Advanced Chemistry
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Der Urknall von Deutschrap: Advanced Chemistry

Auch 25 Jahre nach dem Erscheinen hat “Fremd im eigenen Land” nichts von seiner Aktualität verloren.
Von: Jan Wehn
3 min readPublished on
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.

1992: Advanced Chemistry “Fremd im eigenen Land”

Wer schon mal eines oder mehrere der MC-Bogy-Interviews für TV Strassensound gesuchtet hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass Bogy seine amüsanten Anekdoten über die Anfangstage des Berliner Rap immer mal wieder unterbricht, um einem gewissen Torch (deutsch ausgesprochen) seinen Respekt zu zollen. Gemeint ist damit Torch (englisch ausgesprochen), seines Zeichens erst Fünftel und dann Drittel von Advanced Chemistry. Jener Gruppierung, die 1992 von Heidelberg aus mit “Fremd im eigenen Land” den Gegenpol zu schwäbischem Spaß-Rap™ setzte.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der ersten Folge den vermeintlichen Urknall von Rap in Deutschland:
Während sie sich im Ländle wegen der vertonten Verwechslungskomödie “Die da?!” vor Lachen die Bäuche hielten, hatte man in Heidelberg ganz andere Probleme als an Eingängen stehende, Kopf verdrehende und Freitags nicht könnende Frauen. Torch, Toni L und Linguist, allesamt deutsche Kids der Generation Gastarbeiter, sahen sich tagtäglich mit Rassismus konfrontiert.
Im Jahr 1992 machte die damalige Regierung unter Kanzler Helmut Kohl die “Asylflut” zum Wahlkampfthema und wollte das Grundrecht auf Asyl abschaffen. Das ermutigte die Neonazis: Im August griffen Hunderte von ihnen die Asylannahmestelle in Rostock-Lichtenhagen an. Es waren die heftigsten rassistisch motivierten Angriffe in der Bundesrepublik nach Ende des Zweiten Weltkrieges.
Als die Berichte der Ausschreitungen über die Mattscheibe flimmerten, sind Advanced Chemistry gerade im Studio. Noch am gleichen Abend nahmen sie “Fremd im eigenen Land” auf – ein Protestsong, mit dem die Heidelberger Formation ihrem Ärger Luft machte, gleichzeitig ein Bewusstsein für Alltagsrassismus schaffte und zeigte, dass Rap auf Deutsch nicht nur Mittelschicht, sondern auch Maulaufmachen hieß.
Advanced Chemistry

Advanced Chemistry

© MZEE Records

Trotz dieser Leistung sah sich insbesondere Torch in den Nullerjahren immer wieder mit Anfeindungen aus der Szene konfrontiert. Bushido verrichtete seine Notdurft auf ihm, Kool Savas sprach dem Heidelberger das Regierungsrecht ab und Taktlo$$ verglich die Konsistenz von Torchs Flow seinerzeit mit morschem Holz. Schon klar: Man war anders, anti und musste sich an den Altvorderen abarbeiten. Aber es ging auch anders. 2016 nannten die Beginner ihr erstes Album nach 13 Jahren “Advanced Chemistry” – als Zeichen von Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Gründervätern des Deutschrap.
Advanced Chemistry sind mehr als nur das, mehr als das Bindeglied zwischen Bogy und den Beginnern. Allein dieses Jahr wurden bereits über 750 flüchtlingsfeindliche Angriffe gezählt. Rechtsextremismus ist in Deutschland wieder salonfähig geworden und zeigt: “Fremd im eigenen Land” hat auch 25 Jahre nach dem Erscheinen nichts von seiner Aktualität verloren.

War noch was?

Ist “Fremd im eigenen Land” von Advanced Chemistry wirklich der wichtigste Song des Jahres 1992? Dr. No sieht das anders.

Die Fantastischen Vier “Die da!?!”

Der Song des Jahres war – natürlich – “Die da!?!”. Wer etwas anderes behauptet, lügt sich in die Tasche seiner Cord-Bio-Baggy. Der Song war einfach überall. Im Radio. Auf den Schulhöfen. In den Geschichtsbüchern. Für immer. Die Relevanz von Rap-Musik ist immer auch mit ihrer Pop-Pop-Popularität verknüpft, und populärer als Fanta 4 ging 1992 einfach nicht. Alles klar? Alles klar.

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