Music

RAF Camora: Der perfekte Abgang

© Pascal Kerouche
Autor: Jonas VogtThe Red Bulletin
Streaming-Rekorde, ausverkaufte Arenen: RAF CAMORA hat deutschsprachigen Hip-Hop aufs nächste Level gehoben. Hier erklärt er, warum er gerade jetzt geht – auf dem Zenit seines Erfolgs.
Es gab Zeiten, da hatte Raphael Ragucci nicht viel. Nur die Musik – aber die hatte er dafür immer. Der Sohn eines Öster­reichers und einer Italienerin, heute jedem unter Dreißigjährigen bekannt als Hip­Hop­-Megastar RAF Camora, wuchs in Wien in einer Problemgegend des Bezirks Rudolfsheim ­Fünfhaus auf. Heute, mit 35 Jahren, ist er einer der erfolg­reichsten Rapper in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
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Beschreib in drei Worten, wer du bist, und sei in allen drei Aspekten der Beste.
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Seit dem Album „Palmen aus Plastik“, das er 2016 gemeinsam mit dem Hamburger Rapper Bonez MC herausbrachte, kennt seine Karriere nur noch Superlative. In den Jahren 2016, 2017 und 2018 war er der meistgestreamte Artist auf Spotify.
Kein Künstler hatte bislang mehr Songs gleichzeitig in den deutschen Top-­10 ­Singlecharts. In Österreich wur­den sogar die Regeln der Chart­Ermittlung geändert, nachdem RAF Camora und Bonez MC mit Songs aus dem Album „Palmen aus Plastik 2“ 13 Plätze in den Top­-15­ Singlecharts besetzten. Und trotzdem soll das alles bald vorbei sein – auf dem Höhepunkt seiner Karriere.
Am 1. November erscheint „Zenit“, sein letz­tes Album als RAF Camora, gefolgt von einer letzten Tour. Am 18.12.2020 wird die „Zenit­Phase“, wie er sie nennt, beendet sein. In Wien treffen wir einen reflektierten Mann, der uns erklärt, warum seine Bestimmung nicht mehr RAF Camora heißt.
RAF Camora
Mit seiner Agentur fördert RAF Camora junge Künstler.

The Red Bulletin: Raf, warum wird „Zenit“ dein letztes Album?

RAF Camora: Ich versteh die Frage. Aus Geschäfts­sicht ist es unlogisch, aufzuhören, wenn richtig Geld fließt. Aber ich bin nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Künstler. Lass mich dir ein Beispiel geben. Ich bin großer Metallica­-Fan. Und ich erinnere mich, dass ich irgendwann gemerkt habe: Das, was Metallica darstellt, und das, was die Personen hinter Metallica sind, das passt nicht mehr zusammen. Diesen Punkt habe ich auch bei vielen anderen Künstlern beobachtet. Und ich habe mir immer gesagt: Sollte ich mal erfolgreich werden, will ich meinen Zenit auf keinen Fall überschreiten.
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Ich muss mich häuten. Sonst habe ich das Gefühl, stecken zu bleiben.
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Hat das was mit dem Alter zu tun?

Wenn ich 24 wäre, könnte ich sagen: Okay, wenn das jetzt wieder runtergeht, kann RAF Camora vielleicht noch mal zurückkommen. Aber irgendwann ist es auch eine Frage von Authentizität. Dann fragt man sich: Bin ich das noch, oder bin ich das nicht mehr? Jetzt bin ich’s noch. Aber am 18.12.2020, wenn ich das Kapitel schließen will, geh ich auf die 37 zu. Und das ist dann der Moment, wo ich sage: Bis hierhin war es super. Aber wenn ich weitergehen würde, wäre ich als RAF Camora nicht mehr hungrig genug. Stell dir vor, Kurt Cobain hätte noch mit fünfzig über den Hass der Jugend gesungen.

Du warst Anfang des Jahres Teil der größten Tour, die Deutschrap je gesehen hat, mit mehr als 200.000 verkauften Tickets.

Kann man da wirklich aufhören? Ist das nicht eine Sucht?

Ich hör nicht auf, ich beende ein Kapitel als Künstler RAF Camora. Ich bin weiter Produzent. Ob dann auch noch meine Stimme zu hören ist, ob ich eine Band gründe, das wird sich alles zeigen. Ich lebe Musik, ich atme Musik, ich mach Musik, seit ich vier Jahre alt bin. Ich werde Musik machen, aber nicht das, was RAF Camora jetzt macht.

Zenit bedeutet ja, dass das Ziel, der Höhepunkt erreicht ist. Befürchtest du, das alles nicht mehr toppen zu können?

Die Befürchtung hat jeder. Ich bin alt genug, um schon einmal ein Hoch und ein Tief gehabt zu haben. Und ich weiß: Das ist hart. Dein Künstlerimage verwächst mir dir, vor allem wenn du im Leben nichts anderes machst. Und wenn du plötzlich in der Öffentlichkeit weniger wert bist, weil deine Musik nicht mehr so erfolgreich ist, musst du stark sein, um das irgendwie trennen zu können. Ich weiß, dass ich mich damit schwertue. Aber du musst es akzeptieren und dich darauf vorbereiten, dass es bergab gehen kann.

Also auch keine Reue in Sicht, was diese Ent­scheidung betrifft?

Nein, der Wunsch, das Kapitel zuzumachen und ein neues zu öffnen, ist stärker. Ich bin auf Kommerzialität nicht mehr angewiesen. Ich hab mit Musik, die mir gefällt, so viel Erfolg gehabt, dass ich niemandem mehr was beweisen muss. Ich könnte danach Musik mit dem Xylophon machen und nur eine CD verkaufen, wenn mir das Spaß macht. Ich mach damit RAF Camora nicht kaputt. Das ist dann fertig, gestanden, der Stempel ist drauf. Ich kann’s nicht mehr zerstören. Im Gegenteil: Ich könnte viel mehr zerstören, wenn ich noch weitermachen würde.
RAF im Studio
"Zenit" wurde zum Teil in den Red Bull Studios Tokio aufgenommen

Verzichtest du auf Geld?

Ja. Auf Millionen, mehrere Millionen.

Was ist dir wichtiger: Geld zu machen oder ernst genommen zu werden?

Ernst genommen zu werden. Hundertprozentig. Nicht die Leute auf der Straße, das ist mir scheißegal. Ich will mich selber ernst nehmen können. Ich hab die Phase von Selbsthass schon durch. Ich weiß, wie es ist, etwas zu machen, hinter dem du nicht stehen kannst. Dann stehst du vor dem Spiegel, und du hast nichts.
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Würde ich mich heute als jungen Künstler entdecken, würde ich mich in zwei Jahren zum Superstar machen.
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Erzähl von dieser Phase.

2012 hatte ich ein Hoch. Ich hab 20.000 Platten verkauft, hatte kurz danach ein Nummer-1-Album. Aber alles, was danach kam, waren Projekte, hinter denen ich nicht stand. Aber ich dachte, ich müsste sie machen. Ich war auch viel unerfahrener, hatte noch nicht meine Intuition von heute. Eines Tages bin ich aufgewacht, hab mein Handy genommen und mich gegoogelt. Ich hab mir die Bilder angeschaut und mir gedacht: Das bin ich nicht. In diese Situation werde ich nie wieder kommen.

Wie bist du damals wieder rausgekommen?

Ich hab meinem Manager gesagt: Sag alles ab. Ich muss mich finden. Danach kam eine Tiefphase, ich hatte nur noch 200 Euro, Stress mit dem Finanzamt. Da habe ich gemerkt: Die Musikwelt ändert sich, und ich bin vom alten Eisen. Cloudrap wurde plötzlich groß, Instagram und Streaming wurden immer wichtiger. Mir war klar, wenn ich da weiter dazugehören will, muss ich üben. Wie ein Boxer. Ich war jeden Tag im Studio. Ich hab bestimmt 50 bis 100 Songs aufgenommen, von denen die Hälfte nie rausgekommen ist. Ich hab gearbeitet wie ein Tier, an meinem Flow, an meiner Technik.

Damit hast du RAF Camora wiederbelebt, Ende 2020 wird es ihn endgültig nicht mehr geben. Was bringt dein neues Leben?

Es gibt auch noch andere Ziele, eine Familie zum Beispiel. Vielleicht komm ich da mal weiter. Vielleicht kann ich das Leben, das ich jetzt führe, mal abschließen. Und schlaf nicht mehr jede Nacht im Hotel und in einer anderen Stadt.

Du hattest im Leben immer wieder Einschnitte, bist mit fünfzehn nach Marseille gegangen, lebst seit zwölf Jahren in Berlin.

Jetzt begräbst du RAF Camora. Brauchst du die Neuanfänge?

Ja, sehr. Ich muss mich immer wieder häuten. Sonst hab ich das Gefühl, stecken zu bleiben. Wenn ich etwas Neues mache, hab ich das Gefühl, ich will den Himmel aufbrechen. Als gebe es keine Grenzen. Das sind auch die Zeiten, in denen ich am besten schlafe.
RAF Camora im Auto
Am 1. November erscheint RAF Camoras finales Album „Zenit“.

Du hast heute deine eigene Management-Agentur. Würdest du mit dem jungen Raf arbeiten, wenn du ihn finden würdest?

Ganz ehrlich: Wenn ich mich heute finden würde, würde ich mich innerhalb von zwei bis drei Jahren zum Superstar machen. Ich war so hungrig, ich hab so viel gearbeitet. Hätte ich gute Ratschläge bekommen, hätte ich es viel früher geschafft. Aber ich glaub, dass alles einen Sinn hat. Vielleicht hätte ich es damals psychisch nicht verkraftet.

Welche Ratschläge würdest du dir geben?

Erstens die vier großen Regeln, die wir allen Künstlern mitgeben:
  • 1. Misch weder Politik noch Religion in deine Musik.
  • 2. Pass auf, mit wem du Sex hast.
  • 3. Zahl deine Steuern, die können dich richtig fertigmachen.
  • 4. Pass auf mit Drogenkonsum. Aber das Wichtigste: Beschreib mit drei Worten, wer du bist. Und sei in allen drei Aspekten der Beste.

Was sind die drei Worte bei dir?

Rabe, Wien und Dancehall. Es gibt in allen drei Dingen niemanden, der stärker ist als ich. Niemand wird so sehr mit dem Raben-Symbol verbunden wie ich (zu sehen etwa auf Rafsrechtem Unterarm oder dem Albumcover zu „Zenit“; Anm.), niemand steht so sehr für diese Stadt und diese Musikrichtung wie ich. Zumindest im deutschsprachigen Raum.

Zur Ankündigung deines neuen Albums bist du mit einem Speedboat über die Donau gefahren, tausende Fans standen am Ufer.

Hast du nicht Angst, dass du solche Momente verpasst, wenn du das Kapitel RAF Camora schließt?

Keine Frage, der Tag in Wien war Wahnsinn. Das war ein Support, eine Liebe von der ganzen Stadt, das war surreal. Wie auf Ecstasy, ich schwöre. Trotzdem glaube ich eher, ich verpasse etwas, wenn ich das Kapitel RAF Camora nicht schließe. Und es kommt ja noch was, bis zum 18. 12. 2020 geht es weiter. Ich werde in diesen anderthalb Jahren arbeiten, wie ich noch nie gearbeitet habe.

Wie möchtest du, dass man sich an RAF Camora erinnert?

Er hat alles zerlegt.
Instagram: @raf_camora
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