Klettern

Die Felstürme von Ulachan-Sis: Kilian Fischhubers Expedition ins Ungewisse

© Elias Holzknecht/Red Bull Content Pool
Angeführt von einem russischen Guide ohne GPS wagt sich Kilian Fischhuber tief in die sibirische Wildnis, um die mysteriösen "Rock-Citys" des Ulachan-Sis zu finden.
Autor: Josh Sampieroveröffentlicht am
Klettern · 23 Min
Terra Incognita
Tief im Norden Sibiriens, in der Republik Sakha, liegt eine kleine Ortschaft mit nur 2.000 Einwohnern. Genau das ist der Startpunkt eines außergewöhnlichen Abenteuers von Kilian Fischhuber und seiner Crew rund um Robert Leistner aus Deutschland und Galya Terenteva aus Russland.
Ihr Ziel? Eine Gruppe sich auftürmender Granitfelsen, die erst 2016 von einem russischen Fotografen von der Luft aus entdeckt wurden. Ob sie kletterbar sind? Das findet die Crew erst heraus, wenn sie nach einem dreitägigen Marsch durch den Sumpf dort ankommen.
Das Ziel der Kletterer...
Das Ziel der Kletterer...

Auf Satelliten-Karten ist dieser Ort nicht zu finden...

Aber es ist ein Trip ins Ungewisse - Es gibt keinen Anfang und keine wirklichen Anhaltspunkte, wonach die Crew die Augen offen halten sollte. Mit einigen Messinstrumenten gelang es Fischhuber die Region zumindest einzugrenzen, aber ohne konkrete Hinweise fiel es schwer, die genauen GPS-Koordinaten der Rock Citys festzulegen. Doch genau das machte den Reiz aus. Zwar wollte er die Geschichte der Expedition teilen, doch ist er sich nicht sicher, ob das den genauen Standort mit einbezieht: "Es ist ein Mysterium und vielleicht können wir dafür sorgen, dass es so bleibt."

Fischhuber machte sich Sorgen, dass alles nur ein Hoax ist...

Die Welt hörte von diesen einzigartigen Felsformationen erst, als die Fotos im Jahr 2016 in den Sibirian Times auftauchten. Sie stammten von Sergey Karpukhin, einem russischen Abenteurer, Fotografen und - so hofften Fischhuber und Co. - ihr Guide. Der Crew gelang es, mit ihm in Verbindung zu treten und es brauchte etwa ein Jahr, um bei mühsamer Kommunikation via Google Translate die Details festzulegen.
Fischhuber gehört zu den besten Kletterern der Welt!
Fischhuber gehört zu den besten Kletterern der Welt!
"An einem Punkt machte ich mir Sorgen, dass alles nur ein Hoax ist", erklärt er. "Wir konnten nicht herausfinden, wer dieser Kerl war, und ob das, was er sagte, der Wahrheit entsprach. Ich holte so viele Infos über ihn ein, wie ich konnte, weil ich ihm vollkommen vertrauen musste."
Sergey Karpukhin hat dem Ort schon einige Besuche abgestattet...
Sergey Karpukhin hat dem Ort schon einige Besuche abgestattet...

Sie verließen sich auf das Essen in der Tundra...

Die Nahrung, die eine Crew aus professionellen Kletterern zehn Tage lang benötigt, 30 Kilometer durch Sumpfgebiet zu tragen, war keine Option. Zum Glück hatte Sergey bei seiner Expedition im letzten Winter dort bereits Nahrung deponiert. Auch hier mussten sie ihm vertrauen - oder gleich nach der Ankunft wieder umkehren. Würde die Verpflegung noch da sein? "Ziemlich sicher", schätzte Sergey.
Das Abenteuer beginnt...
Das Abenteuer beginnt...

Die Gummi-Stiefel waren die besten Freunde...

30 Kilometer sind nicht weit - außer, du wanderst auf schmelzendem Permafrost. Den gesamten Winter über war das gesamte Terrain mit Schnee bedeckt, als die Temperaturen bei -70° Celsius lagen. Im Sommer steigen diese auf 30°! Direkt unter der Sumpfschicht: blankes Eis, was bedeutet, dass das Wasser keinen Ausweg findet und der Matsch so gut wie überall ist. Sergey meinte vorab, dass Gummistiefel essenziell sind.
Fischhuber und Crew haben das Memo über die Gummistiefel gelesen!
Fischhuber und Crew haben das Memo über die Gummistiefel gelesen!
"Die Gummistiefel waren meine besten Freunde", erinnert sich Fischhuber. "Du konntest ohne sie keinen einzelnen Schritt machen - nicht einmal aufs Klo gehen."

Mit 200 Kilogramm Gepäck und ohne Wasser durch den Sumpf...

Klettern ist ein Sport, der nach jeder Menge Ausrüstung verlangt. Zusätzlich zu den Zelten, Matten und der restlichen Camping-Ausstattung mussten sie 60 Meter lange Seile, einen Hammer und die essenzielle Kletterausrüstung mitschleppen. Am Ende brachte alles zusammen über 200 Kilogramm auf die Waage - während sie auf das Wasser verzichteten.

Überall Sonne...den ganzen Tag...

"Wir waren so weit nördlich unterwegs, sodass die Sonne nie unterging", erklärt Fischhuber. "Es dämmerte nur ein paar Stunden - und das war tatsächlich die beste Zeit, Meter gut zu machen, da es etwas kühler war."

Zweimal herzhaft, einmal süß...

Mit der permanenten Sonne im Rücken waren normale Essenzeiten nicht wirklich praktisch. Also legte sich das Team eine Routine fest: zwei herzhafte Mahlzeiten, gefolgt von einer süßen und das alle sechs Stunden. Genug, um am Ende noch klettern zu können.

Zu trinken gab es nur Wasser aus der Tundra...

"Wir hatten Sergey danach gefragt, Wasser mitzubringen", erzählt Fischhuber weiter. "Er meinte, wir sollten uns darum keine Sorgen machen. Das Wasser ist überall - und er hatte Recht!" Da sie sich in der Frühsaison aufmachten, gab es eine Menge schmelzenden Schnee. Diesen kochten sie. Am Ende des Trips, als das Wasser knapp wurde, tranken sie aber direkt aus den Pfützen. "Niemand wurde krank, da hatten wir wirklich Glück", meint er rückblickend.
Die Gruppe aß und trank, so oft sie konnte.
Die Gruppe aß und trank, so oft sie konnte.
Nach nur eine Stunde sahen wir den ersten Pfotenabdruck eines Bären - und er war riesig!
Kilian Fischhuber Portrait
Kilian Fischhuber
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Es gab Insekten - und Bären...

Eine der ersten Fragen, die Kilian Sergey stellte, war, ob sie auf Bären treffen würden. "Er meinte 'Wahrscheinlich nicht'! Nach nur eine Stunde sahen wir den ersten Pfotenabdruck eines Bären - und er war riesig!" Zudem gab es eine Menge Mosquitos. "Auch da hatten wir zunächst Glück. Am Hinweg hatten wir ein paar Insekten, aber es war nicht allzu schlimm. Beim Rückweg waren da Millionen! Du konntest ihnen nicht entkommen - es war beinahe biblisch!"
Die Insekten waren eine permanente Qual...
Die Insekten waren eine permanente Qual...

12 Felsen, 12 neue Routen...

In zehn Tagen in der Tundra gelang es ihnen, 12 neue Kletter-Routen auf 12 verschiedenen Felsformationen zu klettern. "Vergiss nicht, dass wir eine Menge Zeit dafür verwendeten, nach der richtigen Linie zwischen unzähligen Felsen zu suchen". Hinzu kam, dass sie natürlich auch die passenden Sicherheitsvorkehrungen treffen mussten!

...mit dem Potential für hunderte weitere Kletter-Routen...

"Dort gibt es hunderte, wenn nicht tausende dieser Felsen", erinnert er sich. Und das ist nur das, was sie mit ihren eigenen Augen sahen: "Wir wissen durch Luftaufnahmen, dass es Regionen mit noch mehr Felstürmen gibt!" Das Potential für die Zukunft ist damit massiv - auch wenn der Weg dorthin ein Geheimnis bleibt...
Die Felstürme bestanden aus purem Granit...
Die Felstürme bestanden aus purem Granit...