Rap 💯
Die vielleicht schillerndste Gestalt beim Red Bull Soundclash 2019 ist der Westwiener, dessen Schaffen schon weit über ein Jahrzehnt und je nach Zählweise deutlich über zehn Alben umfasst – unter verschiedenen Namen, mal mehr, mal weniger offiziell und vor allem mit den unterschiedlichsten Partnern. Nur sollte man RAF Camora nicht auf seinen jüngsten und mit Abstand größten Coup reduzieren: „Palmen aus Plastik“, 2016 gemeinsam mit Bonez MC veröffentlicht, hat – Stand heute – 111 Wochen in den Charts verbracht und nicht nur Deutschrap, sondern Popmusik ganz allgemein verändert mit seinem Mix aus Dancehall, Afro-Trap und Street-Rap-Wurzeln.
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Wir verzichten hier darauf, euch all die Riesenvideos und Top-Ten-Singles von „Ohne mein Team“ bis „500 PS“ in Erinnerung zu rufen, als wären sie jemals weg gewesen, und blicken stattdessen in andere Ecken von RAFs Diskografie, die mindestens ebenso wichtig und hörenswert sind. Hier sind unsere 11 Favoriten!
Frag mich nicht
„Ich hab keinen Plan – außer einem Haus am Strand und Geld.“ Ob der junge RAF im Jahr 2008 für möglich gehalten hätte, wie seine Welt ein gutes Jahrzehnt später aussieht und klingt? Wir können es nur vermuten. Und ob das „Date mit Jessy Alba“, das er hier ebenfalls als Plan anmeldet, schon insgeheim stattgefunden hat, auch darüber verbietet sich jede Spekulation. Stolz darf der junge RAF auf sein heutiges Ich allemal sein.
RAF 3.0 – In meiner Zone
Schon 2012 war RAF in seiner „Zone“, als er seinen digitalen Neo-Dancehall und freimütigen Autotune-Einsatz als RAF 3.0 propagierte – treibend, eigensinnig und vielschichtig.
Perfekt
Wenn es eine textliche Tradition bei RAF gibt, dann ist es das Hinterfragen, das Zweifeln und die ewige Skepsis, die er der Welt und sich selbst entgegenbringt. Schon hier, 2012, glaubt er dem schönen Schein nicht, zweifelt an Komfort, frühem Erfolg und dem Alles-Gut. Ein Thema, das hier schon weitgehend ausformuliert war und den Wiener bis heute begleitet.
In meiner Zone 2.0
Die Fortsetzung des vorletzten Songs, „In meiner Zone 2.0“, geht dann ebenso wenig den einfachen Weg, bloß die Erfolge zu zelebrieren und den Dicken zu markieren. Dazu wird RAF wohl immer eine zu komplexe Künstlerpersönlichkeit bleiben, die nicht immer nur die Sonnenseite sehen will. Denkst du etwa, die Augenringe kommen von zu viel Spaß? RAF bleibt ein Wanderer gegen den Strom, reflektiert und schwermütig.
Primo
Aber klar, es war zu erwarten: Der Gegenentwurf liegt bereit, und wie RAF 2017 mit „Primo“ den noch frischen, überwältigenden Erfolg von „Palmen aus Plastik“ nachzeichnet und das Gefühl, plötzlich Popkultur verändert zu haben, in Musik fasst, ist mindestens ebenso beeindruckend wie der Erfolg selbst. Wenn man alle im Rücken hat, bei denen's läuft, fällt die Standortbestimmung leicht.
Ghost
Vor lauter „Palmen aus Plastik“-Hype gerät schnell in Vergessenheit, dass RAF im selben Jahr wie den ersten Teil der Bonez-Kollabo auch ein Highlight seiner Solo-Karriere veröffentlichte. Das Album „Ghost“ brachte alle Fäden zusammen, die RAF in den Jahren zuvor gesponnen hatte. Endlich brauchte er weder vor sich selbst noch vor der Welt eine Rechtfertigung, um Trap und Dancehall, Pathos, Chöre und begnadete Flows zusammenzubringen. „Camora lebt!“, rief er laut. Nur wenige Monate bevor dann wieder alles neu wurde.
Gotham City
„Über den Dächern wie Batman“ fliegt RAF Camora Ende 2017 mit all dem Wahnsinn von „Palmen aus Plastik“ im Rücken – und gibt mit „Gotham City“ einen hypernervösen Einblick in den Block-Lifestyle mit dem Mob, mit gefährlichen Hunden, schnellen Autos, qualmenden Reifen und sortierten Substanzen. Wo andere das Burnout-Syndrom fürchten, gibt RAF erst richtig Vollgas.
Raben
Ein Lieblingsthema wäre da noch: der Rabe. Der mystische, schlaue Vogel hat es RAF schon lange angetan und fungiert oft als Wappentier in seinem Kosmos. Dafür steht hier der Opener der Bonus-EP „Schwarze Materie II“ (2017): „Ich komm' solo, geh' solo, sterb' solo – Amen, Amen/Um mich herum seh' ich nix, nur die Raben, Raben.“
RAF 3.0 – Dumm & Glücklich
Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht – und war es auch 2012 nicht. Einer der stärksten Songs von RAFs wankelmütigem Alter Ego RAF 3.0, mit dem er sich selbst damals den Weg in die Welt des Dancehall eröffnet hat.
Nazar & RAF Camora – Killabizz
Was für ein Tag-Team RAF und sein Wiener Compadre Nazar zur Zeit ihres gemeinsamen Albums waren, ist schwer zu erklären. Der überdrehte Graphic-Novel-Stil und das aggressive Punchline-Gewitter von „Killabizzz“ (2010) fassen aber doch recht gut zusammen, wie viel Energie, Herzblut und angestauter Frust in „Artkore“ steckten.
RAF 3.0 – Letzter Song
Auf Wiederschaun und servus, baba, RAF. Wir sehen uns am 10. Dezember.