Millinger: „Ich mache das, was ich liebe.“
© Dominik Tamegger
Kunstturnen

Stefanie Millinger: „Ich mache keine halben Sachen“

Handstand-Artistin und Extremsportlerin Stefanie Millinger, 28, wächst stetig über sich hinaus. Ein Gespräch über die Kunst, bei sich zu bleiben, vermeidbare Fehler und den Mut, unser Talent zu leben.
Von: Luisa Krätzig
8 min readPublished on
Stefanie sitzt in der Maske und lässt sich das dicke Haar, das fast bis zu ihren Kniekehlen reicht, zu kleinen Locken aufdrehen. Auch wenn das 1,54 Meter große Energiebündel dabei kaum still­ sitzen mag, wird rasch klar, dass wir hier eine junge Frau vor uns haben, die weiß, was sie will – und die weiß, was sie kann: Die Salzburger Handstand­ Artistin ist für ihre atemberaubenden Stunts in großen Höhen bekannt. Ihr Körper ist ein Gesamtkunstwerk, den sie in stundenlangem, täglichem Training geformt hat.
Sie verbiegt ihn derart beherrscht und geschmeidig, dass es Zuschauern, darunter 412.000 Instagram­ Fans, die Sprache verschlägt. Außerdem hält sie den Weltrekord in der beson­ders kräfteraubenden Version des Schweizer Handstands. (Millinger stützt sich auf den Händen ab und drückt sich aus dem L-Sitz in den Handstand. Das Video gibt’s auf YouTube.) In 52 Minuten und 7 Sekunden hat sie unglaubli­che 342 Wiederholungen geschafft.
Balance, Kraft, Körperbeherrschung: Stefanie hat viele Jahre trainiert.

Balance, Kraft, Körperbeherrschung: Stefanie hat viele Jahre trainiert.

© Rick Guest

THE RED BULLETIN: Bist du immer so zappelig?
STEFANIE MILLINGER: Da kann meine Mama ein Lied davon singen. Ich bin schon als Kind ständig durch die Gegend geturnt und habe mich von Ästen und allem, was hoch oben ist, baumeln lassen.

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Oft eifert man ja seinen Eltern nach. Was machen deine beruflich?
Mein Papa ist Bestatter, meine Mutter Angestellte bei der Telekom. Aber auch sonst ist keiner in meiner Familie Akrobat oder Turner.
Erfolgsgeheimnis: „Ich stecke meine Ziele absichtlich hoch.“

Erfolgsgeheimnis: „Ich stecke meine Ziele absichtlich hoch.“

© Rick Guest

Wie hast du denn dann deine Liebe zur Verrenkung entdeckt?
Mit 13 habe ich angefangen zu voltigieren. Da macht man gymnastische Übungen auf dem Rücken eines Pferds, auch aus dem Handstand. Ich mochte diese Position und den Bewegungsradius und habe daheim in meinem Zimmer herumexperimentiert. Das wurde irgendwann zur Sucht – wie beim Tätowieren, da wollte ich auch beim zehnten Tattoo aufhören, und seit zwei Wochen sind es zwölf.
Handstand auf der Spitze des Trolltunga in Norwegen

Handstand auf der Spitze des Trolltunga in Norwegen

© Sebastian Scheichl

Hattest du dabei ein Vorbild oder eine konkrete Absicht?
Weder noch – ich hab das zuerst einmal nur für mich gemacht, das Körpergefühl genossen, die Minuten gesteigert, die ich auf Händen balancieren konnte. Ich hab mir aus Stabilisations-, Kraft- und Dehnübungen einen Trainingsplan zusammengeschustert und bin jeden Tag um vier Uhr früh aufgestanden, um noch vor der Schule und dem Voltigieren zu üben.
Und wie kamst du dann auf die Idee, den Handstand zum Beruf zu machen?
Ich war während und nach der Schule orientierungslos wie die meisten, was die Zukunft angeht. Bei diesen Berufsorientierungstests kam für mich „irgendwas mit Tieren“ raus. Als Kind habe ich oft Zirkus gespielt, eine Manege aus Stühlen gebaut, Popcorn gemacht und dann für mein Publikum alle Nummern gespielt – ich war Tier, Akrobat und Clown. Ich hab mir die Fakten und meine Voraussetzungen angesehen und etwas gefunden, was mir Spaß macht.
Ich habe das Körpergefühl genossen, die Minuten gesteigert, die ich auf Händen balancieren konnte.
Stefanie Millinger über ihre Liebe zum Handstand
Du warst 2014 drei Wochen in Kanada beim „Cirque du Soleil“. Wäre das für jemanden, der schon als Kind Zirkus gespielt hat, nicht das perfekte Ziel?
Es gab bereits vier Anfragen vom „Cirque du Soleil“ – eine absolute Ehre für mich, aber ich habe eingesehen, dass das Showbusiness nicht meine Welt ist. Ich sehe mich als Künstlerin. Ich brauche die Abwechslung, ich will mich jeden Tag neu erfinden.
Stefanie Millinger ist eine Frau mit definierten Muskeln.

Stefanie Millinger ist eine Frau mit definierten Muskeln.

© Rick Guest

Warum nicht im Voltigieren? Du warst ja sehr erfolgreich und hast 2015 im Pas de deux mit deiner Partnerin die Bronzemedaille bei der EM gewonnen.
Ich war 25, da musste ich mich entscheiden. Das Voltigieren ist eine Randsportart, da steckt man viel Geld rein, verdient aber nichts dran. Und als Hobby ging das nicht mehr. Ich mache keine halben Sachen.
Als Kind habe ich oft Zirkus gespielt. Da war ich Tier, Akrobat und Clown.
Stefanie Millinger will sich heute lieber selbst verwirklichen, statt Showeinlagen zu machen.
Dass Handstand-Artistik einträglicher sein würde, konntest du zu diesem Zeitpunkt aber nicht wissen.
Stimmt. In den ersten Jahren habe ich mich mit Nebenjobs durchgebissen: Zeitungen austragen, Flyer verteilen.
Jede Pose sitzt.

Jede Pose sitzt.

© Rick Guest

Was hat dir geholfen in den Momenten, in denen du gemerkt hast, dass es sich mit der Karriere als Artistin vielleicht nicht ausgeht?
Ich wollte nie Showeinlagen für meinen Lebensunterhalt machen, mein Ziel ist es, mich selbst zu verwirklichen und Menschen zu motivieren.
Also musst du von deinem akrobatischen Talent komplett überzeugt gewesen sein?
Die meisten Menschen denken, ich wäre so flexibel geboren. Das stimmt nicht. Ich war aber schon immer sehr ehrgeizig. Dass mein Körper sich für all die Verrenkungen eignet, ist gnadenloses Training – seit acht Jahren trainiere ich jeden Tag sechs bis zehn Stunden. Ohne Ausnahme. Auch im Urlaub.
Welche Botschaft hast du für die Menschen, die ihr Talent trotz Widerständen leben wollen?
Durchhalten und immer weitermachen – auch wenn es einmal nicht so läuft. Man muss alles geben und für das, was man macht, leben.
Handstand einer Schlangenfrau – der Hinterkopf berührt den Po.

Handstand einer Schlangenfrau – der Hinterkopf berührt den Po.

© Rick Guest

Apropos alles geben: Gewährst du Körper und Kopf auch Auszeiten?
Wenn ich schlafe.
Regeneration ist im Leistungssport aber doch essenziell.
Mein Körper regeneriert schnell und verzeiht mir vieles. Das ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Es grenzt fast an ein Wunder, dass mein Körper sich so schnell erholt. Wissenschaftliche Tests haben das bestätigt, andere brauchen dafür viel länger.
Du hast dir im Jänner 2019 das Kahnbein am rechten Handgelenk gebrochen ...
... etwas Schlimmeres konnte mir als Handstand-Künstlerin kaum passieren. Aber ich habe so ein starkes Mindset, dass mein Geist mich weitertreibt. Ich schaffe es, Grenzen zu überschreiten. Das Unmögliche möglich zu machen macht mich aus. Ich kann die Schmerzen ausschalten.
Mit einer Hand hängt Stefanie auf der Himmelsleiter am Großen Donner­kogel.

Mit einer Hand hängt Stefanie auf der Himmelsleiter am Großen Donner­kogel.

© Thomas Weber

Wie geht’s deiner Hand heute?
Ein halbes Jahr konnte ich nur in Schonhaltung – auf der Faust – im Handstand trainieren. Die Hand ist noch immer gebrochen, sie hat auch keine Chance mehr auf Heilung – und ein chronischer Schmerz ist geblieben. Aber die Ärzte meinten damals, ich könne nie wieder einen Handstand machen. Ich bin schon fünf Tage danach wieder aufgetreten.
Ich definiere mich als Artistin und Extremsportlerin. Dazu gehört für mich auch der extreme Kick.
Stefanie Millinger über den Reiz, an die eigenen Grenzen zu gehen.
Du agierst über abartigen Abgründen. Warum so halsbrecherisch?
Für viele Menschen ist das schwer zu verstehen, aber es ist ein kalkuliertes Risiko. Ich mache das, weil Extremsport mein Leben ist. Ich bin für die Höhe geboren. Ich habe schon als Kind Klimmzüge auf der Dachrinne meines Elternhauses gemacht – zehn Meter über dem Boden. Ich definiere mich als Artistin und Extremsportlerin. Als solche fordere ich mich ständig heraus, dazu gehört für mich auch der extreme Kick.
Das Schlimmste ist Routine – die bringt einen nicht voran und macht unvorsichtig. Der erste Moment bei einem Stunt ist der respektvollste. Wenn ich ihn danach, völlig high vom Adrenalin, zu oft wiederhole, riskiere ich, das Gefühl für die Gefahr zu verlieren – wichtig ist mir, ganz klar festzuhalten, dass meine Stunts nicht zum Nachmachen geeignet sind. Ich habe dafür Jahre trainiert.
Stefanie macht einen Handstand  auf dem Hotel Daniel.

Stefanie macht einen Handstand auf dem Hotel Daniel.

© Rick Guest

Warum trittst du grundsätzlich ungesichert auf?
Weil ich nur so dieses besondere Gefühl leben kann – dieses besondere Gefühl der Freiheit. Du bist in solchen Situationen in einer eigenen Welt, extrem fokussiert, die Sinne sind unendlich geschärft. Und du weißt, dass du dir keinen Fehler erlauben darfst.
Durchhalten und nicht aufgeben, wenn es einmal nicht so läuft. Man muss alles geben und für das, was man macht, leben.
Stefanie Millinger spornen hohe Ziele nur noch weiter an.
Wenn aber doch einmal etwas nicht so klappt, wie du willst?
Wenn äußere Umstände verhindern, dass es vorangeht, kann ich damit leben. Wenn ein Stunt an meinem Können scheitert, bleibe ich hartnäckig, bis er mir gelingt. Mein Ehrgeiz kippt oft in Sturheit, das ist meine große Schwäche. Ich will nicht einsehen, dass man nicht jeden Tag die gleiche Höchstleistung abrufen kann. Dann bin ich wütend auf mich, weil ich nicht Vollgas geben kann – und dann wütend, weil ich wütend bin. Daran muss ich noch arbeiten.
Stefanie auf dem Kjeragbolten.

Stefanie auf dem Kjeragbolten.

© Sebastian Scheichl

Bist du eine schlechte Verliererin?
Ich gönne anderen Menschen ihren Erfolg. Früher – beim Voltigieren – war das wichtig. Heute ist es das nicht mehr. Als Künstlerin geht es mir nicht darum, zu gewinnen. Es mit mir darum, mich selbst zu finden, meinen eigenen Stil zu pflegen. In der Kunst geht es nicht um Konkurrenzkampf, sondern darum, etwas Besonderes zu schaffen. Aber na­türlich will ich besser werden. Ich stecke mir meine Ziele absichtlich hoch, das motiviert mich. Früher war mein Ziel eine olympische Medaille, auch wenn Voltigieren nicht olympisch war, habe ich immer davon geträumt. Jedenfalls stand auf meiner Bucket List ein Weltrekord.
Den hast du am 26. April aufgestellt: 342-mal in den Schweizer Hand- stand in 52 Minuten und 7 Sekunden, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Respekt!
Dafür habe ich viele Jahre trainiert. „Guinness World Records“ haben mich immer wieder abgelehnt, also habe ich beschlossen, es für mich selbst nach den Vorgaben für eine reguläre Bewerbung zu filmen und das Video online zu stel­len. Am Ende ist die „Record Holders Republic“ auf mich zugekommen und hat den Rekord anerkannt.
Stefanie auf dem Dach des Hotel Daniel - dieses Mal mit Segelboot.

Stefanie auf dem Dach des Hotel Daniel - dieses Mal mit Segelboot.

© Foto ©Rick Guest, © Misconceivable by Erwin Wurm/Courtesy of Hotel Daniel Vienna, Austria

Woher kommt dieser unbedingte Glaube an dich selbst?
Ich vergleiche mich nicht mit anderen, das lenkt vom eigenen Weg ab oder zieht einen runter. Ich fokussiere mich auf das, was ich erreicht habe und noch erreichen will. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, habe ich alles da­ für getan, es tatsächlich zu schaffen.
Unterstützt deine Familie deinen außergewöhnlichen Weg?
Viele in meiner Familie sagen immer noch, ich solle was Anständiges lernen. Nur meine Mama hat mich von Anfang an unterstützt. Sie ist die Beste, ist immer zu mir gestanden. Sie hat ver­standen, dass ich hart an mir arbeite. Und sie hat mich immer so sein lassen, wie ich sein wollte.
Bringt dich etwas ins Wanken?
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich Kritik nicht trifft. Es ist hart, sich von fremden Menschen beleidigen lassen zu müssen, weil sie meine Kunst oder mich nicht mögen. Bestätigung und Kraft geben mir Menschen wie meine Mutter, mein Freund Phil und mein Manager und guter Freund Dominik, die an mich glauben und mich unterstützen. Wenn dir aber in den sozialen Medien Hass entgegenschlägt, bringt dich das schon in Wanken.
Stefanie an der Wehlnadel bei Rathen in der Sächsischen Schweiz.

Stefanie an der Wehlnadel bei Rathen in der Sächsischen Schweiz.

© Sebastian Weingart

Wie gehst du damit um?
Klar habe ich in solchen Situationen schon daran gedacht, mich aus den so­zialen Medien zu verabschieden. Aber ich freue mich auch über meine 400.000 Follower, und es ist großartig, wenn ein Typ wie US­Comedian Joe Rogan auf Twitter postet, dass mein Account einer der inspirierendsten überhaupt sei. Die allercoolsten Momente sind aber immer noch die, in denen mir etwas Besonde­res gelungen ist, sind die Augenblicke, in denen ich ganz bei mir war. Und in solchen Sekunden zählt nur, dass ich es geschafft habe. Und dass ich das weiß – zugesehen muss dabei niemand haben ...
Stefanie auf lnstagram: @stefaniemillinger
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