Es ist egal, um welchen Bereich es sich handelt: In einer männlich dominierten Welt müssen Frauen immer noch viel härter dafür arbeiten, um die gleichen Rechte und den gleichen Raum zu bekommen. Diese Tatsache findet im Hip Hop Business noch eine stärkere Ausprägung – in einer Kultur, die sich gerade durch Kollaborationen und Zusammenarbeit auszeichnet, wurden Frauen von Anfang an auf ihre Rolle als sexualisiertes Accessoire beschränkt.
Die letzten 16 Bars des Patriarchats
Gerade in den letzten Jahren hat sich die Sichtbarkeit von Frauen in der Popkultur und speziell im Rap aber extrem erhöht – der internationale Erfolg von Künstlerinnen wie Beyoncé, Nicki Minaj und Cardi B ist das vorläufige Highlight dieser Entwicklung. Das macht den männlichen Protagonisten natürlich Angst: Die Bühne, die sie als die ihnen zustehende sehen, wird Brett für Brett abgebaut. Und das ist gut so: Hip Hop entstand als Kultur einer unterdrückten Minderheit und damit ist die politische Dimension immer schon in seiner DNA festgeschrieben gewesen. Es ist wieder einmal an der Zeit, dass sich etwas ändert – und diese österreichischen Rapperinnen tragen einen großen Teil dazu bei:
Yasmo
Yasmin Hafedh, besser bekannt als Yasmo oder auch als Miss Lead, gehört zu den bekanntesten Protagonistinnen der österreichischen Rapszene. Was als Poetry Slam begann ist inzwischen zur Big Band namens Yasmo & die Klangkantine angewachsen. Unverändert sind aber die explizit politischen Lyrics und ihr unverkennbarer Flow.
Bei den Amadeus Austrian Music Awards 2018 war sie als erste Rapperin überhaupt (!) in der Kategorie „Best Hip Hop/Urban“ nominiert. Auch wenn sie den Preis nicht gewonnen hat: In Erinnerung bleibt jedenfalls ihr Auftritt bei der Preisverleihung, bei dem sie mit lauter Frauen aus der österreichischen Musikszene die simple aber noch immer nicht erreichte Message auf die Bühne gebracht hat: „Girls just wanna have fundamental rights.“
Samira Dezaki
Samira Dezaki ist die österreichische Antwort auf Nicki Minaj: Die junge Rapperin und Tänzerin zerlegt mit einem unfassbaren Selbstbewusstsein Stereotype und befreit sich aus männlichen Sichtweisen. Mit ihrem aktuellen Song „Stay in School Kids“, bei dem sie eindrucksvoll auf dem Beat von Tyga flowt, erfüllt sie außerdem den Bildungsauftrag. Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.
Ebow
"Das Ende aller Dinge ist ein Game Over, Caravaggio wird geköpft von Medusa." Ebow beschreibt ihr Mission Statement gleich in den ersten beiden Zeilen ihres Songs mit dem ebenso aussagekräftigen Titel "Punani Power". Die in Wien lebende Rapperin zerlegt in ihren Songs Geschlechterrollen, falschen Patriotismus und Rassismus. Neben ihrer Arbeit als Solokünstlerin ist sie außerdem noch unter dem Pseudonym blaqtea Teil des Trios Gaddafi Gals. Ihr Debütalbum "Komplexität" wird 2019 bereits zwei Jahre alt – hoffentlich ist die Single "Schmeck mein Blut" ein Teaser für neues Material.
Mavi Phoenix
Nachdem Genregrenzen immer mehr verschwimmen, darf auch Mavi Phoenix in dieser Liste nicht fehlen. Die Linzer Musikerin und Produzentin schwimmt seit ihrem Hit "Aventura" auf einer Erfolgswelle und ist auch international inzwischen eine Hausnummer. Ihr Stil ist eine Collage aus Hip Hop, R’n’B, Internet und Popmusik und trifft damit absolut den Puls der Zeit. „We gotta be bold if you ask me,“ heißt eine Zeile auf ihrem Song „Prime“ – und das ist Mavi Phoenix definitiv.
Misses U
Misses U – Teil des Labels und Kollektivs Beatzarilla, das weibliche österreichische Produzentinnen und Künstlerinnen in den Genres Elektronik und Hip Hop fördert –, hat nach einem ersten Mixtape 2017 Ende letzten Jahres ihr Debütalbum „I Am Me“ releast, das von Def Ill produziert wurde. Ihr musikalisches Multitalent sieht man aber am besten in ihren psychedeLIVEsessions, in denen sie in einem trippy Ambiente ihre Fähigkeiten als Sängerin, Produzentin und Rapperin beweist.
Femme DMC
Ein Movement, das man unbedingt auch auf dem Schirm haben sollte ist Femme DMC, das sich auf ihrer Facebook-Seite so beschreibt: „Wir wollen die Stagnation in der männerdominierten HipHop-Szene aufbrechen, um ein Gleichgewicht herzustellen und ein Zeichen für die Stärke von Vielfältigkeit zu setzen.“
Bei dem von Dacid Go8lin gegründeten Movement werden alle vier Säulen von Hip Hop (Rap, Djing, Dance, Graffiti) vereint und verschiedenste Solo-Artists destillieren ihr Wissen und ihre Power zu einer gemeinsamen Vision. Alle zwei Monaten finden Veranstaltungen statt, Releases kommen laufend über das hauseigenene Label. Real Rap: So sieht Zusammenarbeit aus.
KeKe
KeKe erschien letztes Jahr mit ihrer Single "Donna Selvaggia" sehr eindrucksvoll auf der heimischen Rap-Bildfläche. Die Rapperin, die ihre Wurzeln im Jazz-Bereich hat, ist Teil des Labels MOM I MADE IT Records, auf dem auch der vermutlich nächste österreichische Superstar im Rap-Business, Lent, mit dem Keke auch bereits ein Feature hat. "Man muss sich trauen, unangenehm zu sein," meint KeKe in einem Interview über ihren Platz in der aktuellen Rapszene. Gut so.
Esrap
Das Geschwisterduo Esrap verdichtet Gesang und Rap, Deutsch und Türkisch und Politik und Alltagsbeobachtungen schon seit längerer Zeit zu starken Tracks. Rap bedeutet Widerstand – das haben Esra und Enes verstanden, aber sie verlieren auch in düsteren Zeiten nicht den Optimismus: "Die Tage werden besser," heißt es in ihrer aktuellen Single – wir hoffen, diese Prognose stimmt.
AliceD
Alice D gehört trotz ihres jungen Alters schon seit ein paar Jahren zum fixen Bestandteil der Wiener Rapszene. Mit ihren Texten, die alle Sprachgrenzen spielend überschreiten, zeigt AliceD, dass sie die Kunst des Boasting mindestens genauso gut beherrscht wie ihre männlichen Kollegen und zerlegt dadurch jegliche Geschlechterklischees.
Hunney Pimp
Wenn man als Oberösterreicher nach Wien kommt, hat man das Gefühl, das eigene Bundesland nie verlassen zu haben, weil alle Menschen, die man trifft, auch aus Oberösterreich sind – wie zum Beispiel die Rapperin Hunney Pimp. Ihr von Dialekt und Langsamkeit geprägter geschmeidiger Flow dockt direkt ans Entspannungszentrum im Hirn an. Auch wenn die Tage zach sind: mit Hunney Pimp wird es wenigstens gemütlich.
Klitclique
Klitclique sind die beiden Rapperinnen G-udit und $chwanger, "Wiens Antwort auf traurige Boys“, wie es auf ihrer Website heißt. Letztes Jahr erschien ihr Debütalbum "Schlecht im Bett, gut im Rap," das zum kostenlosen Download bereitsteht. Is it Art? Is it Music? Eines ist es jedenfalls sicher nicht: egal. Und damit haben Klitclique schon mehr erreicht, als viele andere Künstler.
MTS
MTS sind eine Hip Hop Crew bestehend aus den Rapperinnen Mag-D, Ms Def, Nora MC (auch bekannt als Nora Mazu) und Oh'laek, die schon seit 2008 aktiv ist. Inzwischen sind alle Mitglieder hauptsächlich solo unterwegs, aber ab und zu gibt es noch gemeinsame Projekte (wie zum Beispiel den oben verlinkten Song, der gleiche eine ganze Bandbreite von österreichischen Rapperinnen vereint).
Update: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir leider auf einige Künstlerinnen vergessen – unsere Leser haben uns darauf hingewiesen und sie sind nun ergänzt.
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