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Not wird Tugend - Zwei Schweizer Ingenieure wollen unser Klimaproblem lösen

© Julia Dunlop
Autor: Johannes KornacherInnovator
Sie verwandeln Treibhausgas in Dünger und Mineralien.
Es ist Unternehmerliebe auf den ersten Blick: Jan Wurzbacher und Christoph Gebald lernen einander 2003 bei ihrer ersten Vorlesung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) kennen. Spontan beschließen sie: „Wir gründen eines Tages gemeinsam eine Tech-Firma.“ Sechs Jahre später – mit dem Doktortitel in Maschinenbau in der Tasche, vollgeladen mit Begeisterung für erneuerbare Energien – gründen sie das Hightech-Unternehmen Climeworks. Ihr ehrgeiziges Ziel: die Erde von der fatal steigenden CO2-Konzentration zu befreien.
Die Climeworks-CEOs Christoph Gebald und Jan Wurzbacher vor ihrer Erfindung
Die Climeworks-CEOs Christoph Gebald und Jan Wurzbacher vor ihrer Erfindung
„Unsere Grundidee: mit Filtern das CO2 aus der Luft einzufangen – und den Problemstoff als wertvollen Rohstoff zu verkaufen“, erzählt Wurzbacher. Gewonnen wird das Gas mittels Direct Air Capture (DAC), seine Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: von der Getränkeindustrie (sie verwendet reines CO2 zur Herstellung kohlensäurehaltiger Getränke) bis zur Landwirtschaft, die Kohlendioxid als umweltfreundlichen Dünger einsetzt. Dereinst denkbar sind genauso klimaneutrale Brennstoffe, etwa für die Autoindustrie.
Im Mai 2017 gelang dem mittlerweile auf 60 Mann gewachsenen Unternehmen der erste große Coup: die weltweit erste kommerzielle DAC-Anlage, bestehend aus 18 CO2-Kollektoren und großen Ventilatoren, errichtet auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage in Hinwil, Kanton Zürich, direkt neben den Gewächshäusern des Landwirtschaftsbetriebs der Gebrüder Meier, die das Start-up zu Beginn unterstützt hatten. „Die Ventilatoren saugen die Luft an, die Kollektoren sammeln CO2-Moleküle wie ein großer Schwamm“, erläutert Gebald das Prinzip von Adsorption und Desorption. „Die CO2-freie Luft wird dann rausgeblasen.“
In Betrieb: die C02-Filter auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage
In Betrieb: die C02-Filter auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage
Die Hinwiler Anlage ist ein Musterbeispiel intelligenter Ressourcen-Nutzung: Die Energie (das gesättigte Filtermaterial muss auf 100 Grad erhitzt werden) stammt aus der Müllverbrennungsanlage, das gewonnene CO2 versorgt die Gewächshäuser. Noch ehrgeizigere Pläne verfolgt Climeworks seit Oktober 2017 in Island: Das dort gewonnene Gas wird einen Kilometer tief unter der Erde eingelagert, wo es sich nach Jahren in wertvolle Mineralien verwandeln soll.
Gewächshaus, in dem das gefilterte C02 als Dünger eingesetzt wird.
Gewächshaus, in dem das gefilterte C02 als Dünger eingesetzt wird.
Wurzbacher und Gebald sind optimistisch: Spätestens zur Jahrhundertmitte soll es mit ihrer Technologie gelingen, CO2 im Milliarden-Tonnen-Maßstab aus der Atmosphäre zu entfernen – und damit eines der größten aktuellen Probleme der Menschheit zu lösen.