Fionas selbstkreierte Jacke im Look der Indianapolis Colts.
© Murat Aslan
Mode

Designerin Fiona Rörig: Lebe deinen Style

Sie näht, der Hype entsteht: Stars wie IShowSpeed und Ski Aggu lieben ihre Kreationen. Wie Designerin Fiona Rörig mit ihrer Nähmaschine die Popkultur prägt.
Von: Stefanie Witterauf
6 min readPublished on
Wenn alle anderen schlafen, arbeitet Fiona Rörig am liebsten. Denn bei ihren Nachtschichten hat sie keine Ablenkung. Da sitzt die 30-Jährige allein im Dachgeschoss ihrer Wohnung nahe Düsseldorf, in dem sie ihr Atelier eingerichtet hat. Es ist still, nur das Rattern der Nähmaschine, gleichmäßig wie ein Puls. Dort stehen ihre Industrienähmaschinen. Sie hat nicht nur eine, sondern mehrere Modelle, die neben Scheren, Spulen und einer ­pinken Schneideunterlage stehen.
Das Material für ihre Entwürfe besorgt Fiona im Shop in der Nachbarschaft.

Das Material für ihre Entwürfe besorgt Fiona im Shop in der Nachbarschaft.

© Murat Aslan

Die ­Jacken und Kleider näht die Modedesignerin nicht für sich selbst, sondern sie verschenkt die Unikate – damit sie sich in der Welt verbreiten. Und dieser Plan funktioniert verdammt gut.
Inzwischen tragen Rapper, YouTuber und Fußballprofis ihre Stücke. Erling Haalands Freundin Isabel trug bei der WM in Amerika ihr Kleid, das sie aus ­einem Fußballtrikot genäht hat.
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Um zu sehen, in welche Richtung ich will, musste ich erst einmal das Gegenteil machen.
Fiona Rörig
Auf Instagram hat Fioonaax knapp eine halbe Million Follower. Besonders beliebt war die Jacke, die sie aus dem argenti­nischen Trikot für Messis Frau Antonella Roccuzzo anfertigte. Ein Video davon wurde rund 90 Millionen Mal auf Instagram angeschaut. „Das sind Zahlen, die kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt ­Fiona. Immer häufiger wird sie auf der Straße erkannt – in Düsseldorf, wo sie wohnt, aber auch in den USA. Als sie vor ein paar Wochen in New York war, haben sie zwei Freundinnen angesprochen, beide Deutsche, die ihre Looks toll fanden.

Alles begann im Westerwald

In ihrer Wohnung trägt Fiona flauschige Hausschuhe im Leopardenprint. Ihre blonden Haare fallen ihr immer wieder ins Gesicht, mit einer fließenden Bewegung streicht sie sie zur Seite. Sie wirkt ein wenig so, als würde sie selbst nicht glauben, wie sehr sich ihr Leben in den vergangenen zwei Jahren verändert hat. Nur weil sie wieder angefangen hat zu ­nähen – und ihre Arbeit gezeigt hat.
Da Fiona Einzelstücke fertigt, kann sie den Stoff selbst nach Hause tragen.

Da Fiona Einzelstücke fertigt, kann sie den Stoff selbst nach Hause tragen.

© Murat Aslan

Aufgewachsen ist Fiona in einem kleinen Dorf im Westerwald. Hier hat sie während der Schulzeit in einer Cocktailbar im Service gearbeitet. „Ich habe dort so viel über Menschen gelernt“, sagt sie und lacht. Sie hat sogar selbst einen Drink erfunden, der auf der Karte gelandet ist. „Fiolicious“ hieß ihre Kreation, gemixt aus Gin und Zitrone, dekoriert mit einer Hibiskusblüte. Ein bisschen färbt sich ihre Sprache mit dem Dialekt ihrer Heimat, wenn sie von ihren Erinnerungen erzählt.
Ob selbst genäht oder nicht – Creatorin Fiona Rörig liebt es lässig.

Ob selbst genäht oder nicht – Creatorin Fiona Rörig liebt es lässig.

© Murat Aslan

Eine Schneiderpuppe in ihrem Wohnzimmer trägt eins von Fionas Designs: ein Mash-up aus Lederjacke und Fußballtrikot. Eigentlich war es für Lina Kimmich gedacht, die Frau des Nationalmannschaftskapitäns. „Ich habe mich verschätzt“, sagt sie. Die Jacke ist ein wenig zu klein geworden, Fiona will sie noch ­ändern und Lina überreichen. Über der Stuhllehne hängt eines der körper­betonten Kleider aus Trikotstoff, die Fiona ­international bekannt gemacht haben: ­Georgina Rodríguez, die Frau von Cris­tiano Ronaldo, sollte es tragen – aber auf ­Fionas Anfragen hat sie bisher nicht reagiert. Also trug Fiona es einfach selbst. „Full Circle Moment“, sagt sie und strahlt.
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Für mich fühlt sich Nähen wie Meditieren an.
Fiona Rörig
Viele Stunden Arbeit an der Nähmaschine stecken in jedem der Teile. Jedes ist ein Unikat, Serienfertigung nicht vorgesehen. Dass man die Kreationen nicht kaufen kann, macht sie nur noch begehrenswerter: Eine Jacke in den Nationalfarben der USA, die sie mit Hunderten von Glitzersteinchen verziert hat, wurde während der WM-Halbzeitshow versteigert. Eine weitere hat sie extra für den YouTuber IShowSpeed gefertigt und übergibt sie ihm persönlich, als sie ihn vor ­einem Spiel vorm Stadion trifft. Er freut sich riesig, zieht die Jacke sofort an und lädt sie ein, das Portugal-Spiel gemeinsam zu schauen.

„Copycat“ als Kompliment

Fiona ist nicht die Einzige, die während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 aus Trikots neue Mode kreiert. Als eine an­dere Frau auf Social Media einen ihrer Entwürfe kopiert und dieses Video ebenfalls viral geht, bekommt diese viele böse Kommentare. Sie habe Fiona bestohlen, wird behauptet. Ihr habe das leidgetan, erzählt Fiona. „Sie hat mir sogar geschrieben und gefragt, ob sie das Video löschen soll.“ Doch das will die Düsseldorfer Designerin nicht. „Ich liebe es, wenn ich Menschen inspirieren kann“, sagt sie. Und wenn jemand ihre Entwürfe nachmacht, dann sei das ein großes Lob. „Sie hat sich gefreut, ich habe mich gefreut – was kann schöner sein?“
Es ist eine Haltung, die Fiona seit ihrer Kindheit verinnerlicht hat. „Ich bin mit dem Teamgedanken groß geworden“, sagt sie. Als Kind hat sie gerne getanzt, egal wo sie war, auch auf der Straße, ­einfach so vor sich hin. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit Cheerleading – „und war gleich Feuer und Flamme“. Cheerleading wurde ein Teil ihres Lebens. Sie ging ins Training, fuhr auf Meisterschaften, war Teil einer Gruppe. Das Anfeuern, das Mitreißen, die Energie der ­anderen – das steckt auch in allem, was sie heute tut.
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Das sind Zahlen, die kann ich mir gar nicht vorstellen.
Fiona Rörig
Auch ihre Follower feuert Fiona an: dass sie selbst anfangen zu basteln und zu nähen, sich Projekte suchen und einfach beginnen, auch wenn es erst einmal nicht perfekt wird. Damit trifft sie einen Nerv. Nähen, Stricken, Häkeln – Hand­arbeiten erleben gerade eine Renaissance, insbesondere bei jungen Menschen, die nach Stunden am Bildschirm wieder etwas mit den Händen machen wollen. Sich spüren. Ein Ergebnis sehen, das nicht aus Pixeln besteht. Der Informatikprofessor Cal New­port von der Georgetown University erklärte kürzlich in der „New York Times“, warum gerade diese Tätigkeiten so an­ziehend sind: Sie fordern Konzentration und Zeit – und bringen uns dadurch ­wieder mehr zu uns selbst. Fiona selbst ist auch nicht als Modedesignerin auf die Welt ­gekommen. „In der Grundschule hatte ich Bücher, in denen waren Models abgebildet, denen man Anziehsachen ­malen konnte“, sagt Fiona. „Damals habe ich noch nicht gewusst, dass ich Mode­designerin werden möchte.“ Es war nur ein Spiel. Manchmal fängt es so an.
Ihr Atelier hat sich Fiona unter dem Dach ihrer Wohnung eingerichtet.

Ihr Atelier hat sich Fiona unter dem Dach ihrer Wohnung eingerichtet.

© Murat Aslan

Die Ruhe und das Rattern

Nach dem Abitur hatte sie erst mal einen ganz anderen Plan und fing an, Mode­management zu studieren. Doch nach zwei Monaten brach sie das BWL-lastige Studium ab. „Ich musste einmal das Gegenteil machen, um zu sehen, in welche Richtung ich wirklich will“, sagt Fiona. Sie fing ein Modedesign-Studium an.
Die private Uni in Mannheim legte viel Wert auf Handwerk. Fiona war zwar ­immer sehr modeinteressiert gewesen, hatte etwa Outfits zusammengestellt und gestylt, doch sie konnte nicht nähen. An der Uni lernte sie nicht nur die ­Theorie, sondern auch das Handwerk. Das Fundament von allem.
Zuletzt entwarf Fiona eine  Jacke für Streetdance-Größe Luwam.

Zuletzt entwarf Fiona eine Jacke für Streetdance-Größe Luwam.

© Eva Berten

Richtig Freude machte ihr das Nähen damals nicht. Es waren mehr die Entwürfe, die Designs, in die Fiona ihre Kreativität fließen lassen konnte. Nach dem Studium gründete sie ein Streetstyle-Label, machte die Entwürfe, lagerte die Produktion aber aus. Doch irgendwann vermisste sie das Nähen doch. Die Ruhe. Das Rattern. Also setzte sie sich an eine ihrer Maschinen, schmiss sie an und verwandelte ein Bild in ihrem Kopf in ein echtes Kleid. Oft macht sich Fiona nicht mal Skizzen, ­sondern näht einfach drauflos. Das Ergebnis präsentiert sie auf Social Media.
Am meisten freut sich Fiona, wenn sie Menschen  zum Nähen anstiften kann.

Am meisten freut sich Fiona, wenn sie Menschen zum Nähen anstiften kann.

© Murat Aslan

„Für mich fühlt sich Nähen wie Meditieren an“, sagt Fiona. Vergleichbar mit dem Gefühl, das sie hat, wenn sie als Cheerleaderin tanzt und der Kopf plötzlich so wunderbar leer wird. Nachts im Dachgeschoss, wenn alle anderen schlafen, nur sie und die Nähmaschine. Das Rattern. Die Stille drum herum. Und ­irgendwann hängt da ein Kleid, das vorher nur in ihrem Kopf existiert hat.