Porträt von René Wildhaber mit Herbsblättern.
© Jan Cadosch / Red Bull Content Pool
MTB Enduro

René Wildhaber: Das Mountainbike-Feuer lodert weiter

René Wildhaber ist ein Dauerbrenner. Seit 25 Jahren heizt er über die Mountainbike-Trails - und er hat noch lange nicht genug.
Autor: Stefan Michel
10 min readPublished on
René Wildhaber bei einer Abfahrt in Nepal 2010.

René ist der König der langen Abfahrten.

© Sébastien Boué / Red Bull Content Pool

Es ist Renés erstes Rennen, an dem er einen Red Bull Helm trägt. Wettkämpfe fährt er heute nur noch selten – obwohl er kaum langsamer geworden ist – den Helm mit dem roten Bullen hat er noch immer auf dem Kopf.

René, der Self-Made Worldcup Rider

1999 wird René Downhill-Vize-Europameister und beginnt mit Red Bull über eine Zusammenarbeit zu diskutieren. Das wenige Geld, das er braucht, verdient er als Schreiner. Daneben trainiert er und fährt so viele Rennen, wie er kann. In einem alten Minivan fährt er an die Events und übernachtet darin. An Weltcup-Rennen postiert er sich in der Nähe des Cannondale-Teambusses.
Quotation
Cedric Gracias Mechaniker gab mir die Reifen, die dieser nicht mehr brauchte.
Der Flumserberger ist ohne Betreuer unterwegs, hält sein Bike selber im Schwung, einmal knipst er bis Mitternacht mit einer Zange Stollen von seinem Reifen, da die Strecke nass ist und er keine Schlammreifen hat. Ein anderes Mal fliegt er für ein Weltcup-Rennen nach Vancouver. Doch während alle anderen weiter nach Vail fliegen, wo der Events stattfindet, fragt René rum, bis er in einem Team-Bus mitfahren kann. Wieder ein paar hundert Dollar gespart, die er erst noch hätte verdienen müssen.

Der Downhill-Marathonator

Er arbeitet so viel, wie er muss, um trainieren und Rennen fahren zu können. Im Winter ist er Skilehrer. Den Downhill-Weltcup lässt er Mitte der Nullerjahre hinter sich. Als Privateer ist er bis in die Top 20 vorgestossen. Mehr ist in diesem materialtechnisch extrem aufwändigen Sport ohne Marken-Team im Rücken nicht möglich.
Die Downhill-Marathon-Rennen, die damals boomen, sind perfekt auf Renés Fertigkeiten zugeschnitten. Seine Fahrtechnik ist hervorragend, als ehemaliger Cross-Country-Rennfahrer hat er eine aussergewöhnliche Ausdauer. Dass er relativ klein und leicht ist, kommt ihm in den Pedalpassagen zugute. Sein brutaler Antritt hilft ihm, im Massenstart vorne wegzufahren. Seine stärkste Waffe aber ist sein Kopf. Er hat den Willen, alles zu geben, sein Limit zu überschreiten und zu pushen, bis er keinen mehr vor sich hat. So dominiert er die Rennen der Mégavalanche-Serie auf der ganzen Welt. Bike Attack in Lenzerheide kennt während Jahren nur einen Sieger: René Wildhaber.
René Wildhaber mit einer Dose Red Bull auf dem Camel Trails.

Seine Ausdauer kommt René in den Rennen zu Gute

© Naim Chidiac / Red Bull Content Pool

Er ist schon über dreissig, als er nicht mehr auf Schreiner-Jobs angewiesen ist. Das Handwerk gefällt ihm weiterhin, genauso wie auf dem Bauernhof seiner Familie oder beim Holzschlag mitzuhelfen und natürlich Trails zu bauen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Wichtiger ist, dass er Zeit zur Regeneration hat und nicht vor und nach einem 100-Prozent-Job ein weiteres Vollzeit-Pensum im Sattel und im Kraftraum absolvieren muss.

Wildhaber Movie Star

In einem Frühling, noch in der frühen Phase von Renés Karriere, steigt er mit seinem Bike auf dem Buckel die Davoser Halfpipe hoch. Ein Fotograf schiesst Bilder für ein kleines Schweizer Magazin, das es längst nicht mehr gibt. Wieder und wieder stapft er im weichen Schnee hoch und fährt runter. "There’s no biz like showbiz!" sagt der Fotograf zu seinem Model. "Da wurde mir bewusst, wie anstrengend es sein kann, Bike-Fotos zu machen." Zum ersten Mal ist René nicht Rennfahrer sondern Protagonist in einem Foto-Shoot. Damals ist es eine Einzelaktion. Ein paar Jahre später sind solche Projekte Renés Hauptbeschäftigung.
Um die Jahrtausendwende sorgen die ersten Freeride-Mountainbike-Filme aus Nordamerika wie New World Disorder oder Kranked in Europa für Furore. In den frühesten Schweizer Videos wie Rockstars, Geheimprojekt oder Virtuous ist René natürlich dabei. In Champéry trifft er Bjørn Enga, Produzent der Kranked-Serie. Dieser ist begeistert von Renés "powerful Riding Style" und engagiert ihn für Kranked 7 – in einer grossen kanadischen Filmproduktion als Fahrer dabei zu sein, davon können die allermeisten nur träumen.
"Er wollte einen neuen Stil in seinen Film aufnehmen, die Mégavalanche-Rennen kannte er bis dahin nicht", erinnert sich René. In den Filmen der Kranked-Reihe wie auch in den anderen Freeride-Videos jener Zeit dominieren Airs, Drops und Skinnies und die Parts können nicht akrobatisch genug sein. René hingegen steht für pures Tempo auf ruppigem, alpinem Terrain. In seinem zweiten Part der Serie, in Kranked 8 Revolve, ist René zu sehen, wie er beim Massenstart Mégavalanche Alpe d’Huez hängen bleibt, mehr als 30 Fahrer vor sich hat, Position um Position gut macht und schliesslich als erster über die Ziellinie fährt. Einen weiteren Filmpart fährt René in Strength in Numbers ein, realisiert von der legendären Crew Anthill Films.
René Wildhaber beim URGE Kenya im Jahr 2009.

Egal wo: René hat das nächste Rennen immer vor Augen

© Christophe Margot / Red Bull Content Pool

René reist in jener Zeit als Rennfahrer um die Welt. Wo immer ein Langstrecken-Downhill mit Massenstart stattfindet, steht er als Topfavorit an der Startlinie, von Japan bis La Réunion und von Südamerika bis Kenia. Die Menschen und Kulturen, die er kennenlernt, sind ihm ebenso wichtig, wie die Rennen – auch wenn er diese weiterhin serienweise gewinnt.
René Wildhaber lacht mit einem Einheimischen in Nepal.

In Nepal erkundet René Land und vor allem Leute

© Mesum Verma / Red Bull Content Pool

Quotation
Als Flumserberger Bauernbub war das Velo für mich ein Mittel, um neue Gegenden kennenzulernen. Meine erste Reise war eine Radtour von zuhause nach Genf.
René Wildhaber
René Wildhaber fährt einen Trail in Nepal.

Auf endlosen Trails unterwegs im Himalaja

© Mesum Verma / Red Bull Content Pool

Der Himalaja hinterlässt einen bleibenden Eindruck, René kehrt immer wieder dorthin zurück. Mindestens so sehr faszinieren und erschrecken ihn die indischen Städte. "Dieses Chaos, die Armut, dass es so etwas überhaupt gibt, konnte ich mir bis dahin nicht vorstellen."

René Wildhaber und Christophe Margot – ein Duo für starke Bilder

4 Min

Buffalo Soldiers: getting started

The first episode of René Wildhaber's Buffalo Soldiers as he talks about the original concept.

René spezialisiert sich darauf, Geschichten zu entwickeln, die sich mit Bikes und in epischen Bildern erzählen lassen. Along The Rhône, Glacier Express, UNESCO Trip – René und Christophe finden immer wieder eine neue Perspektive.
René Wildhaber während des Projekts "Along The Rhône".

Seine Abenteuer führen René abseits der üblichen Trails

© Christophe Margot / Red Bull Content Pool

Daneben fährt der Flumserberger weiterhin Rennen, die neue Enduro World Series hat seinen Ehrgeiz nochmals entfacht. Spezielle Events wie Urge Kenya und Urge Nepal bringen alles zusammen, was er liebt: mit dem Bike einen Berg besteigen, Begegnungen mit Einheimischen und anderen Mountainbikern und als Finale eine harte, lange Abfahrt, an deren Ende er wartet, bis die anderen auch unten ankommen.
Und immer wieder zieht es René zurück an den Flumserberg. Nie hat er an einem anderen Ort gewohnt. Hier sind seine Wurzeln, hier führen seine Brüder den elterlichen Bauernhof, hier lernt er seine spätere Frau Katja kennen. Schon nach wenigen Jahren als Downhill-Rennfahrer versucht René zum ersten Mal die Betreiber der Bergbahnen Flumserberg für ein Bike-Trail-Projekt zu gewinnen. Lange ist er mit dieser Idee erfolglos.

Zurück zu den Wurzeln

Erst Mitte der 2010er Jahre dreht der Wind. Immer mehr Skigebiete setzen im Sommer auf Mountainbiken. Und am Flumserberg ist allen klar, dass sie mit René einen Experten in den eigenen Reihen haben.
Wallride von Rene Wildhaber im Bikepark Flumserberg

Rene Wildhaber im Bikepark Flumserberg

© Bergbahnen Flumserberg – Urban Engel Perspectiva

Während er seine Rennkarriere sanft auslaufen lässt – zum Beispiel mit einem Enduro Masters-Europameistertitel – arbeitet er immer mehr dafür, Menschen das Biken schmackhaft und zugänglich zu machen. Er plant den BikerBerg, wie der Flumserberger Bikepark heisst und hat bei der Umsetzung die Schaufel in der Hand. Zudem gründet er die BikerSchool, um jung und alt die Grundlagen des Geländeradfahrens beizubringen wie auch Nachwuchs-Racern zu zeigen, wo sie noch ein paar Prozent mehr aus sich herausholen.
René Wildhaber beim Nachwuchs-Camp "Wildis Füchse"

Zusammen mit "seinen Füchsen" baut Wildhaber Bikeparks auf und um

© Urban Engel / Red Bull Content Pool

Wildis Füchse heisst sein Nachwuchs-Camp, das er seit vielen Jahren durchführt. Teenager verbessern dort nicht nur ihre Riding Skills, sondern lernen auch vom Altmeister, wie man sich eine gesunde Mahlzeit zubereitet. Und jeder, der mit René in den Bergen unterwegs ist, erfährt auch etwas über, Tiere, Pflanzen und die Geschichte der Gegend. Renés Weg vom Bergbauernbub zum um die Welt reisenden Mountainbike-Profi erzählt der Film René Wildhaber – Born to Ride.
Was ist ihm aus den letzten zwanzig Jahren am meisten in Erinnerung geblieben? René überlegt. Klar, da sind all die Foto- und Filmprojekte an entlegenen Orten, Begegnungen mit anderen Red-Bull-Athleten, die ihn inspiriert haben. Doch er streicht noch etwas anderes hervor: "2004 stürzte ich zuerst beim Motocross, dann hatte ich einen Arbeitsunfall und wenig später einen Crash im Trainingslauf der Downhill-WM in Les Gets."

Beflügelt aus der Krise

Danach ist sein Rücken so kaputt, dass er während Monaten kaum gehen kann. Ein Arzt empfiehlt mehrere Wirbel zu versteifen – das sichere Ende von Renés Rennkarriere. "Fast alle Sponsoren beendeten ihre Verträge mit mir", erinnert er sich, "Red Bull sagte mir: ‘Nimm dir Zeit, gesund zu werden. Wir unterstützen dich so lange, wie du es brauchst’."
Trotzdem beginnt er sich neu zu orientieren, fängt ein Studium als Umweltingenieur an. "Die Hochschule war aber gar nicht meine Welt, damit habe ich nach ein paar Wochen wieder aufgehört." Stattdessen erholt sich René langsam aber sicher. 2005 kann er wieder Rennen fahren. Der Rest ist Geschichte. René feiert weiter Erfolge auf den Rennstrecken und liefert mit seinen Videos Stoff zum Träumen.
Renés Karriere hätte schon früher ganz anders laufen können. Für 2000 hat er einen Fahrervertrag mit dem amerikanischen Bike-Hersteller Schwinn. In jener Zeit führt dieser eines der grossen Teams im Mountainbike-Weltcup, mit Teambus, Betreuerstab und dem vollen Support der Marke. Doch dann platzt die Dot-Com-Blase, in der darauffolgenden Finanzkrise geht Schwinn Konkurs. René steht wieder alleine da.
René Wildhaber bei einem Fotoshooting im Jahr 2019.

Nach wie vor bekommt René vom Bike nicht genug

© Kristine Ermansone / Red Bull Content Pool

"So ist das im Sport: Einer von 1‘000 schafft es an die Weltspitze und einer von 10‘000 verdient richtig gut Geld damit." René bewegt sich irgendwo dazwischen und tut das mit so viel Spirit, dass daraus eine der interessantesten Karrieren der Bike-Welt wird.
2022 ist René Wildhaber weiterhin mit dem roten Bullen unterwegs. Inzwischen ist er aber auch verheiratet und Vater einer Tochter. Bei den Bergbahnen Flumserberg ist er zuständig für die Bike Trails und führt die BikerSchool. Nach wie vor ist er Botschafter für eine Bike-Marke und realisiert Foto- und Film-Stories. Für ihn steht fest: "Das Mountainbike und Red Bull haben mir ermöglicht, die Welt zu bereisen und unvergessliche Momente zu erleben."