Bilderbuch tanzen aus der Reihe
© Leonardo Scotti
Music

Bilderbuch: „Gegen den Strom zu schwimmen fühlt sich richtig an"

Zwei Alben in drei Monaten, Verzicht auf Werbekampagnen, schriller Style sowie Genre- und Stimmungswechsel. Gegen den Strom zu schwimmen kostet Kraft, ergibt aber Sinn – schwört Sänger Maurice Ernst
Autor: Nina Kaltenböck
8 min readveröffentlicht am
Freiheit. Frohsinn. Frisbee. Nach der Melancholie des Vorgängeralbums „Mea Culpa“ feiert der damals waidwunde Bilderbuch-Häuptling Maurice Ernst mit „Vernissage My Heart“ eine Art Auferstehung. Emotional betrachtet ist das neue Album ein radikaler U-Turn, Frühlingsgefühle sind angesagt. Doch Bilder- buch erfreuen sich wie gehabt daran, gegen alle Regeln zu musizieren. „Wenn du das Hirn ausschaltest, entdeckst du wieder Sachen in dir“, so der Dreißigjährige über seine wiedergefundene Leichtigkeit.
Aber blättern wir zu Kapitel eins: Die Bilderbuch-Karriere beginnt im Teenie- alter. Vier Klosterschüler aus Kremsmünster gründen 2005 die Band und singen Kinderbuchtexte. Acht Jahre und einen Genrewechsel von Rock zu Pop später gelingt mit der Single „Maschin“ der Durchbruch. Ihr Schaffen beschreiben sie als „trotzig, naiv, manchmal abstrakt, aber sehr bildlich in dem Sinn, dass man die Dinge auch gut sehen kann, die gesungen werden“. Euphorisch und melancholisch gehörten zusammen, die Kunst lebe schließlich von beiden Teilen.
Bevor sich Bilderbuch, neu gewandet als Outta-Space-Cowboys, am 24. und 25. Mai im Ehrenhof von Schloss Schönbrunn die konzertante Ehre geben, unterhielten wir uns mit Sänger Maurice über sein partielles Selbstbewusstsein, Mamas Energie-Tricks und den Reiz des Risikos.
Maurice Ernst, umarmt seinen Gitarristen Michael Krammer.
Maurice Ernst, umarmt seinen Gitarristen Michael Krammer.
The Red Bulletin: Bist du auf der Bühne selbstbewusster als abseits davon?
Maurice Ernst: Ja, das glaub ich schon. Es ist ein anderes Selbstbewusstsein, ein überzogenes. Eines, wo der Kopf nicht eingeschaltet ist. Auf der Bühne darf man nicht denken.
Kannst du den Schalter für „sehr präsent und selbstbewusst sein“ auch in anderen Lebenssituationen umlegen und nützen?
Nicht so wie auf der Bühne. Ich würde mir wünschen, ich könnte diese Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit überall anwenden. Aber so läuft das nicht: Das funktioniert nur bei Dingen, die man am öftesten oder am liebsten macht.
Was bedeutet dir Style?
Er bedeutet mir viel. Das hat bereits früh angefangen. Mit vierzehn hab ich die Kleiderschränke meiner Großeltern aus- geraubt, viel herumprobiert und mich schon in der Schule ausgesucht schlecht angezogen. Es ist nicht so, dass ich der stilsicherste Mensch bin, aber Kleidung in Kombination mit Musik – wie man das stilisiert und wie das dann wirkt – hat mich immer schon interessiert. Oft geht es einfach darum, seinem Gefühl nachzugehen: Will man gerade schrill sein wie ein Papagei oder einfach nur still?
Hat dich modetechnisch auch deine Mama beeinflusst?
Ich bin allein bei meiner Mutter aufgewachsen, seit ich elf oder zwölf war. Der Style war ein spaßiges Element. Nie verkrampft, nie zu markenbezogen, nie zu etepetete. Meine Mutter hat so ziemlich alle Styles gemischt, auch mit alten Sachen, und so hab ich das spielerisch mitgekriegt. Bis ich dann meinen eigenen Stil in dem ganzen Wahnsinn gefunden hab.
Von der Mode zur Musik: Habt ihr euch von Marketingzwängen befreit, indem ihr es gewagt habt, das Album „Mea Culpa“ über Nacht auf den Markt zu bringen, ohne große Vorab-Promotion? Sucht ihr den Reiz des Risikos?
Es ist eine Mischung. In Amerika ist ein Overnight Release gängiger. Wir sind Musiker. Wir haben uns gefragt: Wollen wir zwei Monate lang etwas verkaufen, bevor eigentlich der Song da ist? Einfach ein Album rauszuhauen ist zeitgeistig. Es fühlt sich richtig an, wenn man’s macht.
Wie waren die Reaktionen?
Manche Leute haben das Album anfänglich nicht ernst genommen, nur weil sie von einer „Nicht-Kampagne“ auf die Musik schließen. Da sieht man, wie konditioniert wir sind. So auf die Art: „Es kann nicht ernst gemeint sein, es wurde mir nicht oft genug angepriesen.“ Ich will aber an das nächste Musikstück, an die nächste Platte denken – und nicht an die nächste Kampagne.
Bilderbuch
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Nur elf Wochen später folgte euer sechstes Album „Vernissage My Heart“. Dachten da manche, das ist jetzt die Nachgeburt, die muss einfach schlechter sein als „Mea Culpa“? Eine Art Restlverwertung?
Hundertprozentig. Aber da bin ich dann wieder recht romantisch. Meine Traumvorstellung war, dass sich Leute darüber unterhalten, welche Platte man warum besser findet.
Hat euch irgendjemand von diesen Aktionen abgeraten?
Nicht unser Manager. Der möchte auch Sachen probieren. Es ist momentan einfach eine Zeit des wunderbaren Chaos – nichts funktioniert wirklich, und alles funktioniert.
Seid ihr abseits der Musik ebenfalls mutig?
Ich glaub, dass wir tendenziell unseren ganzen Mut und unsere ganze Waghalsigkeit in der Musik und der Kunst ausleben. Strategisch machen wir dermaßen des­truktive Moves, dass man sagen könnte: „Jungs, wollts ihr Geld verdienen auch mit dem, was ihr machts?“ Wir sind da viel mutiger als im Privatleben. Abseits der Musik kommt man heim und schläft, dann steht man auf und isst ein Brot und geht wieder in den Proberaum.
Schwimmt man gegen den Strom schneller?
Nein! Auf keinen Fall. Es ist furchtbar mühsam, bewusste Veränderungen herbeizuführen. Das kostet Kraft, wird manchmal missverstanden und dauert länger. Aber man muss das machen, was man fühlt. Es zahlt sich aus, wenn man den langen Pass spielt und an sich glaubt.
Kannst du mir Beispiele nennen?
Wir haben drei verschiedene Bühnen­bilder zu dem Album „Magic Life“ gehabt. Diesen Aufwand, auch in finanzieller Hin­sicht, betreiben wir, weil wir das einfach so wollen. Oder dass wir „Bungalow“, den Hit, erst nach drei anderen Nummern serviert haben.
Bilderbuch
Bilderbuch
Was ist das Ergebnis davon, gegen den Strom zu schwimmen?
Du kommst dahin, wo du hinmöchtest, und nicht dorthin, wo es dich hintreibt.
Und wo möchtest du hin?
Dorthin, wo ich hingehöre. Wenn man seine Ideen lange genug verfolgt hat, ohne bei jedem leisesten Zweifel gleich einzuknicken, kann man zurückschauen und sagen: Wenn was schiefgelaufen ist, dann war das unser Fehler und nicht der von irgendeinem Deppen, dem wir das dann vorwerfen könnten. Es ist eine harte Schule, etwas anzufangen und es auch durchzuziehen. Man geht das Risiko ein, sich nackt auszuziehen.
Aktuell seid ihr auf Tour. Was macht diese Phase angenehm?
Dass wir so eine eingespielte Crew sind. Positiv bleiben und auch Partys können das Tourleben erträglicher machen. Wenn du’s zu sportlich angehst, so Marcel­ Hirscher­-Style, dann könnt ich mir vor­ stellen, dass man ein bissl leer wird.
Inwiefern?
Es ist einfach unfassbar, wie Kopf und Körper zusammenspielen. Wenn du dar­ über nachdenkst, dass dir der Hals weh­ tut, triffst du keinen Ton. Bei den aller­ ersten Konzerten dachte ich oft: „Hach, morgen ist ein Auftritt. Ich glaub, ich werd krank. Ich kann das nicht dersingen.“ Du empfindest jeden Schnäuzer als kleinen Weltuntergang. Jetzt, wo die Konzerte größer werden, denk ich nur: „Ja, ich war zwar ein bissl unfit und ich bin ein bissl heiser, aber egal. Geht schon!“ Es ist jedes Mal eine Lehrstunde, wie mächtig deine Einstellung ist.
Die Musiker von BILDERBUCH schwimmen gegen den Strom
Die Musiker von BILDERBUCH schwimmen gegen den Strom
Du hast auch einmal Psychologie studiert. Hast du davon – in Hinblick auf diese Kopf-Körper-Sache – etwas mitgenommen?
Ich glaube eher von meiner Mutter. Sie hat gesagt: „Wenn du daran glaubst, kannst du es erreichen.“ Wenn ich in der Volksschule Angst vor einer Prüfung ge­habt hab, hat sie ihre Hände aneinander­ gerieben, bis sie warm waren, mir vor meine geschlossenen Augen gehalten und mir „Energie“ gegeben. Das war ihr kleiner Trick. Warm und elektrisch ge­laden. Das ist für mich jetzt das Sinnbild, mir selbst zu sagen: „Hey, du hast die Energie. Du musst sie nur aktivieren.“
Wirst du bei all der Energie womöglich zum Solo-Artisten?
Ich hab keine Brüder oder Schwestern. Meine Bandkollegen liebe ich, als wären sie meine Familie. Ich könnte nicht so schnell eine Soloplatte machen, denn ich liebe es, in der Gruppe für eine Idee zu arbeiten. Ich wüsste auch gar nicht, wer ich bin, wenn ich nicht Bilderbuch wäre.
Wie sieht die Bilderbuch-Familienaufstellung aus? Wer hat welchen Platz in der Band?
Die Jungs haben mich mal als Häuptling bezeichnet. Sie sind die besseren Instru­mentalisten, ich bin der, der das Ganze formt und sich vor die Band stellt. Peter (Peter Horazdovsky; Anm.) ist der weise Großvater, sehr reflektiert. Der Sturste und Naivste ist Mike (Michael Krammer), der Autoritäten hasst, Schulabbrecher, mit siebzehn nach Wien. Zu ihm geh ich, wenn mir die Frechheit fehlt. Pille (Philipp Scheibl), der Jüngste und Schlagzeuger, ist von der Mutterfigur nicht weit entfernt. Er ist der ruhende Pol, die stabile Mitte. Die brauchen wir, denn – naja – ich bin ja auch nicht ganz normal. Aber ich bin der Kommunikative, das hab ich sicher von meinen Eltern. Die waren Wirten.
Welche brauchbaren Erkenntnisse hast du von der Klosterschule mitgenommen und welche aus dem Nachtlokal deiner Eltern?
Den Pathos und die große Geste aus der Klosterschule. Und dass ich etwas Tiefes oder den Sinn hinter allem suche. Das Nachtlokal hat mir den humorvollen Um­ gang mit Musik, Entertainment und Gastfreundlichkeit vermittelt. Im Prinzip ist ein Konzert zu geben und Gäste dazu ein­ zuladen eh sehr nahe an dem, was meine Eltern in ihrem Lokal gemacht haben.
Welche Tendenz in der Gesellschaft hat dich zuletzt nachdenklich gestimmt?
Ich finde Ideale wie Nächstenliebe span­nend und denke, dass wir die wieder ein bissl mehr üben könnten. Das mein ich nicht im katholischen Sinn. Es gibt wirk­lich viele Leute, die vermeintlich intellek­tuell und reflektiert sind, aber unglaub­lich viel Scheiße ins Internet stellen. Ich versteh gar nicht, was das für Menschen sind, die Menschen wehtun, die sie nicht einmal kennen.
In eurem Song „Europa 22“ sprecht ihr euch für mehr Weltoffenheit aus.
Man könnte mich mit einem Anwalt, einem Installateur und einem Maurer in einen Raum setzen, und ich hätte eine gute Zeit. Warum muss man andere immer so schnell aburteilen? Man muss einfach den Stolz ablegen und aufhören, mit Negativem Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen. Es gibt ja das Bibelzitat: Bevor man den Splitter im Auge des anderen sucht, sollte man den Balken im eigenen Auge suchen und herausziehen. Den Spruch hab ich mir mein Leben lang gemerkt. Alle Menschen, die so kotzig und negativ sind, sollen sich das auf die Hand tätowieren.