Jessica Chastain, 49, will, dass Macht gerechter verteilt wird.
© Getty Images
Film

Jessica Chastain: Schauspielerin mit Mission

Jessica Chastain hat ihre ärmliche Herkunft nie ver­leugnet. Im Gegenteil: Statt sich in ihrem Ruhm zu sonnen, kämpft die Oscar-Schauspielerin für eine größere Mission.
Von: Mariam Schaghaghi
4 min readPublished on
Ihre Geschichte klingt wie aus einer Soap: Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen – ihre Mutter hatte sie mit gerade mal siebzehn bekommen –, gesegnet mit unfassbarem Talent, schafft es auf die beste Schauspielschule des Landes. Sie beeindruckt die Größen ihrer Zunft, wird zum Liebling Hollywoods und gewinnt einen Oscar. Und dann heiratet sie auch noch ­einen coolen italienischen Adeligen. All das Jessica Chastain hat wirklich erlebt.
Mit einem Tag Verspätung trifft sie zum Interview ein, im roten Hosenanzug, Stilettos und ganz ohne Starallüren. Sie hatte ihren Flug verpasst, kam nicht aus der Verkehrshölle Manhattans raus. „Ich habe vor Nervosität fast in den Vordersitz gebissen“, erzählt sie. Dabei wollte sie ­unbedingt über „Dreams“ sprechen, ihren zweiten Film mit dem mexikanischen Regisseur Michel Franco – ein kleines, unbequemes Drama über Begehren, gesellschaftliche Grenzen und die Grausamkeit, Liebe mit Besitz zu verwechseln.

Die neue Meryl Streep

Chastain könnte es sich längst einfacher machen – als Megastar. Seit ihrem Durchbruch vor fünfzehn Jahren in Terrence Malicks „The Tree of Life“ neben Brad Pitt gilt sie als ­Meryl Streep des 21. Jahrhunderts, sorgte mit „The Help“, „Interstellar“ oder „Zero Dark Thirty“ für Box-Office-Hits, gewann für „The Eyes of Tammy Faye“ den Oscar. Doch nie suchte sie Rollen, die ihren Ruhm polieren, sondern vielmehr riskante Stoffe: „Ich will den Blick auf die Welt verändern.“
In „Dreams“ ist sie derzeit im Kino als Frau zu sehen, deren Herkunft von ihrer eigenen weit entfernt ist: Jennifer ist reich und kultiviert, eine Ballettmäzenin, die ihren mexikanischen Geliebten, einen Tänzer, geheim hält. Soziale Ungleichheit kennt Jessica aus ihrer eigenen Jugend. „Ich habe große Empathie für Menschen, die nicht wissen, wie sie etwas zu essen bekommen“, sagt sie. „Meine Mutter, die uns mit meiner Großmutter allein aufzog, musste oft überlegen, wie sie uns satt kriegt.“ Dieser Satz fällt ohne Selbst­mitleid. Er erklärt aber die Genauigkeit, mit der sie bis heute auf Menschen blickt, die weniger Glück haben.
Quotation
Ich suche mir ­Filmstoffe aus, die den Blick auf die Welt verändern.
Jessica Chastain
Im Psychothriller „Other Mommy“, der zu Halloween anläuft, gelingt ihr ­sogar eine Doppelrolle: Sie spielt eine Mutter und deren unheimliches Gegenbild – Positiv und Negativ, Schutzfigur und Bedrohung zugleich. Eine reizvolle Aufgabe für eine Ausnahmeschauspielerin, die ­hellen und dunklen Seiten einer Figur gleich­zeitig sichtbar machen zu können.

Mentor Al Pacino

Ihre Kindheit in Nordkalifornien war alles andere als einfach: Die Mutter schlug sich nach der Trennung als Köchin durch. ­Jessica ging wie ihre zwei Geschwister auf eine staatliche Schule, in der sie nicht viel lernte. Nur auf Schulbühnen und im Tanztheater fühlte sie sich wohl. Ein Stipendium, finanziert von Schauspielgenie Robin Williams, brachte sie an die Juilliard School in New York. Dort blühte sie auf. 2006 hörte sie von einem Casting Al Pacinos, der für sein Filmdrama „Salomé“ eine Hauptdarstellerin suchte. Jessica spielte, tanzte – und verzückte ihn. „Eine Offenbarung, ein Wunder“, schwärmt er bis heute von ihr. Fünf Jahre später kam der große Durchbruch: als sie neben Brad Pitt in Cannes auf dem roten Teppich stand und im Film „The Tree of Life“ von Kultregisseur Terrence Malick zur Sensation wurde.
„Ich glaube daran, dass Geschichten und Filme ein Wir-Gefühl unter Fremden erzeugen können und einen besseren ­Umgang miteinander ermöglichen“, sagte Chastain in einer bewegenden Rede, als ihr im Herbst am Hollywood Walk of Fame ein Stern gewidmet wurde.

Ehemann produziert Prosecco

Bis heute fordert die 49-jährige Gleich­berechtigung und Chancengleichheit ein. Beim Actionfilm „The 355“ entwickelte sie mit den Kolleginnen Penélope Cruz und Diane Kruger ein Produktionsmodell, das sie nicht nur als prominente Zugpferde einsetzt, sondern am Gewinn beteiligt. Als Produzentin von Freckle Films (benannt nach den Sommersprossen der Rothaarigen) schafft sie Raum für Frauen­figuren und Stoffe, die im Studiosystem leicht übersehen werden. Feminismus ­besteht für sie nicht nur darin, Ungerechtigkeiten zu benennen, sondern Macht gerechter zu verteilen.
Statt es sich in Venetien auf dem Landgut ­ihres Ehemannes gutgehen zu lassen (wo er Prosecco produziert), hält Chastain lieber New York die Treue. „Man hört auf der Straße so viele Sprachen, so viele Akzente, und alle fahren U-Bahn – egal aus welcher Schicht man kommt. Für mich ist New York City der beste Ort zum Leben.“ Ihre zwei Kinder bringt sie selbst zur Schule – natürlich mit der Subway.
Ja, gegen Chastain scheint Cinderella ein Waisenkind zu sein. Bemerkenswert ist jedoch nicht, dass die begnadete Schauspielerin der Welt entkam, aus der sie stammte. Sondern dass sie sie nicht vergaß. Dass sie auch heute gegen Abhängigkeiten, Demütigungen und ungleiche Chancen kämpft. Chastain hat sich aus dem Nichts auf den roten Teppich vorgearbeitet. Aber ihr größter Verdienst ist, dass sie dort nicht stehen blieb. Sondern aus ihrem Märchen eine Mission machte.