Wingsuit Flying

Géraldine Fasnacht: Die Vogelfrau

© Chris Schmid Photography
Autor: Oliver JoliatThe Red Bulletin
Mit einem maßgeschneiderten Wingsuit erkundet Géraldine Fasnacht hochalpine Gebiete. Risiko und Nervenkitzel sind ihre ständigen Flugbegleiter, doch ihr Antrieb ist die Freiheit.
Der Steinadler ist ausgeflogen. Sein „Schloss“ zu Verbier überlässt der majestätische Vogel in dieser Sommersaison einer anderen Königin der Lüfte: Géraldine Fasnacht. Die Schweizer Flugpionierin nutzt die „Le Château“ getaufte Felskuppe gerne als Startplatz für ihren Morgensprung im Wingsuit. „So bequem, ohne Seil oder Steigeisen, kommt man selten zu so schönen Absprungplätzen“, schwärmt Géraldine.
Vor knapp einer Stunde ist sie vor ihrer Haustür im Dorf losmarschiert, den Wanderweg entlang, von dem sie kurz vor ihrem Ziel querfeldein ausbricht, über ein paar gefallene Föhren steigt, Stolperzweige aus dem Weg räumt und das kleine Felsplateau mit steil abfallender Kante erreicht – direkt neben dem Ausguck-Ast, von dem sonst der mächtigste Raubvogel der Alpen sein Revier überblickt. Heute ist es ihr Revier.
Sie schaffte als erste Wingsuit-Pilotin einen Flug von der Matterhornspitze
Sie schaffte als erste Wingsuit-Pilotin einen Flug von der Matterhornspitze
Das Walliser Alpenpanorama glitzert in der Morgensonne. Links am Horizont – Géraldine macht eine Geste, als würde sie auf eine Sitzecke in ihrem Wohnzimmer hinweisen – liegt ihr Lieblingsberg, der Pleureur: „Der ist wohl nach meinen Freudentränen benannt, die ich auf den Flügen vom Gipfel schon vergossen habe.“ Vis-à-vis strahlen der Petit Combin, die Aiguille d’Argentière, die Dents du Midi. Géraldine hat zu allen eine ganz persönliche Geschichte. Denn das hier ist ihr Spielplatz.
Schon als junges Mädchen besteigt sie die Gipfel und Grate, um die Steilwände und Couloirs mit dem Snowboard zu erkunden. Wenig später erobert sie die Drei- und Viertausender, um sich im Wingsuit tausende Höhenmeter ins Tal zu stürzen. Ihre neueste Leidenschaft ist aber ein Ultraleichtflugzeug, mit dem sie den Radius ihres Spielplatzes maßgeblich erweitert. Die Vogelfrau geht auf Pirsch. „So kann ich von der Gebirgspiste in Verbier hinüber zum Gletscher am Grand Combin fliegen und unterwegs neue Snowboardrouten oder Absprungplätze entdecken.“
Die Berge und die Startplätze waren schon lange vor mir da und bleiben ewig, egal ob ich ihnen einen Namen gebe.
Aber wie kommt man vom Snowboard zum Wingsuit? „Mit Leidenschaft“, sagt Géraldine. „Für mich ist alles wie Fliegen. Ein Spiel mit dem Licht, den Formen des Berges und der Landschaft, die ich mit Snowboard oder Flügeln nachzeichne.“ Weiche Linien, feminine Linien, wie sie betont. Darum stört sie auch, wenn man sie als Extremsportlerin betitelt, die der Natur trotzt, sie gar bezwingt. „Ganz im Gegenteil: Ich lebe meine Passion in Harmonie mit der Natur. Ich betrachte mich vielmehr als Künstlerin, die ihre Linien zieht – wenngleich auch unter teils extremen Bedingungen.“
Géraldine Fasnacht Snowboaden
In ihrer Freeride-Karriere errang sie 23 Podiumsplätze, davon 11 Siege
Ob Sport oder Kunst: Géraldine Fasnacht ist jedenfalls eine Meisterin ihres Metiers. Den ersten Höhepunkt ihrer Karriere feierte sie mit 21 Jahren. Gleich bei ihrer ersten Einladung zum Xtreme Verbier gewann sie als jüngste Fahrerin diesen weltweit renommiertesten Freeride-Event. Weitere Erfolge und Titel folgten. 2001 begann die heute 39-Jährige mit dem BASE-Jumping, wenig später flog sie auch im Wingsuit durch die Luft. „Ich brauchte eine Motivation, um mich zwischen den Snowboard-Saisonen in den Bergen fit zu halten. Und dieser Sport vereint viele alpine Disziplinen und fordert physische, mentale sowie technische Höchstleistungen.“
In der Luft fühle ich mich privilegiert, frei wie ein Vogel und akzeptiert von den Bergen.
Ihre sonnengebleichten Haare hat Géraldine mittlerweile unter ihrem pinkfarbenen Helm gebändigt. Nun steckt sie Sonnenbrille, Mütze und Portemonnaie in die Innentaschen des alpinen Wingsuits: „Als ich bei meinem Suit-Schneider solche Taschen forderte, lachte er und fragte: ‚Für dein Make-up?‘“ Eher fürs Set-up, denn Géraldine benötigte die Taschen, um Steigeisen, Stöcke und Seil zu verstauen.
Géraldine Fasnacht in ihrem Wingsuit
Géraldine Fasnacht bereitet ihre Wingsuit-Abenteuer akribisch vor
Sie hatte ein Ziel vor Augen: das alpine Bergsteigen mit BASE-Jumps im Wingsuit zu verbinden. Die Vision reifte über Jahre. Sie suchte in den Alpen nach geeigneten Gipfeln und packte bei ihren Erkundungstouren auch einen Laser ein, um das Gelände akribisch zu vermessen. „Doch die Berechnungen gingen erst auf, als 2012 eine neue Generation von Wingsuits einen flacheren Flugwinkel ermöglichte.“ Im selben Jahr sprang Géraldine nach stundenlanger Kletterei von den Aiguilles du Dru. „In dem Moment spürte ich nur Freiheit. Im Augenblick des Sprungs waren all die Anstrengungen am Berg und in der Vorbereitung einfach weg, der Kopf glückstrunken und doch zu 100 Prozent klar. Der Zustand hat etwas sehr Meditatives, Entspannendes – selbst wenn alle Sinne hoch konzentriert sind. In der Luft fühle ich mich privilegiert, frei wie ein Vogel und akzeptiert von den Bergen.“
Ich bin eine Künstlerin, die ihre Linien unter extremen Bedingungen zieht
Bereits damals hatte die Pionierin bei ihren Expeditionen von der Arktis bis in die Antarktis viele neue Sprunggebiete eröffnet. Doch mit ihren alpinen Flügen startete Géraldine eine komplett neue Wingsuit-Ära, die eine ganze Generation von Athleten inspirierte. Den Überblick über die zahlreichen von ihr entdeckten Startplätze rund um den Globus hat sie längst verloren – wohl auch, weil es ihr nicht besonders wichtig erscheint. „Die Berge und Startplätze waren schon lange vor mir da und bleiben ewig, ob ich ihnen nun einen Namen gebe oder nicht.“
Géraldine Fasnacht im Sturzflug
Auf einen Meter Sinkflug kommen über drei Meter Horizontalflug.
Verglichen mit ihren hochalpinen Startplätzen, fällt die heutige „Guten Morgen!“- Wand nur 800 Meter ab. „Sag niemandem außerhalb der Schweiz ‚nur‘ 800 Meter“, lacht Géraldine. „Wenn ich anderswo von der Auswahl hier vor meiner Haustür erzähle, kommen den BASE-Jumpern die Tränen.“ Dann zurrt sie die letzten Riemen ihres Wingsuits fest, checkt noch einmal alles durch, spricht einen kurzen Countdown und springt hinunter ins „Dreieck der Freundschaft“, wo die Täler aus Aosta, Chamonix und Verbier zusammentreffen. Heute zieht sie allerdings nicht nach rechts – wo sie abends gerne vor dem Haus ihres Sprungkollegen Yves landet –, zum Teil, weil die Bedingungen morgens besser sind, links um den Felsen zu ziehen, vor allem aber will sie uns auf dem Flughafen von Bex noch ihre neueste Flugliebe präsentieren: Romeo.
Das Ultraleicht-Flugzeug erweitert den Radius von Géraldines Spielplatz
Das Ultraleicht-Flugzeug erweitert den Radius von Géraldines Spielplatz
Noch steht der knallorange Ultraleichtflieger im Hangar. „Papierkram!“, zeigt sich Géraldine leicht genervt. Doch sobald der erledigt ist, will sie mit Romeo um den Globus fliegen und Freunde besuchen, deren Natur- und Tierschutzprojekte sie auf ihrem Lebensweg inspiriert haben. „Was ich bisher erreicht habe, gelang nur dank der Hilfe von einem Team aus Freunden. Nun will ich etwas zurückgeben und Aufmerksamkeit für ihre Initiativen und Ideen gewinnen.“
Mehr Infos unter: geraldinefasnacht.com
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