Julien Wanders, 24, beim Bahntraining mit seinen kenianischen Kollegen
© Guillaume Megevand
Laufsport

Zum Laufen geboren: Ausnahme-Läufer Julien Wanders im Porträt

Der Schweizer Julien Wanders will der beste Marathon-Mann der Welt werden. Dafür ist er vom reichen Genf in ein kenianisches Dorf übersiedelt. Und hat dort seine ganz persönliche Komfortzone entdeckt.
Von: Christof Gertsch
10 min readPublished on
Seit Julien Wanders in die Welt­spitze vorgestoßen ist, denkt seine Mutter häufig an den Tag, als er von der Schule nach Hause kam und sagte: „Maman, ich muss besser Englisch lernen, später werde ich Journalisten aus aller Welt Auskunft geben.“ Ihr Sohn war zwölf, und obwohl sein Gesichts­ausdruck keinen Zweifel daran ließ, dass er es ernst meinte, musste sie lachen. „Mon Titi“, sagte sie, „du träumst.“
Heute fragt sie sich: Ist es möglich, dass er seine Zukunft tatsächlich schon damals so klar vor Augen sah? Julien Wanders, 25 Jahre alt, ist der beste weiße Läufer in der Historie des Halbmarathons, seine Geschichte eine der erstaunlichsten, die sich im Sport gegenwärtig zuträgt. In der Weltbesten­liste belegt er Platz 46, hinter Kenianern, Äthiopiern, Eritreern und einem Bah­rainer kenianischer Herkunft. Doch Wan­ders will mehr, seine Karriere ist auch ein großes Experiment. Er will herausfinden, ob es möglich ist, als Nichtafrikaner der beste Marathonläufer der Welt zu wer­ den. Obwohl er seinen ersten Marathon im Hinblick auf einen langfristigen und behutsamen Aufbau wohl frühestens 2021 bestreiten wird, glaubt er fest, die Antwort zu kennen.

The Glacier Edition

Die Red Bull Glacier Edition mit dem Geschmack von Gletschereis-Himbeere.

Im Dezember 2025 exklusiv auf Amazon erhältlich

Red Bull Glacier Edition - Image
The Glacier Edition Background
Haube, Handschuhe, Jacke: Nicht immer ist es in Kenia warm.

Haube, Handschuhe, Jacke: Nicht immer ist es in Kenia warm.

© Guillaume Megevand

Er sagt: „Dass ich der beste Halb­marathonläufer außerhalb Afrikas bin, bedeutet mir nichts. Es gibt keinen Wett­kampf unter Weißen. So viele Leute sagen mir, ich könne die Ostafrikaner nicht schlagen, weil die zum Laufen geboren seien. Das macht mich wütend. Ich bin auch dafür geboren.“
Es heißt, ich könne die Ostafrikaner nicht schlagen, die seien zum Laufen geboren. Das bin ich auch.
Julien Wanders über seine Motivation, sich zu verbessern
Klingt trotzig, stimmt aber natürlich auch. Zwar hat Wanders bis heute jede Bitte von Wissenschaftlern, ihn ausmes­sen zu dürfen, abgelehnt, doch auch mit bloßem Auge erkennt man, dass seine Anatomie der vieler Ostafrikaner ähnelt. Erstens ist er sehr schlank und nicht speziell groß – was ein Vorteil ist, weil beim Laufen das Körpergewicht die Hauptwiderstandskomponente darstellt. Zweitens hat er nicht nur schlanke, sondern im Vergleich zur Körpergröße sehr lange Beine. Diese ermöglichen ihm dank der im Verhältnis zum Körpervolumen größeren Körperoberfläche eine bessere Thermoregulation.
Selbstbewusst: Torbogen am Stadtrand von Iten

Selbstbewusst: Torbogen am Stadtrand von Iten

© Guillaume Megevand

Doch mit der Anatomie allein ist es nicht getan; selbst im Langstreckenlauf nicht, wo bestimmte körperliche Attribute besonders entscheidend sind. Julien Wan­ders stammt aus einer Genfer Bildungs­bürgerfamilie, die Mutter ist Geigen­spielerin, der Vater Chemielehrer. Die Schule fiel ihm leicht, am Gymnasium übersprang er sogar eine Klasse. Er hätte Arzt werden können, wie eine seiner Schwestern, oder Ingenieur, doch die Uni interessierte ihn nicht im Geringsten. Überhaupt hatte er nicht viel übrig für das Leben in einer der wohlhabendsten Städte der Welt. Heute sagt er: „In Genf zu trainieren, das machte mich nicht glücklich. In Iten aber liebe ich das Leben.“ Was meint er damit?
Genf machte mich nicht glücklich, in Iten aber liebe ich das Leben.
Julien Wanders wagte den großen Schritt von der Schweiz nach Kenia.
Iten, eine Stadt im grünen Hochland von Kenia, ist so etwas wie das Mekka des Langstreckenlaufs. Etliche der besten Langstreckenläufer der Ge­schichte stammen von hier. Und seit vier Jahren ist es auch die Heimat von Wan­ders. Zuerst kam er nur zu Besuch, wie viele Europäer, die eine Weile von der für Ausdauertrainings idealen Höhenlage profitieren wollen, ehe sie sich wieder in den Komfort ihrer Heimat begeben. Doch dann merkte er, dass die Einfach­heit, die es ihm angetan hatte, nur dann ihre volle Wirkung entfalten kann, wenn er sich ihr nicht bloß für ein paar Wochen im Jahr aussetzt.
Juliens Laufschuhe: rot vom Sand der Bahn

Juliens Laufschuhe: rot vom Sand der Bahn

© Guillaume Megevand

Die Menschen in Iten gehören zum Volk der Kalendschin, das etwa drei Vier­tel aller kenianischen Weltklasseläufe­rinnen und ­läufer stellt, aber mit etwas mehr als vier Millionen bloß ein Viertel der Bevölkerung des Landes ausmacht – oder knapp 0,06 Prozent der weltweiten Population. Das ist umso bemerkens­werter, wenn man bedenkt, dass der Lauf­sport als die am weitesten verbreitete und am leichtesten erlernbare Sportart der Welt gilt.
Die Frage, warum die Kalendschin so schnell sind, beschäftigt Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Lange wurden als Erklärung vor allem kulturelle Aspekte aufgeführt, darunter die beschwerlichen, einem Frühtraining gleichkommenden Schulwege und die Perspektivlosigkeit des Alltags: Wer läuft, der kann der Armut entfliehen. Heute weiß man, dass die langen und dünnen Beine, die einen ökonomischeren Laufstil ermöglichen, bei den Kalenjin viel häufiger sind als in anderen Populationen. Allerdings weiß man nicht, wie dieser genetische Unter­ schied zustande kommt.
Blauer Himmel über der Trainingsbahn, mehrmals wöchentlich kommt Julien her

Blauer Himmel über der Trainingsbahn, mehrmals wöchentlich kommt Julien her

© Guillaume Megevand

Julien Wanders sind all diese Fragen egal. Ihm reicht es, hier zu sein, in Iten. Um so schnell zu laufen wie die besten Kenianer, will er leben wie ein Kenianer. So einfach ist das. Zusammen mit seiner Freundin Joan Jepkorir, die aus Iten stammt und von allen Kolly genannt wird, wohnt er in einem Appartement an der Hauptstraße, drei Zimmer für umgerechnet 100 Fran­ken pro Monat. Kolly war Lehrerin an einer Highschool, als sie Wanders kennen­ lernte, dann übernahm sie von ihrem Vater das Café im Zentrum.
Seinen liebsten Tagesablauf beschreibt Wanders so: Training, Frühstück mit Kolly, Nickerchen, Mittagessen mit Kolly im Café, Nickerchen, Training, Abend­ essen mit Kolly. „Dann setzen wir uns vor den Fernseher, und um acht Uhr lege ich mich schlafen.“
Die Trainingspläne bekommt er von Marco Jäger, seinem Trainer in Genf, für die Umsetzung ist er selbst zuständig. Jeden Morgen trifft er sich mit zwei Dut­zend kenianischen Läufern bei der Tank­stelle am Stadtrand von Iten, um von dort zur Trainingsstrecke oder zur Rundbahn aufzubrechen. Die Männer sind so etwas wie seine Sparringpartner, manche von ihnen begleiten ihn zu Rennen im Ausland. Dann bezahlt er alles für sie, Essen, Reise, Unterkunft. Er selbst lebt von Sponsoren­ und Fördergeldern.
Um so schnell zu laufen wie die besten Kenianer, will er leben wie ein Kenianer.
Julien
In Iten gilt Wanders als Einheimischer, mindestens neun Monate pro Jahr ver­bringt er hier. Wenn man sich in der Stadt umhört, wissen fast alle, wer er ist. Er scheint sich bemerkenswert leicht ein­ gelebt zu haben, fällt weder wie andere Weiße durch Anbiederung auf, noch sagt ihm jemand Überheblichkeit nach.
Seine Gegenwart in Iten hat etwas Lautloses und Zartes, etwas ganz und gar Selbstverständliches, beinahe Beiläufiges. Einige der Läufer aus seiner Gruppe zählt er zu seinen Freunden, gelegentlich trifft er sich mit ihnen zum Tee, von anderen weiß er nicht viel mehr als den Namen, was aber weder ihn noch sie zu stören scheint. Er hat nicht das Zähe und Maso­chistische eines typischen weißen Ausdauersportlers, er läuft, weil ihn das glücklich macht.
Laufen in der Gruppe: Juliens Morgenritual

Laufen in der Gruppe: Juliens Morgenritual

© Guillaume Megevand

In Europa gibt es viele, die ihn be­wundern, weil er sich getraut hat, das be­hagliche Leben in der Heimat gegen die Ungewissheit in der Ferne zu tauschen. In Wahrheit ist es umgekehrt. Julien Wanders hat die Komfortzone nicht ver­lassen, als er zum ersten Mal nach Kenia reiste, sondern sie dort entdeckt.
Doch was heißt das? Es ist ganz leicht. In Iten mag er, dass nie­mand seine Existenz als Läufer hinterfragt, sondern im Gegenteil alle ihn dafür bewundern, dass er sich mit Laufen ein Auskommen sichern kann. In Genf hingegen würden die Leute stän­dig von ihm wissen wollen, was er denn daneben von Beruf sei. Er ernährt sich und trainiert in Kenia ja nicht viel anders, als er es bei seinen gelegentlichen Be­suchen in der Schweiz tut. Das Besondere an Iten ist, dass Laufen nichts Besonderes ist, sondern Normalität.
Einmal, als er sich nach dem Training auf der Couch erholt, erzählt seine Freun­din Kolly, wie sie ihn zum ersten Mal in die Schweiz begleitet hat. Sie war voller Vorfreude, doch dann entdeckte sie das Land als einen Ort, an dem man sich stets überlegt, was man als Nächstes tun solle. „Die Leute haben Angst, ihren Lebensstandard zu verlieren, und arbeiten wie verrückt. Dann gehen sie vor ihre Büros und rauchen Zigaretten, weil sie den Stress nicht aushalten. In Iten“, sie über­ legt kurz, „versuchen wir einfach zu überleben. Es geht uns gut hier.“ Julien Wanders sitzt schweigend neben ihr. Über sein Gesicht breitet sich ein Lächeln.
Dehnen, strecken, grätschen – direkt vorm Gemüsegeschäft

Dehnen, strecken, grätschen – direkt vorm Gemüsegeschäft

© Guillaume Megevand

Ja, er wusste schon mit zwölf, dass er Langstreckenläufer werden will. Er hatte nie einen anderen Plan. Seine Eltern haben ihn früh gelehrt, sich im Leben auf eine Sache zu konzentrieren, statt vieles halbpatzig zu machen. So hält er es bis heute, fürs Laufen tut er alles.
Julien hat seine Komfortzone nicht verlassen – er hat sie in Kenia entdeckt.
Julien Wanders
Manchmal auch zu viel: Nachdem er sich in den Kopf gesetzt hatte, so schnell wie die Kenianer zu werden, fing er an, immer weniger zu essen. Zuerst ließ er die Schokolade weg, dann die Chips, mit fünfzehn kostete er nicht einmal mehr vom Kuchen, den seine Mutter ihm zum Geburtstag buk. Die Eltern sahen hilflos zu, wie er sich immer dünner hungerte, bis er noch fünfzig Kilo wog, bei einer Größe von 1,75 Metern. Er hatte diese fixe Idee, so leicht wie die Kenianer sein zu müssen, und verfolgte sie stur. Während zweier Jahre war er immer wieder krank, sein Körper zunehmend geschwächt.
Dann trat Marco Jäger in Juliens Leben, das war die Rettung. Jäger erkannte sein Talent und über­ zeugte ihn, es vorsichtiger anzu­gehen. Nicht immer erfolgreich: Es kam vor, dass Wanders hohes Fieber hatte, aber Jäger nichts davon erzählte, bloß damit dieser ihm nicht die Teilnahme am Training verbot.
Und noch heute schießen die beiden gelegentlich übers Ziel hinaus – wie diesen Februar, als Wanders beim Halb­marathon in Ra’s al ­Chaima in den Vereinigten Arabischen Emiraten seinen Europarekord vom Vorjahr verbessern wollte, diese unglaublichen 59:13 Mi­nuten. Er fühlte sich gut, doch dann wurden die Beine schwer. Die Zeit von 1:00:46 Stunden? Eine einzige Ent­täuschung. Rückblickend sagt er dazu: „Ich habe zu lange zu hart trainiert und mir zu wenig Erholung gegönnt.“
Julien beim Mittagessen mit Kollegen

Julien beim Mittagessen mit Kollegen

© Guillaume Megevand

Julien Wanders hat sich das Schwerste vorgenommen, das größtmögliche aller Ziele. Dazu gehört, dass er zwischen­ durch hart landet. Und dazu gehört auch, dass immer wieder mal jemand etwas zu mäkeln hat. Wie damals, als er noch nicht einmal volljährig war und Jäger zu ihm sagte: „Wenn du Weltklasse werden willst, müssen wir uns von An­fang an mit Weltklasseleuten umgeben.“
Fortan gehörten ein Sportarzt, ein Biomechaniker, ein Physiotherapeut und ein Mentaltrainer zum Team, man kann sich vorstellen, wie das in der übersicht­lichen Schweizer Leichtathletikszene kommentiert wurde: Sind die jetzt total verrückt, dass die einen so großen Auf­wand betreiben?
Dass sich Wanders von solchem Ge­raune nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist eine seiner größten Stärken. Meistens vernimmt er nicht einmal etwas davon, und wenn doch, ignoriert er es. Oder postet auf Instagram ein Bild, dazu der Satz: „Je besser du wirst, desto mehr Neider lockst du an.“
Mahlzeit: Kohl mit Zwiebeln und Gewürzen – heißt „sukuma wiki“.

Mahlzeit: Kohl mit Zwiebeln und Gewürzen – heißt „sukuma wiki“.

© Guillaume Megevand

Die Karriere von Julien Wanders, dieses Experiment, ist auch ein Balanceakt. Langstreckenlauf ist wahnsinnig trainingsaufwendig, gerade kenianischen Langdistanzläufern widerfährt es auffällig oft, dass sie als Teenager an die Spitze stürmen, sich dann verletzen und nie zurückkehren. Besonders im Marathon werden die Bes­ten immer jünger, was vor allem daran liegt, dass es auf der Bahn im Gegensatz zu früher kaum noch etwas zu verdienen gibt. Wer wegen des Geldes läuft, kon­zentriert sich heute von Anfang an auf die Straßenrennen, ist dann aber früher ausgelaugt.
Das ist der Vorteil, den Wanders gegenüber vielen Kenianern hat: Er rennt ohne finanziellen Druck. Das ideale Mara­thonalter erreicht man in den späten Zwanzigern, vorderhand gilt sein Augen­ merk den Bahnrennen, auch diesen Som­mer. Seine Inspiration sind – natürlich – die Großen: Kenenisa Bekele, Mo Farah, Haile Gebrselassie. Sie alle waren zuerst herausragende Bahnläufer, ehe sie zum Marathon wechselten.
Julien Wanders auf Instagram: @julien_wanders
Um am 8. Mai beim Wings for Life World Run mitzulaufen, musst du kein Profi sein. Dort laufen tausende Menschen gleichzeitig für den guten Zweck. 100% der Einnahmen gehen direkt in Forschungsprojekte für die Rückenmarksforschung. Du kannst entweder an einem der organisierten Flagship-Runs in deiner Nähe teilnehmen, oder für dich allein mit der App mitlaufen. Anmelden kannst du dich unter wingsforlifeworldrun.com