Eine Sturmnacht am Mount Everest, mitten im Winter, Jost Kobusch liegt allein am Berg, eingewickelt in die Fetzen seines zerrissenen Zelts. Der Jetstream kann hier oben 250 Stundenkilometer erreichen, die gefühlte Temperatur auf minus 70 Grad fallen. Die Stangen hat er aus der Zeltplane gerissen und hält den Stoff um sich wie eine Rettungsdecke, während der Orkan Eiskörner gegen seine Haut treibt. „Du kannst dir das vorstellen wie eine Nähmaschine, die über dein Gesicht läuft“, sagt er.
Im Sommer stauen sich am Everest die Seilschaften, im Winter ist der Berg leer. In dieser Nacht ist Kobusch der einsamste Bergsteiger der Welt. Es ist der 24. Januar 2025, und der Deutsche ist dabei, die letzte große Aufgabe am Everest zu lösen: solo, im Winter, ohne Flaschensauerstoff, über den gefährlichen Westgrat. Er ist allein unterwegs, unter den härtesten Bedingungen, die es gibt, auf der schwierigsten Route des höchsten Bergs der Erde. Der angesehene Alpinist David Göttler hatte ihm eine 0,1-Prozent-Chance gegeben, überhaupt die 6000 Meter zu erreichen. Kobusch übersteht den Sturm. Vier Wochen zuvor, am 27. Dezember 2024, hatte er sich auf 7537 Meter hinaufgekämpft, seine bisher größte Höhe am Everest.
Jost Kobusch wird wiederkommen. Und dann will er auf den Gipfel.
Ein Jahr nach der Sturmnacht, 7000 Kilometer westlich des Everest, öffnet Kobusch die Tür zu seinem Apartment in der Nähe von Chamonix. Er trägt rosa Flip-Flops und fährt sich durch seinen morgendlichen Haarschopf. „Entschuldigung, ich hatte gestern einen langen Trainingstag.“ Mit seinem offenen Lächeln, dem schmalen Körper und der makellosen Haut wirkt der 34-Jährige eher wie ein Jugendlicher denn wie ein wettergegerbter Alpinist. „Verzeihen Sie das Chaos“, sagt er mit einem Verweis auf die Daunenjacken und Rucksäcke, die im Raum herumliegen, „normalerweise bin ich ordentlich. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“
Kobusch führt durch die Wohnung. Sie ist gemietet, eine eigene hat er gerade in der Nähe gekauft. Am Kühlschrank in der Küche kleben Fotos von Freunden.
In den Regalen stehen Bücher über Erleuchtung („Jetzt!“, Eckhart Tolle), Produktivität („Konzentriert arbeiten“, Cal Newport), Erfolgsrezepte („Tools der Titanen“, Tim Ferriss), Geschichte („Eine kurze Geschichte der Menschheit“, Yuval Noah Harari) und Geldanlage („Intelligent investieren“, Benjamin Graham). „Wenn mich ein Thema interessiert, kaufe ich die drei bis fünf Bücher, die bei Amazon die besten Bewertungen haben“, sagt Kobusch. „Ich bin ein extrem neugieriger Mensch. Neugier ist mein Antrieb im Leben und auch am Everest.“ Und das französische Micky-Maus-Heft? „Perfekt, um Französisch zu üben.“
Kobusch ist ein origineller Gesprächspartner und aufmerksamer Gastgeber. Sein Blick ist ruhig und sicher, und was er sagt, ist reflektiert und klug. Überall in der Wohnung sieht man Spuren eines außergewöhnlichen Lebens: Bücher über Bergsteigen und Fitness, an der Wohnzimmerwand eine Karte der Alpen mit lila Punkten auf jedem Gipfel, den er bestiegen hat. Und über dem Tisch hängt ein riesiges Bild des Everest. Es prägt den Raum.
„Dieses Projekt ist das Schwierigste und Größte, was mir eingefallen ist“, sagt er. „Je größer dein Hindernis ist, desto mehr wirst du wachsen. So ein extremes Ziel zwingt mich, neue Wege zu gehen: neue Ausrüstung zu bauen, effizienter zu trainieren, mit den absoluten Experten zu arbeiten, das Thema Akklimatisierung neu zu denken. Du wirst in so einem Projekt zu einem anderen Menschen.“
Allein am Berg gibt es keinen Applaus. Du brauchst Motivation aus dir selbst.
Kobuschs Projekt ist in Stufen angelegt, als Aufbau mehrerer Trainings-Expeditionen vor Ort. 2019/20 nahm er seine erste Expedition in Angriff, und er startete zweifelnd. „Dass mir Göttler (der deutsche Alpinist ist Experte für Expeditionen ohne Flaschensauerstoff, 2022 stand er selbst ohne Atemmaske auf dem Everest-Gipfel; Anm.) gerade mal 0,1 Prozent Chance auf Erfolg gab … diese Zahl bekam ich nicht aus dem Kopf“, gibt er zu. „Ich dachte: Scheiße, vielleicht hat er recht. Aber ich kam höher, als alle erwartet hatten.“ (Er erreichte 7360 Meter; Anm.) Beim zweiten Teil 2021/22 war der Wind so heftig, dass Kobusch schon bei 6450 Metern umkehren musste. Beim dritten, 2024/25, schaffte er es auf 7537 Meter. Der Erfolg änderte alles.
Kobusch begann zu glauben, dass das Unmögliche tatsächlich möglich sein könnte. Und die Bergsteigerwelt begann es mitzuglauben. „Vorher fanden es in den sozialen Medien fünfzig Prozent cool, und fünfzig Prozent sagten: ‚Was zum Teufel? Unmöglich!‘ Seit den 7537 Metern dreht sich die Stimmung.“
Der inzwischen verstorbene Tom Hornbein († 2023) – nach ihm ist das Hornbein-Couloir am Everest benannt, weil er den Westgrat im Frühjahr 1963 gemeinsam mit Willi Unsoeld erstbestiegen hat – hielt das Vorhaben für „extrem riskant“, fügte aber hinzu: „Jost scheint zu wissen, was er tut.“
Vor seiner nächsten Expedition diesen Dezember wächst Kobuschs Zuversicht. „Ich bin inzwischen bereit zu akzeptieren, dass es möglich ist“, sagt er. „Aber das war ein Prozess.“ Hier sind die Learnings, die er auf dem Weg vom Unmöglichen zum Möglichen gewonnen hat.
01
Angst heißt Wachstum
Heute steht Kobusch am Everest über tausend Meter tiefen Abbrüchen. Als Kind brachte er es nicht fertig, vom Dreimeterbrett zu springen. „Mich hat immer interessiert, woher die Angst kommt“, sagt er.
Ich mag die Wildheit des Winters. Er macht Berge pur und roh.
Er wuchs mit fünf Schwestern in Borgholzhausen auf, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen am Teutoburger Wald. Um mit seiner Höhenangst umgehen zu lernen, ging er mit zwölf in die Klettergruppe der Schule. „Mir wurde mit der Zeit immer klarer, dass ich die Dinge liebe, vor denen ich am meisten Angst habe.“ Kobusch fing in der Halle mit dem Klettern an, mit neunzehn stand er auf seinem ersten Fünftausender, dem Mount Kenya, vier Jahre später auf seinem ersten Achttausender, der Annapurna.
„Die Lernkurve war supersteil. Im Rückblick war mein Zugang damals: lernen oder sterben. Ich habe sehr viel riskiert, aus heutiger Sicht sicher zu viel.“ Bei einer Tour packte er damals neue Steigeisen erst am Berg aus. Heute testet er jedes Ausrüstungsstück akribisch, bevor er losgeht. Kobusch ignoriert die Angst nicht, er nutzt sie. Angst, sagt er, liefert Konzentration. Wer sich seinen Ängsten stellt, finde außerdem einen tieferen Sinn: „Wir sind zu wohlhabend und zu bequem geworden. Deshalb sind die Berge so anziehend: Wenn du dich der ultimativen Gefahr aussetzt, erzeugst du Sinn.“
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Finde deinen Stil
Kobusch reizen Aufgaben, die es in dieser Form davor nicht gab: Winterbegehungen, Alleingänge, Erstbesteigungen. 2017 stand er als Erster auf dem Gipfel des Nangpai Gosum II (7296 Meter), 2023 gelang ihm im Alleingang die Winterbesteigung des Denali (6190 Meter). „Ich mag diese Art des Alpinismus: nicht kopieren, was andere gemacht haben, sondern einen neuen,
eigenen Weg schaffen“, sagt er. Sein Everest-Vorhaben ist die reinste Form dieser Philosophie. „Wenn du allein am Berg bist, gibt es keinen Applaus und keine Auszeichnungen. Um weiterzumachen und den Schmerz auszuhalten, brauchst du Motivation aus dir selbst.“
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Alleinsein macht stark
Den Everest allein zu besteigen, das heißt: Niemand trägt Ausrüstung mit, niemand leistet Gesellschaft, niemand zieht dich heraus, wenn du in eine Spalte stürzt. Doch Kobusch genießt gerade diese Kompromisslosigkeit des Alleinseins. „Solo zu klettern, bringt Freiheit: Wie du dich bewegst, das hat etwas Fließendes“, sagt er. „Du kommst in einen richtig tiefen Flow. Probleme in großer Höhe allein lösen zu müssen, ist für mich das Gegenteil von Druck. Es bedeutet Kontrolle.“
Unabhängig zu sein, heißt aber nicht, sich abzuschotten. Kobusch arbeitet mit Wissenschaftlern und Physiotherapeuten zusammen. Sein Trainer, der US-Alpinist Steve House, hält ihm regelmäßig seine Schwächen vor. „Können baut man nur auf, wenn einen jemand ständig daran erinnert, was man noch nicht gut kann“, sagt Kobusch. „Und der einzige Weg zu wachsen ist, dass es einer klar ausspricht.“
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Härte zahlt sich aus
Wer den Everest im Winter besteigt, muss mit extremen Temperaturen fertig werden und mit Jetstream-Winden, die Eisteile beschleunigen wie Geschosse. „Blaues Eis ist schwer zu klettern und macht es unmöglich, dass du dir in einem Sturm eine Schneehöhle baust“, sagt Kobusch. „Du bist also den Elementen komplett ausgesetzt. Deshalb hat es mein Zelt im Winter 2025 auch zerfetzt. Ich schütze mein Gesicht mit Kinesiotape, Sturmhaube, Atemmaske und Brille. Sobald ein bisschen Haut freiliegt, holst du dir da oben sofort Erfrierungen.“ Der Winter macht den Berg auch höher – physikalisch erklärbar. „Kalte Luft ist schwerer, sie sinkt, dadurch ist der Druck am Gipfel geringer. Und weniger Druck heißt weniger Sauerstoff.“ Der Druck auf dem 8848 Meter hohen Gipfel entspricht im Winter jenem auf 9134 Metern. Aber harte Bedingungen haben ihren eigenen Lohn, das wissen alle Extremsportler.
„Ich mag die Wildheit des Winters“, sagt Kobusch. Keine Warteschlange von Bergsteigern, nur Stille. „Du schaust auf einen puren, rohen Berg.“
05
Kenne deine Umgebung
Den Everest ohne Flaschensauerstoff zu besteigen, ist brutal, deshalb bereitet sich Kobusch akribisch auf den Kampf vor, den jeder Atemzug bedeutet. „Die wichtigste Droge im Alpinismus ist Sauerstoff“, sagt er. „Ohne Sauerstoff ist das Klettern ehrlicher. Aber dein Körper baut ab. Du verbrennst Muskeln. Es ist, als würdest du durch einen Strohhalm atmen.“ Um seinen Körper vorzubereiten, schläft Kobusch
in einem Höhenzelt und trainiert in der Höhe rund um Chamonix. Im Juli bestieg er den Pik Lenin, einen Siebentausender in Kirgisistan, im Oktober zieht er nach Nepal, wo unter anderem ein unbestiegener 7000er auf dem Programm steht, im November will er zweimal 8000 Meter Höhe am Lhotse erreichen, bevor er um den 22. Dezember am Everest angreift.
06
Such deine Ausrüstung
Für sein Everest-Vorhaben entwirft Kobusch eigene Ausrüstung. Er wird ein Zwiebelsystem tragen: Mit der koreanischen Outdoormarke Blackyak hat er einen Daunenanzug entwickelt, bei dem innen ein Tragegurt angebracht ist. So wird das Gewicht auf die Hüften statt auf die Schultern gelegt. Kobusch kann die obere Hälfte des Anzugs öffnen und die Ärmel am Bund einhängen, um sich in schweren Kletterpassagen abzukühlen. Und um Winterstürme zu überstehen, hat sein ultraleichtes Zelt, ein Prototyp, mehr Stangen als andere Zelte dieser Gewichtsklasse. „Es ist ein bisschen wie in der Formel 1. Es gibt keine Erfahrungswerte, auf die du zurückgreifen kannst. Du musst dir neue Lösungen ausdenken.“
07
Lerne zu improvisieren
Am Everest drohen jederzeit Lawinen, Steinschlag und Stürme aus dem Nichts. „Sogar der Berg verändert sich“, sagt Kobusch. „Ich kletterte 2019 eine spektakuläre Eistour am Everest, und als ich beim Abstieg wieder zu der Stelle kam, fehlte ein Teil der Route. Er war einfach abgefallen.“ Das Geheimnis im Umgang mit Unberechenbarkeit heißt Improvisation – und Improvisation setzt Erfahrung voraus. 2013 stieg Kobusch am Pik Lenin (7134 Meter) in Kirgisistan, als ein Sturm sein Zelt aus den Verankerungen riss und auf eine Gletscherspalte zutrieb. Also zerrte Kobusch das flatternde Zelt in eine kleinere, flachere Spalte und schlief dort. „Als ich dann im Winter 2025 am Everest eine ähnliche Situation hatte, war ich vorbereitet. Am Pik Lenin bin ich mit dem Zelt gerutscht, die Stangen verwandelten es in ein Segel mit irren Kräften. Am Everest habe ich deshalb die Stangen herausgezogen und mich in die Plane gewickelt – so geht Improvisation. Sie ist das Ergebnis früherer Erfahrungen.“
Dieses Projekt ist das Schwierigste und Größte, was mir eingefallen ist.
08
Sei schnell unterwegs
Bei seiner Everest-Expedition 2019/20 war Kobusch 64 Tage am Berg und ging viele Male hinauf und wieder hinunter, um Ausrüstung zu transportieren, zu lernen und sich zu akklimatisieren. 2024/25 dauerte sein Rekordvorstoß dann nur sechs Tage. „Der Zeitplan war revolutionär“, sagt er. „Ich glaube, sieben Tage könnten ein guter Zeitrahmen für den Gipfel sein.“ Zeit ist am Everest ein ausschlaggebender Faktor. „Wenn du zu lange dort oben bleibst, erholst du dich jeden Tag schlechter, jeder Tag ist körperlicher Abbau und je mehr Tage, desto unberechenbarer das Wetter und desto länger bist du der Gefahr ausgesetzt. Tempo bedeutet Sicherheit.“ Möglich ist das nur mit ultraleichter Ausrüstung. „Ich habe nichts doppelt.“
09
Du bist ein Champion
Um in harten Momenten standzuhalten, hat sich Kobusch einen Werkzeugkasten für den Kopf gebaut. „Ich benutze das Wort Problem nie“, sagt er. „Es gibt nur Herausforderungen und Möglichkeiten. Ich verwende positive Sprache.“
Unter permanenter Anspannung zu klettern, ist enorm zehrend, deshalb arbeitet er mit einem Ampelsystem – grün, gelb, rot –, um seine Aufmerksamkeit je nach Gefahr des Abschnitts zu dosieren. So spart er die mentale Kraft für die Stellen, an denen er sie wirklich braucht.
10
Lege eine Bibliothek an
Kobusch nennt sich selbst einen „Bibliothekar der Erfahrung“. Jede Tour, jede Trainingseinheit legt neues Können und neue Erkenntnisse ins Regal. Dieser Gedanke, sich immer weiter verbessern zu wollen, ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen, meint er. „Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Talent überschätzt wird und der Aufbau von Können massiv unterschätzt. „Mein Ziel ist nicht der Gipfel des Everest. Mein Ziel ist, der beste Alpinist zu werden, der ich sein kann.“
- Basislager: Errichtet auf einem mit Felsbrocken und Geröll bedeckten Gletscher.
- Eisgassen: Zu Beginn geht es durch ein Labyrinth gefrorener Bäche, „wie Schlittschuhlaufen bergauf“.
- Lawinenkegel: In dem Schuttkegel erwischte ihn 2019/20 eine Lawine. „Ich muss schnell gehen, um die Zeit in der Zone möglichst kurz zu halten.“
- Felstürme und Eiswände: In diesem Abschnitt klettert Kobusch Wände, die so steil sind wie Wolkenkratzer.
- Gletscherzunge: „Man läuft hier zwischen Gletscherspalten über blankes Eis.“
- Blaues Eis: Nach dem Lho-La-Sattel wartet rutschiges, steinhartes Blaueis – extrem schwer zu klettern.
- Flachteil: Eine lange Traverse mit mühsamem Auf und Ab und nur wenig Höhengewinn. Kostet viel Zeit und Energie, zieht Kobuschs Expedition in die Länge.
- Hornbein-Couloir: Eine steile, enge Rinne aus Eis, Fels und Schnee von 8000 bis 8500 Meter. „Dort war im Winter noch nie jemand zuvor“, sagt er.
- Kletterei in der Todeszone: Kurz vor dem Gipfel auf knapp 8500 Metern wartet eine fast senkrechte Felskletterei.