MotoGP-Piloten müssen Meister sein: Meister in den kleineren Klassen, aber auch Meister der Konzentration. Ein paar Handbreit zu spät gebremst, ein, zwei Grad zu viel Schräglage: Schon liegen sie auf dem Hosenboden und können aus der Ameisenperspektive beobachten, wie sich ihr teures Motorrad in seine Einzelteile zerlegt. Einer, dem genau das bei seinem allerersten Start auf der großen Bühne, dem Red Bull Rookies Cup, passiert ist, war Pedro Acosta: Jerez 2019, Sturz schon im Qualifying. Andere wären im Boden versunken, doch nicht der damals gerade noch nicht Fünfzehnjährige aus dem südostspanischen Mazarrón: „Zu crashen, das war nicht der beste Start“, grinst er heute. „Immerhin war ich davon überzeugt, das Rennen gewinnen zu können. So aber fuhr ich ohne Punkte nach Hause. Für die Meisterschaft war das nicht ideal.“
Und trotzdem schaffte er gleich in seinem Premierenjahr drei Siege und kämpfte bis kurz vor Ende der Meisterschaft um den Titel mit. „Ich war ein Kind damals“, räsoniert er. „Ich habe im Moment gelebt und wusste, dass mein Potenzial da war. Im ersten Jahr des Red Bull Rookies Cup war ich fast an jedem Wochenende irgendwann am Boden. Daraus habe ich für das zweite Jahr gelernt: Da habe ich nur noch zwei Stürze fabriziert.“
Stürze wegzustecken, sei einfach, findet der mittlerweile zweifache Weltmeister: „Wenn das Potenzial vorhanden ist, ist der zweite Schritt bloß, es fehlerfrei abzurufen. In meiner Welt: nicht zu stürzen.“ Wenn es doch passiert, soll man das nicht zu sehr an sich herankommen lassen, findet er: „Ich bin in meiner Karriere so oft zu Boden gegangen, weil ich versucht habe, mein Potenzial voll zu nutzen.“ Trotz Airbag-Leder und Carbon-Helm passieren immer wieder Blessuren. Die Bandbreite reicht dann von Zähne zusammenbeißen bis mehrmonatiger Zwangspause.
Wer wirklich Leistung bringen will, braucht eine realistische Selbsteinschätzung. Ein Fehler bleibt ein Fehler.
„Ein Sturz beim Langsamfahren, da könnte man sich vielleicht wie ein Idiot fühlen.“ Nur wenn man über das Limit geht, weiß man, wo es liegt. Ein Sturz, weil er zu spät gebremst hat, fällt unter Normalität: „Manchmal muss man etwas versuchen. Wenn es klappt: fein. Wenn nicht: auch kein Drama. Abhaken, ein bisschen früher bremsen, weiter geht’s.“
Schwieriger sind Fehler anderer, die man ausbaden muss. 2021 war er in Assen in eine Kollision zweier Gegner verwickelt und wurde überrollt. „Das ist mental eine ganz andere Situation. Wir sind voller Adrenalin. Das hilft beim Weitermachen.“ Und doch müsse man kühlen Kopf bewahren. Check: Körper okay, wie verhält sich das Bike? Darauf reagieren, Probleme umfahren, und zwar schnell: „Das dauert eine halbe, manchmal eine Runde.“
Blick nach vorn
Gerade der Umgang mit Zeit sei ein entscheidender Faktor, sagt Acosta: „Ich versuche nach jedem Unfall raschestmöglich wieder raus auf die Strecke zu gehen, um meinen Kopf freizufahren. Unser Gehirn funktioniert so, dass es sich an die letzten Dinge am besten erinnert. Und das soll tunlichst nicht der Sturz sein, sondern etwas Positives.“
Pole-Position: Acosta im Qualifying für den Großen Preis von Catalunya.
© Gold & Goose / Red Bull Content Pool
Man kennt das auch aus anderen Sportarten: der Skispringer, der sich wieder auf den Balken setzt. Der Abfahrer, der wieder auf den Gipfel fährt. Der Turmspringer, der sich wieder an die Kante stellt. Das Muster ist dasselbe: sich selbst zu beweisen, dass der Unfall eine Anomalie war. Motto: Lass ihn nicht zu deinem Trauma werden. Acosta: „Das Rennen ist nach einem Sturz ohnehin verloren. Also nutze die Zeit direkt danach.“
Pedro macht kein Geheimnis daraus, dass er bei Problemen keine fremde Hilfe in Anspruch nimmt. Er ist gern allein mit sich selbst hinter dem dunklen Visier, „denn niemand kennt mich so gut wie ich selbst. Ich glaube nicht an Mentalcoaches. Woran ich glaube: Ehrlichkeit und realistische Selbsteinschätzung. Das ist der schwierige Teil. Glücklicherweise bin ich in der Lage, dass die Menschen rund um mich sehr klar kommunizieren. Wenn sie mir sagen müssen, dass ich ein Idiot bin, dann werden sie das tun. Wer wirklich Leistung bringen will, braucht eine realistische Selbsteinschätzung. Ein Fehler bleibt ein Fehler – das gilt für eigene genauso wie für solche, die andere Menschen machen.“
Jubel mit dem Team: Acosta fährt seit 2025 für Red Bull KTM Factory Racing.
© Gold&Goose/Red Bull Content Pool
Das bringt uns zum dritten Fall, nämlich einem mechanischen Defekt. Als sich in Barcelona 2026 Acostas Bike in der Beschleunigungsphase ungewollt abstellte und Landsmann Álex Márquez ungebremst auffuhr, mit wilden Bildern in der Gegend herumfliegender Teile, war er nur Passagier. „Das gehört in unserer Sportart zum Berufsrisiko. Technik kann kaputtgehen, das wissen wir. Was bringt es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen? Als mir in Misano letztes Jahr die Kette gerissen ist: Was hätte ich tun sollen? So gut ein Team auch arbeiten mag, es bleibt ein Restrisiko. Ist so“, zuckt er die Schultern. Generell helfe ihm ein erlernter Fatalismus, sagt er (man kann es aber auch Coolness nennen). Bestes Beispiel dafür: „Früher war ich am Start nervös, selbst wenn ich wusste, dass ich schnell bin und meine Aufgaben bis zu diesem Zeitpunkt gut erledigt hatte. Doch in letzter Zeit blödle ich lieber mit meinem Team rum oder höre Musik, anstatt mich schon früh verrückt zu machen. Der Rennstress kommt ohnehin. Ich habe lieber zehn Minuten länger Spaß und fahre den Fokus erst hoch, wenn ich mir in der Startaufstellung den Helm aufsetze.“
Mein Vater – ein Fischer – hat mir beigebracht, dass man nicht aufgibt. Nicht beim Fischen, nicht im Sport.
Im Rennen selbst geht es nicht um Hoffnung oder Glaube, sondern um Realismus: Was ist drin? Alles andere wird ausgeblendet: die Furcht, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte, genauso wie der Strohhalm eines unrealistischen Wunders.
Geduld ist eine Tugend
Was bringe es generell, sich zu ärgern – über eigene Fehler, über die der Gegner, über technische Probleme –, stellt Pedro Acosta eine rhetorische Frage, und überdies sei es müßig, sich den Kopf über vergangene Dinge zu zerbrechen. „Darum will ich auch nicht länger über den Barcelona-Crash mit Álex sprechen“, stellt er klar und sagt das sehr bestimmt. Es bringe nichts, nach hinten zu schauen: „Egal was passiert ist, wie es passiert ist: Was ist das Ergebnis? Mit wie vielen Punkten bin ich abgereist? Das ist es, was zählt.“
Bei Redaktionsschluss wartete Pedro Acosta, zweifelsfrei einer der schnellsten Rennfahrer der Gegenwart, noch immer auf seinen ersten Sieg bei einem Grand Prix. Ein Sieg, der längst überfällig ist, der hoch verdient wäre und der dem 22-Jährigen bislang trotzdem verwehrt blieb. Doch auch das bringt ihn nicht zum Verkrampfen: „Mein Vater – ein Fischer – hat mir als jungem Buben beigebracht, dass man nicht aufgibt. Nicht beim Fischen, nicht im Sport. Meine Mutter hat mir beigebracht, nicht zu weinen. Ich mache weiter, bis alles zusammenspielt, egal was auf diesem Weg kommt.“
Hier kommt Toprak: Gewinne ein Meet & Greet
Fan Favorite Toprak Razgatlıoğlu wurde drei Mal Meister der Superbike-WM.
© Gold & Goose/ Red Bull Content Pool
Bereits in seiner ersten MotoGP-Saison hat sich der türkische Quereinsteiger aus der Superbike-WM, der dreifache Weltmeister Toprak Razgatlıoğlu, zum Publikumsliebling entwickelt. Inhaber eines Wochenendtickets auf der Toprak-Tribüne haben die Chance, ein Meet & Greet zu gewinnen.haben die Chance, ein Meet & Greet zu gewinnen. Tickets und Infos gibt's hier!
Teil dieser Story