Tanz
Dance-Kollektiv Calypso Army: Move as one
Gestatten, Deutschlands mitreißendstes Dance-Kollektiv: In der Calypso Army bereiten sich junge Frauen auf die großen Bühnen vor – und stehen füreinander ein.
Wenn Andy Calypso über ihre Tänzerinnen spricht, klingt das so, als würde sie die Charaktereigenschaften ihrer Schwestern und besten Freundinnen beschreiben. Da ist Lara, die Energiebombe, da ist Mary, die Zugewandte, da sind Alicja, die Aufmerksame, und Emilia, die Stylische … Die Hamburger Choreographin und Tänzerin scheint das Wesen jeder Einzelnen von ihnen zu erkennen: Jede Tänzerin hat in der Calypso Army ihre eigene Rolle – wie in einer Familie.
Die Calypso Army ist eine Hip-Hop-Dance-Crew aus Hamburg, deren Mitglieder auch in anderen Streetdance-Stilen oder im Contemporary heimisch sind. Kürzlich tanzte „die Army“, wie sie sich selbst nennt, im Rahmen des 837. Hamburger Hafengeburtstags auf einer schwimmenden Bühne – vor 180.000 Menschen. Bei Streetdance-Formaten wie Red Bull Dance Your Style ist die Army Stammgast – oft moderiert von Andy Calypso.
Wenn man die Mädels zusammen tanzen sieht, fällt auf, wie synchron und dabei trotzdem individuell die Choreographie wirkt. Jede Tänzerin vollführt exakt die gleiche Bewegung, und doch ist das Ergebnis mehr als eine Aneinanderreihung roboterhafter Moves – jede Tänzerin hat einen eigenen Ausdruck. Aus vielen verschiedenen persönlichen Stilen entsteht etwas größeres Ganzes: die Calypso Army eben.
Zeigen, was in dir steckt
Das liegt am Talent, an der Musik und am sozialen Kitt. „Ich will nicht nur vor vielen Menschen performen“, sagt Andy Calypso, „wichtig ist, dass wir gemeinsam eine Community erschaffen, die bleibt.“ Mit bürgerlichem Namen heißt sie Andrea Dorawa. Ihre Eltern stammen aus Polen. Die Sommerferien verbrachte sie immer in einem Dorf an der Ostseeküste. „Dort standen alle Türen offen. Die Nachbarn haben sich spontan besucht“, erzählt sie über die Herzlichkeit des Landlebens. „So soll das auch in der Army sein. Meine Mutter sagt immer, wenn man es schafft, seine Mitmenschen zu stärken, hat man der ganzen Welt geholfen.“
Dieser Community-Spirit ist für Andy Calypso ein essenzieller Teil von Hip-Hop. Um das zu begreifen, musste sie nach Paris reisen. Dort sah sie, wie neben einem riesigen Hauptevent im Publikum spontan diverse Freestyle-Kreise, genannt Cyphers, stattfanden. Ein Rentner, der House tanzte, Kids, die ihre ersten Breakdance Moves machten. Ein Typ, der ihr im McDonald’s erklärte, wie man sich die – damals sehr angesagten – Bonebreaking-Moves antrainiert. Da habe sie die Freestyle-Kultur erst begriffen. „Es geht darum, die Energie auszudrücken, die gerade in dir steckt“, sagt Calypso, „sie mit anderen zu teilen.“
Wer zieht durch?
Der Calypso Army eilt in der Szene ein Ruf voraus. „Ich hab zur Army aufgeschaut“, sagt Mary, 21 Jahre alt und seit 2024 dabei. Sie trainierte bei Andy im Basic-Kurs an der Hamburger HipHop Academy. „Es wird darauf geachtet, wer durchzieht und wer nicht.“ Wer zu spät kommt, muss sofort zehn Burpees machen. Mary zog durch – und bekam die begehrte „Wild Card“, eine Einladung zum Training mit der Army. Zurzeit zählt die Calypso Army 20 aktive Tänzerinnen. Weitere 30 stehen im Hintergrund. Bei der Auswahl ihrer Tänzerinnen achtet Calypso vor allem auf starke Persönlichkeiten. Sie mag die Verrückten, die Nerds. Körper-Shapes, sagt sie, spielen bei der Auswahl keine Rolle.
So kommt es, dass in der Army regelrechte Verwandlungen stattfinden. Calypso beobachtet oft, wie Mädchen, die sehr unsicher waren, die in der Schule gemobbt wurden, plötzlich selbstbewusster werden. Wie sie den Mainstream hinter sich lassen und den eigenen Style finden. Wie sie anders zu sprechen beginnen, klarer, lauter, spannender. Calypso sagt: „Wie ihr den Raum auf der Bühne einnehmt, müsst ihr es auch im Leben machen. Nehmt euch euren Raum!“
Each one teach one
Eine wichtige Übung in der Army heißt „Each one teach one“. Dabei bringen unterschiedliche Tänzerinnen sich gegenseitig etwas bei. Gern packt Calypso Jung und Alt zusammen. Die Altersspanne in der Army reicht von 14 bis 30 Jahren. „Was lernen wir von den Kids? Dass man Dinge nicht verkomplizieren muss. Eine Pflanze tanzen? Kein Problem! Die Älteren bringen eher ihre Struktur und Erfahrung mit“, sagt Calypso, die als Tänzerin mit Stars wie Peter Fox auf Tour war und bei Mark Forster im Musikvideo performte. Eine ihrer Schülerinnen tritt in ihre Fußstapfen und wird mit einem Superstar auf der Bühne stehen – mit wem, ist aber noch geheim.
Ungeschminkt und mit offenen Haaren wirkt Andy Calypso ganz weich. Doch wenn sie ihr Haar zu ihrer Signature-Frisur aufdreht – zwei Schnecken rechts und links –, wissen alle: Jetzt ist Showtime! Beim Fotoshooting scheinen ihre Army-Tänzerinnen zu einem einzigen wabernden Tanzkörper zu verschmelzen. Kaum zu glauben, dass sie „nur“ vier Stunden pro Woche gemeinsam trainieren. Aber natürlich tanzt jede Einzelne von ihnen viele Stunden pro Woche – und es gibt auch soziale Events und Rituale, die für Harmonie sorgen. Jedes Jahr vor Weihnachten treffen sich alle, die sich der Army zugehörig fühlen, zum Fratz Day. Dabei bringt jede etwas zu essen aus ihrer Kultur mit. Und dann wird geredet und geteilt, gegessen und natürlich auch getanzt. Es kommen auch Tänzerinnen, die längst weitergezogen sind. „Meine Tür steht immer offen“, betont Calypso noch einmal. Eben wie in einer richtigen Familie.