Wenn es um Musik aus Australien geht, tendiert man in der Welt gemeinhin zu einer recht mickrigen Playlist. Der Kontinent verfügt über ein reiches musikalisches Erbe, trotzdem läuft das zugegebenermaßen sehr gute „Riptide“ von Vance Joy (einem der Künstler beim Splendour In The Grass) auf Repeat. Bevor das Festival an diesem Wochenende beginnt, stellen wir deshalb sechs unterschätzte Songs aus Oz vor, die ihr kennenlernen (oder wiederentdecken) solltet.
„You’re my only friend, you don’t even like me.“ Mit dieser Deklaration jugendlicher Entfremdung und einem Riff, das an „She Sells Sanctuary“ von The Cult erinnert – nur roher und bohrender – riefen GOD 1987 den Grunge aus, noch bevor Amerika ihn erfunden hatte. Geschrieben wurde der Song vor Schulbeginn, aufgenommen offenbar hinter dem Fahrradunterstand. Die vier 15- und 16-Jährigen aus Melbourne, die für das Werk verantwortlich sind, benötigten für die Aufnahme lediglich die Zeit, die es braucht, um den Stummel einer geklauten Zigarette zu rauchen. Der Song war zudem ein Coup für Au Go Go Records – ein Independent-Label aus Melbourne, dessen Veröffentlichungen aus den 80ern unter Punk- und New-Wave-Liebhabern als Sammlerstücke gelten, und das später u. a. mit Sonic Youth gearbeitet hat.
Mit seinem durchdringenden Gesang und dem überdrehten Geklatsche entfesselte Gerry Humphries bei australischen Vorort-Teenagern in den 60er-Jahren tief verborgene Leidenschaften, die im Anschluss Generationen von Alternative-Rock-Helden beeinflussen sollten. „The Loved One“, dieser merkwürdige Two-Beat-Garage-Antiwalzer, war so gut, dass INXS den Song gleich zweimal gecovert haben, u. a. auf ihrem mehrfach mit Platin ausgezeichneten Album „Kick“. Den Song habt ihr also wahrscheinlich schon mal gehört. Aber vermutlich nicht so.
Ein leidenschaftliches, frühes Versprechen von einem der größten Exportschlager Australiens. Bevor sie sich 1979 in The Birthday Party umbenannte, nahm die erste Band von Nick Cave „Door, Door“ auf – ein Album voller überraschend poppiger, jugendlicher Post-Punk-Songs. Auf dem besten Track hört man bereits, dass Cave eine große Karriere vor sich hat – etwa, wenn er über ein knackiges, an Televisions „Marquee Moon“ erinnerndes Riff die Worte „I’ll set my mouth on fire/and kiss you till you blister“ singt. „After A Fashion“ enthält zudem die wunderbare Zeile: „Watch the thin boy in dark clothes/falling over pianos”: eine Vorahnung seiner Balladen-und-Heroin-Phase?
So gut wie jeder kennt „I Touch Myself“, den Pop-Hit aus dem Jahr 1990, mit dem Chrissy Amphlett sowohl ihrer australischen Rockband als auch dem Gebiet der weiblichen Masturbation zum internationalen Durchbruch verhalf. Die im letzten Jahr verstorbene Amphlett verband Schönheit mit Unerschrockenheit und eine sinnliche Stimme mit subversiven Outfits. Sie hätte die australische Debbie Harry oder sogar Madonna werden können, aber leider erstreckte sich die Aufmerksamkeit nicht auf ihre Alben aus den 80er-Jahren. Und so sind Songs wie „Science Fiction“ – die einprägsame Lead-Single aus dem Debütalbum „Desperate“ – bis heute Geheimtipps.
Wer auf ambitionierte Indie-Musik steht, die von Bluegrass, Music Hall und epischen Balladen beeinflusst ist, braucht den Blick nur nach Australien zu richten. Bei Augie March handelt es sich um eine intellektuelle Nadel, die im Heuhaufen des verschwitzten Pub-Rocks verloren gegangen ist und in den USA erst 2004 Kultstatus erreichte. Dank des legendären New Yorker Labels spinART wurde „Strange Bird“, ihr Album aus dem Jahr 2002, wiederentdeckt und neu veröffentlicht. Der überbordende Ausreißer-Song „This Train Will Be Taking No Passengers“ stammt von diesem Album und ist ein Live-Favorit, der erneut im Radio laufen dürfte, wenn die Band in wenigen Monaten nach über einem halben Jahrzehnt Pause ein neues Album veröffentlicht.
Zu den meistgeliebten Exportbands von Au Go Go Records zählten die schrammeligen, düster-dynamischen Post-Punks von The Moodists. Die Bandmitglieder waren im selben Alter wie The Go Betweens und Nick Cave, mit denen sie sich in London zeitweise besetzte Häuser geteilt haben. Gitarrist Mick Turner gründete später das Instrumental-Trio Dirty Three, während Frontmann Davey Graham Wunder vollbracht hat, was die Rock’n’Roll-Reputation von dünnen Schnurrbärten und Panama-Hüten betrifft. Sucht euch euren Favoriten aus. Das hier ist ihre zweite Single aus dem Jahr 1982.
Auf der Bühne der Red Bull Music Academy beim Splendour In The Grass spielen u. a. Nicolas Jaar, Africa Hitech und Peanut Butter Wolf. Weitere Infos gibt es hier.
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