Surfen

In It To Win It: Ricardo und Ronaldo Friesen

Autor: Henner Thiesveröffentlicht am
Von wegen Ice Age: Mit SantoLoco kultiviert das brasilianische Brüderpaar den Surf-Stoke in München
Ricardo Friesen vor dem SantoLoco Shop in München
Ricardo Friesen vor dem SantoLoco Shop in München
Morgens, halb zehn in München. Ricardo Friesen sitzt im Halbdunkel seines Surfshops SantoLoco und nippt an einer Tasse Kaffee. Das Klingeln des Telefons ignoriert er: „Wir öffnen erst um zehn“, sagt er gelassen, fast gutmütig. Mehr nicht. Um ihn herum wuseln drei Angestellte – zwei treffen letzte Vorbereitungen im Shop, eine im daran anschließenden Café. „The only proof I need for the existence of God is the ocean“ steht über dem Ricardo geschrieben. Sich selbst und seinen Bruder Ronaldo wird der gebürtige Brasilianer später mit den Opossums aus Ice Age vergleichen. Eindeutig: Unter diesem Dach trifft Santo auf Loco, heilig auf verrückt. Vielleicht genau das, was Münchens Surfszene braucht.
Ricardo, bevor du verrätst, warum zwei gebürtige Brasilianer einen Surfshop in München eröffnen – wo ist dein Bruder?
Ronaldo ist für ein Jahr auf Fortbildung in den USA. Er macht dort einen Management-Intensivkurs. Im Juli kommt er zurück. Pünktlich zur Geburt meiner Tochter. Vielleicht tauschen wir dann kurz die Rollen, und er muss die Stellung im Shop halten, während ich mich um die Familie kümmere...
Wie seid ihr als Surfshop-Besitzer in München gelandet?
Wir sind in Brasilien geboren, hatten aber immer schon Kontakt zu Deutschland: Unsere Großmutter ist Deutsche. Sie ist während des Ersten Weltkriegs nach Brasilien ausgewandert. Dank ihr haben wir von klein auf Deutsch gelernt. Wir sind in unserem Heimatort Curitiba außerdem auf eine deutsche Schule gegangen. Als unser Vater, der in Brasilien für Siemens tätig war, 1993 das Angebot bekam, in München zu arbeiten, sind wir mit der ganzen Familie rüber.
Ricardo Friesen: Eine gewisse Naivität gehört dazu
Ricardo Friesen: Eine gewisse Naivität gehört dazu
Was hat euch letztlich in Deutschland gehalten?Ich war gerade dabei, Groß- und Außenhandelskaufmann zu studieren. In Brasilien hätte ich diese Möglichkeit nie gehabt, weil das Studieren dort extrem teuer ist. Die Ausbildung im Anschluss hat mir so viel Spaß gemacht, dass mein Bruder Ronaldo dasselbe gemacht hat. Nach ein paar Jahren hatte ich keine Lust mehr auf Computer. 2005 habe ich deshalb meinen Job gekündigt. Mein Bruder hatte zufällig drei Monate zuvor auch gekündigt.
Und da kam euch die Idee, gemeinsam einen Surfshop aufzumachen?(lacht) Ich wollte eigentlich eine Art Luxus Kindergarten aufmachen, bei dem man seine Kinder auch mal übers Wochenende lassen kann. Die Idee mit SantoLoco kam wenig später von meinem Bruder. Wir haben beide früh mit dem Surfen angefangen und lieben den Sport und den damit einhergehenden naturbezogenen Lifestyle bis heute. Als wir unseren Eltern davon erzählt haben, hat unsere Mama gesagt: „Ihr bekommt nur unseren Segen, wenn ihr das zusammen macht“.
Wann habt ihr SantoLoco eröffnet?
Am 1. März 2007. Die Gründungsphase hat Riesenspaß gemacht, uns aber auch viel abverlangt. Wir dachten, das Ganze würde ein Kinderspiel werden. Dass es das nicht wird, haben wir sehr schnell gelernt (lacht).
Was waren einige wichtige Lektionen, die ihr in den Anfangsjahren gelernt habt?
Die erste Lektion war, dass es auch in der Surfbranche nicht um Freundschaft geht, sondern um die Kohle. Damals haben andere Shop-Besitzer sogar Wetten darauf abgeschlossen, wie lange es uns geben würde – der höchste Einsatz waren neun Monate! (lacht) Wenn man das mitbekommt, ist das schon eine Enttäuschung, selbst wenn ich das heute fast nachvollziehen kann, so unbedarft, wie wir an die Sache ran gegangen sind.
[Bevor der Interviewer fragen kann, wie sich ihre Naivität geäußert hat, schiebt Ricardo seinen Laptop rüber: „Kennst Du Ice Age“? Dann zeigt er einen mehr als aussagekräftigen Auftritt der zwei Opossums Eddie und Crash: „Das erklärt uns und unsere Herangehensweise damals sehr gut.“]
Vor diesem Hintergrund: Wie kann es sein, dass euer Laden überhaupt noch steht? (lacht) Gute Frage. Zumal wir von den acht Jahren, die es uns nun gibt, fünf eine Baustelle vor der Nase hatten! Von daher ist das mit den Opossums nicht ganz so falsch. Trotzdem: Wenn wir jetzt zurückschauen, stehen den vielen Ernüchterungen ebenso viele schöne Erlebnisse gegenüber.
Zum Beispiel?
Dass wir den Laden überhaupt bekommen haben, betrachte ich bis heute als ein Wunder. Wir haben uns lange für verschiedene Immobilien beworben und nur Absagen erhalten. Teilweise haben sich die Vermieter lieber Gemüsehändler ins Haus geholt als uns! Irgendwann ist Ronaldo an unserem heutigen Laden vorbeigelaufen. Der ältere Herr, dem die Immobilie gehört, hat uns kurz darauf getroffen und uns den Zuschlag gegeben, obwohl er Leute an der Hand hatte, die das Doppelte bezahlt hätten. Er wollte uns einfach eine Chance geben.
Wie es scheint, habt ihr die genutzt: Was zeichnet euren Laden heute aus?
Mittlerweile repräsentiert der Laden das, was wir sind. Am Anfang haben wir viel zu viel auf Markenvertreter und andere Leute gehört. Das hat dazu geführt, dass wir Produkte im Laden hatten, die wir selbst nie mit reingenommen hätten. Diese Zeiten sind vorbei (lacht). Seit anderthalb Jahren haben wir sogar das Café im Laden, das wir immer wollten...
Kaputtes Brett? In München Kein Problem...
Kaputtes Brett? In München Kein Problem...
Und bietet Board-Repair an...
Für uns läuft das unter Dienstleistung. Wir verdienen daran kaum etwas. Würde uns der Shop nicht selbst gehören und wir wären an Investoren gebunden, wäre der Surfboard-Repair schon lange weg (lacht). Wir hoffen darauf, dass sich dieser Service im Vertrauen und in der Treue unserer Kunden niederschlägt. Ich denke, das funktioniert auch.
Nun da euer Laden läuft, was ist euer langfristiges Ziel?
Im Grunde wollen wir uns mit dem Geld, was wir hier verdienen, sozial engagieren. In Albanien und Ägypten tun wir das bereits, dort unterstützen wir einen Kindergarten und ein Waisenhaus. Hierzulande würden wir auf lange Sicht gerne dabei helfen, in München wieder eine Skatehalle zu eröffnen. Für uns gehört es zum Business dazu, etwas zurückzugeben. Wir haben schon viele Rückschläge erlebt – den frühen Tod unserer Eltern zum Beispiel. Deshalb möchten wir so viele Kids und Jugendliche wie möglich unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch.