Trainer-Legende Ralf Rangnick
© PHILIPP HORAK
Fußball

Ralf Rangnick: „Ich sehe mich als Entwicklungshelfer“

Eine neue Generation erfolgreicher Trainer kommt aus der Schule von Fußball-Vordenker Ralf Rangnick. Hier erzählt er in eigenen Worten, warum nichts mehr motiviert als ein Chef, der dich besser macht.
Autor: Marc Baumann
6 min readveröffentlicht am
„Man muss ein Stück weit zum Cheftrainer geboren sein, schon als Sechs­jähriger wollte ich beim Kicken mit Neunjährigen die Mannschaften einteilen, das Spiel organisieren und anderen zeigen, wie sie sich verbessern können.
Ein Journalist hat kürzlich von der ‚Glaubensgemeinschaft der Rangnickia­ner‘ geschrieben, weil es inzwischen doch einige erfolgreiche Trainer gibt, die von mir geholt oder gefördert wur­den – wie Julian Nagelsmann, Marco Rose, Oliver Glasner, Adi Hütter oder Jesse Marsch. Mir war das gar nicht so bewusst. Aber es stimmt wohl.
Ich sehe meinen Job inzwischen vor allem als ‚Entwicklungshelfer‘: Wenn die Ausbildung von Fußballprofis wie ein Puzzle aus 500 Teilen ist, dann haben wir dafür gesorgt, dass in Salzburg wie in Leipzig alle 500 Teile verbessert werden. Es ist zu einem Gütesiegel geworden, wenn jemand zwei, drei Jahre bei Red Bull gearbeitet hat – ob Trainer, Video­analysten oder Scouts. Selbst die Köche sind uns schon abgeworben worden. Fürs ganzheitliche Konzept ist wichtig, jeden kleinsten Bereich seines Berufs auf Verbesserungspotenzial zu untersuchen. Der größte Motivator für Menschen ist nicht Geld, sondern einen Chef, Trainer oder Professor zu haben, der oder die dich besser macht. Dann werden dir die Spieler oder Mitarbeiter immer folgen.
Ich hab vor der Geburt meines ersten Kindes ein Elternseminar besucht, das unter dem Motto stand: ‚Erziehung mit Liebe und Konsequenz‘. Genau darum geht es im Beruf, als Führungsperson. Die Spieler müssen das Gefühl haben, dass sie dir am Herzen liegen, aber auch, dass du in gewissen Bereichen trotzdem konsequente Entscheidungen triffst. Ein gemeinsamer Weg geht aber auch mal zu Ende, dann kann man als Chef einfach sagen ‚Alles Gute und tschüs!‘ – aber ich finde, als guter Vorgesetzter kümmerst du dich auch um die Zeit danach und hilfst, die bestmögliche Lösung für deren weiteren Lebensweg zu finden.“
Für die Saison 2018/19 übernahm Ralf Rangnick das Leipziger Traineramt.
Für die Saison 2018/19 übernahm Ralf Rangnick das Leipziger Traineramt.

Die Rangnick-Schule in Europa

Diese Spitzenklubs vertrauen auf Trainer aus dem System Rangnick. Ein Überblick:
  • Borussia Dortmund (Marco Rose, 45): Erreichte mit Borussia Mönchengladbach 2020 die Champions League, visiert nun mit dem BVB die Meisterschaft an.
  • Borussia Mönchengladbach (Adi Hütter, 51): Wurde mit Bern Schweizer Meister, erreichte mit Frankfurt 2019 das Halbfinale der UEFA Europa League.
  • Eintracht Frankfurt (Oliver Glasner, 47): Stieß mit Wolfsburg 2020 ins Europa-League-Achtelfinale vor und qualifizierte sich 2021 für die Champions League.
  • FC Bayern München (Julian Nagelsmann, 34): Unterschrieb im Juli Vierjahresvertrag beim Rekordmeister, gewann im August den Supercup im Finale gegen Dortmund.
  • PSV Eindhoven (Roger Schmidt, 54): Kam mit Bayer Leverkusen zweimal ins UEFA-Champions-League-Achtelfinale, holte mit dem PSV den Supercup.
  • FC Southampton (Ralph Hasenhüttl, 54): Bewahrte den englischen Traditionsklub 2019 vor dem Abstieg, eroberte 2020 kurzzeitig Platz eins.

Die Bessermacher

Sechs Top-Trainer und was sie als Leader auszeichnet. Erklärt von ihrem früheren Mentor Ralf Rangnick.

Adi Hütter (Borussia Mönchengladbach)

„2013 wurde Adi mit dem Dorfklub SV Grödig Dritter in der Bundesliga. Das war erkennbar gute Arbeit.“
„Als Roger Schmidt 2014 von Red Bull Salz­burg zu Leverkusen ging, haben wir einen Nachfolger gesucht. Damals war Adi Hütter als Trainer des Aufsteigers aus Grödig, einem Dorf mit 7300 Einwohnern, über­raschend Dritter in Österreichs Bundesliga geworden. Ich hab gleich gemerkt, was für ein besonderer Mensch er war. Mit Grödig hat er ein brutales Pressing spielen lassen. Er hat auf seinen Stil vertraut und häufiger als ich auf erfahrene Spieler statt auf Ta­lente gesetzt. Aus wenig sehr viel machen, das kann man von Adi Hütter lernen.“
„Hütter steht zu seinem Stil, holt das Optimum auch aus geringen Ressourcen.“
RANGNICKS FAZIT
2013: Grödigs Spieler feiern Hütter.
2013: Grödigs Spieler feiern Hütter.

Julian Nagelsmann (FC Bayern München)

„Eine Kabinenansprache war nicht möglich, weil der U16-Trainer Nagelsmann nebenan so laut war.“
„Ich sah Julian das erste Mal 2011, als er U16-­Trainer war und mein Sohn gegen seine Mannschaft spielte. Zwei Dinge spra­chen gleich für Julian: Er hat mir direkt eine E­-Mail geschrieben und gefragt, wie ich seine Taktik fand und ihn selbst am Spielfeldrand. Und mein Sohn meinte, sein Trainer habe fast keine Kabinenansprache halten können, weil Nagelsmann nebenan so laut gewesen sei.
Was nicht nur junge Chefs von Julian lernen können: Er ist von seiner Arbeits­weise total überzeugt und bringt seine Ideen in die Herzen und Köpfe des Teams. Für mich ist Motivation nicht nur Inspiration, sondern vor allem Überzeugungstransfer, das muss eine Führungskraft schaffen. Julian hatte früh ein gesundes Selbstbewusstsein, mitunter auch sehr gesund. Dass er sich zutraut, den FC Bayern als direkter Nachfolger des irre erfolgreichen Hansi Flick zu übernehmen, sagt einiges.“
„Nagelsmann bringt seine Ideen mit Überzeugungskraft in die Herzen und Köpfe des Teams.“
RANGNICKS FAZIT

Marco Rose (Borussia Dortmund)

„Als Erwachsenentrainer ging Marco zur U16. Und holte einen europäischen Titel.“
„In seiner ersten Saison als Cheftrainer von FC Lok Leipzig überzeugte Marco 2012/13 in den Derbys gegen RB Leipzig. Wir haben ihn dann zum FC Red Bull Salz­burg geholt – als Trainer der U16. Der Schritt von den Herren in die Jugend sah wie ein Rückschritt aus, war aber genau richtig. Man muss mehr als nur eine Ent­wicklungsstufe vorausdenken. Marco hatte in Salzburg ein perfektes Umfeld.
Er gewann später mit der U18 sensationell die UEFA Youth League (2:1 im Finale gegen Benfica). Folglich wurde er Chef­trainer der Profis. Diese Art der Karriere­planung – notfalls auch einen Umweg zu gehen – hat Marco geradezu lehrbuch­haft vorgelebt.“
„Rose ist bereit, für den langfristigen Erfolg auch einen Schritt zurück zu gehen.“
RANGNICKS FAZIT
Dreamteam: Dortmunds Erling Haaland spielte schon in Salzburg unter Rose.
Dreamteam: Dortmunds Erling Haaland spielte schon in Salzburg unter Rose.

Oliver Glasner (Eintracht Frankfurt)

„Oliver fragte mich beim Joggen nach einem Trainerjob. Diese Initiative hat mich beeindruckt.“
„Als ich 2012 Sportdirektor bei Red Bull Salzburg war, arbeitete Oliver dort im Büro. Wir sind frühmorgens joggen gegangen, und bald fragte er, ob der Co-Trainer-Posten noch frei sei, er traue sich den Wechsel auf den Platz zu. Diese Initiative hat mich beeindruckt. Wenn er später als Wolfsburg-Coach mal zu Unrecht kritisiert wurde, blieb er professionell. Nach außen ist er ruhig, aber intern gar nicht zurückhaltend. So hat er mit Wolfsburg die UEFA Champions League erreicht. Das geht nur, wenn man sein Ego nicht über die Sache stellt.“
„Glasner stellt sein Ego hinter die gemeinsame Sache zurück.“
RANGNICKS FAZIT
2020: Glasners Wolfsburger jubeln.
2020: Glasners Wolfsburger jubeln.

Ralph Hasenhüttl (FC Southampton)

„Ralph verkörpert Glaubwürdigkeit. Und das ist die wichtigste Eigenschaft als Leiter eines Teams.“
„Ralph war in seinen ersten Wochen bei RB Leipzig von dem Knowhow der ihm zuarbeitenden Abteilungen sehr beeindruckt. Ich hab dann gesagt: ,Ralph, es ehrt dich, dass du alle hier so lobst, aber jetzt musst du das Steuer übernehmen.‘ Mit Ralph ist Leipzig dann direkt Zweiter hinter dem FC Bayern geworden. Ralph will sich weiterentwickeln und ist sehr offen für Neues, das kann sich jeder Vorgesetzte von ihm absehen. Er ist ein gefühlsbetonter Mensch und zeigt das auch authentisch als Chef, darum mag man ihn so. Glaubwürdigkeit ist mit die wichtigste Eigenschaft als Leiter eines Teams.
Ralph achtet bei Niederlagen darauf, die Analyse nicht von Gefühlen bestimmen zu lassen. Die Nachbesprechung eines Spiels oder Events oder Projekts sollte auf Verbesserung abzielen und nicht darauf, Sündenböcke zu suchen.“
„Hasenhüttl gibt sich als Chef gefühlsbetont und authentisch.“
RANGNICKS FAZIT

Roger Schmidt (PSV Eindhoven)

„Rogers Übungen wirkten wie Reizüberflutung. Spieler sollten das Match als leichter empfinden als das Training.“
„Roger hat bereits als Salzburg-Trainer oft Übungseinheiten ausgewählt, die wie eine Reizüberflutung und Überforderung wirkten. Die Spieler sollten das Match am Wochenende fast als leichter empfinden. Moderner Fußball bedeutet ,train the brain‘, also unter beengten Verhältnissen und Zeitdruck schnell Entscheidungen zu treffen. Man sollte als Vorgesetzter neue Mitarbeiter kognitiv und emotional weiterbringen. Da geht es um Stressresistenz, schnelles Erkennen der Schwierigkeiten und einen permanenten Willen zum Erfolg.“
„Schmidt fordert seine Spieler kognitiv heraus und steigert ihre Stressresistenz.“
RANGNICKS FAZIT
Schmidt als Coach in Eindhoven.
Schmidt als Coach in Eindhoven.
Hier fehlt natürlich einer: RB Leipzig-Trainer JESSE MARSCH