Laufsport
Die neue Bewegung: Run Clubs in Deutschland
Laut, bunt, digital vernetzt: Run Communitys erobern unsere Städte. Hier kommen vier Crews aus ganz Deutschland, die zeigen, wie gemeinsames Laufen Großes bewirken kann.
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Adidas Runners Hamburg
Viele Run Clubs entstanden während der Pandemie, weil Laufen zeitweise als fast einzige Sportart erlaubt war. Für die adidas Runners Hamburg, die es schon seit zehn Jahren gibt, hatte die Corona-Zeit einen anderen Effekt: „Dass damals so viele Laufclubs entstanden sind, hat uns auch noch mal geholfen, unsere Position in der Laufszene klarer zu definieren“, sagt Dana Stamp, Captain der adidas Runners Community. „Wir sind nicht der Laufclub für reine Anfängerinnen und Anfänger, wir wollen die Leute schon ein bisschen weiterbringen.
Wenn man sich zum Beispiel für seinen ersten Halbmarathon vorbereitet und bei uns zur Track Session, zum Social Run und zum Long Run geht und dann auch noch selber trainiert, dann ist man perfekt vorbereitet.“ Wo andere Social Runs vor allem die Geselligkeit im Blick haben und man bei 7er- oder 8er-Pace (Minuten pro Kilometer; Anm.) quatschend vor sich hintrabt, haben die Hamburger Runners ihre Trainingsdaten und Ziele im Blick. „Wir bieten beim Track Run aber auch ein Programm an für Beginner und Wiedereinsteiger“, so Stamp, „die können dann nur achtmal 400 Meter laufen, die Ambitionierten machen zwölf 400-Meter-Intervalle.“
Seine Zeiten zu verbessern, ist ein guter Grund für Run Clubs, ein anderer ist, nicht allein laufen zu müssen – gerade als Frau. „Im Winter, wenn es früh dunkel wird, ist das echt gruselig“, sagt Dana Stamp. Seit kurzem hat die adidas Runners Community einen Lauf nur für Frauen. Die Stimmung sei einfach etwas anders, und manche Frauen fühlten sich weniger unter Druck, auch weil manchen Männern das Vorneweglaufen etwas zu wichtig ist.
Wir wollen die Leute schon ein bisschen weiterbringen – etwa auf einen Halbmarathon vorbereiten.
Instagram: @runnershamburg
02
Köln: Social Run Cologne
Sollten dem 1. FC Köln in der Bundesliga mal die Ultras ausgehen, können sie sich ja beim Social Run Cologne melden. Die haben Erfahrung mit Pyrotechnik: Der „Midnight Miles“-Lauf wurde mit zahlreichen Bengalos in rotes Licht getaucht, beim Köln Marathon wurde tagsüber am Straßenrand mit gelben Rauchschwaden angefeuert, und in Instagram-Videos werden beim Rundenlaufen auf der Tartanbahn schon mal KI-Feuerbälle in den Himmel geschossen. Wem das alles zu wild klingt: Keine Sorge, die Läufe sind sogar hundefreundlich. Ein hübscher Australian Shepherd ist quasi das Runclub-Maskottchen und sehr oft dabei.
Vermeintliche Widersprüche gehören zum Social Run Cologne: Ihr größtes Event war etwa ein Pasta-Essen mit drei anderen Run Clubs im führenden Technoclub Deutschlands. Klingt nicht sehr sportlich, war es aber, denn die Nudeln gab es zur Energiespeicherauffüllung vorm Köln-Marathon. „Bei uns geht es um coole Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben“, sagt Patrick Rausch. Der Gründer des Social Run Cologne kommt vom Bodybuilding und fand Lauftreffs früher uncool. Bis er sich mal mit einem Kommilitonen zum Laufen traf. Dann liefen sie zu dritt und beschlossen, sich jeden Sonntag um 9.30 Uhr zu treffen. Bald kam die Idee auf, auch andere aus dem Freundeskreis einzuladen, und später öffnete man sich für alle. Alle drei Gründer haben in Köln Sportwissenschaften studiert, das gab Selbstvertrauen – und das nötige Wissen, später auch Track Runs auf der Tartanbahn anzubieten. „Die Triathlon-Vereine fanden das erst nicht so lustig, dass wir da mit 70 Leuten auftauchten“, erinnert sich Rausch. Seither trainiert die Gruppe dort, wo alles begann: auf dem Gelände der Sporthochschule. Und fast jede Woche kommen neue Läufer dazu.
Instagram: @socialruncgn
03
Social Sports Club Dresden
Sorry, Dynamo Dresden, Dresdner Eislöwen und Dresden Titans! Aber die heißesten Sportler eurer Stadt sind nicht in euren Teams, sondern im Social Sports Club Dresden. Die beschreiben sich auf Instagram als „hottest athletes in town“. Dann wird das stimmen, oder Leon, Luis und Hannes? „Das ist natürlich ein bisschen provokant, aber uns geht es gar nicht um irgendwelche Schönheitsideale. Wir haben gemerkt, dass Sport viel mit uns macht, auch mit unserem Selbstbewusstsein“, sagen die drei Gründer. Und das gute Körpergefühl wollen sie mit ihrem Run Club weitergeben. Freunde sind sie seit dem Kindergarten, ihr Laufclub begann mit einem Videoaufruf auf Social Media. Mit 10, höchstens 30 Teilnehmern rechneten sie – es meldeten sich 400. Es blieben nur 14 Tage, um alles zu organisieren – samt DJ und Verpflegung.
Was die Dresdner von anderen Run Clubs unterscheidet, ist der breite Ansatz als „Sports Club“: Neben Läufen haben sie auch ein Beachvolleyballturnier veranstaltet und ein Treffen im Gym. Für 2026 geplant sind ein Padel-Turnier, ein Basketball-Contest und eine Rennradausfahrt. Ziel ist nicht der Sieg, sondern die Gemeinschaft, oder wie die drei es sagen: „Eine super krass familiäre Atmosphäre.“ Darum konnten sich beim Volleyball nicht feste Teams anmelden, man wurde zufällig ausgelost – der Teamspirit kam von allein. Die Social Runs bleiben aber der Kern, gerne kreativ als Sunset Run, als Weihnachtslauf mit Nikolausmützen oder kürzlich ein Lauf am Weltfrauentag samt Blumen am Ende für jede Läuferin.
Wir haben gemerkt, dass Sport viel mit uns macht, auch mit unserem Selbstbewusstsein.
Instagram: @socialsportsclub.de
04
Salty Sports Club München
„Für mich ist Laufen eigentlich Therapie“, sagt Lukas Müller, „im Kopf wird’s ruhig, man kann gut nachdenken, man ist frei.“ Er lerne viel über sich, gerade bei harten Läufen wie Marathons. Müller trainiert gerade für einen Ironman, rund 20 Stunden pro Woche. Und doch braucht er die Gruppe, die Läufe im von ihm mitgegründeten Salty Sports Club.„Wenn ich allein laufe, denke ich ständig ans Training, an die Zeit, an die Leistungsdaten. Beim Social Run ist das anders – da unterhältst du dich, und plötzlich sind zehn Kilometer einfach vorbei.“
Was für eine Bereicherung Gemeinschaft im Individualsport Laufen sein kann, merkte er das erste Mal in London. Knapp 1000 Leute liefen gemeinsam durch die Stadt. „Eine unglaubliche Erfahrung“, schwärmt Müller. Im April 2023 lief er mit sechs Freunden in Paris den Marathon, dabei entstand die Idee: Lass uns was gemeinsam machen. Und so gründete er mit Jannis Reichmuth aus der Schweiz, Jan Malte Gollan aus Amsterdam, Maximilian Warum aus Wien sowie Dominik Herrmann und Florentin Becker aus München den Salty Sports Club.
Sie starteten gleichzeitig, jeder in seiner Stadt. Als Clubs sind sie derzeit in Wien, München, Hamburg und Madrid aktiv. Auf Strava haben sie schon 13.000 Mitglieder. Wichtig ist ihnen, international zu sein: „Weil es neue Perspektiven bringt, mit Menschen aus anderen Ländern zu laufen.“ Zu den Social Runs kommen Studierende, Expats oder junge Berufstätige, die neu in der Stadt sind. „Deshalb machen wir die Ansagen immer auf Englisch“, sagt Lukas.
Instagram: @saltysportsclub