Die Wellen von Punta del Hidalgo verblüffen mich. Man hört sie, lange bevor man sie sieht: den rhythmischen Puls des wogenden Wassers, unterbrochen vom Geräusch der Felsbrocken, die von der Flut ans Ufer der Halbinsel im Norden Teneriffas gespült und wieder zurückgeschleudert werden.
An unserem dritten Tag auf der größten der Kanarischen Inseln sind wir auf der Suche nach extragroßen Wellen. Wir fahren über Bergpässe, vorbei an einem Fleckerlteppich aus Bananen-, Avocado- und Drachenbäumen zu den schwarzen Sandstränden im Norden. Die Bedingungen sind perfekt. Die Surfprofis Laura Coviella, eine Einheimische, und der zu Besuch weilende Schotte Ben Larg hechten mit ihren Boards ins Wasser, bevor die Wellen wieder kleiner werden.
Im Schatten der hoch aufragenden Klippen von Bajamar paddeln sie hinaus und werden bald zu zwei winzigen Punkten im fernen großen Blau. Laura und Ben sind auf der Jagd nach Barrels, also jenen Röhren, die entstehen, wenn Wellen beim Brechen nach vorn klappen.
Die heutige Mission beginnt im frühen Morgengrauen. Für Ben, der schon sein Leben lang surft, ist früh aufzustehen Alltag. Er wuchs auf der schottischen Insel Tiree auf, begann im Alter von zwei Jahren in den kalten Gewässern seiner Heimat zu surfen, und ritt mit sechzehn bereits die Monsterwellen in Nazaré. Heute reist der mittlerweile 21-Jährige fast permanent um die Welt – immer auf der Suche nach idealen Wellen zum Trainieren. Zuletzt war er etwa in Portugal und auf Lanzarote. Teneriffa jedoch bietet noch unerforschte Gewässer. „Es ist schon ewig her, dass ich an einem völlig neuen Ort war“, sagt er, während wir uns für die Action bereitmachen.
Auf Adrenalin
Laura Coviella hat Ben Larg eingeladen, um die vielfältigen Spots der Insel zu testen. Die 26-Jährige sammelte ihre ersten Erfahrungen am windigen Strand El Médano auf Teneriffa, bevor sie Profi wurde. „Ich habe Adrenalin schon immer geliebt“, sagt sie grinsend, während sie ihr Board in unseren gemieteten Minivan lädt. „Als ich merkte, dass Adrenalin und Surfen eins sind, dachte ich: Okay, das ist genau mein Ding.“
Laura lebt heute auf der Nachbarinsel Lanzarote und weiß alles über die zahlreichen Spots der Insel. Dank des ganzjährig warmen Klimas gelten die klaren Gewässer Teneriffas als perfekte Anfängerwellen. Aber auch Profis kommen auf ihre Kosten. Ab und zu wachsen die Wellen auf bis zu sechs Meter heran. „An großartigen Tagen kann man die Brandung vom Ufer aus sehen“, erzählt mir Lauras Freund Aki, während wir frühmorgens in den Van steigen und uns auf den 45-minütigen Weg zum Riffbreak von Punta del Hidalgo machen.
Teneriffa ist ziemlich crazy – ein Ort nach meinem Geschmack.
Auf der Suche nach Surfspots haben wir Zeit, die Kontraste Teneriffas zu erleben. Das vulkanische Erbe der Insel fällt als Erstes auf, wenn man an der Südküste entlangfährt und die Schicht um Schicht aufeinandergetürmten schwarzen Felsen betrachtet. Im Norden könnte man meinen, man befände sich in einem anderen Land: Sukkulenten, Farne und Bäume ragen aus steilen Klippen hervor, und die Gipfel der Berge sind in Wolken gehüllt. „Die Schönheit der Insel ist der Grund, warum ich es immer genieße, nach Hause zu kommen“, erzählt mir Laura.
Auf zu den Brechern
Sie hat die Information bekommen, dass es am nächsten Tag im Norden der Insel vielversprechende Brecher geben werde. Als wir den Atlantik hinter den dramatischen Klippen von Punta del Hidalgo sehen, wissen wir, dass Laura Coviellas Planung sich ausgezahlt hat. Während ich auf der schwarzen Vulkanlandzunge warte und mir die Gischt entgegensprüht, beobachte ich, wie Ben Larg sich in seinem natürlichen Lebensraum durch das Wasser arbeitet und immer wieder Wellen durchtaucht, um sich in Position zu bringen. Als eine richtig große Welle auf ihn zukommt, paddelt er wie wild, steht auf, verschwindet kurz in einer meterhohen Röhre und gleitet dann triumphierend heraus.
Augenblicke später taucht er aus dem Wasser auf. „Hast du die gesehen?“, fragt er mit verschmitztem Lächeln. Auch wenn es nicht die größte Welle seines Lebens war, ist sie für Ben Larg dennoch genauso befriedigend. „Manchmal sind Sessions wie heute die lohnendsten“, sagt er. „Man hat das Gefühl, die besten Wellen gefunden und gesurft zu haben, sprich, dass man einfach alles richtig gemacht hat!“
Travel-Tipps
Teneriffa, die größte der Kanarischen Inseln, liegt etwa 300 Kilometer vor der Westküste Marokkos. Die Insel verfügt über zwei Flughäfen – Teneriffa Nord und Teneriffa Süd – mit täglichen Flügen von und nach Österreich. Wer Adrenalin liebt, Surfen aber weniger, kann paragliden, Kajak fahren oder wandern. Wer Entspannung sucht, besucht die Altstadt von San Cristóbal de La Laguna (UNESCO-Welterbe) oder beobachtet nachts die Sterne im Teide-Nationalpark. Ein Traum! webtenerife.de
Amy Woodyatt schreibt als Autorin über Abenteuersport auf der ganzen Welt: amywoodyatt.com