Social Innovation
Deutsche Kreativität: Land der Erfinder
Keine Nation in Europa ist so kreativ wie Deutschland. Jedes Jahr melden wir die meisten Erfindungen an. Wir möchten an dieser Stelle die wichtigsten deutschen Erfindungen einmal gebührend würdigen.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es herrscht Lockdown, man sitzt zu Hause fest – und es gibt keinen Fernseher und keine Bücher. So viel Bananenbrot kann man gar nicht backen, um die ganze Zeit totzuschlagen. Aber zum Glück gibt es ja diese Errungenschaften. Und wer hat’s erfunden? Nein, nicht die Schweizer, sondern die Deutschen. Die sind nämlich nicht nur das Land der Dichter und Denker – sondern auch der kreativen Erfinder.
Jedes Jahr kommen aus Deutschland die zweitmeisten Erfindungen der Welt. Allein 2020 meldeten deutsche Unternehmen beim Europäischen Patentamt ganze 25.954 Erfindungen an. Mehr entwickeln bloß die USA (44.293 Patente). Anlass für uns, mal die wichtigsten deutschen Erfindungen und ihre kreativen Schöpfer vorzustellen ...
01
Der Fernseher
1930, Manfred von Ardenne
Bewegtbilder gab es schon ab etwa 1926. Doch die Apparate wurden mechanisch betrieben, und die Bilder waren von schlechter Qualität. Der Hamburger Manfred von Ardenne entwickelte deshalb einen Leuchtfleckabtaster, mit dem die Bilder elektronisch und so mit flüssiger wiedergegeben werden konnten. Der Fernseher war nun massentauglich. 1931 stellte der Tüftler seine Erfindung auf der IFA Funkausstellung vor. Vier Jahre später sendete der deutsche Fernsehsender „Paul Nipkow“ das erste Fernsehprogramm.
02
Aspirin
1897, Felix Hoffmann
Wie genau es zu der Erfindung kam, weiß man heute nicht. Doch der Mythos geht so:
Der Vater von Felix Hoffmann soll unter verschiedenen Beschwerden gelitten haben. Um die Schmerzen zu bekämpfen, nahm er Salicylsäure, die allerdings als Nebenwirkungen die Schleimhäute verätzte und zu Brechreiz führte. 1897 kam der junge Chemiker, der drei Jahre zuvor bei Bayer angefangen hatte, um neue Medikamente zu entwickeln, auf die Idee, die Salicylsäure mit Essigsäure zu verbinden. Das Ergebnis: die viel verträglichere Acetylsalicylsäure (ASS), der Wirkstoff von Aspirin.
03
Das MP3-Format
1991, Karlheinz Brandenburg
MP3 steht für MPEG-1 Audio Layer 3 und führte Ende der 90er-Jahre zu einer Musikrevolution. Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer-Institut hatte damit eine Möglichkeit erfunden, Musikdateien zu komprimieren. Erst diese Technik machte es möglich, dass wir Songs im Internet verschicken und auf dem Handy hören können. Der allererste MP3-Song war übrigens die Acappella-Version von „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega.
04
Die Straßenbahn
1881, Werner von Siemens
Mit Elektrik kannte sich der Unternehmer Werner von Siemens bestens aus. 1880 stellte sein Unternehmen – damals noch unter dem Firmennamen „Siemens & Halske“ – bereits den ersten elektrischen Aufzug vor. Ein Jahr später folgte die erste elektrische Straßenbahn. Die 4,3 Meter lange Gondel nahm am 16. Mai 1881 die Fahrt auf und verkehrte in Berlin zwischen den Stationen Lichterfelde und Kadettenanstalt mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h.
05
Der Buchdruck
1450, Johannes Gutenberg
Die Idee von Johannes Gutenberg war eigentlich ganz einfach – aber sie löste 1450 eine Medienrevolution aus: bewegliche Lettern aus Metall, die immer wieder verwendet werden konnten. Zusammen mit der von ihm erfundenen Druckpresse mussten Schriften nun nicht mehr mühsam von Hand abgeschrieben werden – sondern man konnte sie in kurzer Zeit vervielfältigen. Damit leistete er einen großen Beitrag zur Verbreitung der deutschen Sprache und zur Bekämpfung des Analphabetismus. Und ohne ihn gäbe es auch unsere Print-Ausgabe nicht.
Viel ist über Johannes Gutenberg (ca. 1400–1468) leider nicht bekannt. Sicher ist: Er war ein Mainzer Handwerker aus gutem Haus und hieß eigentlich Henne Gensfleisch. Der Name, unter dem er heute bekannt ist, stammt von dem Hof „von Gutenberg“, auf dem er aufwuchs.
06
Das Auto
1886, Carl Friedrich Benz
Am 29. Januar 1886 reichte Carl Friedrich Benz das Patent für den „Benz Patent-Motorwagen Nummer 1“ ein. Das erste Benzinauto der Welt hatte drei Räder und gerade mal 0,75 PS. Damit schaffte es eine Spitzengeschwindigkeit von 16 km/h. Der Erfolg blieb allerdings aus. Kritiker verspotteten das Vehikel als „pferdlose Kutsche“. Erst eine heimliche Fahrt seiner Frau Bertha 1888 mit dem Motorwagen ins knapp 100 Kilometer entfernte Pforzheim zu ihrer Schwester überzeugte die Menschen vom Auto. Zugfahrten schienen nun überflüssig.
07
Comirnaty
2020, Özlem Türeci und Ugur Sahin
2008 gründeten Özlem Türeci und ihr Ehemann Ugur Sahin das Pharma-Unternehmen BioNTech. Damals war die Firma nur wenigen Menschen bekannt. Bis 2014 soll es nicht mal eine eigene Homepage gegeben haben. Ihr Ziel: der Sieg gegen Krebs mithilfe von mRNA-Medikamenten. Diese Therapiemethode war damals noch unüblich. Aber als die ersten Coronafälle in Asien bekannt wurden, erkannten die beiden Mediziner aus Mainz die Gefahr und nutzten die Technik, um 2020 „Comirnaty“ zu entwickeln: den ersten mRNA-Impfstoff gegen Covid-19.
08
Der Computer
1941, Konrad Zuse
Auf die Frage, warum er den Computer erfunden hat, antwortete der ehemalige Statiker Konrad Zuse einmal scherzhaft: „Ich bin zu faul zum Rechnen.“ Sein erster Entwurf von 1938, der „Z1“, arbeitete allerdings noch zu unzuverlässig. Doch drei Jahre später präsentierte er mit dem „Z3“ den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt. Ein monströses Teil, das etwa eine Tonne gewogen und aus 30.000 Kabeln bestanden haben soll. Leider wurde die Maschine bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört.
09
Röntgenstrahlen
1895, Wilhelm Conrad Röntgen
Schon andere Forscher hatten mit Kathodenstrahlröhren Röntgenstrahlen erzeugt. Der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen war aber der Erste, der ihre Bedeutung erkannte, als er am 8. November 1895 bei Versuchen mit der Röhre bemerkte, dass mit schwarzer Pappe abgedeckte Gegenstände leuchteten. Eine Sensation. Röntgen selbst gab seiner Entdeckung übrigens den Namen „X-Strahlen“. Seine Kollegen schlugen dann vor, sie nach seinem Entdecker umzubenennen. Im Englischen heißen sie noch immer „X-rays“.
10
OLED-Technologie
1998, Karl Leo
Zusammen mit seinem Team entwickelte der Physikprofessor Karl Leo 1998 eine organische Halbleiter-LED (OLED). Sagt dir nichts? Aber bestimmt hast du seine Erfindung trotzdem schon mal benutzt. Denn heutzutage steckt die OLED-Technologie in vielen Fernsehern und der Hälfte aller Smartphone-Displays auf der Welt. Ihr Vorteil: Sie sind deutlich energieeffizienter und haben eine bessere Farbauflösung.
Das sagt der Experte
Welche Voraussetzungen muss meine Erfindung erfüllen, um ein Patent zu bekommen?
Sie muss drei Bedingungen erfüllen: Sie darf nirgendwo auf der Welt bereits bekannt sein. Außerdem muss sie erfinderisch sein, das heißt nicht offensichtlich für jemanden, der in dem Bereich arbeitet – und sie muss gewerblich anwendbar sein. Kein Patent erhalten können mathematische Formeln, Gedankenspiele oder Geschäftsverfahren.
Deutschland ist Vizeweltmeister bei den Patentanmeldungen. Und das fast jedes Jahr. Woran liegt das?
Unter anderem an hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die die vierthöchsten weltweit sind. Dazu kommt, dass in Deutschland innovative Unternehmen ansässig sind. Unter den zehn größten Anmeldern beim EPA (Europäischen Patentamt; Anm.) befinden sich drei deutsche Unternehmen: Siemens AG (6. Platz), Robert Bosch (7.) und BASF (10.).
Aus welchen Bereichen kommen die meisten deutschen Erfindungen?
Die fünf wichtigsten technischen Gebiete für Patentanmeldungen aus Deutschland im Jahr 2020 waren elektrische Geräte, darunter viele Erfindungen im Bereich Klimatechnologien, Transporttechnologien, Messtechnik, Medizintechnik und Spezialmaschinen, von Landwirtschaft bis 3D-Druck.
Die Patentanmeldung kostet etwa 4000 Euro. Eventuell plus weiterer Gebühren. Viel Geld für einzelne Erfinder ...
Patentschutz kann tatsächlich teuer werden. Kleine und mittlere Unternehmen können jedoch Unterstützung, zum Beispiel vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beantragen. Zudem fallen nicht alle Verfahrenskosten gleichzeitig an. Damit hat der Anmelder stets die Chance zu reagieren. Manche Kosten kommen erst am Schluss mit der Erteilung des Patents, also nach drei bis vier Jahren. Und insbesondere kleineren und jüngeren Technologieunter nehmen können Patente zum geschäftlichen Durchbruch verhelfen.