Rap 💯
Im Juli 2016 wurde es angekündigt, nur um dann später mitsamt der zugehörigen Tour auf unbestimmte Zeit verschoben zu werden: „Lang lebe der Tod“, das vierte Casper-Studioalbum. Seitdem sind die Informationen knapp – nur die Tatsache, dass die Tour Ende Oktober tatsächlich beginnt, nährt weiter die Hoffnung. Wir üben uns in Geduld und nutzen die Zeit, um die künstlerischen Höhepunkte aus Caspers bisheriger Laufbahn Revue passieren zu lassen – große Hits, fast vergessene One-Offs und kleine B-Seiten in chronologischer Reihenfolge. Haben wir was vergessen?
01
„Propeller“ (2006)
Wir wollen eingangs nicht vergessen, dass es vor 11 Jahren einen Moment gab, in dem Casper sich „bester Newcomer seit Megaloh“ nannte und lässig den Propeller machen ließ. Er war „der Fucker mit Flows“ und die Welt hörte ihn – zumindest im noch überschaubaren Rahmen seines ersten Mixtapes.
02
„Rasierklingenliebe“ (2006)
Im Ernst jetzt: der letzte Song auf „Die Welt hört mich“ war wegweisend für Caspers Entwicklung weg von der bekannten Rap-Thematik, die er schon souverän beherrschte – und vor allen Dingen ein ergreifendes Stück Musik, das an vielen Menschen nicht spurlos vorbeiging. Auch nicht an Casper selbst.
03
„Kein Held“ (2008)
„Kein Held“ verarbeitet die unerwartete Aufmerksamkeit und die turbulente Zeit nach „Die Welt hört mich“, und thematisiert konkret die Vorwürfe, „Rasierklingenliebe“ sei schuld am Tod eines Mädchens gewesen. Gleichzeitig zieht Cas neue Kraft aus den Ereignissen: „Emo-Rapper links, Emo-Rapper rechts/Erfolg gibt dem Emo-Rapper Recht.“ Yep.
04
„Unzerbrechlich“ (2008)
Einer der langlebigsten Songs von „Hin zur Sonne“ – so kann es eben gehen, wenn man „Emo“ nicht mehr nur als albern testosteronschwangeren Diss auffasst, sondern für sich annimmt und mit Leben füllt. Besser konnte das niemand.
05
Casper, Favorite & Kollegah „Mittelfinger hoch“ (2009)
Huiuiui. Nur wenige Wochen nach dem überraschenden Signing bei Selfmade Records sollte „Mittelfinger hoch“ der Beweis dafür sein, dass auch dieser „Punker“ beim Düsseldorfer Rap-Powerhouse eine gute Figur machen könnte. An der Seite von Favorite und eines damals durchaus noch milchgesichtigen Kollegah war der Song für Casper das beste Showcase, das man sich vorstellen konnte – nach Strophe eins war klar, wer gewonnen hatte. (Auch wenn die weiteren Casper-Beiträge auf dem Labelsampler „Chronik 2“ erahnen ließen, dass seine stilistische Neuorientierung gerade erst angefangen hatte.)
06
„Alaska“ (2010)
Wer Casper Ende 2010 auf der „Erst wenn MTV wieder Musik spielt“-Tour sehen konnte, wurde Zeuge einer spannenden Umbruchphase: Die kleinen Clubs waren brechend voll und im Publikum waren kreischende Mädels eindeutig in der Überzahl, während die New-Era-Jungs mürrisch am Tresen dem Feuer-über-Deutschland-Cas nachtrauerten. „Alaska“ war einer der wenigen neuen Songs auf dieser Tour und ging sofort viral. Ein ahnungsloses Rap-Deutschland machte Auge und Casper ging zu Four Music, ohne solo bei Selfmade zu veröffentlichen.
07
„Der Druck steigt/Blut sehen“ (2011)
… und auf einmal war alles anders. Dabei war das hier, das erste Video zum neuen Album, der Moment, in dem der Druck der vorherigen zwei Jahre abfiel, in dem klar wurde, dass „XOXO“ und der „neue“ Casper wirklich alle nahezu übermenschlichen Erwartungen an Sound, Wortgewalt und Erfolg erfüllen würden. Riot-Optik, Zitate noch und nöcher und der brachiale Dexter-Beat von „Blut sehen“ – die Stunde Null.
08
„Michael X“ (2011)
Ein Song, nein, DER Song über Freundschaft. Für immer Gänsehaut.
09
„Auf und davon“ (2011)
Die ewige Fernweh-Hymne. Waren eigentlich wirklich nur Übersongs auf „XOXO“?
10
„Kontrolle/Schlaf“ (2011)
Ja. Übersongs.
11
„Guten Morgen Herzinfarkt“ (2011)
Die Show muss weitergehen: die frühe kritische und trotz Wick-Medinait-Sprite schonungslos nüchterne Auseinandersetzung mit dem explosionsartigen Erfolg des Jahres 2011, von der „So perfekt“ EP. Willkommen im Rapgeschäft.
12
„Wilson Gonzales“ (2011)
Man muss ja mal festhalten, was für coole Dinge Casper 2011 auf Single-B-Seiten gemacht hat – siehe auch „Guten Morgen Herzinfarkt“. Während „Kreis“ auf der „Auf und davon“ EP das Thema Fame würdig weiterführt, macht „Wilson Gonzales“ einfach nur grandiosen Trap-Nonsens. Und „Swag“ durfte man damals auch noch sagen.
13
„Halbe Mille“ (2012)
Dreist gerippter Desue-Beat, Seitenhiebe, Flows und großes Ego, und all das im Vorbeigehen im Festivalblog rausgehauen – wer hat solche Kombos? Ich kenn' keinen.
14
„Im Ascheregen“ (2013)
Wie kommt man nach „XOXO“ zurück mit dem Vorboten eines neuen Albums? Nun, mit allem und so richtig episch. Chor und Pomp, Flows und Bilder, orchestrales Übertreiben und die ganz großen Mitklatschmomente für die brennende Stadt.
15
„Jambalaya“ (2013)
Dass „Hinterland“ kein Rap-Rap-Album sein würde, war eh klar. Dass Casper es sich trotzdem nicht nehmen lassen würde, mindestens einen Song lang klarzustellen, wer hier verdammtnochmal der Beste am Mic ist, war absehbar. Und mit „Jambalaya“ inklusive Kinderchor und Brass-Band macht er es eben so, wie es nur der Bielefeld-Berliner aus Atlanta kann: riesig.
16
„La Rue Morgue“ (2013)
Gerade weil „La Rue Morgue“ einer der untypischsten Casper-Songs ist, muss diese oft überhörte Nummer aus dem letzten „Hinterland“-Drittel mit ihrem schrägen Charme zwischen Tom Waits' morbider Schnapsstimme und Nick Caves „Murder Ballads“ ganz dringend in diese Liste.
17
Gloomy Boyz „Keiner“ (2015)
Ein gewisser Lil Creep und seine Jungs machen Anti-Fuckboy-Musik und, nein, nein, nein, keiner kommt an sie ran. Keine Ahnung, was das mit Casper zu tun hat, aber schon wahnsinnig gut.
18
„Lang lebe der Tod“ ft. Blixa Bargeld, Dagobert & Sizarr (2016)
Nachdem das neue Album im vergangenen Jahr dann doch nur angetäuscht und wieder zurückgezogen wurde, blieb dieser Klotz von Song. Zwischen Rockoper, Industrial-Schlager und genialem Allstar-Größenwahn ist „Lang lebe der Tod“ eines der ganz großen uneingelösten Versprechen der jüngeren deutschen Popkultur. Wir warten geduldig.
19
Ahzumjot ft. Casper „Limbo“ (2017)
Das ist jetzt vielleicht doof, aber, hey, Casper: das Rap-Album kriegen wir eines Tages trotzdem noch, ja? Bis dahin sind wir aber ziemlich glücklich mit sporadischen, explosionsartigen Parts wie diesem hier auf „Limbo“.