„Caazzo!“ Massimiliano Lelli ist sauer. Sehr sauer sogar. „Dove team?“ – Wo ist das Team? Ich kann kaum Italienisch, aber was mir mein Kapitän gerade an den Kopf wirft, verstehe ich: Ich habe es verkackt!
Der Giro-E ist mehr echter Giro, als ich mir je erträumt hätte.
Mein Puls rast. Wir stehen auf der flirrenden Autobahn irgendwo zwischen Grottaglie und Brindisi in Apulien, an Italiens Stiefelabsatz, während eine Radlergruppe nach der anderen an uns vorbeibraust. „Max“ hält ungeduldig Ausschau nach den restlichen vier TeamMitgliedern, die ich habe abreißen lassen, weil ich mich verbissen auf sein Hinterrad konzentrierte, um den 40km/h-Schnitt zu halten. Der größtmögliche Fehler!
Von Manfredonia nach Vieste rollt man am Sporn von Italiens Stiefel entlang
© La Presse/Andrea Alfano
Ins Ziel rollen wir wieder geschlossen ein – nur eine Stunde später werden hier Peter Sagan und Co um den Sieg sprinten. Immerhin habe ich heute zwei wichtige Dinge über den Giro-E, an dem auch Freizeit-Radler wie ich teilnehmen dürfen, gelernt. Erstens: Diese Italienrundfahrt ist kein echtes Rennen, auch wenn wir mit sündteuren E-Rennmaschinen und auf den verkürzten OriginalEtappen unterwegs sind. Was zählt, ist nur die Team-Performance, nicht die des Einzelnen. Und zweitens: Es geht trotzdem um etwas – zumindest wenn „Max“ Lelli Kapitän deines Teams ist.
Im Sattel verwandelt sich der sanftmütige Ex-Profi wieder in einen Vollblut-Rennfahrer. Eine dicke Ader auf seiner Schläfe erzählt von 14 Tour-de-France-Teilnahmen und zwei Giro-Etappensiegen. Jetzt führt Max das ENIT-Team des italienischen Tourismusbüros an und trägt seit Tagen das violette Trikot des Gesamtführenden – eine Wertung, die sich beim Giro-E aus der Mannschaftsleistung bei täglichen „Challenges“ sowie den Ziel-Sprints der Mannschaftskapitäne zusammensetzt. Und dieses Trikot will er um jeden Preis verteidigen.
Am zweiten Tag ist der Ablauf schon ein bisschen Routine – und doch fühlt man sich wie im falschen Film. Wie bei den Pros werden wir vor zahlreichen Schaulustigen auf einer Bühne präsentiert. Das Abspielen des Team-Songs beim „Einzug“ darf ebenso wenig fehlen wie die Unterschrift im Rennbuch. Heute heißt es, sich die Kräfte auf 97 hügeligen Kilometern nach Vieste an der Adria gut einzuteilen. Schon wenige Minuten nach dem Start schrauben wir uns den Monte Sant’Angelo von Meeresniveau auf 800 Meter hoch. Bis oben sollen wir einen Speed von 23 km/h halten. Plötzlich streikt der Elektromotor meiner tschechischen Kollegin Michaela. Ich höre sie hinter mir nach Luft japsen, während Max sie von der Seite anbrüllt: „Dai, dai, Michaela!“ Mit letzter Kraft rettet sie sich über die Kuppe. Auf der höchsten von fünf Stufen ist der Akku bergauf binnen weniger Kilometer leer.
Pro Etappe sind nur zwei Batteriewechsel erlaubt – mit dem Energievorrat muss man also sparsam haushalten. Endlich bergab! Wir rollen am Golf von Manfredonia entlang, die Adria immer im Blick, vorbei an Fischerdörfern und Steilklippen. Im Pinienwald des Gegenanstiegs spreche ich ein zierliches Mädel mit tätowierten Unterarmen vom Team Toyota an. Der kleine Flirt bringt großes Ungemach, denn ich vergesse den Akku-Wechsel – der nächste Kardinalfehler! Bertrand, der gemütliche Franzose aus meinem Team, saugt schon an der dritten Batterie – für mich ist keine mehr übrig, ich muss mit den letzten Reserven meines Akkus auskommen. Böse Krämpfe plagen meine Oberschenkel, während ich meinen Daumen daran hindere, den Power-Knopf zu drücken. Im Zielort Vieste zeigt der Akkustand noch zwei Prozent.
Am dritten Tag hat es um zehn Grad abgekühlt, und es regnet. Wir sind mittlerweile in der Gebirgsregion der Abruzzen. Mit dem Skiort Roccaraso steht eine echte Bergankunft mit 1800 Höhenmetern auf dem Programm. Gleichmäßig spulen wir unser Tempo auf die Straße. „Very good, guys!“, kommt es da sogar dem Kapitän über die Lippen.
Zielankunft in Vieste: Beim Giro-E geht es um den Spaß, nicht den Sprint.
© La Presse/Alfredo Falcone
Doch was wäre eine Giro-Etappe ohne Drama? Diesmal trifft es Co-Kapitän Maurizio. Die letzte Team-Challenge hat eben begonnen, bloß: Seine Batterie ist leer. Max schiebt ihn, ich helfe mit. Endlich sind wir als echtes Team unterwegs. Die letzten Kilometer sind bis zu 12 Prozent steil – so ein Anstieg ist selbst mit E-Motor eine Schinderei. Ich ziehe im Sprühnebel davon. Diese Momente möchte ich ganz für mich allein erleiden. Ich möchte einmal das Gefühl auskosten, als gefeierter Held ins Etappenziel eines der größten Radrennen der Welt zu fahren. So nahe komme ich dieser Illusion wohl nie wieder.
Unsere drei Test-Etappen
Etappe 6: GROTTAGLIE – BRINDISI
Auf dieser kurzen und flachen Speed-Etappe über die Autostrada 7 bleiben die Akkus fast unangetastet. Ziel ist die süditalienische Hafenstadt Brindisi.
Distanz: 53 km
Schwierigkeit: 1/5
Etappe 7: MANFREDONIA – VIESTE
Entlang des Sporns des italienischen Stiefels eröffnen sich immer wieder traumhafte Ausblicke auf den Golf von Manfredonia. Das hügelige Terrain und bissige Anstiege summieren sich im Ziel auf fast 2000 Höhenmeter. Sehenswert: der natürliche Felsbogen am Strand von Vieste.
Distanz: 97 km
Schwierigkeit: 3/5
Etappe 8: CARAMANICO TERME – ROCCARASO
Fast nur bergauf: Es geht durch den rauen Majella-Nationalpark hoch nach Roccaraso, einen Skiort auf 1658 m. Der letzte Anstieg über Kehren ist bis zu 12 Prozent steil und verlangt Profis wie Amateuren alles ab.
Distanz: 71 km
Schwierigkeit: 4/5
Hier geht’s ab
Drei weitere ganz besondere Radrennen für Amateur-Fahrer.
- Paris-Roubaix Challenge, 10. April 2021: Nur 24 Stunden vor den Profis können Amateur-Rennradler den Ritt durch die kopfsteingepflasterte „Hölle des Nordens“ wagen. Anders als beim legendären Rennklassiker stehen drei Routen von 70 bis 172 km zur Auswahl. parisroubaixchallenge.com
- La Marmotte, 27. Juni 2021: Auf den Spuren der legendären Alpen-Anstiege der Tour de France: Wer diese 177-km-Runde über Alpe d’Huez, Galibier und Co bewältigt, hat in Summe brutale 5000 Höhenmeter in den Beinen. lepapemarmottegranfondoalpes.com
- L'Eroica, 3. Oktober 2021: Wolltrikots statt Lycra: Die legendärste Vintage-Radrundfahrt der Welt lockt tausende Bike-Freaks ins kleine Gaiole in Chianti. Zugelassen sind nur vor 1987 produzierte Rennräder, gefahren wird auf den Schotterstraßen der Toskana. eroica.cc
Der Giro 2021 findet von 8. bis 30. Mai statt. Startplätze für den Giro-E gibt es im Team von RCS Sport. Preis pro Etappe: 1000 EUR; giroe.it