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Survival-Spiele gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Von Ark: Survival Evolved über Don’t Starve bis hin zu The Long Dark. Die meisten davon ähneln sich in ihren Spielmechaniken aber wie ein Getränkeautomat dem anderen. Doch dann gibt es Ancestors: The Humankind Odyssey, das neue Spiel von Assassin’s Creed-Schöpfer Patrice Désilets und seinem neuen Team bei Panache Digital Games, das eine Menge anders macht und euch fesseln wird. Vergleichbares habt ihr garantiert noch nie gespielt!
Ancestors: The Humankind Odyssey – Das Überleben des Stärksten
Ancestors: The Humankind Odyssey ist ein beeindruckendes und einzigartiges Spiel. Ich weiß nicht wann ich mich zuletzt derart intensiv mit anderen Spielern über ihre Erfahrungen ausgetauscht habe. Wie haben sie es geschafft, einen spitzen Stock zu erschaffen? Wie ist es ihnen gelungen, einen Säbelzahntiger zu erlegen? Überschwänglich berichten wir von unseren Entdeckungen, ich lausche überglücklichen Berichten über minimale Fortschritte, als hinge die menschliche Evolution davon ab. Und in Ancestors: The Humankind Odyssey tut sie das auch.
Das Open-World-Survival-Spiel wirft euch direkt in die Anfangszeit der menschlichen Evolution. Zu Beginn des Spiels steuert ihr ein Affenbaby im urzeitlichen Afrika, das mit seinem Clan schon bald um das nackte Überleben kämpft und darum, im ewig währenden Kreislauf des Lebens das Ruder in der Hand zu behalten.
Dass das im Verlauf des Spiels wahrlich kein Zuckerschlecken werden dürfte, versteht sich von selbst. Immerhin haben die Primaten ihren Konkurrenten, darunter Wildschweine, Schlangen und Säbelzahnkatzen, kaum etwas entgegenzusetzen. Zumindest anfangs, denn darin liegt der besondere Clou von Ancestors. Alle Aktionen und Fähigkeiten müssen von euch erst erlernt, verinnerlicht und weitervererbt werden, um als hoffnungslos unterlegene Rasse den Fortbestand eurer Art zu sichern. Anfangs wisst ihr nämlich schlicht gar nichts.
Ancestors: Wissen ist Macht
Tatsächlich liegt euer einziger Vorteil zu Beginn des Spiels darin, dass ihr im Vergleich zu den anderen Raubtieren Bäume erklimmen könnt. Am Boden des riesigen Urwaldes seid ihr schlicht chancenlos. Ancestors: The Humankind Odyssey setzt bewusst auf einen enorm knackigen Schwierigkeitsgrad, denn so eine Evolution ist schließlich kein Kindergeburtstag.
Immerhin lehrte uns bereits die Geschichte, dass lediglich die Rasse am Leben bleibt, die sich anzupassen und weiterzuentwickeln vermag. Dementsprechend fallen die ersten Spielstunden von Ancestors: The Humankind Odyssey relativ ernüchternd aus. So ein Affenbaby ist ganz alleine im urzeitlichen Afrika absolut fehl am Platz. Verängstigt, frierend und nicht in der Lage, sich zu verteidigen.
Die einzige Möglichkeit zu überleben liegt darin, Schutz unter einem Blätterhaufen zu suchen und auf Rettung zu warten. Gesagt, getan: Habt ihr euch versteckt, zoomt das Spielgeschehen hinaus und ihr übernehmt die Kontrolle über ein erwachsenes Mitglied des Clans. In Ancestors spielt ihr nämlich keinen einzelnen Primaten, keinen strahlenden Helden. Ihr übernehmt die Kontrolle über euren Affenclan, bestehend aus Babies, Erwachsenen und Greisen. Jedes Mitglied der Gruppe muss seinen Beitrag zum Fortbestand der Art leisten.
Zu Beginn des Spiels beherrscht ihr genau drei Dinge: Laufen, Springen und Klettern. Immerhin sind die riesigen Urzeitbäume eure einzige Chance am Leben zu bleiben. Wie lange es dabei bleibt, hängt ganz alleine von euch und euren Entscheidungen ab, denn eine klare Mission oder einen vorgegebenen Pfad gibt es in Ancestors: The Humankind Odyssey nicht. Dennoch ist das Ziel klar definiert: Bleibt am Leben. Allzu eilig müsst ihr es jedoch nicht haben, denn die Spielzeit erstreckt sich über satte acht Millionen Jahre.
Bevor es überhaupt los geht versprechen euch die Entwickler, euch nicht zu sehr an die Hand zu nehmen und wünschen euch viel Glück beim Überleben und das werdet ihr auch wirklich brauchen. Dieser realistische Ansatz ist es, der Ancestors: The Humankind Odyssey für einige Spieler wahrscheinlich sehr unzugänglich wirken lässt. Tatsächlich fällt der Einstieg äußerst schwer aus, doch die ersten Fortschritte lassen nicht lange auf sich warten. So dauert es nicht lange, bis sich die Suchtspirale vollends entfaltet und ihr selbst die kleinsten Errungenschaften feiert, als hättet ihr gerade einen riesigen Berg erklommen.
Sehen, verstehen, anwenden
Die meiste Zeit verbringt ihr in Ancestors damit, durch den afrikanischen Dschungel zu wandern und eure Umgebung zu verstehen. Immerhin müsst ihr euch vor Augen halten, dass die Primaten zu Beginn absolut gar nichts wissen. Ob ihr euch zunächst in eurem sicheren Unterschlupf ein Grundverständnis verschafft oder euch sofort den Gefahren des Urwaldes stellt, liegt dabei ganz bei euch.
Bewegt ihr euren Primaten ins Wasser, könnt ihr per Knopfdruck das kühle Nass inspizieren um herauszufinden, dass man das Zeug trinken kann. Eure Clanmitglieder in der Nähe, die das Treiben beobachten, werden euch nachahmen sobald sie merken dass ihr die todesmutige Tat überlebt habt. In den ersten Spielstunden findet ihr heraus, dass ihr Wasser trinken könnt, welche Blätter und Beeren ihr problemlos essen und von welchen ihr besser die Finger lassen solltet. Ihr lernt, dass ihr tote Äste von einem Baum reißen und dass ihr Steine aufheben könnt.
Jedes erlangte Wissen sorgt dafür, dass Neuronen in eurem Gehirn angeregt werden, die sich als neues Wissen manifestieren. An eurem Schlafplatz verwendet ihr die gesammelte neuronale Energie dann, um die Evolution anzustoßen und so neue Fähigkeiten freizuschalten. Energie sammelt ihr wiederum durch Wiederholung und vor allem dann, wenn ihr mit eurem Nachwuchs im Urwald unterwegs seid. Ganz wie im wahren Leben also.
Habt ihr drei oder vier Mal einen Stock abgerissen, wisst ihr wie es funktioniert. Plötzlich bemerkt euer Affe, dass er nicht nur eine, sondern ganze zwei Hände zur Verfügung hat und ist fortan in der Lage, einen Gegenstand in die andere Hand zu nehmen – was euch ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Irgendwann beginnt ihr beispielsweise zu verstehen, dass ihr mit einem festen Stein den Stock anschleifen und als Speer verwenden könnt. Was ihr mit dem neuen Werkzeug anfangt, ist dann aber wieder alleine eure Sache, Hinweise liefert euch das Spiel nicht.
Diese Evolution erstreckt sich über viele verschiedene Bereiche. Durch Wiederholungen verbessert ihr eure Motorik oder Kommunikation zu euren Clanmitgliedern. Oder ihr stärkt eure Sinne, die euch zum Erkunden der Umgebung dienen. Draußen im Urwald nutzt ihr eure Intelligenz, um interessante Punkte anzuvisieren. Das können Pflanzen, Verstecke oder Wasserfälle und Höhlen sein, die euch als neue Basis dienen können.
Zusätzlich greift ihr auf euren Gehör- und Geruchssinn zurück, die anfangs natürlich ebenfalls noch kein Bisschen ausgeprägt sind. Doch schon nach kurzer Zeit könnt ihr bereits erschnuppern, wenn sich Heilpflanzen, Holunderbeeren oder Giftschlangen in der Nähe befinden. Habt ihr obligatorische Nahrung einmal gekostet, liefert eine kleine Anzeige einen Hinweis darauf, mit welchen zusätzlichen Effekten sie aufwarten.
Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt
Jeder noch so kleine Schritt, jeder winzige Erfolg in Ancestors: The Humankind Odyssey fühlt sich nicht nur unglaublich mächtig an, sondern gibt euch sogar das wohlige Gefühl, ständig Fortschritte zu erzielen. Das sorgt für ein motivierendes Spielgefühl, das euch stundenlang an den Bildschirm fesseln wird. Nicht selten schaut ihr verdutzt auf die Uhr, dass schon wieder vier Stunden verstrichen sind.
Relativ zu Beginn trafen wir beim Erkunden der direkten Umgebung unserer Höhle auf ein fieses Wildschwein, das uns beim Trinken kurzerhand von hinten überrascht hat. Anfangs haben wir dem Eber absolut Nichts entgegenzusetzen. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie wir die Blutung überhaupt stoppen können. Bestimmte Pflanzen und Blätter erlauben es uns, Vergiftungen oder Verletzungen zu heilen – in diesem Fall reiben wir uns mit einer Pflanze ein, die sich weit oben auf den Baumwipfeln finden lässt.
Viele Spielstunden später treffen wir das Wildtier wieder, doch diesmal haben wir dazugelernt.
Mit einem Tastendruck im richtigen Moment weichen wir seiner Attacke aus und erklimmen zunächst einen riesigen Baum. Oben angekommen schnappen wir uns einen großen Ast und bearbeiten ihn alsbald mit einem Stein und haben eine gefährliche Lanze erschaffen.
Todesmutig und willens die Wildsau zur Rechenschaft zu ziehen aktivieren wir unseren Gehörsinn und können sofort orten, wo sich das Tier befindet. Mit einem Sprung landen wir direkt hinter dem Schwein und rammen ihm die Lanze (das richtige Timing vorausgesetzt) in den Bauch. Humpelnd und blutend flüchtet der Eber, doch allzu weit kommt er nicht. Aber so ein Wildschwein ist verdammt zäh, also holen wir uns eine zweite und eine dritte Lanze, bis das Tier zu Boden geht.
Ein unbeschreiblich triumphierendes Gefühl. Nicht, weil wir ein Tier getötet hätten oder weil es uns Spaß macht, sondern weil wir damit Nahrung für unsere Gruppe gesammelt haben, die sie tagelang am Leben hält. Immerhin müssen die kleinen und großen Affen stets darauf achten, hydriert zu bleiben, ihren Hunger zu stillen und regelmäßig zu schlafen. Andernfalls segnen die Primaten äußerst schnell das Zeitliche. Sei es durch Erschöpfung, Verdursten und Verhungern oder durch nicht behandelte Wunden.
Ein immerwährender Kampf um das nackte Überleben, den Ancestors: The Humankind Odyssey schonungslos und intensiv thematisiert. Doch wir sind natürlich nicht der einzige Jäger. Die Spiewelt folgt ihrem eigenen Ökosystem. Säbelzahnkatzen jagen Schlangen, Wildschweine gehen gerne auch mal im Rudel auf die Jagd. Natürlich könnt ihr die örtliche Fauna auch aufeinander hetzen und mit etwas Glück sogar einen Teil der Beute einheimsen.
Ancestors ist ein Spiel der vielen Möglichkeiten
Diese Spielmechaniken alleine machen Ancestors: The Humankind Odyssey zu einem äußerst spannenden Titel. Was das Spiel allerdings noch besonders macht, sind die zahlreichen Möglichkeiten. Keine davon thematisiert das Spiel zu irgendeinem Zeitpunkt, keine davon finden im Hilfebereich des Hauptmenüs eine Erwähnung. Ihr stoßt eher zufällig darauf, indem ihr erkundet und antizipiert.
Beispielsweise bedeutet das Sterben der ausgewachsenen Affen keineswegs das Ende. Es gibt immer einen Ausweg, solange es noch Babies gibt. Die können nämlich im Urwald auf andere Primaten treffen und sich deren Clan anschließen.
Trotzdem geht es im Spiel gar nicht darum, möglichst lange mit einer Gruppe Affen am Leben zu bleiben. Hier kommen die Generationswechsel ins Spiel, die ihr in eurer Basis vollziehen könnt und die Geschehnisse 15 Jahre in die Zukunft verlagern. Aus den Babies wurden Erwachsene, aus den Erwachsenen wurden Greise.
Jede Generation wartet allerdings nicht nur mit dem zuvor erlangten Wissen auf, sondern verfügt unter Umständen über spannende Mutationen, die neue Fähigkeiten freischalten und somit die Möglichkeiten im Spiel verändern. Ist beispielsweise eure erste Generation noch nicht in der Lage, Fleisch zu verstoffwechseln, gelingt euch dies möglicherweise mit der zweiten Generation.
Gleichzeitig funktioniert Ancestors aber für jeden Spieler ein wenig anders. Die Einen werden sich zunächst einmal auf die Erkundung konzentrieren, die Ängste überwinden und so neue Gebiete freischalten und den afrikanischen Dschungel zähmen. Die Anderen konzentrieren sich vielleicht darauf, möglichst viel Wissen zu erlangen, Nachwuchs zu zeugen und eine möglichst große Gruppe aufzustellen.
Die Evolution erlaubt es euch, anderen Primaten den Umgang mit gefundenen Gegenständen zu lehren und beispielsweise selbst Waffen herzustellen. Habt ihr dann eure Erwachsenen mit Speeren ausgestattet, schnappt ihr euch die Babies und zieht gemeinsam hinaus in die Welt. Das liegt in Ancestors: The Humankind Odyssey ganz alleine bei euch. Alle Wege führen zum Ziel, doch genauso schnell zum Tod, wenn ihr nicht aufpasst. Das macht das Survival-Spiel zu einem unglaublich spannenden und komplexen Abenteuer. Etwas Vergleichbares werdet ihr mit Sicherheit noch nicht gespielt haben.
Einige Stunden später wagt ihr ein erstes Zwischenfazit und bemerkt, dass aus den einstmals komplett unfähigen Primatenwaschechte Überlebenskünstler geworden sind. Aufrecht gehend, in der Lage, die eigene Basis mit Dornenfallen zu sichern und dem Kampf gegen einen Säbelzahntiger gewachsen.
Wer die acht Millionen Jahre, über die sich Ancestors erstreckt, überlebt, sieht im Laufe der Zeit viele neue Arten kommen und gehen. Landschaften verändern sich, die Tierwelt passt sich an. Gelingt es euch, am Leben zu bleiben?
Das Spiel erscheint am 27. August für den PC, zunächst exklusiv im Epic Games Store. Voraussichtlich im Dezember dürfen auch Primaten auf PlayStation 4 und Xbox One ums Überleben kämpfen, 2020 erfolgt die Veröffentlichung via Steam.
