Surf-Profi Leon Glatzer posing steht in München für ein Porträt bereit.
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Surfen

Über Druck und Diamanten: Leon Glatzer im Porträt

Leon Glatzer wird für immer der erste deutsche Surfer bei Olympia sein. Ein historischer Meilenstein, den sich der junge Highflyer hart erarbeitet hat – und der ihn für immer prägen wird.
Autor: Henner Thies
9 min readveröffentlicht am
Der 3. August 2016 ist der Tag, der für Leon Glatzer alles verändert. Es ist der Tag, an dem das IOC verkündet, Surfen ins Olympische Programm aufzunehmen. Mit einem Mal sind Leons kühnste Träume zum Greifen nah: „Ich wollte erfolgreich sein und mir einen Namen im Surfen machen – und das war meine Chance. Vielleicht die beste, die ich je kriegen würde“, erinnert sich Leon. Noch am selben Tag schwört sich der damals 21-Jährige: „Ich werde alles dafür geben, der ersten deutsche Surfer zu sein, der bei Olympia startet.“
Sechs Jahre später wissen wir: Genau das hat er geschafft. Beflügelt von den Erinnerungen an Usain Bolts erste Auftritte bei den Spielen 2008 in Peking, die Leon damals als Elfjähriger in Costa Rica verfolgte, wirft er alles in die Waagschale. Wie viel ihm die nächsten Jahre wirklich abverlangen, erkennt Leon jedoch erst Wochen später, als alles geschafft und alles vorbei ist.

Über Kassel und Hawaii nach Costa Rica

Surf-Profi Leon Glatzer als Jugendlicher mit seinem kleinen Bruder in Costa Rica.
Leon mit seinem Bruder in Costa Rica.
Leon Glatzers hollywoodreife Reise zu Deutschlands erstem Surf-Shooting-Star startet mit dem Umzug seiner Eltern von Kassel nach Hawaii, da ist Leon nicht einmal geboren: „Meine Mama hat damals als Model gearbeitet, mein Dad in einem Labor. Als sie soweit waren, Kinder zu bekommen, haben sie entschieden, dass sie diese nur am Meer großziehen wollten, also sind sie nach Hawaii gezogen“, erzählt Leon. „Zwei Jahre später wurde ich geboren.“
Als Leon zwei ist, zieht seine Mama mit ihm nach Pavones, ein kleines Fischerdorf in Costa Rica, in das sich seine Mama auf einer ihrer Reisen Hals über Kopf verliebt hat. Weil es den Vater nach Kalifornien zieht und er sich ein Leben in Pavones nicht vorstellen kann, trennen sich Leons Eltern. „In Costa Rica hat meine Mum recht bald einen Mann kennengelernt, der halb Tico, halb Engländer ist“, erklärt Leon seine Patchwork-Familie. „Mit ihm bin ich aufgewachsen, weshalb ich ihn heute als meinen Dad sehe. Mit ihm hat meine Mum auch meinen kleinen Bruder bekommen, mit dem ich bis heute sehr eng bin!“
Surf-Profi Leon Glatzer beim Surfen in Teahupoo, Tahiti, am 30. Mai 2022.
Leon Glatzer beim Surfen in Teahupoo, Tahiti.
Das Faszinierendste am Surfen ist: sobald ich im Meer bin, verwandele ich mich in jemand anderen.
Mit dem Umzug nach Costa Rica beginnt auch Leons Liebe zum Ozean und zum Surfen. Seine erste Welle surft er mit vier Jahren an einem Strand namens Nosara im Norden Costa Ricas: „Ich weiß noch, dass mich meine Mum auf einem Boogieboard mit ins Wasser genommen hat. Die ersten Wellen bin ich auf dem Bauch gerutscht. Nach der fünften oder sechsten Welle dachte ich: wie viel cooler wäre es, auf dem Brett zu stehen. Also habe ich tagelang versucht, auf dem Boogieboard aufzustehen. Eine Woche später habe ich es endlich geschafft und mir gedacht: das ist das beste Gefühl auf der Welt!“

Die perfekte Kindheit? Surf. Eat. Sleep. Repeat!

Surf-Profi Leon Glatzer performt in jungen Jahren einen Air.
Leon in jungen Jahren – bereits damals ein Highflyer!
Leons erste Welle ist der Start einer echten Leidenschaft und einer wie Leon selbst sagt „perfekten Kindheit“. Und tatsächlich: Würde es für Surfer eine Blaupause für die perfekte Kindheit geben, sie sähe aus wie die von Leon Glatzer: Das Elternhaus einen Steinwurf von einer der besten Wellen der Welt entfernt, Schulunterricht zuhause und nur dann, wenn die Wellen es erlauben, und dazwischen alle Freiheiten, sein junges Leben gemeinsam mit seinen Freunden und dem Bruder in vollen Zügen zu genießen.
Foto von der perfekten Rechtswelle in Pavones, Costa Rica.
Perfektion in Pavones: Kann man als Homebreak machen...
„Meine Kindheit war ein absoluter Traum“, bekräftigt Leon. „Wir haben keine fünf Gehminuten von Pavones entfernt gelebt, ich hatte drei Stunden Heimunterricht am Tag und den Rest des Tages bin ich surfen gegangen. Wenn die Wellen schlecht waren, bin ich mit meinen Freunden zum Fußballspielen oder Fischen gegangen. Ich war vollkommen frei, ohne jede Einschränkung.“ Leon hat diesen Freiraum genutzt, um sich und seine Talente voll und ganz zu entfalten. Jede freie Minute verbringt er im Meer. Und mit seinem Können in jungen Jahren ist er schon bald ein bunter Hund in Pavones. Als Leon 14 ist, kommt eins zum anderen und Leons Traum vom Leben als Profi-Surfer nimmt langsam Gestalt an.
Surf-Profi Leon Glatzer mit seiner Mum und dem kleinen Bruder in Pavones, Costa Rica.
Leon mit seiner Mum und dem kleinen Bruder in Pavones.
Meine Kindheit war ein absoluter Traum.
„Plötzlich tauchte in Pavones ein deutscher Surfer namens Thomas Lange auf“, erinnert sich Leon. „Dem gehörte eine Surfboardmarke namens Fatum. Er war eigentlich zum Surfen in Pavones, hat dann aber mich gesehen und meinte, dass ich ein super Surfer für mein Alter sei. Als er erfahren hat, dass ich Deutscher bin, hat er mich sofort mit Quirin Rohleder vernetzt“, so Leon weiter. Als Rohleder die ersten Videos von Leon sieht, weiß er: dieser Bursche hat eine Zukunft im Surfen! Rohleder lässt sofort seine Kontakte in Europa spielen, und kommt wenig später mit fünf konkreten Sponsoring-Angeboten auf Leon zu. Mit 15 unterschreibt Leon seinen ersten Vertrag mit Volcom. Dann geht es schnell.

Von Pavones in die Welt der Profis

Surf-Profi Leon Glatzer beim Surf-Training in Tahiti, 2022.
Leon Glatzer beim Surf-Training in Tahiti.
2012 macht Leon seinen ersten internationalen Surftrip. Er fliegt für drei Monate nach Frankreich, um dort mit einigen anderen internationalen Surf-Talenten zu trainieren. „Bei diesem Trip hat es klick gemacht“, erinnert sich Leon. „Von da an war ich mir sicher: dieser Weg ist wie für mich gemacht.“
Zurück in Costa Rica gewinnt Leon seine ersten nationalen Contests, bevor er wieder nach Frankreich reist, diesmal für fünf Monate. Über die Jahre werden aus ein paar Monaten auf Reisen elf Monate im Jahr, in denen Leon unterwegs ist – auf Contests und auf Surf-Trips. Er filmt seine ersten professionellen Video-Clips – „El Schnitzel“, „Mütze Glatze“ und etwas später einen Surffilm für G-Shock in Norwegen. „Diese drei Clips waren für meinen Start in die professionelle Surf-Welt enorm wichtig“, bekräftigt Leon. Alles läuft wie am Schnürchen und doch schleichen sich bei Leon zum ersten Mal Zweifel ein.
Porträt-Foto von Surf-Profi Leon Glatzer unter einem Palmenblatt.
Leon Glatzer: Too blessed to be stressed.
Surfen fühlt sich für mich nach vollkommenem Frieden an. Das ist unbeschreiblich und unbezahlbar.
„Das viele Reisen und Weg-von-zuhause-Sein war am Anfang nicht leicht für mich. Ich komme aus einem kleinen Fischerdorf am Ende Costa Ricas, wo mich jeder immer gefeiert hat: du bist der Beste, wir lieben dich… gefühlt war ich jahrelang der König von Pavones. Dann kommst du zu all diesen internationalen Contests und denkst dir nur – wow, diese Jungs surfen so unglaublich gut! Dann das Essen, an das du dich gewöhnen musst und das kalte Wasser… Es hat Jahre gedauert, bis ich mich an all diese Dinge gewöhnt habe“, gesteht Leon.
Doch der Traum vom Profidasein überwiegt letztlich alle Zweifel. „Rückblickend wäre mein elfjähriges Ich so stolz auf den 25-jährigen Surfer, der ich heute bin, dass es mich einfach nur glücklich macht, dass ich es bis hierher geschafft habe“, strahlt Leon.

Der König von Pavones wird zum Modell-Athleten

Surf-Profi Leon Glatzer geht bei einem Surf-Trip auf den Malediven mit seinem Suerfbrett ins Wasser.
Leon bei einem Surf-Trip auf den Malediven.
„Der Tag, an dem verkündet wurde, das Surfen olympisch wird, ist für mich bis heute einer meiner wichtigsten Milestones überhaupt“, meint Leon. Auf einmal gibt es für das deutsche Surf-Team, dem Leon zu diesem Zeitpunkt bereits angehört, mehr Funding und Möglichkeiten, gezielter zu trainieren und mit mehr Coaches zu arbeiten – vom Sportpsychologen über den Physiotherapeuten bis zum Ernährungscoach.
Wie damals als kleiner Grom in Pavones schöpft Leon auch dieses Mal seine Möglichkeiten komplett aus: Er krempelt sein Leben um, trimmt alles auf Performance. „Keine wilden Parties mehr, jeden Tag um 5 Uhr aufstehen, hartes Training, Yoga und jede Surf-Session diente einem speziellen Trainings-Ziel“, fasst Leon sein hartes Trainings-Regiment zusammen. Gemeinsam mit seinem Coaching-Team macht sich Leon zur effektivsten Wettkampf-Maschine, die er sein kann. Aus Hingabe wird noch mehr Hingabe, Professionalität ist das höchstes Ziel. Und die Arbeit zahlt sich aus: Er beginnt WQS-Events zu gewinnen, holt Podium um Podium und löst so sein Ticket für die alles entscheidende Olympia-Quali bei den ISA Games 2021 in El Salvador.
Surf-Profi Leon Glatzer surft beim den ISA World Games in El Salvador.
Leon beim alles entscheidenden Quali-Contest in El Salvador 2021.
Das zu schaffen, wofür ich so hart gekämpft habe, war das beste Gefühl ever.
Als nach einem echten Nervenkrieg in den Wellen von Punta Roca klar ist, dass Leon die Qualifikation für Tokio geschafft hat, muss er sich erst einmal übergeben: „Der Druck und der Stress waren so groß und die Wochen und Monate davor so emotional, dass ich mich erstmal sammeln musste“, erinnert sich Leon. Heute kann er über diesen Moment lachen. Weil er es geschafft hat. Weil er dem Druck und dem eigenen Anspruch, es als erster Deutscher auf die Weltbühne zu schaffen, Stand gehalten hat. Es hätte auch anders kommen können.
„Was ich mir und meinem Körper in dieser Phase zugemutet habe, war wirklich hart“, gesteht Leon. Auch deshalb hat er rund vier Monate nach den Olympischen Spielen einen echten Einbruch: „Da war ich kurz raus aus allem. Teils aus Erschöpfung, teils weil plötzlich dieses Vierjahresziel erreicht war, und der Druck von mir abfiel.“ Doch auch das gehört dazu. „Mit großem Erfolg kommt auch ein gewisser Druck“, weiß Leon. Wer da früh lernt, immer wieder auch auf seinen Körper zu hören, wird bleiben. „Es waren definitiv einige der lehrreichsten Jahre meines Lebens, und die will ich für nichts in der Welt eintauschen. Das zu schaffen, was ich mir vorgenommen hatte, so hart dafür gekämpft zu haben, das war das beste Gefühl ever.“
Foto-Porträt des Surf-Profis Leon Glatzer vor der deutshen Nationalflagge.
Leon Glatzer: Der erste deutsche Surfer bei Olympia!
Dass Leon bei den Spielen selbst bereits früh ausschied, spielt rückblickend eine eher untergeordnete Rolle. Zumal er in seinem Auftakt-Heat am Strand von Tsurigasaki als Dritter hinter Gabriel Medina aus Brasilien (12,23) und dem Franzosen Michel Bourez (10,10) den direkten Einzug in die Runde der letzten 16 denkbar knapp verpasste. "Was bleibt, ist der Stolz, gegen die besten 19 Surfer der Welt auf dieser großen Bühne für Deutschland angetreten zu sein", fasst Leon zusammen.

Auf den Spuren von Gabriel Medina und Co.?

Surf-Profi Leon Glatzer performt bei einem Surf-Trip auf den Mentawai Islands, Indonesien einen Air.
Sky is the Limit für Leon Glatzer!
Die Früchte seiner harten Arbeit erntet Leon seither: Medial ist er gefragter denn je, und auch Teil der Red Bull Familie zu werden, hat er sich verdient: „Bei Red Bull unterschreiben, das ist der Traum jedes Athleten“, bekräftigt Leon. Nun gilt es, das Momentum mitzunehmen und den nächsten Schritt in Richtung Spitze zu gehen: „Ich will 2022 definitiv ein paar WQS-Contests gewinnen und es auf die Challenger Series schaffen. Das übergeordnete Ziel ist, mich für die World Surf League zu qualifizieren. Das ist das ultimative Ziel. Plus, noch einmal an den Olympischen Spielen teilnehmen.“
Inspiration für sein nächstes großes Ziel zieht Leon unter anderem aus dem Werdegang von Gabriel Medina: „Er inspiriert mich enorm“, meint Leon. Er musste extrem dafür kämpfen, auf die Tour zu kommen, und auch wenn es jetzt niemand mehr wissen will, damals mochte ihn niemand, weil er schon immer eine gewisse Attitüde mitgebracht hat. Die ersten Jahre auf Tour wollten seine Gegner ihn mit Haut und Haaren auffressen. All das musste er mit seinen gerade 17 Jahren aushalten und ausblenden. Weil er das geschafft hat, ist er heute dreimaliger Weltmeister.“
Surf-Profi Leon Glatzer klebt bei einem Foto-Shoot einen Sponsoren-Sticker auf sein Surfbrett.
Die Zukunft sieht rosig aus für Leon Glatzer.
Glücklicherweise kennt sich Leon mit Druck seit Olympia bestens aus. Warum sollte aus ihm nicht auch ein echter Surf-Diamanten á la Gabriel Medina werden?