheißen Pop-Song. Wir haben die beiden Experten Jett und Darkchild gefragt, wie ein solcher entsteht.
Autor: Emma Finamore
veröffentlicht am
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The Cut

1 Staffel · 4 Folgen
In der neuen Serie "The Cut" arbeiten 18 zufällig ausgewählte Songwriter und Producer gemeinsam an einem Pop-Song - und dafür bleibt ihnen nur zehn Stunden Zeit. Da stellt sich natürlich die Frage, wie dieser Prozess abläuft. Wir haben Jetta und Rodney "Darkchild" Jerkins gebeten, uns diese Frage zu beantworten.
Dass Darkchild weiß, wie man einen Hit produziert, ist kaum zu bezweifeln. Er zeichnet sich verantwortlich für Songs wie "It's Not Right But It's Okay" von Whitney Houston, "The Boy Is Mine" von Brandy & Monica, "Say My Name" von Destiny's Child und "If You Have My Love" von Jenifer Lopez. Und die britische Singer-Songwriterin Jetta? Sie schätzt sich glücklich, Darkchild als Mentor zu haben.
Gemeinsam jammen sie und produzieren in Darkchilds Heim-Studio in LA ihre Tracks. Doch nicht nur der Producer liefert die notwendige Magie. Die Tochter einer A-Cappella-Sängerin weiß selbst, was einen potenziellen Chart-Hit auszeichnet. Ihre 2018 veröffentlichte EP "Tonic" voller atmosphärischer, elektronischer Elemente hat sie zur Gänze selbst produziert, während ihr aktuellster Track "Livin" ihren Ruf als neue heiße Aktie am Musikmarkt zementiert hat.
Also, wie schreibt man nun einen Pop-Song?
Die erste Episode von "The Cut" siehst du hier:
Music · 32 Min
Auf der Suche nach musikalischer Harmonie

Alles dreht sich um die Melodie

Für Darkchild beginnt alles mit einem Schlüsselelement, mit dem der Song lebt und fällt: "Ich glaube, was einen Song wirklich ausmacht, ist eine Melodie. Bei jedem erfolgreichen Hit ist es diese, die durchstrahlt, weshalb sie für mich auch der wichtigste Aspekt ist - es sind die Noten, die jeder mitsingt, selbst wenn die Lyrics nicht unmittelbar zu verstehen sind."
"Die meisten meiner Songs beginne ich deshalb auf dem Piano. Ich spiele verschiedenste Sequenzen und summe melodische Ideen vor mich hin. Je simpler diese ausfallen, desto besser, denn dann connecten sie mit einer möglichst großen Zahl an Hörern. Wenn du einen Hit wirklich auf seine absolute Grundlage herunterbrichst, dann wirst du sehen, dass das Ganze sehr einfach gestaltet ist. Vieles dreht sich einfach um simple Melodiefolgen."
Er verweist dabei auf die Refrains einiger seiner riesigen Hits wie "The Boy Is Mine" und "Say My Name", die zeigen, wie dieses einfache, aber effektive Mittel funktioniert und letztlich wirkt. "Ich kann all diese pathetischen Elemente später in der Produktion hinzufügen", erklärt er, "aber die Grundlage eines Songs beginnt für mich bei der Melodie."
Wenn du einen Hit wirklich auf seine absolute Grundlage herunterbrichst, dann wirst du sehen, dass das Ganze sehr einfach gestaltet ist.
Darkchild
Jetta, deren Mutter einen A-Cappella-Chor leitet, stimmt dem zu: "Als ich mir zum ersten Mal das Produzieren beibrachte, begann ich damit, Vocals und Harmonien übereinander zu legen, denn das ist das, was ich schon in meiner Kindheit machte", erzählt sie. "Und ich mache das auch heute noch. Diese Harmonien und Textzeilen sind nicht im Track eingebettet, sie stehen immer an vorderster Stelle." Sie vergleicht diese Herangehensweise mit Vocal-Künstlern der 60er-Jahre wie etwa The Supremes, vor allem aber sah sie, wie ihre Mutter mit ihrem Chor Pop-Tracks von Timbaland und Justin Timberlake neu interpretierte - und das beeinflusste sie maßgeblich.
"Die Leute lieben einen guten Beat", fügt sie hinzu. "Aber ich hebe mir die Drums meist bis zum Schluss auf. Viele beginnen genau damit, aber ich stehe auf instrumentelle Musik, also versuche ich zunächst, musikalische Landschaften mit Synths und anderen Effekten zu zeichnen. Dann fühle ich mich in den Track ein, singe dazu und erst zum Schluss suche ich nach einem Rhythmus, der das Gefühl unterstützt, auf das ich aus bin."
Es ist kein Zufall, dass das genau jene Herangehensweise ist, auf die auch Darkchild setzt, obwohl so viele HipHop- und Pop-Produzenten genau den anderen Weg gehen - der Beat komme zuerst. Man musst als Songwriter vorrangig einen guten Anfangspunkt finden, mit dem man weiterarbeiten kann.
Rodney “Darkchild” Jerkins
Rodney “Darkchild” Jerkins

Hol die verstaubten Bücher aus dem Regal

Ein Pop-Hit wäre kein Hit ohne die Lyrics, die die Hörerschaft zum Mitsingen auffordern - Worte, die jedermann singen und fühlen kann. Darkchild meint: "Wenn du eine Melodie mit den richtigen Lyrics kombinierst, das richtige Konzept findest und dieses dann seine Wirkung auf die Menschen auf der ganzen Welt entfaltet, dann hast du einen Chart-Hit produziert."
"Hol dir ein Wörterbuch" - Darkchild weist darauf hin, wie wichtig ein ausgeprägter Wortschatz für gut funktionierende Wortspiele ist. "Du kannst eine Behauptung aufstellen, die zugleich eine völlig andere Bedeutung in sich trägt. Fordere deine eigenen Worte also immer wieder heraus - wie kannst du die Lyrics noch cleverer gestalten? Also sind Wörterbücher meine erste Anlaufstelle."
"Egal, welche Art von Songwriting, es bietet sich auch an, sich ausführlicher mit HipHop-Tracks und Rappern auseinanderzusetzen. Sie bringen meist eine Gabe für Wortspiele und Metaphern mit, die du in keinem anderen Genre findest. Es trägt viel zu einem funktionierenden Song bei, wenn man ein herausragendes Wortspiel integriert. Du willst als Songwriter etwas ganz Bestimmtes auf eine andere Art und Weise aussagen."
Das heißt aber nicht, dass man sich der Simplizität entsagen sollte. Während Strophen lyrischen Überschwang durchaus zulassen, nehmen sich Darkchild und Jetta beim Refrain in dieser Hinsicht eher zurück. Hör nur einmal in den Chorus von "The Boy Is Mine" hinein.
"Er ist so simpel. Vier Wörter, vier einfache Noten, die sich in die Aufmerksamkeit der Hörer bohren." Bei "Say My Name" ist der Refrain ähnlich einfach gestrickt: "Drei einfache Worte. Wir glauben, die Dinge müssen komplex sein, aber wenn man es genau nimmt, ist es genau diese Einfachheit, von der ein Pop-Song lebt."
Hier siehst du die zweite Episode von "The Cut":
Music · 32 Min
Die Herausforderung

Bau auf diese soliden Grundfesten weiter auf

Sobald diese grundlegenden Elemente der Melodie (der Beats) und der Lyrics stehen, gehen Jetta und Darkchild in die Details - Songstruktur, Stimmung und die Ausschmückung der Produktion.
"Ab diesem Punkt liebe ich die Komplexität, all die verschiedenen neuen Elemente hinzuzufügen und mich den Details zu widmen", erklärt Jetta. "Man kehrt zu einem Song zurück und entdeckt immer wieder neue Dinge, die diesen spannender machen - ein Aspekt, der mir wirklich wichtig ist. Ich möchte die Leute überraschen. Mein aktueller Track 'Livin' beginnt a capella - du hast keine Ahnung, ob oder wann der Beat einsetzt. Ich mag das, es steckt ein kleiner Twist darin. Und gerade in der Musik, aber auch im Film und überhaupt in allem stehe ich auf solche Twists."
Darkchild sieht es genau so; auch ihm macht diese Phase des Producings am meisten Spaß. "Ab dem Punkt, an dem produziert wird, wird es ganz besonders interessant. Jetzt kannst du dem Song jede Richtung geben, die du willst. Möchte ich den Hörer zum Weinen bringen? Dann gebe ich dem Track einen tristeren Touch. Möchte ich ihn zum Tanzen bringen? Dann füge ich mehr Bass und Drums hinzu, die zur Bewegung auffordern. Möchte ich ihn zum Weinen UND zum Tanzen bringen? Dann gebe ich der Produktion Bewegung, während ich sichergehe, dass er auch ein emotionales Element enthält. Es ist, als würde man den Soundtrack zu einem Film schreiben - die Musik kontrolliert die Aussage eines Dialogs. Wenn du einen Film ohne Musik siehst, dann geht viel von der Emotion verloren."
Egal, welche Art von Songwriting, es bietet sich auch an, sich ausführlicher mit HipHop-Tracks und Rappern auseinanderzusetzen. Sie bringen meist eine Gabe für Wortspiele und Metaphern mit, die du in keinem anderen Genre findest.
Darkchild
Jetta baut sich einen Pool an Sounds auf, die bereitstehen, wenn es notwendig ist. Es ist eine Art "Goodie-Bag", mit der sich je nach Geschmack ein ganz eigener Twist kreieren lässt.
"Ich habe mir über die Jahre eine Sammlung an Sounds aufgebaut, die eine Wirkung auf mich entfalten", erklärt sie. "Ich spiele mit ihnen und bearbeite sie, bis sie ganz mir gehören. Vorrangig setze ich dabei auf Synth-Sounds, mit den verschiedensten Texturen und Charakteristiken. In diesem Metier bringe ich die meiste Flexibilität mit und ich liebe diese seltsamen, magischen Sounds, die du am Ende noch einbaust, wenn der Track eigentlich schon fertig ist. Es ist, wie ein letzter Hauch Feenstaub am Ende der Produktion."
Die Songwriter und Produzenten von The Cut.
Die Songwriter und Produzenten von The Cut.

Hör nicht auf, aktiv zu hören

Jetta und Darkchild streichen beide die Wichtigkeit heraus, permanent die Augen offen zu halten und bewusst der Umgebung zu lauschen. Sperr die Geräusche rund um dich nicht aus, denn du weißt nie, welche Inspirationsquelle dich beim Produzieren eines Songs in die richtige Richtung treibt.
"Ich lasse mich von Musik aus der Vergangenheit inspirieren und ich höre mir Alben von Künstlern aus der ganzen Welt an", erklärt Darkchild. "Japanischer Soul, Musik aus Italien, Frankreich, London...all die verschiedenen Möglichkeiten, wie die Leute an das Produzieren herangehen und Musik hören, versuche ich aufzusaugen. Ich höre mir so viele unterschiedliche Sounds und Texturen an und stelle mir die Frage, was sie einzigartig macht - und das trägt alles zu meiner Arbeit bei. So habe ich es meine gesamte Karriere lang gehalten."
Auch Jetta ist der Ansicht, dass sie noch eine Menge lernen kann, hat sie sich ihre Produktions-Skills im DIY-Style doch selbst angeeignet: "Ich sehe mich in dieser Hinsicht als Autodidaktin, also habe ich auch meine ganz eigene Art zu produzieren", erklärt sie. "Als ich es mir selbst beibrachte, hörte ich vor allem Gnarls Barkley und Adele - ich mag die Synkopen, die sie verwendet, wenn sie zum Klavier singt. Sie bekämpft auf eine gewisse Art und Weise den Beat, den Rhythmus, und findet ihren Weg rund um ihn herum. Ich liebte das; die Regeln zu brechen und nicht das zu machen, was man erwarten würde."
Timbaland und "lustigerweise auch Darkchild" waren ihre Helden unter den Produzenten, als sie sich selbst am Handwerk versuchte. "Beide verwenden Synkopen, all diese kleinen Polyrhythmen, was es einfach spannend macht, ihre Werke zu hören."

Beschwöre die passende Chemie

"Das ist ganz besonders wichtig", meint Jetta, wenn es um das wohl am schwersten zu steuernde Element des Produzierens geht: die Chemie einer Kollaboration. "Es ist seltsam, es geht nicht so sehr darum, wie du mit dem anderen zurechtkommst, sondern eher darum, wie dieser Dinge hört und sieht und wie genau das zu deiner Herangehensweise passt. Mir fällt es schwer zu erklären, was ich in Sachen Musik möchte - ich finde es leichter, es einfach zu machen. Deshalb funktioniert für mich das Produzieren auch besser als das einfache Songwriting. Aber manchmal sprüht dieser Funke, wenn du mit jemandem zusammenarbeitest; wenn du nicht einmal etwas sagen musst - dein Gegenüber versteht es einfach."
Ich liebe diese seltsamen, magischen Sounds, die du am Ende noch einbaust, wenn der Track eigentlich schon fertig ist. Es ist, wie ein letzter Hauch Feenstaub am Ende der Produktion.
Jetta
Sie verweist auf ihre Erfahrung mit Jim Elliot (M.I.A, Ellie Goulding, Kylie Minogue) bei der Arbeit an ihrer EP "Start A Riot" und, natürlich, auf das ähnliche gestrickte Mindset, das sie und Darkchild teilen.
"Das ist unheimlich wichtig. Normalerweise kann ich schnell sagen, ob eine Session großartig oder nur 'interessant' ist", lacht Darkchild. "Die Chemie muss stimmen, um am Ende erfolgreich zu sein. Bei all diesen Songs, die wir veröffentlichten, stehen hinter denjenigen, die zu wirklichen Hits wurden, auch großartige Sessions. Die Energie war einzigartig. Das ist der Grund dafür, warum sie zu dem wurden, was sie heute sind."
Teil dieser Story

The Cut

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