Kaum einer fährt so am Limit wie Ski-Ass Dreßen. Hier auf der Streif 2018.
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Alpines Skifahren

Alles oder nichts: Thomas Dreßen, der Stehaufmann

Thomas Dreßen ist einer der besten Ski-Rennfahrer der Welt – schwersten Rückschlägen zum Trotz. Irgendwie schafft es der Streif-Sieger von 2018 immer wieder zurück und macht das Unmögliche möglich.
Autor: Henner Thies
8 min readveröffentlicht am
Zwei Momente definieren Thomas Dreßens schon jetzt unglaubliche Karriere bis dato: Sein sensationeller Triumph auf der Streif 2018 und sein Comeback-Sieg nach einjähriger Verletzungspause in Lake Louise 2019. Ein abnormaler Erfolg, über den selbst Dreßen nach der Zieleinfahrt meinte: „Kitzbühel ist einzigartig, aber ich würde trotzdem sagen, dass dieser Sieg eigentlich fast der schönste ist.“
Skirennläufer Thomas Dreßen posiert mit einer Dose Red Bull und der goldenen Kitz-Gams für ein Foto im Hangar-7 in Salzburg.
Thomas Dreßen mit der goldenen Gams, der Kitzbühel-Trophäe.
Was klingt wie Blasphemie ist die gefühlte Wahrheit eines im positiven Sinne Wahnsinnigen, eines Jahrhundert-Talents, welches das Unmögliche nun schon zwei Mal möglich gemacht hat – einmal in Österreich und einmal in Kanada. Warum sollte dieser Ausnahme-Athlet das nicht ein drittes Mal schaffen? Zum Beispiel in China?
Skirennläufer Thomas Dreßen auf dem Weg zu seinem Comeback-Sieg bei der Abfahrt in Lake Louise, Kanada, 2019.
Süßer als der Streif-Sieg? Dreßen bei seinem Sieg in Lake Louise.
Aktuell sehe ich mich zu 50% in Peking, zu 50% nicht.
"Was dafür spricht, dass es noch einmal klappen könnte, ist, dass ich mittlerweile viel Erfahrung mit Comebacks sammeln konnte", meint Dreßen. "Selbst bei einem Großereignis. 2021 bin ich ja auch ohne großartige Vorbereitung gestartet und habe es bei der WM in Italien immerhin auf den 18. Platz geschafft." Klar, sei der Anspruch an die eigene Leistung deutlich höher, aber aktuell geht es erst einmal darum, in Peking überhaupt dabei zu sein. "Aktuell sehe ich mich zu 50% in Peking, zu 50% nicht", stellt Dreßen fest.
Und so ist es vor Peking wie so oft in den vergangenen Jahren: Vor den eigentlichen Rennen muss Thomas Dreßen erst einmal das Rennen gegen die Zeit und den eigenen Körper gewinnen.

20. Januar 2018: die Geburtsstunde des Möglichmachers

"Olympiasieger sind bei Weitem nicht so bekannt, wie Kitzbühel-Sieger." So hat es Österreichs Ski-Legende Hermann Maier, wohl aus eigener Erfahrung, einmal gesagt. Und tatsächlich: seit dem 20. Januar 2018 kennt die ganze Ski-Welt den Namen Thomas Dreßen. Es ist der Tag, an dem der hühnenhafte Bayer die legendäre Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel gewinnt. Für Dreßen nicht nur der erste Weltcupsieg überhaupt, es ist zudem der erste Sieg eines Deutschen auf der Streif seit Sepp Ferstls Erfolg im Jahr 1979.
Skirennläufer Thomas Dreßen posiert mit dem Team Deutschland nach seinem Abfahrtssieg auf der Streif 2018.
Plötzlich Nationalheld: Thomas Dreßen mit Team nach dem Strief-Sieg.
Zuvor hatte der Wahl-Österreicher Dreßen vergleichsweise bescheidene, wenn auch stetig bessere Ergebnisse eingefahren: Bei seinem Abfahrts-Weltcup-Debüt 2015 in Saalbach-Hinterglemm noch 39., fuhr er sich in der Saison 2016/17 bereits in den Top 15 fest. Im Dezember 2017 sicherte sich Dreßen bei der Abfahrt in Beaver Creek mit Platz 3 sein erestes Weltcup-Podest. Einen Monat später schreibt Dreßen in Österreich Skisport-Geschichte.
So sehen Sensations-Sieger aus! Thomas Drehen jubelt in Kitzbühel.
So sehen Sensations-Sieger aus! Thomas Drehen jubelt in Kitzbühel.
Olympiasieger sind bei Weitem nicht so bekannt, wie Kitzbühel-Sieger.
Hermann Maier
"Seinen allerersten Weltcup-Erfolg ausgerechnet in Kitzbühel zu feiern, ist nicht alltäglich", lacht Dreßen. "Damit kannst du nicht rechnen, selbst wenn du, wie ich damals, top in Form bist." Womit dagegen sehr wohl zu rechnen ist: Wer die Streif gewinnt, wird über Nacht zum Helden. Auch Thomas Dreßen haben die 1:56,15 Minuten, die er zu seinem Sensations-Sieg in Kitzbühel benötigte, gereicht, um für eine ganze Nation zu dem zu werden, der das Unmögliche möglich machen kann.
Skirennläufer Thomas Dreßen auf dem Weg zum Sieg in der Abfahrt in Kvitfjell, Norwegen, 2018.
Dreßen auf dem Weg zum Sieg in der Abfahrt in Kvitfjell, Norwegen.
Dass er dazu auch in Zukunft noch öfter im Stande sein könnte, beweist Dreßen wenige Wochen später mit dem Weltcup-Sieg bei der Abfahrt von Kvitfjell. Zwei Siege in einer Abfahrts-Saison – das war bisher noch keinem Deutschen gelungen. Zudem sicherte sich Dreßen mit seinen Top-Platzierungen in der Saison 2017/18 Rang 3 in der Abfahrts-Gesamtwertung.

Resilienz in Person: Thomas Dreßen, der unbeirrte Stehaufmann

Die Frage "was wäre wenn", stellt sich Thomas Dreßen selbst nie, sagt er im Telefongespräch, 100 Tage vor dem Start der Winterspiele in Peking. "Ich denke auch nie: warum trifft es ständig mich? Selbstmitleid bringt mich nicht weiter", so Dreßen. Und doch hätte er das gute Recht, diese Frage zumindest einmal anzudenken.
Zum einen wegen des tragischen Seilbahnunglücks in Sölden 2005, bei dem Dreßens Vater Dirk ums Leben kam, als ein Hubschrauber einen 750 kg schweren Betonbehälter über der Seilbahn verlor und diese abstürzte. Zum anderen angesichts seines seit 2018 anhaltenden Verletzungspechs, das am 30. November 2018 seinen Anfang nimmt: Beim Sturz auf der Birds of Prey Abfahrt in Beaver Creek reißt er sich das vordere Kreuzband im rechten Knie und kugelt sich die Schulter aus. Die Saison 2018/19 ist für Dreßen damit beendet.
Ski-Rennfahrer Thomas Dreßen bereitet sich beim Training für das Rennen in Garmisch-Partnekirchen 2018 mental auf seinen Lauf vor.
Die 44 auf Dreßens Helm ist ein Tribut an seinen Vater Dirk Dreßen.
Ich sehe eine Verletzung als Stein in meinem Weg, den ich wegräumen muss.
"Was mich in diesen Momenten motiviert, ist der Blick nach vorn. Ich sehe eine Verletzung als Stein in meinem Weg, den ich wegräumen muss." Genau das tut Thomas Dreßen – und macht exakt ein Jahr nach seinem folgenschweren Sturz ein zweites Mal das Unmögliche möglich. Völlig überraschend gewinnt Dreßen bei seinem Comeback-Rennen die Abfahrt von Lake Louise – zwei Hundertstelsekunden vor Dominik Paris.
Skirennläufer Thomas Dreßen feiert bei der Zieleinfahrt in Lake Louise, 2019.
Dressen feiert seinen Überraschungs-Sieg in Lake Louise 2019.
"Der Sieg in Lake Louise 2019 kam auch für mich überraschend", erinnert sich Dreßen. "Ich bin einfach Vollgas drauf los, weil ich wusste, ich hab' nichts zu verlieren." Es folgen ein 3. Platz im Super-G in Gröden, Rang 3 bei der Abfahrt in Wengen und wenig später sein vierter Weltcupsieg bei der Abfahrt im heimischen Garmisch-Partenkirchen – der erste Erfolg eines Deutschen auf der Kandahar-Abfahrt seit dem Triumph von Markus Wasmeier im Jahr 1992. Auch die darauffolgende Abfahrt in Saalbach-Hinterglemm gewinnt Dreßen. Dann holt ihn abermals das Verletzungs-Pech ein.
Skirennläufer Thoimas Dreßen auf dem Weg zum Abfahrts-Sieg beim Kandahar-Rennen in Garmisch-Partenkirchen, 2020.
Dreßen rast zum Heim-Sieg auf der Kandahar in Garmisch 2020.
Selbstmitleid bringt mich nicht weiter. Weiter komme ich nur, wenn ich an mir arbeite.
Während der Vorbereitung auf die Saison 2020/21 im US-amerikanischen Copper Mountain muss Dreßen sein Training im November abbrechen. In München unterzieht er sich einer Hüft-OP und muss erneut pausieren. Und doch steht der Ski-Hühne keine drei Wochen später bei der Ski-WM in Cortina d’Ampezzo bei der Abfahrt am Start. Er fährt auf Rang 18, beendet die Saison jedoch nach nur einem Rennen wegen erneuter Kniebeschwerden. Dieses Mal muss der Knorpel im rechten Knie operiert werden.
Was für viele Sportler das potenzielle Karriereende bedeuten würde, bringt Thomas Dreßen dazu, umzudenken, seinen Blick zu schärfen und ein weiteres Mal Anlauf zu nehmen.

Viele kleine Schritte für ein großes Comeback, das hält

Der erneute Rückschlag nach seinem unter Umständen verfrühten Comeback bei der Ski-WM im Februar 2021 hat bei Thomas Dreßen einiges in Bewegung gebracht. Nicht nur der per Mikrofrakturierung aufwändig operierte Knorpel seines rechten Knies wird seither nach allen Regeln der Medizinkunst wieder hergestellt und aufpoliert. Auch an seiner Physis, seiner Psyche und nicht zuletzt seiner Herangehensweise schraubt Thomas Dreßen seither.
Mit immer Vollgas gewinnst du keine Rennen.
Im Athlete Performance Center im österreichischen Thalgau, kurz APC, drehen Dreßen und sein Team jeden noch so kleinen Stein um. "Zu Beginn meiner Reha im APC im April haben wir uns die Frage gestellt, was ist aktuell entscheidend. Nicht in einem halben Jahr und nicht in einem, sondern worauf kommt es jetzt an?", erklärt Dreßen. Oft übersehe man wichtige Details, wenn man sich zu sehr auf ein konkretes Ziel versteift – sei es den Start bei der Ski-WM, oder bei den Winterspielen in Peking.
Statt komme was wolle gelte für Dreßen nunmehr: "Kleinvieh macht auch Mist." Soll heißen: "Besser, du machst die kleinen, wichtigen Sachen richtig, anstatt dem großen Ganzen hinterher zu hecheln und dabei was zu übersehen."
Anfangs habe daher vor allem das Mentaltraining im Fokus gestanden. "Wir haben viel an meiner optischen Wahrnehmung und an meinen Reaktionen auf unvorhersehbare optische und akustische Reize gearbeitet, und daran, Überflüssiges noch effizienter auszublenden", erklärt Dreßen. Anschließend hätten Rumpfstabilität und Ausdauer die meiste Zeit gefressen, "aber da ist gut was weitergegangen", freut sich Dreßen.
Skirennläufer Thomas Dreßen bei der Pistenbesichtigung während der Ski-WM in Italien 2021.
Pistenbesichtigung: Dreßen bei der Ski-WM in Italien 2021.
Es gilt, das richtige Maß zu finden, vor allem auf der Piste.
Aktuell liege das Hauptaugenmerk auf dem Kraft- und Muskelaufbau. "Mit dem Krafttraining haben wir wegen der Belastung für den Knorpel etwas länger gewartet, um das Knie nicht zu früh zu sehr zu fordern", meint Dreßen. Dann sagt er: "Ich spüre, dass ich Kniebeugen längst mit mehr Gewicht machen könnte, aber wir steigern äußerst langsam. Da sind kleine gut gesetzte Schritte aktuell deutlich mehr wert."
Es ist ein anderer Thomas Dreßen, der da spricht. Nicht das viel zitierte Rennpferd, das nur ein Tempo kennt. "Mit immer Vollgas gewinnst du keine Rennen", bekräftigt Dreßen. "Es gilt, das richtige Maß zu finden, jetzt im Aufbautraining, aber vor allem auf der Piste. Da musst du genau wissen, wo machen 100% Sinn und wo sind 90% zielführend."

"Blöd darf man sein, dumm nicht."

Ende November, nachdem die finalen Belastungstests absolviert sind, soll es für Thomas Dreßen erstmals seit Februar wieder auf Schnee gehen. Für Dreßen der ultimative und alles entscheidende Test: "Mein Gefühl beim Skifahren wird den Ausschlag geben. Das Knie fühlt sich grundsätzlich gut an, aber auf Schnee ist das Gefühl doch immer ein anderes."
Skirennläufer Thomas Dreßen beim Sprung währen der Streif-Abfahrt in Kitzbühel 2020.
Sieht man Dreßen 2022 wieder in Kitzbühel? Nichts ist unmöglich...
Wann und wo Thomas Dreßen wieder ins Wettkampfgesehen eingreift, ob schon im Januar in Wengen, oder erst später lässt er offen. Nur bei einem ist er sich dieses Mal sicher: Zu früh zurückkommen will er diesmal nicht: "In der Comeback-Saison 2019/2020 habe ich zu wenig auf meinen Körper gehört", gesteht Dreßen. "Da habe ich zu viel auf einen Zeitplan geschaut, obwohl das Knie noch nicht bereit dafür war." Ein Fehler, den man einmal machen dürfe, aber kein zweites Mal.
Blöd ist es, einen Fehler zu machen. Aber wenn du denselben Fehler zwei Mal machst – das ist dumm.
"Ich sage immer: blöd darf man sein, dumm nicht", so Dreßen: "Blöd ist es, einen Fehler zu machen, auch wenn daran letztlich nichts Schlechtes ist. Aus Fehlern kann man lernen. Aber wenn du denselben Fehler zwei Mal machst – das ist dumm."
Dass er so bald wie möglich wieder Skirennen fahren und sich für die Winterspiele in Peking qualifizieren will, stehe außer Frage. Wichtiger sei nur, dass er das auch in vier oder acht Jahren noch wolle. "Wenn ich jetzt nicht klug agiere, was die vielen kleinen Schritte betrifft, die es für mein neuerliches Comeback braucht, dann wird es auch in Zukunft schwierig", so Dreßen.
Fakt ist, angesichts der Comeback-Qualitäten, die Thomas Dreßen in den letzten Achterbahn-Jahren bewiesen hat: wenn es einer schaffen kann, das Unmögliche ein drittes Mal möglich zu machen, dann er, der fleischgewordene Stehaufmann.