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Patrick Seabase: Die Schönheit des Leidens

© Phil Gale / Red Bull Content Pool
Maximale Leistung mit dem absoluten Minimum an Fahrrad, so ist Patrick Seabase seit Jahren unterwegs. Im Herbst 2020 dreht er eine Extrarunde.
Autor: Stefan Michelveröffentlicht am
325 Kilometer, über 8.500 Höhenmeter: Im Film "unBRAKEable" stellt sich Track Bike Fahrer Patrick Seabase seiner wohl grössten Herausforderung. An einem Tag befährt er fünf Passsteigungen der Schweiz - ohne Bremsen, mit nur einem Gang. Der Film ist ab 21. Oktober bei Red Bull TV.
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UnBRAKEable
Es gibt keinen asphaltierten Alpenpass mehr, den Patrick Seabase noch nicht bezwungen hat. Aber unter ihnen sind ein paar Berge, zu denen er eine besondere Beziehung hat. Es können Erinnerungen sein, optische Eindrücke, ein besonderes Relief oder Bauwerk, die im Berner die Emotionen hervorrufen, die er braucht, um seine Höllenritte auf dem Bahnvelo zu überstehen.
Radsport · 4 Min
Patrick Seabase: Über die Alpen auf einem Fixie-Bike
«Das Spezielle an dieser Tour ist die Konstellation der Pässe, der Grimsel, den ich schon so oft gefahren bin, der Simplon, den ich aus verschiedenen Gründen liebe, der mystische Gotthard, die Furka als vorletztes Hindernis bevor ich den Grimsel auch noch von der Südseite her und mit Extrahöhenmetern fahre. Mit jedem dieser Berge verbinde ich etwas Persönliches, das macht diese Tour einzigartig.»

Grimsel: Kunstwerk aus Stein und Wasser

«Der Grimsel ist einer meiner Lieblingspässe, er ist von Bern aus gut erreichbar und er bietet ein einzigartiges Spektakel fürs Auge: die hellen, fast silbrig schimmernden Steine im Wechsel mit grünlichem Fels, dazu die vier Stauseen – welcher Pass bietet so etwas? Die 26 Kilometer lange Passstrasse von Innertkirchen auf den Grimsel hat schon manchen Rennradfahrer zur Verzweiflung gebracht. Für Seabase ist sie an diesem Tag ein Heimspiel.
Track Bike Fahrer Patrick Seabase nachts auf dem Weg auf den Grimselpass beim Shooting zu "unBRAKEable" am 1. September 2020.
Apokalyptische Stimmung: Patrick Seabase auf dem Weg zum Grimselpass.
Die Beine sind frisch, im Morgengrauen einen Pass zu bezwingen, gibt ihm mental mehr Energie, als es physisch von ihm fordert. Die grösste Herausforderung sind die 0 Grad Celsius, die sich vor allem in der schnellen Abfahrt bemerkbar machen. Seabase wird sie erst später spüren, denn nun ist volle Konzentration gefragt, im Wechsel von Hochgeschwindigkeitsgeraden und Haarnadelkurven. Ein paar Minuten nur braucht er von der Passhöhe auf 2.164 Metern hinunter nach Gletsch, das gut 400 Meter tiefer liegt.
Die Fahrt zum Grimsel hatte etwas Apokalyptisches, das auf eine besondere Art auch schön war.
Patrick Seabase Red Bull Hill Chasers 2014
Patrick Seabase
Track Cycling

Simplon: Monument des Glücks

Weiter geht es das Goms hinunter nach Brig und in den nächsten langgezogenen Anstieg zum Simplonpass. «Als Kind bin ich mit meinen Eltern oft über den Simplon und via Italien ins Tessin gefahren. Ich habe diese Fahrt als Kind geliebt und ich liebe sie jetzt mit dem Bahnvelo.» Einer der Gründe dafür ist die Ganternbrücke, ein Monument des alpinen Strassenbaus. «Dieses Kunstwerk von weitem zu sehen und dann darüber zu fahren, ist für mich jedesmal von neuem ein Ereignis.»
Patrick Seabase vor der Ganterbrücke auf dem Anstieg zur Simplonpasshöhe, Schweiz, am 1.September 2020.
Patrick Seabase seinem Weg auf den Simplonpass
Hinzu kommt, dass die gleichmässige, selten steile Steigung der Strasse perfekt ist, um mit der harten Übersetzung vorwärts zu kommen, die Seabase auf seinem Track Bike als einzige zur Verfügung hat. Ungemütlicher wird es auf der Abfahrt, sie ist schon mit dem konventionellen Rennrad nichts für schwache Nerven. Noch viel weniger Entspannung bietet sie, wenn man ohne Bremse und Freilauf Richtung Domodossola unterwegs ist. «Der Rückenwind schoss mich wie eine Kanonenkugel die steilen Rampen hinab und in die Tunnels hinein», beschreibt Seabase, der es gewohnt ist, dass die Abfahrt keinerlei Erholung bietet, sondern bloss eine andere Muskelgruppe belastet.
Abfahrt von Patrick Seabase vom Simplonpass durch das Centovalli beim Dreh zu "unBRAKEable" am 1. September 2020.
Die kurvenreiche Abfahrt vom Simplonpass bietet keine Erholung.
Vom Simplonpass auf 2.005 Metern ist der Athlet nach Domodossola auf 270 Metern abgefahren. Nun steigt die Strasse leicht an, Seabase ist froh, wieder Druck auf die Pedale geben zu können, statt gegen diese arbeiten zu müssen. Die Route führt zur Schweizer Grenze und ins Centovalli. Wenn er als Kind mit seiner Familie durch das Tal der hundert Täler («Centovalli») fuhr, wusste er, dass es nicht mehr weit war bis ins Feriendomizil. «Ich liebte es, mit dem Auto durchs Centovalli zu fahren und ich liebe es auf dem Velo: Die Strasse ist technisch anspruchsvoll, verlangt vollen Einsatz, lässt mich keine Sekunde chillen.»
Auf halbem Weg durch das Centovalli erreicht man den Ort Re. Ab dort geht es den ganzen Weg bis Locarno nur noch bergab. Da geht es eigentlich erst richtig los.
Patrick Seabase im Film "unBRAKEable" auf Red Bull TV
Es geht abwärts, was es für den Berner nicht einfacher macht. Im Gegenteil, in Locarno, auf 194 Meter über Meer ist Hochsommer, 30 Grad im Schatten, von dem es Richtung Bellinzona keinen gibt. «Ich hatte grosse Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen, nachdem ich ein paar Stunden zuvor durch den Winter pedalt war.» Seabase sehnt die nächste Passstrasse herbei, jene auf den Gotthardpass. Die achtzig schwach ansteigenden Kilometer von Locarno nach Airolo sind eine Geduldsprobe. Seabase ist seit 8 Stunden unterwegs und weiss, dass die härtesten Kilometer noch vor ihm liegen.

Gotthard: Kampf gegen die Elemente

«In Airolo machte ich einen kompletten Reset – physisch und mental. Als ich losfuhr Richtung Gotthardpass, fühlte ich mich zuerst, als ob ich frisch aufs Rad gestiegen wäre.» Dass das Kopfsteinpflaster der Tremola, der historischen Passstrasse, nicht besonders gut rollt, weiss er von früheren Fahrten auf dieser Route. An diesem Tag bläst ihm auch noch Gegenwind ins Gesicht. «60 Stundenkilometer Wind von vorn, das ist tödlich. Es war, als ob eine höhere Macht verhindern wollte, dass ich oben ankomme.» Patrick stemmt sich mit allem, was er hat, gegen die Steigung und die Elemente.
Patrick Seabase beim Dreh zu "unBRAKEable" auf der Tremola zum St. Gotthard, Schweiz, am 1. September 2020.
Steiler Anstieg im gleichmässigen Tritt: Patrick Seabase am Gotthard.
Wie wenn man eine Feder zusammendrücke, so fühle es sich an, mit dem Bahnvelo eine solche Steigung zu fahren, «oder wie eine Stunde in der Beinpresse im Kraftraum». Der Berner leidet, drückt auf die Pedale, reisst am Lenker. In solchen Momenten hilft es ihm, die Strecke in immer kleinere Abschnitte zu teilen und nur noch an das nächste Zwischenziel zu denken, der nächste Höhenmeter-Hunderter, die nächste Haarnadel oder auch nur die nächste Pedalumdrehung. Und so schafft es Seabase schliesslich auf den bekanntesten Alpenübergang der Schweiz auf 2.106 Metern über Meer. Die Beine sind leer, der Kopf weiss, es ist noch nicht vorbei.
Plötzlich war es wie ein Faustschlag ins Gesicht: Der Wind von vorne war wirklich verrückt.
Patrick Seabase im Film "unBRAKEable" auf Red Bull TV

Furka: Hassliebe im Nebel

Eine weitere Abfahrt, die Trittfrequenz tendiert gegen 150 Umdrehungen pro Minute. Es gilt, die Beine irgendwie so locker zu halten, wie es irgendwie geht, so dass sie die enorme Drehzahl mitmachen. Lange dauert es nicht, dann ist die Talsohle auf knapp 1.500 Metern erreicht. Die nächste Prüfung heisst Furkapass, der Alpenübergang, den Seabase immer umfährt, wenn es geht. «Ich kann nicht sagen weshalb, aber ich mag den Furkapass nicht.» Das macht es umso intensiver, diesen Alpenübergang mit bereits drei Pässen in den Beinen zu fahren.
Patrick Seabase auf dem Gotthardpass vor dem Start in Richtung Furka.
Pause vor dem nächsten Pass: Patrick Seabase gönnt seinen Beinen kurz Ruhe.
«Kaum war ich in der Steigung, kam dicker Nebel auf. Ich sah weder zurück, was ich schon geschafft hatte, noch nach oben, wie weit es noch war, sondern lediglich die paar Meter vor mir.» Einer der Begleiter sagt ihm einmal, es fehlten noch fünf oder sechs Kehren. Dabei waren es noch 5 Kilometer. «Es war zermürbend, ich war desillusioniert.» Wieder verlangt Seabase nur noch eine Pedalumdrehung von sich, dann noch eine und noch eine. Bis er die Passhöhe erreicht hat.
Ich würde sagen, die Furka ist ein nötiges Übel.
Patrick Seabase im Film "unBRAKEable" auf Red Bull TV
«Die Abfahrt stresste mich fast noch mehr. Ich hatte keine Ahnung, wie ich sie mit so vielen Kilometern in den Beinen schaffen würde.» Besonders der erste Teil der Abfahrt ist steil, das Bremsen ein brutaler Kraftakt, Seabase seit mehr als einem halben Tag fast pausenlos im Sattel. Wenn er es einmal verpasst, rechtzeitig zu verlangsamen oder die Energie dazu nicht mehr aufbringt, die es braucht, dann kann er seine Geschwindigkeit nicht mehr kontrollieren. Doch der Bewegungsablauf ist in all den Jahren in denen er über Pässe fährt zu einem Automatismus geworden, den er auch noch im Delirium ablaufen lassen könnte: das Hinterrad wenige Zentimeter anheben, die Rotation stoppen, das blockierte Rad auf den Asphalt setzen, wo der Reifen eine rauchende, nach Gummi riechende, schwarze Spur hinterlässt. Unmittelbar darauf beschleunigt die Schwerkraft den Fahrer und das Bike von neuem, Seabase hält dagegen, bis es wieder Zeit ist für den nächsten Skid, das nächste blockierte Hinterrad. So erreicht er Gletsch, das Dorf am Südfuss des Grimselpasses, durch das er 13 Stunden vorher schon einmal gerollt ist.
Track Bike von Patrick Seabase, mit dem er beim Dreh zu "unBRAKEable" über fünf Pässe fuhr.
Ohne Bremsen, nur ein Gang: Patrick Seabases Track Bike

Grimsel – Oberaarsee: Das Ende als Anfang

Nahtlos geht die Abfahrt vom Furkapass in den Anstieg zum Grimsel über. Patrick Seabase hat über 300 Kilometer in den Beinen und fast 8000 Höhenmeter. Auf den ersten steilen Metern der Strasse fühlt er sich, als würde er einen Bleiklotz hinter sich herziehen. Passend zu seiner Verfassung geht die Sonne unter. Doch das ist nicht irgendein Pass, sondern der Grimsel, einer der der Berge, die dafür verantwortlich sind, dass Seabase zum Radfahrer mutierte. «Die Steigung kenne ich auswendig, ich wusste immer ganz genau, wo ich war und wie viele Kurven noch vor mir lagen.»
Patrick Seabase am Ende seiner Tour durch die Schweiz am Oberaarsee.
Wortwörtlich am Ende: Patrick Seabase nach über 14,5 Stunden im Sattel.
Mit jedem Meter und jeder Pedalumdrehung wird sein Tritt leichter. «Es war als ob mich eine imaginäre Hand den Berg hochschob.» Die Passhöhe ist nicht das Ziel. Seabase will seine Riesentour am Oberaarsee beenden. Noch 150 Höhenmeter sind zu schaffen, inzwischen ist es Nacht, Seabase pedalt alleine der glitzernden Wasserfläche auf 2.302 Meter entgegen. Es sind die letzten Minuten, er weiss, dass er solche Emotionen so schnell nicht wieder erleben wird und saugt sie in sich auf. «Der Oberarsee ist unglaublich schön. Er speist den Oberaargletscher und damit die Aare, die für mich als Berner eine besondere Bedeutung hat. Aus dem Wasser dieses Sees entsteht etwas Neues. Das war der ideale Ort, um diese Tour zu beenden.»
Bereits in seinem letzten grossen Projekt stellte sich Patrick Seabase einer übermenschlichen Herausforderung: In "#Seabase1910" befuhr er die legendäre erste Pyrenäen-Etappe der Tour de France - natürlich auf seinem Track Bike:
Radsport · 13 Min
Seabase 1910
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