Nightlife

Future of Nightlife – Die Hightech-Partisanen

© Getty Images
Autor: Marc BaumannThe Red Bulletin
Sie lenken den Sound in jede Ecke des Clubs, ermöglichen Bestellungen per Gesichtserkennung oder verwandeln deine Tanz-Moves in LED-Kunst: Diese Tech-Pioniere revolutionieren das Nachtleben.

Die Sound-Lenker

Sie wollen DJs in Dirigenten verwandeln: Mathias Arifin und Constantin Mascher entwickeln ein System, das Musik im Club zum räumlichen Erlebnis macht.
Mathias Arifin und Constantin Mascher
Mathias Arifin und Constantin Mascher
Wir sind Akademiker in Jogginghose“, sagt Mathias Arifin. Es ist nur ein Nebensatz, dem er nicht so viel Bedeutung schenkt, aber der Satz erklärt ganz gut das ganze Projekt: Arifin, sein ­Geschäftspartner Constantin Mascher und ihre Kollegen von Mixed Munich Arts (MMA) wollen im Auftrag von Red Bull ein hochkomplexes Thema, den 3D-Sound der Zukunft, auf  Club-Ebene verwirklichen.
Neben ihm zeigt der Toningenieur mit Computergrafiken erste Animationen von „Red Bull Overtone“: Am 16. November findet das Event für audiophile Fans elektronischer Musik in Köln statt, maßgeblich um­gesetzt von MMA. Schon beim Auftakt in München Ende März „fiel den Leuten die Kinnlade runter“, wie Arifin mit berechtigtem Stolz sagt. MMA ge­hören nämlich zu einem sehr kleinen und entsprechend elitären Kreis an Tech-Pionieren weltweit, die dabei sind, den Sound der Zukunft für Clubs massenfähig zu machen, Stichworte: 3D und immersiv.
Vereinfacht gesagt: Sound wird nicht mehr wie bisher vom Lautsprecher nach hinten ins Publikum geblasen, wo sich der Schall dann irgendwie ­seinen Weg bahnt. Die Technologie ermöglicht es, Musik in verschiedene Tonkanäle zu zerlegen und diese – durch neuartige Lautsprecher und aufwendige Berechnung des Schalls – präzise im Raum zu verteilen. Das ist nicht einfach nur akustisch beeindruckend, es verändert auch die Art, wie man eine Clubnacht überhaupt denken muss. DJs können ­Musik nicht mehr nur spielen, sondern steuern. „Du kannst vorne den Dampf rausnehmen und ihn dort hinbringen, wo du ihn im Club brauchst“, sagt Arifin. Wie ein Dirigent, der Teile des Orchesters lauter und andere wieder leiser spielen lässt. Wenn es plötzlich möglich ist, akustische Ruhezonen zu setzen, kann man die Bars im Club viel effektiver platzieren oder aber Ärger mit Anwohnern ­vermeiden. MMA wollen die Technik außerdem so günstig hinkriegen, dass sie am Ende auch wirklich in den meisten Clubs Verwendung findet.
Aber: Der Weg zum 3D-Sound-Club ist kein Spaziergang und „Red Bull Overtone“ nur eine Etappe, der noch einige weitere werden folgen müssen. Red Bull und MMA wollen die Euphorie, die ihre Vision leicht auslöst, vorerst bewusst bremsen. Die Jogginghose ist bei ­ihrer Pionierarbeit nicht als Laufhose gedacht, sondern als bequeme Kleidung für viele durchtüftelte Nächte.
Erlebe den Klang von morgen
Kristallklarer Sound – völlig neu angeordnet im Raum: Am 16. 11. zeigt dir „Red Bull Overtone“, was 3D-Sound schon heute kann. In der Wassermannhalle in Köln spielen Elektro-Artists neue Sets – die sie eigens auf die innovative Technologie abgestimmt haben.
16. 11. Wassermannhalle, Köln. Alle Infos: redbull.com
Weitere Termine: 13. 12. Kalif Storch, Erfurt; 14. 12. Pan, Hannover

Der Extrem-Digitalisierer

Von der DJ-Buchung über den Einlass bis zur Bar: Dank Dieter van Acken funktioniert der Club „Next“ in Ahaus komplett digital und dadurch komplett stressfrei.
Dieter van Acken
Dieter van Acken
Die Zukunft des Nachtlebens liegt „tief im Münsterland, am Arsch der Welt“. Und erklärt wird sie von einem Mann, der bald 60 wird. Klingt nicht sehr vielversprechend. Ist es aber! Was Dieter van Acken, 56, und die Firma Tobit Software in der 39.000 Einwohner kleinen Stadt Ahaus aufgebaut haben, wird man so in Berlin kaum finden: einen durchdigitalisierten Club wie das „Next“. Das Ausgehen beginnt im Internet, wo man den Eintritt ins Next per „Fast Lane“ buchen kann, dann geht es abends ohne Warteschlange oder Türsteherdiskussionen in den Club.
Digitaler Bestellterminal
Digitaler Bestellterminal
Die DJs checken ebenfalls online ein – ein Knopfdruck genügt, und die gesamte Anlage fährt hoch. Wer als Gast ein Getränk will, muss diesen Wunsch nicht ­einem gestressten Barmann zurufen, sondern man bestellt ­digital, und die Drinks werden geliefert. Burger oder Pommes ordert man an einer weißen Wand an einem Display, die ­dahinterliegende Küche sieht und riecht man nicht. Bezahlt wird mit Clubkarte. Macht so viel Software das Feiern nicht ein wenig unpersönlich? Dieter van Acken verneint, es müsse eben zum Konzept passen. Ihres ist mehr Raumschiff Enter­prise als Gabys Eckkneipe.

Der Bildschirm-Befreier

Manchmal liegt der Schlüssel zum besseren Feiern nicht in mehr Technik, sondern in weniger – meint Graham Dugoni und erfand ein Gadget, das Handy-Benutzung im Club unterbindet.
Graham Dugoni
Graham Dugoni
Sein Erweckungserlebnis hatte Graham Dugoni 2012 auf einem Musikfestival: Dort sah er, wie Besucher einen gedankenversunken Tanzenden mit ihren Handys filmten und das Video lachend ins Internet stellten. Dugoni hingegen träumt von Konzerten und Partys mit mehr tanzenden und ­weniger filmenden Besuchern. Und wie lässt sich die Technik in Zaum halten? Richtig, mit einer neuen Technik: Mit seinem Start-up Yondr produziert er hunderttausende kleine Neopren-Beutel, in die man vor Konzerten (Madonna!, Jack White!) oder in Clubs die Handys der Besucher steckt und sie dann verschließt.
Neopren-Beutel
Nur mit diesem Öffner geht der Beutel auf
„Eine kurze Auszeit“, nennt Dugoni das. Jeder behält sein Handy, aber bis zum Veranstaltungs­ende, wenn die Beutel an Stationen wieder geöffnet werden, ist kein Blick aufs Smartphone möglich. „Ohne Handys ist eine ganz andere Energie im Raum“, meint Dugoni. Übrigens: Mit Yondr sitzt er ausgerechnet in San Francisco mitten unter den Tekkies des Silicon Valley. ­Denen ein wilder Abend ohne Smart­phone sicher auch nicht schaden würde.

Der Ausweis-Revoluzzer

Perso in praktisch: Duncan Francis ermöglicht die Ausweiskontrolle per Smartphone-App.
Duncan Francis
Duncan Francis
Ist das wirklich der Besitzer? Wo ist das Teil schon wieder? Für Tür­steher wie auch für Besucher ist der Perso-Check am Club-Eingang vor allem eines: nervig. Das will der Brite Duncan ­Francis mit seinem Start-up Yoti ändern. Seine Lösung: eine kostenlose App, die das Alter und die Identität des Benutzers so seriös wie ein offizielles ­Dokument bestätigt, dabei ­unkompliziert auf dem Handy liegt und dennoch sicher gegen Identitätsmissbrauch ist.
Yoti App
Eine kostenlose App, die das Alter und die Identität bestätigt
Dafür verschlüsselt Yoti jede ein­gegebene Information einzeln und speichert sie separat – ­Zugang erhält nur der Nutzer selbst. Fünf Millionen Downloads hat Yoti bisher, die digi­tale ID wird in Großbritannien schon in vielen Clubs akzeptiert. Bald soll sie auch auf dem Festland erhältlich sein. Tausende Ausweise würden jedes Jahr in Clubs verloren, so Francis. Auf sein Handy passt man besser auf oder bemerkt den Verlust zumindest umgehend.

Der Tanz-Beschleuniger

Tammuz Dubnov spiegelt Dance-Moves auf LED-Wände. So will er Lichtshows auf das nächste Level heben – und Schüchternen den Sprung auf die Tanzfläche erleichtern.
Tammuz Dubnov
Tammuz Dubnov
Tammuz Dubnov hat Abschlüsse in theoretischer Mathematik, Informatik und Tanz. Klingt wie ein „Finde den Fehler in dieser Wortreihe“-Test, ist aber eine sinnvolle Kombination, wenn man sich seine Arbeit ansieht. Dubnov hat die Kreativität des Tänzers mit der Logik des Mathematikers verbunden. Das Ergebnis dieser Doppelbegabung: die Wandprojektion seiner Firma Zuzor. So funktioniert’s: Eine Kamera erfasst die Bewegungen der Tänzer in einem Radius und setzt sie in leicht psychedelisch anmutende Animationen um, die auf die Wände des Clubs oder jeder anderen Location projiziert werden.
Nightlife
Die Schwaden nehmen die Bewegungen der Tänzer auf
Weil viele Clubs bereits über entsprechende Projektoren und LED-Wände verfügen, konzen­triert er sich auf die Software. Rund 4500 Euro kostet die einmalige Nutzung. Bisher ist die Technik vor allem in Nordamerika zu erleben, Europa soll bald folgen. „Auf Kinder wirken diese Bilder wie hypnotisierend“, hat Dubnov beobachtet, „Ältere brauchen etwas, bis sie merken, dass ihre Bewegungen die Projektionen steuern.“ Vor allem mag Dubnov die Erlebnisse mit unerfahrenen Tänzern: „Zuzor bricht das Eis, bringt Gruppen zum Interagieren und auch Schüchterne zum spielerischen Tanzen.“

Der Schlangen-Dompteur

Endlich Fairplay an der Bar: Dafür hat John Wyllie ein System entwickelt, das Besucher an der Theke automatisch erkennt – und so Vordrängeln unmöglich macht.
John Wyllie
John Wyllie
Erst wartest du ewig an der Bar, dann siehst du, wie andere sich vordrängeln, und letzten Endes bekommst du das falsche Getränk“: John Wyllie erinnert sich gut an diese Frustmomente beim Ausgehen. Heute ist er als junger Vater seltener in Bars, aber er findet: Seine Kinder sollen es besser ­haben. Mit seiner Firma DataSparQ hat er eine Bar entwickelt, die weiß, wer vor ihr steht. Eine Kamera erfasst alle Personen vor dem Tresen und teilt ihnen Nummern zu, die auf einem Bildschirm hinter der Bar mit den jeweiligen Drinks angezeigt werden.
DataSparQ
So sieht der Barkeeper, wer dran ist.
Auch im Gedränge behält der Computer den Überblick und zeigt außerdem, wie lange man warten muss – bis dahin kann man tanzen ­gehen. Die Bar ist noch im Demo-Modus, die britischen Datenschutzbedingungen verhindern derzeit ihren Einsatz. Data­SparQ hofft auf eine Anpassung und bemüht sich um Transparenz: Es gibt keine versteckten Kameras, nur eine klar erkennbare. Eine markierte Zone zeigt an, wenn jemand in dem Bereich steht, den die Kamera erfasst. Und: Die Aufnahmen werden nicht gespeichert.

Die Playlist-Pimper

DJ, spiel meinen Song: Vier Kanadier gewähren Partygästen per App ­Einfluss auf die Songauswahl – ohne den DJ ganz zu entmachten.
Brandon Melic, Devante Brown, Ulric Ferreira und Josia Morado
Brandon Melic, Devante Brown, Ulric Ferreira und Josia Morado
Wie soll man einen DJ ansprechen? Flirten erfordert ja schon Mut, aber durch die volle Tanzfläche zum DJ-Pult zu gehen – und dann auch noch einen Musikwunsch zu überbringen, der wirklich gespielt wird, ist in halbwegs ernsthaften Clubs kurz vor ­unmöglich. Diesen prekären „Hey! Hast du den Song von …“-
Moment möchten uns Brandon Melic, Devante Brown, Ulric Ferreira und Josia Morado ­ersparen. Mit ihrer App PSLY kann man über eine Spotify-­Integration einen Song wählen und den Wunsch an den DJ übermitteln. Die Lieder werden von anderen Nutzern auf der Party bewertet und dem DJ in einer Playlist nach Beliebtheit angezeigt. Der DJ wird dabei nicht zum Befehlsempfänger, sondern hat weiterhin das ­letzte Wort.
PSLY App
per Handy über Songs abstimmen lassen
Er kann die Reihen­folge der Titel zu einem Set ­arrangieren – oder Wünsche ignorieren, bis sie von der Liste fallen. Geld wollen die Erfinder mit einschlägigen Party-Reihen verdienen. Ideal ist es, wenn 50 bis 75 Personen die App benutzen, aber sie funktioniert auch bei Partys mit 600 Gästen, bei denen 200 Leute Songs bestellen. Und: Wessen Song gespielt wurde, der kann dem DJ per App ein Trinkgeld senden.