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Rap 💯

Warum der Mythos der Stieber Twins ungebrochen ist

Es ist 1996… und die Stieber Twins veröffentlichen ihr erstes und einziges Album. Der erste Deutschrap-Klassiker ist geboren.
Von: Carlos Steurer
4 min readPublished on
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.

1996 Stieber Twins “Fenster zum Hof”

Es ist 1996 und die junge HipHop-Kultur in Deutschland – trotz Radio-Airplay von den Fantas und Fettes Brot – noch eine überschaubare Selfmade-Szene. Als erste Generation nach Torch und Advanced Chemistry sprühten sich die Zwillinge und Graffiti-Maler Christian und Martin Stieber in Heidelberg einen Namen, nicht zuletzt weil sie einige denkwürdige Parts auf dem “Klasse von 95”-Sampler ablieferten. Ihr bis heute einziges Album “Fenster zum Hof” gilt als erster Konsens-Klassiker des Genres und erschuf einen Mythos um das Bruderduo, der bis heute ungebrochen ist. Allein der Titeltrack beinhaltet einige der meistzitierten Zeilen der Deutschrap-Geschichte.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der fünften Folge den ersten Konsens-Klassiker des Genres:
Als die erste Vinyl-Auflage von “Fenster zum Hof” Ende 1996 über Mzee Records erscheint, ist der Impact des Referenzwerks noch nicht spürbar. Mit einem Album der Twin Tower aus der Rhein-Neckar-Region rechnet kaum jemand, noch weniger mit einer 40 Minuten dichten Blaupause für “schlaue Beats und schlaue Texte”. Die Graffiti-Geheimsprache und der Studio-Nerd-Talk von Luxus Chris und Mr. Mar waren nicht leicht zu dechiffrieren. Und doch galten ihr stylischer Idealismus, das DIY-Regelwerk und die orthodoxen Rap-Gesetze schon bald als universelle Wahrheiten in der Szene. Ob Max Herre oder Kool Savas, Azad oder Samy Deluxe, Curse oder DJ Tomekk – alle waren im Stieber-Fieber und wollten mit Chris und Mar, die mindestens auf Augenhöhe mit den besten MCs des Landes operierten, arbeiten.
Stieber Twins ‎"Fenster Zum Hof" LP

Stieber Twins ‎"Fenster Zum Hof" LP

© MZEE Records

Man konnte oft gar nicht auseinanderhalten, wer von den beiden nun rappt oder an den Maschinen sitzt. Die Stiebers waren eine untrennbare, detailverliebte Einheit, HipHops gutes Gewissen, das ursprüngliche Team Reality Check. Wie das Doppelpack auf “Fenster zum Hof” US-Jazz-Götter, die Sample-Studien von Pete Rock und die Vier-Elemente-Lehre der Zulu Nation ins Kurpfälzische übersetzt, beschäftigt noch zwei Jahrzehnte später Produzenten, Rapper, DJs und Kulturwissenschaftler. Two true brothers verpassten der globalen Kultur einen lokalen Swagger: die Geburt eines neuen Cools im deutschen Rap.
Ralf Kotthoff, Label-Mitgründer von Mzee Records und Grafiker des Album-Artworks, erinnert sich: “Der Heidelberger Slang der Stiebers war für mich ein Schlüsselmoment in Sachen 'Realness'. So wie die beiden redeten, rappten sie auch. Es gab diese großartige Fett-MTV-Anzeigen-Kampagne (HipHop-Format auf MTV; Anm. d. Red.), in der sie im Unterhemd am Esstisch saßen und Klöße aßen. Alle anderen haben rumgepost, einen auf Oldschool mit Adidas- und Leder-Jacken gemacht und die Codes aus Amerika oder Frankreich adaptiert. Und plötzlich kamen die Stiebers und verarbeiteten dieses Urdeutsche, was wir als unseren Alltag wahrnahmen, in ihren Texten und visuell. Das war völlig neu.«
Einzigartig ist auch noch immer das Standing der Stiebers als Institution in der Subkultur, obwohl Martin Jeckyl und Christian Hyde nach ihrem Debüt nur wenige Gast-Strophen und -Produktionen, einige B-Boy-Breaks, und eine weitere epische Doppel-Single (“Malaria”/”Schlangen sind giftig”) veröffentlichten. Von den Kollegen sträflich vermisst, zogen sich die beiden um die Jahrtausendwende zurück. Chris arbeitet als Architekt und Martin in seinem HipHop-Shop in der Heidelberger Innenstadt. Noch immer wird ihr Erbe in Erinnerung gehalten und zum heiligen Genre-Gral stilisiert: von den Beginnern, Dendemann, Eko Fresh, Blumentopf, Prinz Pi, Huss & Hodn, Moses Pelham oder dem hessischen Bruderpaar Mädness & Döll sogar im Albumtitel “Ich und mein Bruder”.
Auf dem Titeltrack, der Hitchcock-Referenz “Fenster zum Hof”, perfektionieren die damals Anfangzwanziger über einen hypnotischen Piano-Loop und legendären Drumbreak von Lou Donaldson ihren nordbadischen Golden-Era-Entwurf mit Rap-Zitaten für die Ewigkeit. Am prominentesten samplete Megaloh 2013 ihren Einstieg “Ich weiß, dass was ich weiß, das weiß ich. Rap ohne Weitsicht? Uuh, ich weiß nicht!”. Der Berliner schaffte es sogar, die Brüder für eine Strophe zum Remix von “Dr. Cooper (Ich weiß)” zu reaktivieren. Darauf rappt Martin zum ersten Mal seit fast fünfzehn Jahren: “Meine Platte ist so klassisch, wir stehen schon unter Denkmalschutz.” Die Stieber Twins sind das einzige Deutschrap-Duo, das diesen Status tatsächlich verdient hätte.

War noch was?

Ist “Fenster zum Hof” von Stieber Twins wirklich der wichtigste Song des Jahres 1996? Dr. No sieht das anders.

Massive Töne “Kopfnicker”

Ja, die Stiebers, schön und gut. Können sich alle darauf einigen, wa? Sind halt die Stiebers, Legenden und so. In Wahrheit aber hing der Hammer 1996 längst woanders. 78 Kilometer weiter südöstlich nämlich, bei den Massiven. Die klangen so heftig, als wäre die Mutterstadt, von der sie immer sprachen, nicht Stuttgart, sondern New York. Die Massiven waren die Neuen, die Stiebers über Nacht Old-School. So ist das im Hip-Hop. Nichts bleibt für immer. Außer vielleicht Songs wie dieser.

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