Sängerin Arlo Parks fand am Dancefloor zu sich selbst.
© Alistair McVeigh
Music

Sängerin Arlo Parks: Tanzen, Burnout und Neubeginn in L.A.

Arlo Parks wurde mit 22 zur Stimme ihrer Generation – bis sie merkte, dass sie vergessen hatte, zu leben. Hier erklärt die Sängerin, wie sie auf der Tanzfläche wieder zu sich fand.
Von: Marcel Anders
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Steckbrief Arlo Parks

Alter

25

Geboren in

London

1/8
Manchmal verändert sich das Leben ­tatsächlich über Nacht: Arlo Parks war gerade einmal 22 Jahre alt, als sie bei den BRIT Awards als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde und zur Stimme ­einer ­europäischen Generation avancierte. Während ihre Freunde in London feierten, tourte sie bereits um die Welt.
Die Londoner Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Anaïs Marinho heißt, begann im Alter von 14 Jahren Songs zu schreiben und hatte bereits einen Plattenvertrag, bevor sie ihr Abitur abgeschlossen hatte. Heute ist Parks 25 Jahre alt, ihre Tracks wurden hunderte Millionen Mal gestreamt, und 2021 gewann sie den Mercury Prize, Großbritanniens renommiertesten Albumpreis, für ihr Debüt­album „Collapsed in Sunbeams“.
Parks lebt ihren Kindheitstraum, musste dafür aber einen Preis zahlen. Im Mai 2022 zog sie nach Los Angeles, doch nur vier Monate später strich sie mehrere Konzerte ihrer US-Tour – sie hatte einen Burnout nach 18 Monaten mit durchgehenden Auftritten. Seither hat sie einen Gang zurückgeschaltet, Wurzeln geschlagen und das Nachtleben nachgeholt, das ihr in jungen Jahren verwehrt geblieben war. Das Ergebnis ist ihr drittes Album „Ambiguous Desire“: verträumt und tanzbar zugleich, vom Clubbing inspiriert, aber so persönlich wie eh und je. Neue Klarheit fand sie auf der Tanzfläche. „In diesen Räumen fallen meine Mauern“, sagt Parks. „Und ich glaube, ich konnte diese Energie ins Studio mitnehmen.“

Wie gefällt dir das Leben in L. A.?

Arlo Parks: Ich mag die Sonne, das Tempo, die Natur – und dass ich hier ­jeden Tag boxen kann. Ich war schon ­immer sportlich, habe auf hohem Niveau Feldhockey gespielt und dachte lange, das würde mein Leben werden. Neben dem Boxen laufe ich regelmäßig und stemme Gewichte – Bewegung erdet mich.

Dein neues Album ist vom amerika­nischen Nachtleben inspiriert. Warum dieser Wandel?

Arlo Parks: Es war das Ende einer Phase endlosen Tourens, in der ich kaum dazugekommen bin, zu leben. Ich fragte mich: Was bedeutet es, wirklich zu leben? Anzukommen, spontan zu sein, Spaß zu haben? Diese Haltung hat sich auf die Musik über­tragen.

Quotation
Das braucht jeder mal im Leben: einfach tanzen, für ein paar Monate.
Arlos Parks

Neben L. A. hast du viel Zeit in New York verbracht. Welche Rolle hat diese Stadt für dich gespielt?

Arlo Parks: Dort gibt es eine unglaubliche Club-Kultur sowie eine einzigartige Musikgeschichte. Ich habe mich in die Geschichte von Nachtclubs wie der Paradise Garage, The Loft und dem Studio 54 vertieft und mich gleichzeitig in die heute noch existie­renden Orte gestürzt.

War das ein Versuch, das verpasste ­Nachtleben deiner Teenagerjahre nachzuholen?

Arlo Parks: Auf jeden Fall. Viele Menschen haben während des Studiums Zeit, um in diese Welt einzutauchen. Ich war aber schon mit siebzehn auf Tour. Es war also das erste Mal, dass ich mich wirklich fallen lassen konnte. Ich glaube, das braucht jeder Mensch einmal im Leben: einfach tanzen, für ein paar Monate.

Muss man denn dafür überhaupt in einen Club?

Arlo Parks: Nicht unbedingt. Manchmal räumen wir bei mir zu Hause die Möbel zur Seite, legen Janet Jackson auf und tanzen durch das Wohnzimmer. Tanzen und Bewegung sind für jeden möglich – überall.

Was macht Tanzen so transformativ?

Arlo Parks: Es holt dich aus dem Kopf und bringt dich in deinen Körper – auf eine Weise, die sonst kaum möglich ist. Du handelst nur noch aus dem Bauch heraus, spürst dich selbst und bist Teil von etwas Größerem. In diesen Momenten liegt mein Herz nah an der Oberfläche. Genau dieses Gefühl wollte ich mit meinem neuen Album vermitteln: Man soll sich darin verlieren und sich gleichzeitig selbst finden können.

Hast du Selbstzweifel, wenn du deinen Sound veränderst?

Arlo Parks: Immer. Das gehört dazu, wenn man sich selbst herausfordert. Du spürst, wie der Boden unter deinen Füßen nicht ganz fest ist. Aber das bedeutet auch, dass du dich bewegst und wächst. Jedes meiner drei Alben hatte einen anderen Prozess – von Anfang bis Ende gab es nie Gewissheit.

Wie wichtig ist es dir, deine Queerness in deiner Musik widerzuspiegeln?

Arlo Parks: Für mich geht es weniger darum, Sprachrohr zu sein, als vielmehr darum, über die Menschen zu reden, die ich liebe, über Gemeinschaft und darüber, was ich verkörpere. Ich bin queer, und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich fühle mich glücklich, in einer Zeit zu leben, in der sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler offen zu ihrer Queerness bekennen. Manche Menschen hatten schon ­immer Angst vor dem Anderssein. Ich versuche, Offenheit in die Welt zu schicken.