Jürgen Klopp im Interview: „Ich glaube immer daran, dass es gut ausgeht“
Jürgen, nur etwa die Hälfte der Menschen in Europa blickt aktuell optimistisch in die Zukunft. Wie geht es dir?
Ich bin sehr optimistisch – und gehe auch so in die Zukunft. Aber das gilt natürlich nicht für alle Teilaspekte unseres Lebens und des Weltgeschehens. Alles verändert sich. Viele Ressourcen, die wir lange für unendlich hielten, werden aus unterschiedlichsten Gründen immer knapper und teurer. Und vieles kann man schlicht nicht kontrollieren. Und das ist der Punkt: Ich bin optimistisch bezüglich der Dinge, die ich beeinflussen kann. Und mit allen anderen Ereignissen und Trends muss man leben und irgendwie zurechtkommen.
Das sagt sich so einfach.
Natürlich leiden viele Menschen unter verschiedenen Dingen viel mehr als ich in meiner privilegierten Position. Das ist mir bewusst. Ich sitze heute hier mit 58 Jahren und hab ein Leben geführt, von dem ich als junger Kerl nicht gewagt hätte zu träumen. Da ist ziemlich viel ziemlich gut gelaufen. Aber ich war auch vor vierzig Jahren der gleiche Mensch mit den gleichen Werten. Das kannst du „grundlos optimistisch“ nennen. Ich glaube immer daran, dass es gut ausgeht.
Meine Frau und ich wussten: Wenn das nicht klappt, müssen wir Taxi fahren lernen.
Muss man als Leistungssportler vielleicht einfach auch Optimist sein? Du bist im Schwarzwald aufgewachsen, in der Provinz, einer von Millionen Jungs in Deutschland, die von der großen Fußballerkarriere träumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, geht ja leider gegen null …
Ich habe das Spiel sehr, sehr geliebt und war auch in der Region einer der Besten. Aber der Realist in mir wusste damals schon: Ich bin nicht gut genug. Vielleicht hab ich mich ein wenig unterschätzt. Eine sehr, sehr durchschnittliche Profikarriere, die mir alles danach ermöglicht hat. Denn ich wäre sicher nicht der Trainer geworden, der ich bin, wenn ich mich nicht 325-mal durch deutsche Zweitligastadien gequält hätte. Man muss tatsächlich Optimist sein, um sich seine Träume zu erfüllen. Ich finde, es macht die Zeit während des Träume-Erfüllens angenehmer. Aber ein realistischer Blick ist auch wichtig: Was sind meine Talente? Wo kann ich einen Unterschied machen? Mit Pessimismus allein kann ich gar nichts anfangen.
Warum?
Pessimismus basiert meistens auf der Erfahrung, dass Dinge in der Vergangenheit nicht so geklappt haben wie erhofft. Diese Erfahrung führt häufig dazu, dass man sich das, was in Zukunft passiert, nicht mehr zutraut. Für mich sind die Dinge, die in der Vergangenheit nicht funktioniert haben, nur eine Information, dass es nicht funktioniert hat. Aber dass mich das über das Scheitern hinaus noch weiter behindert, habe ich nie zugelassen.
Jürgen Klopp über seine Anfänge in Mainz
Wie geht das?
Alles hat seine Zeit. Die Trauer, die Wut, die Reflexion. Die schlimmsten Niederlagen meines Lebens waren die verpassten Aufstiege mit Mainz 05. Wir hatten plötzlich die Chance, mit diesem kleinen Verein in die Bundesliga zu kommen – und scheiterten am letzten Spieltag wegen eines Punkts (2001/02; Anm.). Das war bis dahin der schlimmste Tag meines Lebens. Ich hatte gar keine positive Zukunftsvision in mir. Nach einer durchzechten Nacht sah die Welt wieder anders aus. „Einmal drüber schlafen“ – das ist wirklich ein Tipp, den ich allen geben würde, bevor man eine große Entscheidung trifft.
Wie wirkt sich das aus?
Am nächsten Morgen dachte ich schon: Wir waren so gut, so nah dran, wir optimieren ein bisschen und schaffen es nächstes Jahr. Und dann verpassten wir den Aufstieg wieder – wegen eines Tors (2002/03; Anm.). Da fühlte ich mich vom Fußballgott gemobbt. Das waren lebensverändernde Niederlagen. Ich wusste: Wenn ich ein drittes Mal nicht aufsteige, war es das mit der großen Trainerkarriere. Aber dann haben wir es geschafft – und ich war gerettet. Die verlorenen Champions-League-Finals später (2013, 2018 und 2022; Anm.) fühlten sich nicht gut an. Aber ich wusste, das wird mein Leben nicht mehr verändern. Ein Luxusproblem. Ob da jetzt noch eine Trophäe rumsteht oder nicht, ist am Ende nicht so wichtig. Aber die frühen Niederlagen haben mich geprägt – eindeutig.
Wenn ich ein Buch schreibe, dann über den Umgang mit öffentlichem Druck. Da stünde nur ein Satz drin, gedruckt auf 200 Seiten: Einfach ignorieren.“
Die meisten Leute hätten ein Loch gegraben und sich reingelegt.
Das ist in der Rolle nicht möglich. Spieler denken nur bis zum nächsten Training oder Spiel – kein Vorwurf, ich war nicht anders. Aber irgendjemand muss den Weg aufzeigen und das Gefühl erzeugen, dass die Ziele erreichbar sind. Nach dem zweiten verpassten Aufstieg mit Mainz stand ich auf einer Bühne und hab erzählt, dass der Fußballgott mit uns ein Experiment zu machen scheint: Ob man nicht nur einmal fällt und wieder aufsteht, sondern vielleicht sogar zwei- oder dreimal – und trotzdem stärker daraus hervorgeht. Und dann hab ich gesagt: Es gibt keinen besseren Club und keine bessere Stadt als Mainz für diesen Versuch. In diesem Moment haben die 25 Jungs, die 20.000 Leute vor der Bühne – alle – daran geglaubt. Und beim Trainingsstart waren 10.000 Leute da und haben uns Schwung gegeben für die Saison. Optimismus für sich allein ist schön. Aber wenn man ihn mit anderen Menschen teilt, entfaltet man eine richtig starke Wirkung.
Bleiben wir noch kurz in Mainz. 2001 hat dich, lustigerweise an einem Rosenmontag, der damalige Sportdirektor Christian Heidel angerufen und gefragt, ob du als Spielertrainer übernehmen kannst. Woher nimmt man diese Zuversicht, derartige Challenges anzugehen?
Man könnte das unter der Überschrift „jugendlicher Leichtsinn“ zusammenfassen. Ich war 33 Jahre alt, hatte zwar ein abgeschlossenes Sportstudium, aber keine Erfahrung. Die Frage war nicht: Kannst du es den Rest der Saison machen? Sondern: Kannst du das Team auf Mittwoch vorbereiten? Und dann dachte ich: Ja, das schaff ich. Und dann haben wir von den ersten sieben Spielen sechs gewonnen – das war ein ordentlicher Start.
Die Lektion: In kleinen Schritten denken, statt zu sagen, „oh Gott, das ist ja so ein Riesenschritt“?
Genau. Im Fußball mögen es die Journalisten nicht, wenn man sagt: „Ich denke von Spiel zu Spiel.“ Aber es stimmt trotzdem. Es gibt keine Alternative. Sich das große Ziel stecken und dann bereit sein, jeden einzelnen notwendigen Schritt zu gehen – das ist die einzige Möglichkeit, erfolgreich zu sein.
Jürgen Klopp über seine Familie
Wissenschaftler haben untersucht, warum Menschen unterschiedlich optimistisch sind: 30 Prozent ist DNA, also wie schnell Neurotransmitter abgebaut werden. 20 Prozent ist Glück, positive Erfahrungen, die sich selbst verstärken. Gut die Hälfte ist ein gutes Umfeld, wo man das lernt. Warum bist du so, wie du bist?
Das sind schon die wichtigsten Faktoren. Vor allem prägt einen die Familie, in der man aufwächst. Ich war das dritte Kind meiner Eltern, fünf Jahre jünger, nach zwei Mädels endlich der Thronfolger. Ich hätte mich zu einem Riesenschwachkopf entwickeln können, die haben mich von vorne bis hinten verwöhnt. Aber das hat auch dazu geführt, dass ich absolutes Vertrauen in Menschen habe. Ich meine es ernst: Ich trete Menschen positiv und absolut unvoreingenommen gegenüber und vertraue ihnen hundertprozentig. Falls man mich enttäuscht, kann ich mich später damit beschäftigen.
Haben deine Eltern dir diese Werte vermittelt?
Mein Vater kommt aus der Vorkriegsgeneration und war auch sehr fordernd. Hat er jeden Tag gesagt, dass er mich lieb hat? Nein. Aber ich spürte es. Er hat in mir den Kerl gesehen, der all das erreichen kann, was er nicht erreichen konnte – und mich gepusht. Ich weiß nicht, ob das an der Erziehung liegt, an der DNA oder ob es meine eigene Entscheidung ist. Aber wichtig ist: Ich möchte optimistisch durchs Leben gehen – und einen Mehrwert darstellen für die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es ist nicht genug, wenn es nur mir gut geht. Das hängt mit meinem christlichen Glauben zusammen, mit meiner Erziehung. Es war nicht alles easy bei mir. Es gab Momente, wo man vom Weg hätte abkommen können …
Zum Beispiel?
Ich bin ganz jung Vater geworden, habe damals auch nicht gedacht: Das ist ja großartig. Und heute ist es das Beste, was mir passieren konnte. Mein Sohn und der Sohn meiner Frau Ulla sind heute unsere besten Freunde. Ich sehe es als Auftrag, aus dieser Nummer hier das Beste zu machen. Und damit meine ich: aus dem Leben, das wir hier haben. Mehr ist es nicht.
Das ist mein Thrill im neuen Job: Dass ich meine Neugier auf die Welt endlich stillen kann.
Die Liverpool-Legende Steven Gerrard hat mal erzählt: „Jürgen Klopp hat immer gelächelt, wenn er die Kabine betreten hat.“ Stimmt das? Und hast du das Lächeln bewusst angeknipst, bevor du die Tür geöffnet hast?
Das war mir nicht bewusst. Aber klar, wenn du in die Kabine kommst, musst du dein Team so gut wie möglich auf ein Spiel vorbereiten. Es geht darum, dass dieser Haufen, der da sitzt, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, stärker ist als davor. Ich fordere viel von meinen Spielern: Mut, Kreativität, Einigkeit. Wahrscheinlich ist Lächeln der einzige Gesichtsausdruck, der das möglich macht.
Du hast mal gesagt: „Wenn man das, was ich vor dem Spiel spüre, in Flaschen abfüllen und verkaufen könnte, dann wäre es illegal.“ Was würde auf der Flasche stehen?
„Lust auf den Erfolg“, „Lust auf den Wettkampf“, „Lust auf das Spiel“, „Lust auf das, was man beeinflussen kann“. Sag mir eine Sache im Leben, die man besser machen kann, wenn man miesepetrig ist.
Hast du einen Tipp, wie man das vermeidet?
Schwierig, Leuten Ratschläge zu geben, die ich nicht kenne. Aber ich versuch es mal so: Meine Karriere ist optimal gelaufen, auch wenn ich nicht alle Spiele gewonnen habe. Es gibt Menschen, die sagen: Der hat dreimal das Champions-League-Finale verloren. Das ist legitim. Aber wie dämlich wäre ich, wenn ich das so sehen würde? Ich denke nicht jeden Tag daran, dass Real Madrid absurde Tore gegen uns geschossen hat. Ich denke aber auch nicht jeden Tag an die Momente, in denen ich den Pokal hochgehoben habe. Es liegt in meiner Hand, wie ich mit den Dingen umgehe, die im Leben passieren. Wenn du ein Spiel verlierst, kannst du sagen: „Die Spielidee war falsch. Zurück auf null.“ Oder du sagst: „Die Idee war gut, aber die Ausführung nicht optimal. Das Timing, die Präzision.“ Und schon hat man die Möglichkeit, beim nächsten Mal besser zu sein. Alles zu geben, bedeutet nicht, dass du alles bekommst. Es ist aber die einzige Chance, überhaupt etwas zu bekommen.
Ich vermisse die Kabine nicht. Da war ich oft genug. Und es riecht auch nicht besonders gut.
Im Sport gibt es dieses Phänomen, wenn ein Team plötzlich „on fire“ ist, krass an sich glaubt und alles wegräumt. Wie zündet man das an? Wie fühlt sich das an?
Wir hatten eine Phase in Liverpool, in der wir über zweieinhalb Saisons nur fünf oder sechs Punkte zu Hause abgegeben haben. Völlig verrückt! Leider sind wir in dieser Zeit nur einmal Meister geworden. (Lacht.) Von außen denkt man: Denen gelingt alles, das ist leicht. Aber wenn man drinsteckt, steigt der Druck, das Ding am Laufen zu halten. Man gewinnt ein Spiel, freut sich kurz. Geil. Drei Punkte. Und dann schaust du dir deinen Kader an: Wie geht’s den Jungs? Wen muss man runterholen? Wen aufbauen? Auf wen aufpassen? Drei Tage bis zum nächsten Spiel. Du gewinnst wieder. Wahnsinn. Was ist jetzt zu tun? In einer Siegesserie zu sein, hat nichts mit Genuss zu tun. Es ist Anstrengung, Erleichterung, Anstrengung, Erleichterung – und je länger die Serie dauert, desto mehr steigt der Druck. Das überbordende Gefühl war maximale Erleichterung. So sehr, dass ich fast Probleme hatte, mich auf den Füßen zu halten. Okay, die Box ist getickt, weiter geht’s. Es geht ja immer weiter.
Jürgen Klopp über seine Rolle bei Red Bull
Das klingt mehr als nur ein bisschen stressig. Gibt es in deinem neuen Job auch solche Extremzustände?
Also erst mal: Ich vermisse das Adrenalin nicht. Und grundsätzlich bin ich dem Spielgeschehen natürlich immer noch verbunden – vielleicht in abgeschwächter Form, weil ich nicht direkt am Platz stehe. Aber ich fiebere mit unseren Teams und Trainern mit. Bin nicht mehr der Fahrer, sondern eher ein Mitfahrer. Schau mir die Sache an und freue mich, wenn wir ankommen. Ich habe total Lust auf meinen Job, auf die Gespräche mit Menschen in unterschiedlichen Positionen, in unterschiedlichen Ländern, mit ständigem Austausch. Ich lerne jeden Tag dazu. Und das ist mein Thrill. Dass ich meine Neugierde auf die Welt endlich stillen kann.
Und was ist vielleicht gleich geblieben?
Ich vermisse die Kabine nicht. Da war ich oft genug. Und es riecht da auch nicht besonders toll. Das erste Jahr bei Red Bull war super intensiv. Wir haben viele Dinge angeschoben und Muster aufgebrochen. Genau wie in meinen bisherigen Vereinen bin ich nicht hergekommen und hab den Leuten am ersten Tag gesagt, was sie anders machen müssen. Ich möchte erst wissen, mit wem ich zu tun habe, was gemacht wird und warum. Dann kann man über Veränderungen und Verbesserungen sprechen.
Ich stelle mir so einen Global-Office-Job als Gegenteil der Kabine vor. Man macht ganz viel über Videocalls und Slack. Man ist sich fern. Die Leute machen was anderes. Wie stellt man hier Nähe her und motiviert?
Es ist eine Einstellungssache: Nur Videocalls, ohne die Leute je getroffen zu haben, ist schwierig. Aber ich hab jeden zweimal getroffen, und dann geht es. Es ist so persönlich, wie du es machst. Ich steh morgens auf und hab fünf Calls, spreche mit den Leuten über die wichtigen Dinge – und bin regelmäßig vor Ort, um neue Eindrücke zu sammeln.
Was ein Trainer macht, ist klar, aber was macht ein Head of Global Soccer?
Ich möchte ein Partner sein, den es im Weltfußball sonst nicht gibt. Ein Asset, das niemand außer den RB-Trainern hat. Ein Cheftrainer im modernen Profifußball hat niemanden im Verein, dem er eine Frage stellen kann. Alle denken: Das muss er doch am besten wissen. Und wenn jetzt einer von unseren Trainern ein Problem hat, kann er mich anrufen – und ich kenne vielleicht eine Antwort, weil ich selber in den Schuhen gesteckt habe.
Menschen, die sich dem Gegenwind aussetzen, haben meinen Respekt.
Du bist also auch ein Sparringspartner – was fragen die Trainer vor oder am Spieltag?
Ich bin mit all unseren Trainern in ständigem Kontakt. Es geht darum, eine Gesprächsbasis zu entwickeln und neue Ideen einzubringen, die man so nicht hatte. Eine Frage, die immer wiederkehrt, ist: Wie schätzt man Dinge ein? Der größte Treiber im Sport ist der öffentliche Druck. Wie geht man damit um? Wenn ich ein Buch schreiben würde, dann darüber. Es wär auch kurz: „Einfach ignorieren.“ Ein Satz, auf 200 Seiten. Trainer machen sich genug Druck. Wie reagiert man auf eine öffentliche Debatte? Gar nicht. Das kann man von mir lernen. Wir wollen den bestmöglichen Fußball spielen und unsere eigenen Ziele erfüllen. Nicht fremdbestimmt sein. Wir sind meistens nicht der größte Fisch im Teich, sondern müssen neue und besondere Lösungen finden. Und den Leuten helfen, mutig zu sein und mutig zu bleiben – das ist eine reizvolle Aufgabe.
Jürgen Klopp über RB Leipzig
Du hast dich relativ häufig in deiner Karriere an Reboots beteiligt: in Mainz, in Dortmund und in Liverpool. Und jetzt hatte RB Leipzig auch einen großen Umbruch vor dieser Saison. Woher nimmt man den Optimismus, dass der Neustart klappt?
Krise als Chance. Man muss nach negativen Eindrücken zügig eine Entscheidung treffen. RB war ein erfolgsverwöhnter Verein, der sich als neuer Verein in der Champions League etabliert hatte – eine echte Erfolgsgeschichte, die selten ist in Europa. RB ist jung, lebendig. Und das hat nicht mehr ganz gepasst. Stecker raus. Neustart. Zurück auf Anfang. Frisches Blut in ein funktionierendes System, und genau das haben wir gemeinsam mit dem Klub getan – und haben wieder den jüngsten Kader der Liga. Am Fußball muss man weiterfeilen, aber das ist normal.
Du warst lange in der Bundesliga, lange in der Premier League. Jetzt bist du zeitgleich in verschiedenen Profiligen. Was lernst du dadurch über den Fußball?
Was Intensität angeht, ist die Premier League kein Vergleich. Die besten Spieler, top trainiert, hundert Prozent Einsatz. Zwei Pokalwettbewerbe, größere Liga. Wahnsinn. Frankreich – das ist die Liga der Talente. Japan ist eine ganz spannende Liga, ganz anders aufgebaut, weil die Talente dort noch an den Unis sind und erst mit 23 in die Liga kommen. Menschlich gereift. Es sind einfach andere, spannende Systeme. Deswegen wollen wir nicht immer den Bundesliga- oder Premier-League-Deckel draufsetzen, sondern angepasst an die jeweiligen kulturellen Voraussetzungen einen Weg finden, dieses wundervolle Spiel im richtigen Licht erscheinen zu lassen.
Du hast vorhin über die Ungeduld der Öffentlichkeit gesprochen. Wie gelingt unter diesen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung?
Du musst natürlich die unmittelbaren Probleme lösen. Aber ich bin bei meinen Positionen immer davon ausgegangen, dass ich lange da sein werde – nicht, weil ich meine Chancen so optimistisch einschätze, sondern weil das meine Denkweise ist. Ich bin kein Springer. Ich möchte Leute kennenlernen, Dinge verstehen, Einfluss nehmen – und dann hoffentlich Erfolg haben. Eine Entwicklung braucht Zeit. Den Start haben wir bei RB vollzogen. Und jetzt schauen wir, wie viel Zeit wir brauchen. Sieben, zehn, zwölf Jahre. Ganz egal.
Du hast vor einem Vierteljahrhundert deinen ersten Trainerjob begonnen. Wenn man sich heute Spiele aus den Nullerjahren anschaut, denkt man: Hab ich jetzt Zeitlupe eingeschaltet? Was sind die Change Driver des Fußballs in den kommenden Jahren?
Als ich in den Neunzigern Profi war, haben wir vor dem Training Salztabletten bekommen und durften nichts trinken. Wir haben komplett dehydriert trainiert. Seitdem hat sich viel getan, taktisch, Trainingslehre. Mein Job hat sich wahnsinnig verändert. Wenn ich in Mainz am Anfang eine Schraube in die Wand gedreht habe, dann hab ich am Ende in Liverpool ein Space Shuttle gesteuert. Aber es gibt Limits. Biomechanisch. In den letzten Jahren ist die Laufleistung nicht von 100 auf 150 Kilometer explodiert. In dem Moment, wo man den Protagonisten Zeit gibt, zu performen, zu regenerieren und zu trainieren, wird der Fußball den nächsten Schub kriegen.
Wie schätzt du die Stimmung in der Heimat ein?
Ich lebe in Mainz, in Gonsenheim. Ich mache keine Umfragen, aber ich reise viel und höre zu. Die Stimmung ist nicht besonders gut, das weiß ich. Aber es gab auch früher Probleme – man vergisst sie nur schnell. Die aktuellen scheinen immer die größten und unlösbarsten zu sein. Ein paar Dinge sind neu und unerwartet: Dass wir in Europa wieder Krieg haben. Dass politische Gesinnungen, die nicht meine sind, populärer werden. Ich beneide Politikerinnen und Politiker wirklich nicht.
Wieso?
Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Egal was du entscheidest – eine Fraktion schreit auf: „Seid ihr verrückt geworden?!“ Menschen, die sich trotzdem engagieren und sich diesem Gegenwind aussetzen, haben meinen Respekt. Solange ich erkenne, dass sich jemand wirklich bemüht, das Richtige zu tun, bin ich nicht kritisch. Denn immer das Richtige zu tun, ist praktisch nicht möglich. Ich bin ein Verfechter von gesundem Menschenverstand – die Dinge noch mal beleuchten, noch mal nachdenken. Und da kommen wir wieder zum Optimismus: Der Glaube an die Zukunft hilft dabei, sich vorzustellen, wie es im positiven Fall aussehen kann. Und das führt dazu, dass man daran arbeiten will, dass es auch so wird.
Kann man Optimismus trainieren? Gibt es ein Trainingsprogramm?
Meine Lebenseinstellung basiert auf dem Nachdenken über die Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind. Mir hat nie jemand gesagt: Mit Gegenwind und Niederlagen musst du so oder so umgehen. Das war meine Entscheidung. Wenn man sich anguckt, wo ich herkomme und wo es karrieretechnisch hingeführt hat, denk ich mir: Das ist eigentlich nicht möglich. Und ich würde jetzt gern so tun, als hätte ich bei jeder Kreuzung oder Krise gewusst, was der richtige Weg ist. War aber nicht so. Ich habe gehofft, dass es die richtige Entscheidung ist. Und beim nächsten Mal war ich wieder bereit, alles zu riskieren.
Wie sieht das konkret aus?
Ich will jungen Leuten kein Rezept verkünden. Ich kann nur sagen: Bei mir hat es geklappt. Mein Berufsleben war ungefähr um 90.000 Prozent besser, als ich jemals gedacht hätte. Aber es gab auch andere Momente, als ich mit meiner Frau Ulla am Küchentisch saß und Kassensturz gemacht habe: Können wir es uns leisten, dass ich alles auf Fußball setze? Wir wussten: Wenn das nicht klappt, müssen wir Taxi fahren. Und dann haben wir gemeinsam Gas gegeben. Und am Ende hat es geklappt. Es war ein cooler Weg, und unterwegs haben mir ganz viele Leute geholfen. Vielleicht ist das die Botschaft: Habt Mut und umgebt euch mit den richtigen Menschen. Dann kann es gut werden.